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Die Wahrheit · 1933-06-16 · Heft 24 (16.6.1933) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 24 (16.6.1933)
Date
1933-06-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis cfieser Nummer 40 Groschen Se tDahrncif Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 49. Jahrgang Wien, 16. Juni 1933 Nummer 24 Mordbuben. Es gibt keine andere Bezeichnung für die Elemente, die zu Beginn dieser Woche ganz Oesterreich in panikartige Unruhe versetzt haben. Die gesamte Presse von links bis nach rechts (selbstverständlich mit Ausnahme der hakenkreuzlerischen Sudelblätter) hat nur diese Bezeichnung gefunden, weil sie wußte, daß alle ihre Leser kein anderes Wort für diese Schandbuben gutheißen würden. Aber auch von prominenten Ministern unseres Staates ist in Versammlungsreden und Presseerklärungen immer nur die gleiche Bezeichnung gewählt worden, weil auch sie der Ueberzeugung waren, daß jede andere Stigmatisierung von der breitesten Oeffentlichkeit übel vermerkt worden wäre. Um wieviel berechtigter können und müssen wir Juden die nationalsozialistischen Banditen feige Mordbuben nennen, da ihrem mörderischen Wüten ein unschuldiger Jude zum Opfer gefallen ist, ein Mensch, der sich nie um Politik gekümmert hat und der nur zum Zielpunkt der ihn zerfetzenden Bombe gewählt wurde — weil er Jude war. Norbert Futterweit ist der erste österreichische Jude, der auf dem Schlachtfeld geblieben ist, in das die tollwütigen Nazis unser Vaterland verwandeln wollen. Er, der den Weltkrieg von Anbeginn mitmachte und heil heimkehrte, mußte auf dem Schlachtfelde des Bruderkrieges erliegen, den diese Mordbuben mit deutscher Hilfe hier entfachen wollen. Die österreichische Judenschaft trauert mit der leidgetroffenen Familie um einen der Ihrigen, der als Tribut gefordert wurde von entmenschten Bestien; aber sie verlangt in dieser Stunde der Empörung und Erbitterung, daß dieser Tribut nicht vergeblich dargebracht wurde. Es liegt System in dem, was die österreichischen Nationalsozialisten zu Beginn dieser Woche verbrochen haben. Die deutsche Grenzsperre hat, wie sie bald erkennen mußten, nicht die von ihnen gewünschte Wirkung erzielt, die Regierung Dollfuß wurde nicht, wie sie es wollten, in die Knie gezwungen, die heißersehnte schwarzbraune Koalition kam nicht zustande. Auch ihre Absicht, durch diese Maßnahme den österreichischen Fremdenverkehr zu schädigen, und damit Oesterreichs Wirtschaft in einem ihrer wichtigsten Lebensnerven zu treffen, mußte zuschanden werden, weil die vereinigten großzügigen Anstrengungen aller Gutgesinnten in diesem Staate erfolgversprechend schienen, ja man sogar mit einem Fremdenzustrom rechnen konnte, dessengleichen Oesterreich seit vielen Jahren nicht gesehen hat. Die Methode, durch einen empörenden Druck Oesterreich klein zu kriegen, war also aussichtslos und deshalb wandte man ein anderes, viel brutaleres System an. Die Herren brauchten nicht lange nachzudenken, um ein solches System ausfindig zu machen. Wer erinnert sich nicht mit Schrecken der Bombenattentate, die kurz vor Hitlers Regierungsantritt in allen Teilen Deutschlands auf der Tagesordnung waren und sich ebenso gegen jüdische Kaufhäuser, wie gegen staatliche Gebäude verheerend richteten. Hier hatten die Mordbuben das leuchtende Beispiel — im blutigsten Sinne des Wortes —, aus dieser Schule konnten und wollten sie gerne lernen. Denn, so kalkulierten sie, was Hitler in Deutschland gelungen, muß auch hier möglich sein, nämlich durch Gewaltakte Regierung und Bevölkerung in Panik zu versetzen und eine Stimmung zu erzeugen, die als einzigen Ausweg aus dem Blutbade die Heranziehung der Nationalsozialisten zur Macht im Staate ansieht, wie dies eben ihrem Lehrmeister Hitler geglückt ist. Das war und ist vielleicht noch das Konzept und bangen Herzens fragt sich die österreichische Bevölkerung, soweit sie nicht dem Irrsinn des Nationalbolschewismus verfallen ist, ob dieses Konzept sich als richtig erweisen wird. Gerade an dieser Stelle wurde heute vor acht Tagen entschieden davor gewarnt, die selbst von höchster Stelle geäußerte Ansicht, daß in Oesterreich die Nazigefahr überwunden ist, restlos zu akzeptieren. Wir konnten wohl nicht ahnen, wessen diese Herrschaften noch fähig waren, allein schon damals gaben wir der Meinung Ausdruck, daß, soll diese Gefahr wirklich überwunden werden, ihnen gegenüber Methoden angewendet werden müssen, die an Schärfe nichts zu wünschen übrig lassen. Das allgemein erwartete und auch in Regierungsblättern angekündigte Verbot der nationalsozialistischen Partei, ihrer Presse und Formationen wurde vor der Abreise unseres Bundeskanzlers nach London zur allgemeinen Ueberraschung nicht durchgeführt. Die Abwesenheit unseres Regierungschefs erklärt die Unterlassung dieser Maßnahme nicht vollständig. Die Hakenkreuzler, die, seitdem das Verbot ihrer Partei zum ersten Male angekündigt wurde, schon eine — natürlich nur verhältnismäßig — ruhigere Sprache in ihren Zeitungen gesprochen hatten, atmeten sichtlich erleichtert auf und begannen ihre Hetze gegen Regierung und die staatstreue Bevölkerung aufs neue. Die verschiedenen Maßnahmen, die zur Säuberung des Heeres von nationalsozialistischen Elementen unternommen wurden, die Verfügungen gegen die Nazi-Presse und die entschiedene Haltung gegenüber den störrischen Universitätsprofessoren und ihrem studentischen Anhang allein genügten nicht, um den österreichischen Hitler-Vasallen zu zeigen, daß die Regierung ernstlich mit ihnen aufräumen wolle. Sie deuteten die Zurückhaltung der Regierung als Schwäche und schritten, da die deutsche Grenzsperre, wie gesagt, nicht den gewünschten Erfolg gezeitigt hatte, zur Ausführung ihres Gewaltplanes, der nach den bisherigen Feststellungen der Polizei bis ins Detail ausgearbeitet war. Es liegt, wir wiederholen es, System in dem, was sie taten. Zunächst ein Attentat auf einen der prominentesten Führer jener militärischen Formation, die hinter der österreichischen Regierung steht. Die Krawalle und Demonstrationen, bei denen vor allem Studenten mittaten, sollten beweisen, daß die Bevölkerung, insbesondere die angeblich geistig hochstehende, eine Aenderung der Regierungspolitik will. Durch ein gütiges Geschick blieb das Haus einer der bedeutendsten österreichischen wirtschaftlichen Korporationen von einem Unglück verschont, das angesichts der großen Menschenmenge, die dieses Gebäude bevölkert, geradezu katastrophal gewesen wäre, denn, wäre die im Cafe Produktenbörse gefundene Höllenmaschine zur Explosion gekommen, dann wäre wahrscheinlich von dem Riesenhaus nicht ein Stein auf dem anderen geblieben; es ist furchtbar genug, sich die glücklicherweise ausgebliebene Wirkungen des Attentats auch nur annähernd auszumalen. In diesem Gebäude sollte schon zweierlei getroffen werden: die österreichische Wirtschaft und — die österreichische Judenschaft. Angehörigen unserer Gemeinschaft galten natürlich die Attentate in größter Zahl. Nachdem schon am Montag ein unschuldiger Mensch sein Leben der hakenkreuzlerischen „Propaganda der Tat" opfern mußte, unternahmen die Mordbuben in der Nacht auf Dienstag den Versuch, ein Wiener Warenhaus, das sich in jüdischem Besitz befindet, in die Luft zu sprengen und den Trafikkiosk einer jüdischen Kriegerwitwe in Brand zu stecken. Und damit neben J u d a auch Rom getroffen wird, explodierte auch vor dem Heim der katholischen Pfadfinder eine Bombe. Sehr rasch wurden die Maßnahmen getroffen, mit denen die österreichische Regierung die Terrorakte der Hakenkreuzier beantwortete. Alle braunen Häuser und Nazikasernen in ganz Oesterreich sind gesperrt und von der Polizei besetzt. Zahlreiche nationalsozialistische Führer befinden sich bereits, soweit sie nicht feige geflüchtet sind oder sich gleich mutig hinter der Immunität versteckten, in jenem Gewahrsam, in das sie schon lange gehörten. Auch die deutschen Emissäre, die schuld an vielem Unglück tragen, sind hinter Schloß und Riegel gesetzt. Bundesbeamte hakenkreuzlerischer Einstellung darf es nicht mehr geben. Weitere Maßnahmen sollen nach der Rückkehr des Bundeskanzlers folgen. Es ist, das anerkennen wir, ein Anfang gemacht worden. Aber auf dem Wege, der nun endlich beschritten ist, darf nicht — aus welchen Erwägungen immer — Halt gemacht werden. Die Nationalsozialisten haben sich, wie Minister V a u g o i n in einer Rede am vergangenen Montag sagte, als eine richtige Mordbubengesellschaft entpuppt. Mit einer solchen Gesellschaft darf es in einem Kulturstaate keine Rücksicht geben. Mit Oesterreich, sagte Vaugoin in der gleichen Rede, würde der letzte Stützpunkt für das deutsche Volk verlorengehen, das vielleicht schon in Bälde eines Stützpunktes bedürfen wird. Es ist Pflicht der österreichischen Regierung, wenn sie einmal zu dieser Erkenntnis gelangt ist, diesen Stützpunkt wirklich zu stützen, mit aller Schärfe und aller Entschiedenheit, denn in anderer Weise wird man mit Mordbuben nicht fertig. Diese Schärfe und diese Entschiedenheit erwartet von nun ab auch die vaterlandstreue österreichische Judenschaft, die an den beiden Schreckenstagen genügend Opfer zu beklagen hat.

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