Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 24 (16.6.1933)
- Date
- 1933-06-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DHE WAHRHEIT Seite 5 I HOTEL m ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang Sir John Simon in jener denkwürdigen Unterhausdebatte erklärt habe, „Rassentoleranz sei ein liberaler Grundsatz", so habe anderseits B a 1 d w i n auf einer Versammlung der Primrose League betont, „die konservative Partei habe sich stetsan dieTradition Disraelis gehalten", jenes Disraeli, von dem Major Walter E11 i o t in derselben Versammlung gesagt habe, „er sei niemals zurückgewichen und habe niemals geglaubt, sich verteidigen zu müssen wegen seines Namens oder seiner Abstammung". Die Kenntnis von den Vorgängen in Deutschland habe, um nochmals mit den Worten des Außenministers zu reden, „ein tiefes, allgemeines, man möchte sagen ein universelles Empfinden gegenüber der Behandlung der Juden und anderer Minderheiten" erzeugt Die britische Regierung habe keine Gelegenheit versäumt, die maßgebenden Kreise in Deutschland davon in Kenntnis zu setzen, daß eine solche Stimmung in England bestehe, und man könne annehmen, daß sie dies wieder tun werde, sobald eine Gelegenheit hiezu sich ergebe. Chief Rabbi Dr. J. H. Hertz sprach dem Präsidenten der Anglo-Jewish Association das Vertrauen aus und würdigte seine Bemühungen um Verbesserung der Lage der deutschen Juden. Was in Deutschland geschehe, sei gleichbedeutend mit einem Widerruf der Emanzipation der deutschen Judenheit, ja sogar mit der Rücknahme von Rechten, deren sich die Juden schon in der Zeit vor der Emanzipation erfreuten. Man habe den Juden Rechte verweigert, die ihnen noch von keiner zivilisierten Nation vorenthalten worden seien. Das Verbot der Schechita und des Imports von Koschertleisch aus dem Ausland sei mit der Absicht erfolgt, den Juden Leid zuzufügen. Zu der Zurücksetzung auf geistigem Gebiet trete der wirtschaftliche Zusammenbruch. Noch vor wenigen Monaten sei die deutsche Judenheit unter allen jüdischen Gemeinschaften der Welt auf dem höchsten wirtschaftlichen Niveau gestanden, heute seien große Geschäftsunternehmungen aus ehemals jüdischem in nichtjüdischen Besitz übergegangen und alle jüdischen Angestellten seien entlassen worden. Die englische Judenheit könne sich nicht mit Anklagen begnügen. Einmütig sei ihr Wille, tatkräftig für ihre jüdischen Brüder einzutreten. Sie empfinde es als ihre Pflicht, die Führer der Anglo-Jewish Association und des Board of Jewish Deputies in ihren Aufgaben zu unterstützen. Demonstrative Kundgebungen kämen, wie ein Führer der amerikanischen Judenheit jüngst gesagt habe, angesichts des Unglücks, das 600.000 Juden betroffen habe, erst in zehnter Reihe in Fraget Alle müßten sich zu dem notwendigen großen Rettungswerk vereinigen. Es geht auch anders! Von Styriacus. Wie wir im vergangenen Jahre in einem ausführlichen Berichte mitgeteilt haben, starb hier in Graz der „Grazer Stadtpoet" Wilhelm Fischer, der ein Sohn frommer jüdischer Eltern gewesen, die am israelitischen Friedhof zu Graz beerdigt liegen. Es entbehrt, wie wir bereits damals berichtet haben, nicht einer gewissen Pikanterie, daß just ein Jude, den übrigens auch Bartels, der es ja genau wissen muß, in seiner Literaturgeschichte seines tiefen deutschen Wesens wegen nicht genug rühmen kann, zum Poeten der deutschesten Stadt erhoben worden ist. Wir wollen hier kein Werturteil abgeben, aber wir selber glauben, daß noch nie ein Poet in so liebevoller und anmutiger Weise Graz und seine Umgebung wie Fischer geschildert hat und daß die Stadt sich nur selber geehrt hat, wenn sie diesem feinfühligen Bewunderer der Natur den Ehrentitel eines „Stadtpoten" zuerkannt hat. Nun wurde am vergangenen Samstag an einem der schönsten Plätze des Stadtparks, auf den wir Grazer nicht wenig stolz sind, zur dauernden Erinnerung an Fischer eine Linde gepflanzt und vor derselben ein Gedenkstein in einer schönen Feier enthüllt. Der schlichte Stein trägt die Inschrift: „Dem Grazer Stadtpoeten Wilhelm Fischer 1846—1932". Zahlreiche Freunde und Verehrer des Dichters wohnten der Feier bei. Unter anderen hatten sich eingefunden: Landeshauptmannstellvertreter Prof. Pichler, Bürgermeister- Stellvertreter Schmid, Stadtrat Schubert, in Vertretung des Rektors der Universität Prof. Dr. Zwierzina. der Prodekan der philosophischen Fakultät Prof. Dr. Heinrich Felix Schmid, der Leiter der Landesbibliothek Dr. Norbert Stücker, Landesbibliothekar Dr. Pock, Dozent Dr. Schauenstein in Vertretung der Steiermärkischen Aerztekammer, der Leiter der Amtlichen Nachrichtenstelle Chefredakteur Pöschl und Maler Leo Diet Ferner hatte sich eine starke Abordnung der akademischen Burschenschait „Stiria" eingefunden. Im Namen des Steirischen Schriftstellerbundes hielt Herr Dr. Fred Fritsch die Gedenkrede, wobei er die dichterische Bedeutung des Stadtpoeten warm würdigte. Er sagte da u. a.: Wir feiern die Naturverbundenheit •eines Jasagers und Idealisten, indem wir ihn durch die Heldengedenkfeier des „Bundes Jüdischer Frontsoldaten Österreidis" Im Anschlüsse an die kürzlich stattgefundenen Regimentsfeiern und Heldenehrungen veranstaltet der „Bund Jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs" eine Heldengedenkfeier für seine gefallenen Kameraden. Jüdische Soldaten haben auf allen Schlachtfeldern des Weltkrieges und bei allen Truppenabteilungen gekämpft und viele sind in der Ausübung ihrer Pflicht gefallen. Die Feier findet am 18. Juni 1933, um 11 Uhr 30 vormittags, beim Heldendenkmal am Zentralfriedhof, I. Tor, statt. Der „Bund" hat die offiziellen Stellen, die Regierung, Bundesheer, Kameradschaftsverbände und die in Wien wohnenden Generäle und hohen Offiziere der ruhmreichen alten Armee eingeladen, an der Ehrung der gefallenen jüdischen Soldaten teilzunehmen. Das Bunde sheer stellt eine Ehrenkompagnie mit Fahne bei. Ebenso werden alle auswärtigen Ortsgruppen mit starken Deputationen an dieser Feier teilnehmen. Auskünfte und Platzanweisungen im Sekretariat des „Bundes", IL, Aspernbrückengasse 2. Linde ehren, die von altersher vom Dichtermund besungen wurde. Die Linde hat etwas von der stillen, geruhsamen Art des Dichters, bei dem wir immer finden eine tiefe Verbundenheit mit dem Baum als dem Zeichen verborgen schöpferischer Triebkrait der Natur. Dr. Klauser, der für die Burschenschaft „Stiria" sprach, beleuchtete die menschlichen Werte des Poeten und ieierte ihn als wackeren Vorkämpfer für die Einigkeit des deutschen Volkes. Darum gebührt Ehre seinem Andenken. Der Redner legte beim Gedenkstein eine hübschen Kranz nieder. Sodann übernahm Bürgermeisterstellvertreter Schmid mit herzlichen Worten den Stein indieObhutderStadtgem e i n d e. Man sieht also, es geht auch anders und daß all das Gerede von dem zersetzenden, fremden Geiste nichts anderes als eitles Gerede und verantwortungslose Hetze ist, nicht selten aus dem Grund erhoben, um sein eigenes Unvermögen dadurch verbergen zu wollen. Denn läge auch nur eine Spur von Wahrhaftigkeit in dem Geflunker von Rassenreinheit, dann wäre es doch unmöglich, daß die tiefe deutsche Volksverbundenheit und das restlose Erfassen deutscher Gefühlsinnigkeit und Naturbegeisterung des Juden Fischer einmütig anerkannt werden würde. Das Pflanzen der Linde für Fischer könnte vielleicht einmal symbolische Bedeutung für ein einträchtiges Zusammenleben aler Bevölkerungsschichten erlangen. WIEDERERÖFFNUNG! Das älteste und bestbekannte streng orthodox ~W3 Restaurant Eisen in BadGleidienberg, Steiermark, wieder eröffnet. Herrliche, schöne Zimmer in zentraler Lage. Pensionspreis ab S 6.— Eisen und Weiß Also doch Berlin! Hatte man vor der Wiener Tagung des Internationalen Olympischen Comitees es noch als fast ausgeschlossen betrachtet, daß die Austragung der nächsten Olympiade in Berlin durchgeführt wird, wurde man bezüglich der Lösung dieser so schwerwiegenden Frage bitter enttäuscht. Die ganze Welt war sich darüber klar, daß Deutschland in seiner derzeitigen Verfassung nie und nimmer für die Abhaltung einer Olympia in Betracht komme, zumal dieses Land, abgesehen von seiner völkischen Einstellung zum Sport, schon allein durch die Art und Weise, in der man Sportler anderer Konfession und Gesinnung behandelt, jeden Anspruch auf die Durchführung der Olympischen Spiele verwirkt hat. Und dennoch haben die Herren Sportdiplomaten trotz des Einspruches der Kulturwelt dem „Dritten Reich" die Austragung überlassen. Die hohen Herrschaften haben einfach, um in ihrer Ruhe nicht gestört zu werden, die ganz offensichtlich hinterlistige Erklärung der deutschen Delegierten, daß grundsätzlich die deutschen Juden aus der deutschen Mannschaft für die XI. Olympischen Spiele nicht ausgeschlossen würden, zur Kenntnis genommen. Da man aber bekanntlich jemanden, der bereits ausgeschlossen wurde, nicht noch einmal ausschließen kann, erübrigt es sich von selbst, diesen Dreh näher zu beleuchten. Die vornehmen Herren vom I. O C. waren mit dieser Erklärung zufrieden, sie genügte ihnen vollkommen, obwohl gerade zur selben Zeit aus Deutschland die Nachricht kam, daß die besten Fechter des Reiches, Helene Mayer und Herr Casmir, infolge ihrer jüdischen Abstammung nicht zu den Europameisterschaften im Fechten nach Budapest entsendet werden. Vielleicht haben sich aber die Herren vom I. O. C. gedacht, daß bis 1936 noch genügend Zeit ist und sich bis dahin wohl noch Verschiedenes ändern kann. _ Sulfur. Die Sonne bringt es an den Tagt Brief aus Eger. In den Tagen vor dem 1. April schrien die Vasallen Hitlers in alle Welt hinaus: „Die Juden iühren Krieg mitDeutschland." Der Krieg war natürlich ein einseitiger: das „erneuerte Deutschland" ging daran, das Judentum zu vernichten! Die Juden aber haben keine Heere und keine Gewehre, ihre einzige Gegenwehr war: die Empörung! Weil sie dieser Ausdruck gaben, darob große Entrüstung im „Dritten Reich". Der Krieg tritt auch hier in Erscheinung! Tagtäglich kommen nach Eger Flüchtlinge — wie in der „schönen, großen Zeit". Bloß mit dem Unterschied, daß damals der Staat sofort hilfreich eingegriffen, und heute sind die Heimatlosen auf die Unterstützung guter Menschen angewiesen, an der es gewiß nicht mangelt Doch leider kann die Linderung der Not bloß eine vorübergehende sein, denn Arbeit gibt es für die Entwurzelten nicht! Kürzlich besuchte mich ein deutscher Glaubensgenosse und beriet sich mit mir über den Bezug von rituell geschlachteten Rindileisches aus Eger, nachdem es bekanntlich Koscherfleisch in Deutschland nicht mehr gibt. Leider besteht diesbezüglich keine Möglichkeit, weil die deutschen Behörden die Einfuhr untersagen. Es ist dies ein harter Schlag lür die gesetzestreuen Juden! Eine außerordentliche Ueberraschung bot uns jüngst ein Leitartikel im christlichsozialen „Egerland". betitelt „Der Kampf gegen das Judentum". Der Autor ist dessen gewiß, daß ihm kein Mensch das Fraternisieren oder Sympathisieren mit den Juden zum Vorwurf machen würde, denn dieses Zeitungsorgan (vom P. Magerl schriftstellerisch gestützt) hatte niemals Juden und Judentum das Wort gesprochen. Dennoch beginnt der Artikel mit den Worten: „Zum ersten ist es ein Minderwertigkeitskomplex, wenn man für alles und jedes den Juden verantwortlich macht und nun — weil es große Mode ist — ihn als Prügelknaben benützt, wo jedoch in den eigenen Reihen genug des Prügeins werte Leute schmarotzen." Der Autor beleuchtet das „Heldenwerk" gegen die „Asphaltdichter", nimmt die deutschen Bücherhändlervereine aufs Korn und führt aus: „Vor zwei Jahren noch pries man den Herrn Remarque und schickte seine Bücher ins Haus. Warum? Weil Ullstein 45 Prozent gab. Jetzt können sie ihre Auslagsfenster nicht genug mit Hitlerbüchern austapezieren." Es wird mit dem Aerztebund in Mecklenburg, den die Juden als Inkarnation der Lüge und Gemeinheit hinstellt, tüchtig abgerechnet, und. nachdem unterstrichen wird, was in den Tagen des Umsturzes Juden und jüdische Presse für die Rechte des Deutschtums geschaffen und geleistet, klingt der Aufsatz mit den Worten aus: „Unser sudetendeutsches Volk kann es sich nicht leisten, zu den ziellosen Hirnrissigkeiten seiner Politik noch die Dummheit eines Antisemitismus zu propagieren, der sich doch nur in Phrasen erschöpft, aber auf der andern Seite erbittert und dem deutschen Volke nur Schaden bringen kann!"... Ein reichsdeutscher Jude erzählte mir folgendes: „Mein Töchterlein besucht die Bürgerschule. Trotz der Verordnung, daß die jüdischen Schulkinder auf die .Schandbank' gesetzt werden sollen, isoliert von den .Edelrassigen', bevorzugt die Lehrerin mein Kind. Vor einigen Tagen erhielten die Schülerinnen das Gedicht .Die Sonne bringt es an den Tag' von Chamisso zum Auswendiglernen. In jenem Gedichte wird bekanntlich die Ermordung eines Juden durch Meister Nikolas behandelt Die Schlußzeilen lauten: Die Raben ziehen krächzend zumal. Nach dem Hochgericht zu halten das Mahl. Wen flechten sie aufs Rad zur Stund? Was hat er getan, wie wurde es kund? Die Sonne bracht' es an den Tag. Als der Unterricht vorüber war. befahl die Lehrerin meiner Tochter zurückzubleiben. Die Mitschülerinnen glaubten natürlich, es handle sich um eine Schulfrage und zogen lachend ab. Die Lehrerin aber wandte sich mit liebevollen Worten an meine Tochter: •Hat dich der Inhalt des Gedichtes gekränkt beleidigt?' Meine Tochter gab zurück: .Durchaus nicht! Erstens ward Meister Nikolas die verdiente Strafe und dann — dürfen Juden nicht allzu zimperlich sein!' — .Gottlob!' sagte mit einem Seufzer der Erleichterung die Jugendbildnerin. .Gottlob, daß du dich nicht gedemütigt fühltest! Armes Kind!'" Meister Nikolas hat bei dem alten und schwachen Juden bloß acht Pfennige gefunden, glaubte aber. Tausende zu erbeuten... Auch wir dürfen den Peinigem des jüdischen Volkes zurufen Die Sonne bringt es an den Tag! Armin W i 1 k o w i t s c h.