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Die Wahrheit · 1933-06-16 · Heft 24 (16.6.1933) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 24 (16.6.1933)
Date
1933-06-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 ■ DIE WAHRHEIT BAD GASTEIN Pension Villa Dr. Wassing an der Kaäser-Wilhelm-Promenade Miet- und Badehaus mit Dependance in landschaftlich reizvoller, ruhiger Lage. 85 Zimmer, fliegendes warmes und kaltes Wasser. Zentralheizung. Fahrstuhl. Telephon im Zimmer. Gesellsduforäume, Garten. Terrasse. Fernsprecher: Nummer 44a. Besitzer: OBERMEDIZINALRAT DR. WASSING Kurreise nach Badgastein 3 Wochen samt Hinfahrt und allen Nebenauslagen (25. Juni bis 16. Juli) von S 350.— aufw. Kombinierte Ferienreise! 2 Wochen in Abbazia, 2 Wochen in Kärnten, Dauer 2. bis 29. Juli. Tagespreis einschließlich Fahrt S 12.— Auskünfte und Anmeldungen WIEN I., STUBENRING 2 VEREIN DER REISENDEN KAUFLEUTE ÖSTERREICHS Kinder- Erholungsheim BALATON a. Plattensee unter erprobter pädagogischer Leitung. Idealer romantischer Aufenthalt für erholungsbedürftige Kinder mit allen Vorteilen des ' * Preis: P. 100.—per Monat Orthod. Heeresstrandes Anmeldungen u. Auskünfte: H. HIrschl, Sopran, Balflutc.13 K. O. Als Herr Hitler dem deutschen Meisterb'oxer Schmeling die Erlaubnis zum Start gegen einen Juden, den Amerikaner Max Baer erteilte, war er ein Opfer seiner Leichtgläubigkeit. Denn er bewies damit, daß er — wahrscheinlich als der einzige Mensch in ganz Deutschland — wirklich all das glaubt, was die nationalsozialistische Rassenwissenschaft täglich in die Gehirne der gleichgeschalteten Volksgenossen hämmert: daß die Juden physisch und moralisch minderwertig sind und bei einem Kräftemessen mit Sprößlingen der germanischen Edelrasse in schmählicher Weise den Kürzeren ziehen müssen. Die diversen Unterläufel des Osaf sind besser beschlagen. Zwar müssen sie sich in den offiziellen Entschuldigungs- und Beschönigungsnoten, mit denen die deutsche Regierung gelegentlich das in seinem Kulturgewissen durch die Barberei des Dritten Reiches mächtig aufgerüttelte Ausland zu beschwichtigen versucht, die Rolle von „untergeordneten Organen" gefallen lassen, deren beschränkter Subalternenintelligenz die hohe Weisheit der Regierenden nur in Form grotesker „Mißverständnisse" offenbar wird, durch die sie die wahren Absichten der deutschen Staatsmänner grob entstellen. In Wirklichkeit sind es aber gerade diese Sündenböcke der diplomarischen Noten, die richtig Bescheid wissen und die zweckmäßigste Taktik zur Erreichung der nationalsozialistischen Ideale verfolgen. Sie wissen, daß das Märchen von der jüdischen Inferiorität nur dann aufrecht zu erhalten ist, wenn man den Juden jede praktische Möglichkeit nimmt, es Lügen zu strafen. Darum lassen sie die literarischen Erzeugnisse des jüdischen Geistes auf Scheiterhaufen verbrennen, darum halten sie die jüdische Jugend von den Bildungsstätten des Geistes sowie von den Sportplätzen, die der körperlichen Ertüchtigung dienen, fern und darum legten sie auch den auf den verschiedensten Gebieten schon erprobten jüdischen Matadoren in jedem Sinne des Wortes das Handwerk. Die letzterwähnte Maßregel verfolgt allerdings nicht bloß ideelle, sondern vor allem auch sehr materialistische Zwecke: Angesehene und dementsprechend einträgliche Positionen, die sich Juden mit schöpferischer Initiative und unermüdlicher Arbeit aufgebaut hatten, fallen mühelos arischen Anwärtern in den Schoß, die sie sich aus eigener Kraft niemals zu schaffen imstande gewesen wären. Macht ihnen doch sogar die Behauptung und Fruktifizierung der leichten Siegesbeute offenbar Schwierigkeit! Denn nur so kann man die immer wieder aus ihren Kreisen lautwerdenden Klagen verstehen, daß die expropriierte jüdische Konkurrenz noch immer nicht ganz ausgeschaltet ist. Nur so erklärt sich die exaltierte Warnung des Arztes Ruppin an die Patienten, daß in den jüdischen Aerzten die Lüge und der Betrug verkörpert sei, nur so die in nationalsozialistienobnc Auswahl billigste PDEI5E E *#= %. TEPPICHE tlüllÄ"" T VOBHÄNOE Y l1 FIÖDELSTOrrC, DECHEN MVR I., BAUERNMARKT 12-14 sehend) Fachvereinen stets aufs neue an die Mitglieder, die doch ohnehin Antisemiten sind, ergehende Mahnung, die Dienste von Juden ja nicht in Anspruch zu nehmen . . . Letzthin wurden sogar deutsche Gerichtsbehörden, in denen doch seit jeher die unentwegtesten Pioniere des Hakenkreuzes tätig sind, verdächtigt, daß sie auch jetzt noch jüdischen Anwälten gewisse Agenden anvertrauen. Es ist dies gewiß ein übertriebener Vorwurf, der indes klar beweist, wie sehr die gesiebten arischen Akademiker sogar die tote jüdische Konkurrenz noch fürchten. Und diese Furcht beleuchtet sehr vielsagend die Aufrichtigkeit der nationalsozialistischen Ueberzeugung von der eigenen germanischen Rassenüberlegenheit über das jüdische „Untermenschentum". Nur Hitler scheint diese Ueberzeugung ehrlich in seinem Busen zu tragen. Sonst hätte er die schwierige, ihm persönlich zur Entscheidung vorgelegte Gewissensfrage, ob der deutsche Meisterboxer gegen einen Juden den amerikanischen Ring betreten dürfe, nicht so leichtfertig bejaht. Er dachte sich wohl, daß Schmeling der Berufenste sei, die höchste deutsche Kulturmission der Gegenwart: Juden knock out zu schlagen, auch jenseits des großen Wassers, bis wohin der zivilisatorische Wirkungskreis der S.-A.-Mannen nicht reicht, zu erfüllen. Man kann sich leicht vorstellen, mit welchem Grimm den Osaf die Enttäuschung, die er erleben mußte, erfüllt. Schmeling hat sich durch seine Niederlage nicht bloß die Weltmeisterschaft im Boxen verscherzt, sondern auch die Achtung der hakenkreuzlerischen „Wehrsportler". Denn selbst der jüngste S.-A.-Rekrut hätte den Ruhm der germanischen Rassenüberlegenheit nicht so leichtfertig aufs Spiel gesetzt. Vor allem hätte er einen Juden, auch wenn es sich nicht um einen gefürchteten Sportsmann gehandelt hätte, um keinen Beziehet undyerlireitet Die Hahriieit! Feuilleton Herdengeist Es gibt in der menschlichen Psyche Urinstinkte, die trotz aller Zivilisation rein und unverfälscht im Menschen schlummern, um, aus irgend einem Anlasse geweckt, plötzlich hervorzubrechen. Ein solcher Urinstinkt ist der Herdengeist. In diesem Instinkte unterscheidet sich der Mensch in nichts vom Tiere. Wenn der Leithammel einer Schafherde, aus irgend einem Grunde erschreckt, plötzlich losrennt, so rennt ihm die ganze Herde, ohne zu wissen warum, ohne zu wissen wohin, blindlings nach, und wenn der Leithammel in einen Abgrund springt, wird ihm die Herde getreulich folgen und unten zerschmettern. Nicht besser macht es der Mensch. Herdengeist und Führerprinzip sind uralte Instinkte der menschlichen Psyche und ich glaube nicht, daß es je gelingen wird, diese Instinkte aus der menschlichen Seele zu eliminieren. Wir pflegen diesen Herdengeist mit dem Worte Massenpsychose zu umschreiben, wohl weil wir uns des Wortes Herde schämen. Aber mögen wir auch geistig hoch über dem Tiere stehen, der Instinkt der Herde schlummert doch in uns, um, einmal geweckt, mit elementarer Gewalt hervorzubrechen, und zwingt uns unwiderstehlich, dem erkorenen Führer blindlings zu folgen. Naturgemäß wird die Jugend von einem solchen Herdengeist am leichtesten erfaßt, wie ja der junge Mensch auf alle natürlichen Triebkräfte leichter reagiert als der ältere, durch das Leben geläuterte Mensch. Auch dem Führerprinzip unterwirft sich der junge, ungeschulte Geist viel rascher und sieht leicht im Führer seine Gottheit, der er sich bedingungslos hingibt. Der ältere, erfahrene, durch das Leben geschulte Mensch wird sich wohl anfangs gegen die ihn bestürmende Massenpsychose wehren, aber das Wachsen der Herde, die Ausbreitung der Psychose hämmern so lange auf sein Hirn, bis auch er sich schließlich in die Herde einreiht Vergebens ist es, dieser vom Herdengeist erfaßten Masse mit Vernunftsgründen entgegenzutreten. Sie ist Vernunftsgründen einfach nicht zugänglich. Daher erleben wir dann das seltsame Schauspiel, daß selbst geistig hochstehende Menschen, von der allgemeinen Psychose erfaßt, Handlungen begehen, deren sie sich noch vor kurzem geschämt hätten, und sich willig einem Führer unterwerfen, der geistig tief unter ihnen steht. Nur ganz starke, in sich gefestigte Charaktere vermögen sich vom Herdengeist freizuhalten und gehen als Einzelgänger ihren eigenen Weg. Fast alle Menschen gehören irgendeiner Herde an, nur kommt uns dies erst zum Bewußtsein, wenn die eine oder die andere Herde besonders hervortritt, je nachdem ihr Führer es versteht, seine Führerstellung geltend zu machen. Die Geschichte erzählt uns viele solcher Massenpsychosen, von denen die Menschen im Laufe des Weltgeschehens erfaßt wurden. Vom grauen Altertum bis in die jüngste Zeit. Massenpsychose war zum Beispiel die Christenverfolgung im alten Rom. Glaubten die Römer etwa wirklich an die Schuld der Christen am Brande Roms oder an die sonstigen Greuelmärchen, die über sie im Umlauf waren? Wohl kaum! Und doch wurden die Christen blutig verfolgt und Tausende starben unter gräßlichen Martern. Dies geschah aber wohl nicht aus bewußter Grausamkeit, aus bloßer Lust am Morde, sondern einfach infolge Massenpsychose. Es war der Herdengeist, der die Menge erfaßt hatte, daß sie in Taumel geriet und brüllend den Tod der Christen forderte. Oder die Hexenprozesse und Hexenverbrennungen des Mittelalters. Vergebens kämpften die größten Geister der damaligen Zeit gegen den Hexenglauben an. Vergebens waren die Verbote einiger Konsilien und einiger Stadt- und Staatshäupter zu Beginn dieser Geistesseuche. Der Herdengeist, die Massenpsychose waren stärker als alle Vernunftsgründe und bald flammten Hunderte von Scheiterhaufen in allen Ländern der alten Welt, Tausende von Unschuldigen verbluteten unter den Händen der Henker und ihrer Knechte, hochgelahrte Richter standen dabei und schwabbelten den größten Unsinn in ihre Protokolle. Lesen wir heute die Protokolle jener Hexenprozesse, so faßt uns das Grausen über die phänomenale Dummheit dieser Tage und wir versichern stolz, daß solche Dinge in unserer aufgeklärten Zeit nicht mehr möglich wären. Weit gefehlt! Urinstinkte sterben nicht. Sie schlummern höchstens, um plötzlich mit elementarer Gewalt auszubrechen. Eben in unserer Zeit erleben wir ein Schauspiel plötzlich erwachten Herdengeistes. Fast ganz Deutschland steht heute unter dem Zwange einer Massenpsychose, deren brutale Macht sich gegen das Judentum richtet, und der Herdengeist feiert wilde Triumphe über schuldlose Menschen. Welch sinnlose Anschuldigungen brütet doch diese Massenpsychose gegen das Judentum aus! In rüdester Weise wird die Existenz von 600.000 Menschen zerstört, nur aus dem Grunde, weil sie Juden sind. Wertvolle Werke geistigen Schaffens werden verbrannt, weil Juden sie geschaffen haben. Geistesheroen von Weltruf müssen ihre Tätigkeit in Deutschland einstellen, weil sie Juden sind. Zahllos sind die Opfer, die der wilde Taumel verschlingt. Und nicht nur die unwissende Masse des Volkes ist von dieser Geistespest erfaßt, nein, wie im Mittelalter sind auch heute die hochgelahrten Herren die Geburtshelfer des Hasses. Und wie im Mittelalter Universitäten Fakultätsgutachten über Hexenart und Hexenbrauch abgaben und damit Denkmäler der Dummheit schufen, so disputieren heute Professoren in Wort und Schrift über den schädlichen Einfluß jüdischen Geistes auf das deutsche Volk und schaffen ihrerseits Denkmäler, deren sich ihre Nachkommen schämen werden. Herdengeist! Er wird wieder abflauen, einschlafen und schlummern bis — zum nächsten Erwachen. Richard Werner.

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