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Die Wahrheit · 1933-06-09 · Heft 23 (9.6.1933) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 23 (9.6.1933)
Date
1933-06-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seite 5 MÖBEL Moderne KQehen- Vorzlmmer- Wohnzimmer- F. KOHN, Wien IL, TABORSTRASSE Nr. 22 Telephon R 40-7-14 Samstag geschlossen — Angeschlossen der „Schomra" WIEDERERÖFFNUNG! Die älteste und bestbekannte streng orthodox Restauration Hotel „Dreibaum" in Bad Gleidienberg, Steiermark, ab 8. Juni wieder eröffnet. Herrliche, schöne Zimmer in zentraler Lage. Pensionspreis ab S 6.— Wie sollen wir leben? Ein klares Wort zur Die „Reichsvertretung der deutschen -Juden" erläßt die nachfolgende Erklärung: Vor dem deutschen Judentum steht das Schicksal, zum Entrechteten in der deutschen Heimat zu werden. In ihrer Ehre getroffen, können die deutschen Juden als die Wenigen sich nicht verteidigen; aber es darf ihnen nicht verwehrt sein, ihre Haltung offen und aufrichtig kundzutun. Die deutschen Juden weisen es von sich, als die Anhänger oder Urheber irgendeines „Systems" angeprangert zu werden, während sie in Wahrheit immer bewiesen haben und auch jetzt zu beweisen bereit sind, daß sie sich jeder staatlichen Ordnung willig und freudig unterordnen, wenn sie ihnen Würde, Arbeit und Freiheit läßt. Die deutschen Juden lehnen es ab, immer wieder auf ihre jahrhundertealte deutsche Kultur zu verweisen, auf ihre deutschen Judenfrage. dauernde Verbundenheit mit deutschem Land und deutschem Geist. Die Wirklichkeit der Geschichte spricht für sie, spricht von ihrer Arbeit, ihrem Willen und ihrer Treue, von ihrer Verbundenheit mit dem deutschen Volke. Wir dürfen erwarten, daß auch die Auseinandersetzung mit uns auf dem Boden des Rechts und mit Waffen der Vernunft geführt werde, daß ehrliche Klarheit über unseren Platz und unseren Weg in dem Räume des Lebens geschaffen werde. Eine offene Aussprache mit der Reichsvertretung der deutschen Juden, welche die Gemeindeverbände und die großen jüdischen Organisationen und damit die Gesamtheit des deutschen Judentums umfaßt, vermag zum Ziele zu führen, das Wohl Deutschlands erfordert es ebenso we das der deutschen Juden. Wir sind neugierig, ob und wie die Herren vom „Dritten Reich" auf die vorstehende Erklärung reagieren werden. Aufruf! Infolge der bekannten Vorkommnisse besteht die Gefahr, daß die österreichischen Kurorte und Sommeririschen in der heurigen Saison nicht von Gästen aus dem Deutschen Reiche aufgesucht werden. Dem ohnehin durch die Weltkrise so empfindlich betroffenen Oesterreich droht dadurch noch eine besonders schwere wirtschaftliche Schädigung. Es ergibt sich daraus für a 11 e die patriotische Pflicht, nach besten Kräften dahin zu wirken, daß dieser Ausfall im Reiseverkehr in anderer Weise wettgemacht werde. In diesem Jahre sollen alle Oesterreicher nicht nur selbst die heimischen Kurorte und Sommerfrischen aufsuchen, sondern es soll ein jeder überdies in seinem Familien- und Bekanntenkreise außerhalb Oesterreichs sich mit allem Nachdrucke für den Besuch der österreichischen Fremdenverkehrsgebiete einsetzen. Nach den wiederholten Zusicherungen der Regierung sowie dank der Einsicht der wirtschaftlich daran besonders interessierten Bevölkerungskreise ist keinerlei Störung der Ruhe oder Behelligung jüdischer Gäste zu gewärtigen. An die gesamte Judenschaft richten wir daher die dringende Aufforderung, in Betätigung ihres Verständnisses für diese wirtschaftlich für unsere Republik eminent wichtige Frage, an der Hebung des Fremdenverkehrs als einer Maßnahme mitzuwirken, die dem Wohle der Gesamtheit der österreichischen Bevölkerung dient. Wien, im Juni 1933. Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde Wien. Nationalsozialismus in Schweden. Wer als deutscher Jude heute nach Schweden kommt, muß wissen, daß ihm auch hier das Antreffen judenfeindlicher Lebensäußerungen nicht ganz erspart bleibt. Auch in Schweden gibt es eine nationalsozialistische Bewegung. Ich fand das Hakenkreuz an Stellen, an denen es sich in Deutschland nicht mehr zu zeigen braucht: mit Kreide an Hausmauern gemalt. In Malmö versicherte man mir, es solle Leute geben, die das Hakenkreuz angesteckt tragen; man habe freilich diese legendären Personen noch nicht gesehen. Ich habe iedoch bereits in meiner ersten schwedischen Aufenthaltswoche drei Hakenkreuzträger endeckt. Freilich gehörte hierzu ein scharfes, an deutschen Verhältnissen geübtes Auge. Die Nadeln waren winzig klein, kaum erkennbar, vergoldet und wurden von drei sehr verschiedenen Personen getragen. Die eine war eine ältere Dame, aus besseren, offenbar verarmten Kreisen, die zweite ein junges Mädchen unbestimmbarer Herkunft, und die dritte ein an seiner weißen Mütze kenntlicher Student. Die schwedischen Hochschulen sind übrigens keineswegs Keimzellen des Nationalsozialismus. Die schwedischen Studenten, an deren Vor- und Ausbildung sehr hohe Anforderungen gestellt werden, besitzen eine recht durchgeistigte Mentalität, die sie vor Schlagworttaumel, Phrasengläubigkeit und exzessiven Neigungen schützt. In den Mittelschulen sieht es freilich etwas anders aus. Hier glimmt der in Schweden immer latent gewesene Antisemitismus. In der Klasse meines 13jährigen Neffen tragen von 20 Schülern drei das Hakenkreuz. Mein Neffe ist der einzige Jude und zugleich der beste Schüler. Er machte kürzlich beim Rechnen an der Schultafel einen Fehler. Die ganze Klasse, im allgemeinen ihm nicht feindlich gesinnt, brach in JubeL aus. Der Lehrer fragte erstaunt ob sie sich denn über den Fehler ihres Mitschülers freuen? Einstimmiges fröhliches: „Ja!" — „Aber warum denn?" forschte der Lehrer weiter. Verlegenes Schweigen, schließlich meinte einer: „Ja. weil er doch sonst der Beste ist". Gewiß, vielleicht jubelten die Knaben, weil sie einen Starken straucheln sahen. Aber tieferer Anlaß dieser neidgeborenen Freude war sicher der Umstand, daß sich auch an diesem Knaben sein tragisches Stammeslos erfüllt: Ein Jude und zugleich ein Könner zu sein. Das Verhalten mancher Lehrer ist ebenfalls oft von einer gewissen Zweideutigkeit Es kommt vor. daß in den Algebrastunden bei schwierigen Prozentrechnungen stets und, ausschließlich die wenigen jüdischen Schüler aufgerufen werden. Es ist ferner vorgekommen, daß ein Lehrer zu einem untüchtigen jüdischen Schüler sagte: „Du mußt besser aufpassen, wenn ich dich nicht boykottieren soll". Solche und ähnliche Aeußerungen eines spitzigen Pseudohumors sind nicht ganz selten. Sie sind nicht die Regel, aber sie lassen doch eine schüchterne antisemitische Unterströmung erkennen. Es kommt nie zu konkreten, offensichtlichen Pöbeleien; zur Zeit tritt der Antisemitismus noch reichlich leise und gibt sich in weicheren Formen als anderswo. Es existiert zwar eine nationalsozialistische Zeitung, die eine scharfe Tonart führt, es gibt Läden, in denen Zeitschriften und Bilder mit widerlichen Judenkarikaturen aushängen. Aber die breite Masse beachtet sie kaum, wie überhaupt zur Zeit noch der Nationalsozialismus vielfach nur dem „On dit" nach bekannt ist. Bezeichnend daiür war es. als jüngst eine schwedische Familie, bei der ich zu Gast war, durch das aufgeregt hereinstürmende Töchterchen alarmiert wurde: „Schnell ans Fenster, draußen geht ein Nazi!" Alles stürzte zum Fenster, um den nie geschauten Anblick eines uniformierten Nazi zu erleben. Der Eindruck war nicht sehr militärisch. Graues Hemd. Ledergamaschen, Hakenkreuzbinde, aber keinen Schulterriemen, kein Koppelschloß, und überhaupt keine Kopibedeckung. Von den Blicken der ganzen Straße verfolgt, verteilte er gelbe Zettel an die Passanten, Einladungen zu einer Versammlung. Es mochte auffallen, daß jeder Passant den empiangenen Zettel sorgsam faltete und aufbewahrte. Dazu muß man aber wissen, daß in Schweden das Verbot. Zettel auf die Straße zu werfen, sehr streng befolgt wird; Rückschlüsse auf die Wirkungen der Zettelpropaganda sind also schwer möglich. Die nicht sehr häufigen Versammlungen der Nazis sind gut, wenn auch nicht übermäßig besucht. Sie zeigen teilweise denselben Stil wie in Deutschland, Fahneneinmarsch, Fanfarenmusik usw.. teilweise aber auch einen anderen. So sind Diskussionen zuweilen gestattet und bringen oft manchen, vom Beifall vieler Anwesenden belohnten Kritiker ans Podium. In diesem Falle fehlt also die Suggestivkrait des unwidersprochen ins Publikum gehämmerten Schlagwortes. Auch Juden haben Zutritt und machen von dieser Möglichkeit Gebrauch. Es ist vorgekommen, daß jüdische Versammlungsbesucher einigen Nazis die Hakenkreuze entrissen haben. Sie wurden nicht gelyncht, sondern nur durch die von den Nazis gerufene Polizei festgestellt Trotz dieses verhältnismäßig harmlosen Auitretens des Nationalsozialismus hat die Gegenbewegung bereits eingesetzt Die schwedische Regierung erwägt ein Uniformverbot, dessen Erlaß unmittelbar bevorsteht. Wenn man das deutsche Beispiel auswertet, dann erscheint es tatsächlich am richtigsten, Parteiunitormen in einem Zeitpunkt zu verbieten, in welchem viele Bürger überhaupt noch keine solche Uniform gesehen haben. „P r i n c i d i i s o b s t a" heißt die Regel, deren Nichtbefolgung anderswo böse Früchte getragen hat. Innerhalb der schwedischen Judenheit haben bereits Besprechungen stattgefunden, wie man der nationalsozialistischen Gefahr zu begegnen habe. Die deutschen Juden haben leider im entsprechenden Stadium der heimischen Bewegung nur ein Lachen für diese Dinge gehabt. Beurteilt man die Aussichten des schwedischen Natinalsozialismus. so ist zweifellos das deutsche Beispiel als wichtiger Vergleichspunkt heranzuziehen. Jede Bewegung reflektiert ihre Wirkungen auf wesensverwandte Erscheinungen. Der Nationalsozialismus hat in Deutschland wie in Schweden denselben gefühlsmäßigen Untergrund, den atavistisch-primitiven Haßinstinkt des Germanen gegen alles Nichtgermanische. Diese Gefühlserscheinung begünstigt auch in Schweden das Aufkommen des Nationalsozialismus. Auf der anderen Seite stehen aber Momente, die andersgeartet als die entsprechenden deutschen sind, und daher weniger auftreibend wirken dürften. In Schweden ist es z. B. unmöglich, von einer „Ueberfremdung" der akademischen Berufe zu sprechen. Der Anteil der Juden, der an der Gesamtbevölkerung überhaupt nur l pro Mille beträgt, ist auch an den akademischen Berufen lächerlich gering. In einer Stadt wie Malmö (115.000 Einwohner) ist von allen Aerzten und Advokaten kein einziger jüdischer Abstammung. In Stockholm und Göteborg gibt es einige jüdische Aerzte und Advokaten, aber in einem überhaupt nicht nennenswerten Prozentsatz. Bestand wirklich in Deutschland eine, dem Volk übrigens ganz lieb gewesene Gewohnheit, zu jüdischen Aerzten und Anwälten zu gehen, so konnte sich in Schweden eine solche Gewohnheit einfach mangels Masse nicht bilden. Eher findet man — auch das im Gegensatz zu Deutschland — jüdische Akademiker auf dem Lande, in den verlorensten Dörfern und Marktflecken. Gerade das wirkt günstig auf die schwedische Bevölkerung, die hierin ein Anzeichen wirklicher Volksverbundenheit der Juden empfindet. Sodann gibt es im schwedischen Nationalleben nicht so viele unheilvolle Ereignisse, für die man den Juden als Sündenbock brauchte. Gewiß leidet Schweden besonders stark unter der Depression, gewiß versucht man. den Kreugerskandal als jüdische Regiearbeit hinzustellen. Aber es fehlt das Erlebnis einer nationalen Demütigung, wie es in Deutschland der verlorene Krieg war. es fehlt die Unterwertung unter drückende Verträge, die „Erdolchung" eines ruhmvollen Systems durch ein anderes, die Ersetzung alter Landesfarben durch neue. Der Marxismus stand nicht am Beginn einer Unglücksperiode, sondern regierte auch in Schwedens guten Tagen. Es läßt sich deshalb schwerer behaupten, die Verelendung des Volkes sei durch konkret bestimmte Vorgänge ausgelöst worden, an denen das Judentum Schuld trage. Natürlich arbeiten trotzdem die Nazis mit dem Dogma, der Jude sei an der Krise schuld. Sie wären keine Antisemiten, wenn sie nicht versuchten, der Vernunft und den Tatsachen Zwang anzutun. Vielleicht fällt ihnen aber die Arbeit doch etwas schwerer, weil sie nicht, wie anderswo, an bestimmte sinnfällige Aeußerlichkeiten anknüpfen können. Der schwedische Nationalsozialismus bleibt somit im Abstrakten hängen und findet weniger konkrete Reibungsflächen, an denen er seine Agitation entzünden kann. Vielleicht stellt sich das seinem Eindringen in die Volksseele hemmend entgegen. Es scheint auch, als ob die deutschen Vorgänge in etwas nnderem Sinne hinüberwirken, als es den deutschen Nationalsozialisten lieb ist. Gerade die von allen Zeitungen groß aufgemachten Berichte über die deutsche

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