Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 23 (9.6.1933)
- Date
- 1933-06-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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EricK Deutsch n., Henninenii. wi/is Atelier IBr lein sie Berrea-naoorMlt Ans eigenen n. mitgebrachten Stoffen, bei billigsten Pieiflen.Scbät»eiIrel Telephon: A 43-8-42. Samstag geschlossen. Judenpolitik wirken, scheint es, ernüchternd. Mit solchen Rigorositäten hat man nicht gerechnet (was übrigens auch in Deutschland manche Nationalsozialisten von sich bekennen). Vor den zahlreichen Aushangkästen der Zeitungen büden sich bekanntlich überall aus dem Publikum heraus Lesezirkel. In Schweden hindert es die zurückhaltende Art der Bewohner zwar, daß aus den Lesezirkeln Debattierklubs werden. Aber die Meinung der Lesenden geht oft mit Deutlichkeit aus ihrem Verhalten hervor, aus ihrem Kopf schütteln, aus kurzem ironischen Auflachen, wenn sie irgend eine markante Neuigkeit aus „Hitler-Tyskland" entdeckt haben. Auch die gesamte schwedische Presse mißbilligt den Nationalsozialismus und besonders seine antisemitische Note. Selbst die ausgesprochenen Rechtsblätter schließen sich dabei nicht aus. Sie denken nicht daran, wie es z. B. in Deutschland geschah, ihrem eigenen Konkurrenten Zutreiberdienste zu leisten. Ein Blatt von so unbedingter Rechtseinstellung wie das angesehene „Svenska Dagbladet" rückt heute deutlich vom Nationalsozialismus ab. mit dem es früher etwas geliebäugelt hatte. Offensichtlich hat das deutsche Beispiel abkühlend gewirkt (ähnlich wie in England, wo die Faschistenpartei Oswald Mosleys sich jetzt von früheren antisemitischen Extratouren distanziert hat Allerdings sollen die bürgerlichen Rechtsblätter Schwedens bereits Leser an die Nationalsozialisten abgegeben haben. Angesichts der hohen Bedeutung, die die Rechtsblätter einerseits, und der Einflußlosigkeit die die fiakenkreuzzeitungen anderseits besitzen, kann die Abwanderung nicht sehr groß sein. Wie gesagt, erscheinen bis jetzt noch die Naziblätter unter Ausschluß der Oeffentlichkeit Vorläufig ist eben noch die ganze Bewegung eine Bagatelle. Es fehlen manche Voraussetzungen, die anderswo aus der Bagatelle eine Größe raachen konnten. Niemand aber kann sagen, nach welchen unberechenbaren Maßstäben sich das Wachstum der Bewegung fortsetzen kann. Im allgemeinen jüdischen Interesse ist zu hoffen, daß die nationalsozialistischen Keime in Schweden nicht zur Entfaltung gelangen. R- H. „Ist denn der Jude kein Mensch?" Am Dagmar-Theater zu Kopenhagen treten derzeit Fritz Kortner, dessen Name von einem großen Teil der deutschen Presse seit langem nicht mehr ohne den Zusatz Cohn genannt wird, als S h y 1 o c k und Gitta A1 p a r als Madame Dubarry auf. Die beiden Künstler werden vom Kopenhagener Theaterpublikum stürmisch gefeiert. Vor ihrem Auftreten erhielt der jüdische Direktor des Theaters Otto Jacobsen einen Drohbrief, der niedrige Beschimpfungen der beiden Künstler enthielt Der Brief war mit „Deutscher Kampfbund im Auslande gegen das Judentum. Abteilung Stockholm-Kopenhagen" unterzeichnet Unterschriften von Einzelpersonen trug der Brief nicht. Die Kopenhagener deutsche Gesandtschaft erklärte auf eine Anfrage, eine Vereinigung obigen Namens sei ihr nicht bekannt Die im Hinblick auf die angekündigten Störungen getroffenen polizeilichen Schutzmaßnahmen haben sich als ü b e r f 1 ü s s i g erwiesen. Es kam anläßlich der Premiere zu großen Sympathiekundgebungen für Fritz Kortner, die nach den Shylock-Worten „Ist denn der Jude kein Mensch? Habe ich nicht Augen, Hände, Füße, Gedanken und Gefühle wie jeder andere?" sich zu tosendem Beifall steigerten, der offensichtlich nicht nur dem Künstler galt — Auch Gitta Alpars Auftreten löste außerordentlichen Enthusiasmus bei Publikum und Presse aus. Die sehr konservative „Berlingske Tidende" brachte den Wunsch zum Ausdruck, Gitta Alpar möge am Königlichen Schauspielhaus auftreten. König Carol IL über das friedliche Zusammenlehen von Juden und Rumänen. König Carol IL, der zu kurzem Aufenthalt in Czernowitz eingetroffen ist, hielt auf einem ihm zu Ehren veranstalteten Bankett eine Ansprache, in der er u. a. darauf hinwies, daß in der Bukowina die rumänische Bevölkerung friedlich mit der jüdischen .zusammenlebe. Diese Tatsache erfülle ihn mit Freude und Stolz. GRADO ■■■ SCHULD1REKTORSGATTIN, die den Sommer (l. Juli ■II bis 1. September) in Grado verbringt, nimmt Kinder im ■Ii Alter von 6 bis 15 Jahren mit Streng rituell! Auskunft III erteilt Fr. Irma Neuwirth, Wien II., Zwerggasse 6, IH Telephon A 42-B-86. Anwälte des Rechtes. 51 der hervorragendsten nicht jüdischen Rechtsanwälte der Vereinigten Staaten haben an den Staatssekretär (Außenminister) der Vereinigten Staaten H u 11 eine Erklärung gesandt, in der sie gegen die Beseitigung von Richtern und Rechtsanwälten aus den deutschen Gerichten ausschließlich aus dem Grunde, weil sie jüdischer Abstammung sind, E i nspruch erheben. Die Unterzeichner der Erklärung, unter denen sich die beiden ehemaligen Außenminister Elihu Root und Bainbridge Colby, der frühere amerikanische Botschafter in Großbritannien John Davis, der frühere amerikanische Botschafter in Deutschland James Gerrard und der ehemalige Finanzminister Ogden Mills befinden, haben das amerikanische State Department (Außenministerium) ersucht, ihre Erklärung an die deutsche Reichsregierung weiterzuleiten. Auch die Pariser nicht jüdischen Rechtsanwälte haben eine mit sämtlichen Namen gefertigte Resolution beschlossen, in der „leidenschaftlicher Protest gegen die abscheuliche Behandlung der jüdischen Intellektuellen in Deutschland erhoben, die Differenzierung nach Rasse und Konfession für mit den Kulturbegriffen des XX. Jahrhunderts unvereinbar erklärt und volle Wiedergutmachung für die Opfer der deutschen Judenverfolgungen gefordert" wird. Der Tod eines Theaters. Unter den vielen „gleichgeschalteten" deutschen Theatern befindet sich auch das Berliner „Kabarett der Komiker". Der Direktor dieses Unternehmens, Kurt Robitschek, gibt der Prager jüdischen ..Selbstwehr" s:ne Darstellung, wie es zu dieser ..Gleichschaltung" kam. Geboren wurde mein Theater, das Kabarett der Komiker, in Berlin, am 1. Dezember 1924. Mit einem Barkapital von 3000 Mark gegründet, künstlerische Leitung Paul Morgan und ich. erste Kollektivmitarbeiter Max Hansen und Max Adalbert. Gespielt wurde in der „Rakete". Der Zuschauerraum war in zwei Arme geteilt, im Winkel dieses hebelartigen Raumes stand die Bühne. Jeder Witz mußte einmal nach links, einmal nach rechts gesprochen werden. Aber er wirkte dadurch doppelt Im zweiten Monat spielten wir die Operettenparodie „Quo vadis?" Morgan und ich waren die Verfasser, Willy Rosen der Komponist Die Hauptfigur war — Hitler ins Römische übertragen. Das war vor neun Jahren. Daran starb heuer mein Theater. Aber das kommt später. Die „Rakete" faßte 350 Peronen. Die Bühne war so klein, daß wir die Dekorationen an die Wand malten. u:n Raum zu sparen. Es durfte also keine Mißerfolge geben oder das nächste Stück mußte in derselben Dekoration gespielt werden. Nach einem Jahr zogen wir in das ..Palmenhaus" am Kurfürstendamm. Das war schon ein richtiggehender Theatersaal mit 500 Menschen Fassungsrautn, mit einer Bühne, auf der 4 bis 5 Darsteller zu gleicher Zeit agieren konnten. Paul Morgan schied aus der Inhaberschaft des Theaters aus. weil er solche Expansion für gefährlich hielt. Vier Jahre lang gab es keinen freien Platz im „alten" Haus. So wurde es später genannt, als die Expansion ins Gigantische erfolgte. Zu dem alten getreuen Komikerstamm kam Paul Nikolaus hinzu. Der beste deutsche Conferencier. Wo ein Stärkerer war, stand er auf der Seite des Schwachen. Sein Witz war sicher, treffend, immer aktuell. Er schlug nach rechts, aber ebenso gerne nach links, wenn man Dummheiten machte. Die Leute links lachten, die von rechts waren böse. Immer, jahrelang. Daran starb heuer mein Theater. Aber das kommt später. Es kam Ilse Bois zu uns. die beste deutsche Kabarettistin. Ein Genie der Kleinkunst Es kamen die besten Kabarettisten aus Frankreich, England und Amerika. Jack Smith, der Flüsterer. Karl Vallentin, der bayrische Chaplin, die Trix Sisters aus Amerika, die ersten Jazzsängerinnen. Viele andere. Im Jahre 1927 baute ich mit Hilfe der Firma Rudolf Mosse am Lehniner Platz in Berlin mein eigenes Theater. 1000 Menschen Fassungsraum, große Bühne. Deutschland bester Architekt verbaute das Haus, die Premiere wurde der größte Durchfall der Berliner Theatergeschichte, trotzdem alles im Programm zu sehen war, was in Deutschland Rang und Namen hatte- Die Akustik war verpatzt Das Theater hatte ein wunderbares Echo. Am Tage nach der Eröffnung, die Inneneinrichtung hatte fast 300.000 Mark gekostet, sollte ich pleite gehen. Ich baute acht Wochen lang den Zuschauerraum um, spielte abends und baute hei lag und nach dieser Zeit waren alle Mängel behoben. Vier Jahre der Erfolge. Wer ist in diesen vier Jahren in meinem Hause alles aufgetreten? Alles! Von Werner Kraus über Richard Tauber. Maria. Yvogün, Albert Prejean bis zum kleinsten deutschen Schauspieler, alle großen Artisten der Welt, die Rivels, Car- FLIEGER-GARTEN-KINO KÖRNER & CO. IX. LIECHTENSTEINSTRASSE 37 Wiens einziges Freiluftkino eröffnet Telephon A 18-1-52 dini, die Swifts und viele, viele klingende Namen. Wir spielten Opern, Operetten, Schauspiele. Lustspiele, Schwanke, wir waren sanft und aggressiv, unpolitisch und ausfallend gegen alle Politiker. Im Jänner 1933 wird vier Wochen lang eine neue Parodie „Artisten" mit Ilse Bois probiert. Am 30. Jänner ist Generalprobe. Mitten im Probieren kommt die Nachricht, daß Hitler Reichskanzler geworden ist Die Stimmung bekommt den ersten Stoß. Die Premiere wird ein Riesenerfolg. Drei Tage später schießt sich Ilse Bois eine Kugel durch den Kopf, sie kann die Angststimmung nicht mehr ertragen. Grauenvolle Tage des Hangens und Bangens, aber Ilse Bois wird gerettet. War sie zu pessimistisch? Am 20. Februan ereignet sich der erste große Zwischenfall. Ein Karikaturist zeichnet zum Schluß seiner Darbietung das neue Reichskabinett: Hitler, Papen, Hügenberg. Vierzig SA.-Männer provozieren einen ungeheuren Skandal, Biergläser, Weinflaschen, selbst Stühle werden auf die Bühne geworfen, die Bühne wird von den vierzig Helden gestürmt. Ich will den Anführer der Bilderstürmer beruhigen.. Sage ihm: Bismarck sagte, daß der Ruhm bei der Karikatur beginne. Er antwortet mir (die Antwort ist klassisch): Gehen Sie nach Palästina mit Ihrem Bismarck! Ein anderer brüllt: Wir lassen unseren Hindenburg nicht beleidigen! Und schwingt ein Karikaturenblatt, das er erbeutete, in der Luft. Es war die Karikatur Hügenbergs. In den ersten Märztagen wird die Entlassung aller jüdischen Künstler gefordert. Darunter Felix Bressart, Irene Eisinger, Paul Morgan. Ich lehne die Forderung ab. Der Kampfbundleiter, für deutsche Kultur droht mit Einsetzung eines Rollkommandos, das Unruhe schaffen soll im Theater, damit dieses gesperrt werden kann. Hitler verbietet Einzelaktionen. Das Rollkommando wird vom Repertoire abgesetzt. Man verlangt von mir die Veröffentlichung einer Erklärung gegen die Greuelnachrichten. Dann werde man die jüdischen Künstler unbehelligt auftreten lassen. Der Text wird mir vorgelegt. Ich verweigere die Veröffentlichung in meinem Programmheft anfänglich. Freunde bitten und beschwören, nachzugeben, damit nicht Existenzen zerstört werden. Ich gebe nach, weil man verspricht, nicht mehr in die Programmgestaltung eingreifen zu wollen. Drei Tage nach der Veröffentlichung wird das Auftreten Felix Bressarts durch den Abgeordneten Sunkel, Adjutanten des. Kultusministers, verboten. Zwei Tage darauf räumt ein SA-Mann mit gezogenem Revolver 500 Besucher einer Nachtvorstellung aus dem Theater. Die Versprechungen als Gegenleistung für die erzwungene „Erklärung" werden nicht gehalten. Grund: neun Jahre Verhöhnung der jetzt herrschenden Regierung von „Quo vadis" über Paul Nikolaus bis zu den bewußten Karikaturen. Paul Nikolaus öffnet sich die Pulsadern, stirbt der Mitarbeiter und Zeichner Paul Simmel begeht Selbstmord. Ein großer Teil des Publikums geht in die Konzentrationslagen oder verelendet unter der Gleichschaltung. Am 13. April neuerlicher Eingriff von 4 SA- Männern, die kommen, um mich zu verhaften. Mit gezogenem Revolver der Führer, ein Chauffeur, der drei Jahre vorher entlassen wurde. Einzelaktionen sind bekanntlich verboten. Am 15. April fahre ich, um die Osterfeiertage in Ruhe und braunhemdlos zu verbringen, nach Prag. Bestelle einen Vertreter, der mich, falls es nötig ist, sofort zurückzurufen hat Am 16. April teilt mir der Obmann der nationalsozialistischen Betriebszelle meines Theaters telephonisch mit, daß ich als Direktor und Eigentümer des Theaters „abgesetzt" sei. Am 18. April wird mir diese Absetzung schriftlich mitgeteilt das Theater leiten ein Klavierspieler, ein Chauffeur und ein Kellner. Alles ehrenwerte Fachleute der Nazibetriebszelle. Der Kampfbund für deutsche Kultur sagt ihnen Unterstützung zu, ebenso einige andere gleichgeschaltete Verbände. Ich werde — immer wieder telephonisch — aufgefordert meine Konzessionen niederzulegen. Ich verweigere dies. Frage meinerseits an, ob im dritten Reich die Theaterbetriebe immer von solchen Nullen geleitet werden sollen?! Empörung ob dieser Frage, Beleidigung der Regierung, Angebot eines Freiplatzes im Konzentrationslager. Meine Antwort: trotz der Unterstützung durch alle Bünde des dritten Reiches werde das Theater in acht Tagen pleite sein. Der Termin wird pünktlich eingehalten. Nach acht Tagen ist alles fertig, aus. Am 30. April wird, nach sechs qualvollen Kollektivtagen, das Kabarett der Komiker endgültig geschlossen. Neun Jahre fast hat dieses Theater Hunderttausenden das Lachen gegeben. Die Männer des dritten Reiches, haben keinen Humor. Daher mußte mein Theater sterben. Kinder- Erholnngsheini BALATON a. Plattensee unter erprobter pädagogischer Leitung. Idealer romantischer Aufenthalt für erholungsbedürftige Kinder mit aUen Vorteilen des Meeresstrandes Prei,. P. 100_ per Monat Orthod. "ffiQ Anmeldungen n. Auskünfte: H. Hlrschl, Sopran, Balflutc. 13