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Die Wahrheit · 1933-06-09 · Heft 23 (9.6.1933) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 23 (9.6.1933)
Date
1933-06-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Englische Bischöfe zur Judenfrage in Deutschland. Interkonfessionelle Versammlungen in Birmingham und Bradford. In Birmingham fand vor kurzem eine große interkonfessionelle Versammlung statt, in der alle christlichen Bekenntnisse Englands sowie die Heilsarmee offiziell vertreten waren. Im Mittelpunkt der Veranstaltung, die einberufen war, um den Standpunkt aller Konfessionen Englands zur Behandlung der Juden in Deutschland darzulegen, stand eine Aussprache des anglikanischen Bischofs von Birmingham Dr. E. VV. B a r n e s s. Den Vorsitz führte der Bürgermeister von Birmingham. Bischof Barness erklärte, er habe den Bürgermeister gebeten, diese Versammlung einzuberufen, damit öffentlich der in England allgemein herrschenden Ansicht Ausdruck gegeben werden könne, daß jede Diskriminierung von Angehörigen der jüdischen Rasse in sozialer oder politischer Hinsicht dem Geiste und den Grundsätzen des christlichen Glaubens zuwiderlaufe. Es sei befürchtet worden, daß diese Versammlung schädliche Folgen haben und die jetzt bedauerlicherweise in ganz Europa herrschende Spannung vermehren könnte. Er sei jedoch sicher, daß die vorgeschlagene Resolution klar die Absicht erkennen lassen werde, der gegenwärtigen deutschen Regierung gegenüber Höflichkeit und Freundschaft an den Tag zu legen. Er selbst hege große Bewunderung für das deutsche Volk, das so wertvolle Beiträge zur abendländischen Kultur geliefert habe. Ebenso sei er dessen eingedenk, daß die Juden glanzvolle Mitarbeit an der allgemeinen Kultur geleistet haben. Die Juden hätten sich als gute Europäer erwiesen, deshalb könne an die gegenwärtige deutsche Regierung die berechtigte Forderung gestellt werden, die Juden in Deutschland nicht zurückzusetzen. Der römisch-katholische Erzbischof von Birmingham Dr. T. L. Williams erklärte, er schließe sich aus ganzem Herzen dem Protest gegen die Zurücksetzung der Juden an. Er tue dies als Christ. Achtung vor der Würde und dem Wert des Menschen sei die Grundlage aller Zivilisation. Als Christ könne er nicht die Theorie akzeptieren, daß Menschen wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Rasse ihrer Rechte beraubt werden sollen, als Christ wende er sich durchaus gegen eine derartige Verfolgung. Sir Charles Grant Robertson. Vizekanzler der Universität Birmingham, erklärte, die großen nationalen Ziele des Programms der Hitler- Bewegung seien erreichbar auch ohne die Zurücksetzung von Juden aus dem einzigen Grunde, weil sie Juden sind, sie seien erreichbar ohne diese entstellenden Begleiterscheinungen, gegen die die Teilnehmer dieser Versammlung als Christen Einspruch zu erheben wünschen. Als letzter Redner sprach der Oberrabbinner von Birmingham Dr. A. Cohen, der insbesondere das Argument einer angeblichen Verbindung von Judentum und Kommunismus bekämpfte. Tiefste Besorgnis müsse das Schicksal der jüdischen Kinder erwecken, die in einer Atmosphäre von Haß und Mißtrauen aufwachsen. Aehnlich verlief die unter den Vorsitz des Bischofs von Bradford Dr. Blunt in Bradford abgehaltene Versammlung. Neben dem Bischof saßen auf der Tribüne der Bürgermeister J. W. Longley, der Leiter des römisch-katholischen College St. Bodo Monsignore Tyndall, der Präsident des Freien Kirchenrates von Bradford Rev. R. I. Hopwood, die Abgeordneten Herbert Holdswort und J. H. Lockwood, der Präsident der Handelskammer von Bradford, Suddards, der Leiter des Yorkshire United College E. J. Price, der Vertreter des Bord of Deputies E. Zeitlin, der Vorsitzende der Labour Party von Bradford Foster Bunderland und der Bradforder Rabbiner J. Israelstam sowie zahlreiche Vertreter religiöser Gesellschaften und verschiedener Erziehungsinstitutionen. Der Bürgermeister von Bradford hielt eine Ansprache, woraufhin eine vom Bischof Blunt vorgelegte Resolution angenommen wurde, in der Zurücksetzung der Juden in Deutschland in bürgerlicher, politischer und wirtschaftlicher Hinsicht sowie auf dem Gebiete des Unterrichtswesens mißbilligt und als unvereinbar mit den Vorschriften der Religion bezeichnet wird. An das Gewissen des deutschen Volkes und an den Gemeinsinn seiner Führer wird der Appell gerichtet, diese Politik der Zurücksetzung aufzugeben und ehestens für alle Bewohner Deutschlands. Juden und Nichtjuden, Gewissensfreiheit und Gleichheit der Rechte auf wirtschaftlichem, bürgerlichem und politischem Gebiet wiederherzustellen. Hilfe für die deutschen Juden. Das Schicksal der deutschen Judenheit hat die Weltjudenheit aufgerüttelt Abgesehen von den Protest- und Abwehraktionen gegen die deutschen Greuel sind, wie liier bereits berichtet in aller Herren Länder auch großzügige Hilfsaktionen im Gange, deren Ergebnisse beweisen, daß das jüdische Mitgefühl nicht erstorben ist, daß der Jude seinem leidenden Bruder in der Stunde der Gefahr mit allen Mitteln beizustehen bestrebt ist. Auch in Oesterreich hat die Wiener Kultusgemeinde im Einvernehmen mit maßgebenden österreichischen jüdischen Korporationen eine Hilfsaktion eingeleitet, deren bisheriges Ergebnis, wie wir wissen, erfreulicherweise die Richtigkeit unserer obigen Feststellungen erhärtet. Diese Aktion geht aus gewissen Gründen nicht in breitester Oeffentlichkeit vor sich, sie beschränkt sich auf den Appell an einen wohl recht großen Kreis von Juden, von denen man Hilfe für ihre deutschen Brüder erwartet Wir kennen die Gründe, die für diese Methode ins Treffen geführt wurden, allein wir glauben nicht, daß sie stichhältig sind. Wir sind vielmehr der Ansicht, daß eine auf breiteste Grundlage gestellte Hilfsaktion von viel größerem Erfolg gekrönt wäre, als eine noch so gut durchdachte Hilfsaktion, die nicht zur allgemeinen Kenntnis gelangt. Eine solche Aktion birgt auch zu leicht die Gefahr einer die ganze Aktion beeinträchtigenden Konkurrenzierung in sich, die von einer Seite unternommen wird, die selbst helfen will. Und es scheint auch tatsächlich so, daß diese Gefahr der Konkurrenzierung für die zentrale österreichische Hilfsaktion gegeben ist. Vor einigen Tagen konnte man in den Wiener Tageszeitungen den von angesehenen Juden und Nichtjuden gezeichneten Aufruf der Exekutive der Jewish Agency lesen, in dem an alle jüdischen Gemeinden der Appell erging, sich an der Schaffung eines Palästina-Fonds zugunsten deutscher Juden, eines Keren Hazalah (Rettungsfonds) zu beteiligen. Kein Wort gegen diesen durchaus löblichen und zeitgemäßen Plan. Auch in diesen Blättern wurde in letzter Zeit wiederholt der Gedanke vertreten, daß Palästina eine Möglichkeit für die aus ihrer Heimat flüchtenden deutschen Juden bietet; die Schwierigkeiten, die sich ihnen gegen eine Ansiediung im Heiligen Lande entgegenstellen, sind — nicht zuletzt wegen der zurückhaltenden Taktik der englischen Mandatarmacht — wohl sehr große, aber dennoch tritt Palästina natürlicherweise in den Vordergrund der Hilfsmöglichkeiten für die unglücklichen Opfer der deutschen Barbarei. Wer nun für seine deutschen Brüder gibt, wird gewiß das Bestreben haben, daß seine Gabe unter Berücksichtigung der bestehenden Möglichkeiten verwendet wird. Eine von diesen Möglich- Zimmermaler Kohn empfiehlt sich zur Ausführung von Malerarbeiten jeder Art II., Rotenkreuzgasse 3 Tel. A 45-5-37 keiten ist, wie gesagt, Palästina, aber sie ist nur eine davon. Die Hilfe muß sich auch auf die im Lande Zurückbleibenden und dann auch auf jene erstrecken, die in anderen Ländern, darunter auch in Oesterreich, Zuflucht suchen. Sehen wir auf England, das Land, aus dem gerade der Aufruf der Jewish Agency kommt. Dort wurde unter dem Präsidium prominenter Zionisteu und Nichtzionisten ein „Britischer Zentralfonds für die deutsche Judenheit" gegründet, bei dem es jedem Spender unbenommen bleibt, die Verwendungsart seiner Spende selbst festzulegen. Die erste Liste der bisher für den Fonds eingegangenen Spenden weist den stattlichen Betrag von 62.000 Pfund aus. Der Aufruf für diesen Fonds spricht ausdrücklich davon, daß ein wesentlicher Teil der gesammelten Gelder zur Ansiediung geeigneter Einwanderer in Palästina im Rahmen der Aufnahmefähigkeit des Landes verwendet wird. Auf der anderen Seite wurde nachdrücklich verfügt, daß die Sammlung für den Palästina-Fonds der Jewish Agency sich nicht auf Großbritannien und Irland erstrecken darf, wo eben der Zentralhilfsfonds für deutsche Juden geschaffen wurde. Was für England recht, wird wohl auch für Oesterreich billig sein. Hogel's Selchwaren-Restaurant Selchwaren ans der Fabrik Eisen & Hönigsber streng orth. tbo (Unter Aufsicht der Adas -Jisroel - Schiffschul) Wien Ii., PralerstraBe 33, Telephon R-47-4-49 MenO von S 2.— aufwärts. Hochzeiten und Banketts werden bestens arrangiert I HOTEL % ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang Keine Olympiade im „Dritten Reich"! In diesen Tagen ist in Wien das Internationale Olympische Comitee (I. 0. C.) zusammengetreten. Das 1.0. C. besteht aus den Führern des Weltverbandes, welcher von vier zu vier Jahren die Olympischen Spiele zur Durchführung bringt. Da nun anläßlich der letzten Olympiade in Los-Angeles beschlossen wurde, die nächste derartige Veranstaltung, die im Jahre 1936 stattfindet, in Deutschland zur Austragung gelangen zu lassen, wird der Hauptpunkt der Wiener Tagung des I. O.C. wohl eine Revision des seinerzeitigen Beschlusses bilden. Schon seit Wochen wird in fast sämtlichen Blättern und Sportzeitungen des In- und Auslandes darauf hingewiesen, daß es ganz unmöglich ist, die Durchführung einer derartigen Veranstaltung, die ja ihrem Sinne nach in erster Linie der Völkerversöhnung dienen soll, einem Lande zu übertragen, welches genügend bewiesen hat, daß es nicht nur ganz und gar unwürdig ist, mit der Durchführung einer solchen Veranstaltung ausgezeichnet zu werden, sondern auch in bezug auf sportliche Auffassung dem Geiste der Olympiade in jeder Weise widerspricht. Das „Dritte Reich" wird im Olympischen Exekutivkomitee durch den von Hitler bereits abgesetzten, jedoch wieder neuernannten Präsidenten der 11. Olympiade Berlin 1936, Dr. Lewald, vertreten sein und es ist mehr als fraglich, ob es Dr. Lewald gelingen wird, nach der „Gleichschaltung" im „Dritten Reich" die Meinung der anderen Ländervertreter im günstigen Sinne zu ändern, zumal die Vorgänge in Deutschland trotz der neuesten versöhnlich klingenden Erklärungen der Pressestelle des Reichssportkommissärs keinesfalls aus der Welt zu schaffen sind. Der amerikanische Delegierte, der fast 70jährige General Charles H. Sherril, erlärte in einem Interview: „Wenn die deutschen Sportbehörden den Judenboykott aufrechterhalten werden und wenn die jüdischen Sportler trotz guter Leistungen im deutschen Team nicht berücksichtigt werden, so können die Olympischen Spiele auf keinen Fall in Deutschland abgehalten werden." „Keinen Cent für die Olympiade in Deutschland!", lautet die Parole der Holländer. Sämtliche nordische Staaten. drohen mit ihrem Fernbleiben in Berlin und so dürfte letzten Endes die Olympiade 1936 wohl eine Angelegenheit Italiens werden, welches Land sich schon seit längerer Zeit um deren Austragung bemüht, anderseits wohl auch in jeder Hinsicht für eine solche Veranstaltung im Sinne des olympischen Geistes Gewähr leistet. Deutschland aber wird hoffentlich in den nächsten Tagen eine Niederlage mehr buchen können. Sulfur. Der Jude muß verlieren. Auch im deutschen Schach wird gleichgeschaltet. Das macht man so: Der Großmeister Spielmann, der zu den besten Spielern der Welt gehört, ist seit Jahr und Tag Mitarbeiter an den Schachrubriken verschiedener deutscher Zeitungen. Nach Hitlers Amtsantritt erhielt Spielmann nahezu alle den deutschen Zeitungen überreichten Artikel zurück. Er ist nämlich Jude. Nur eine Arbeit kam nicht zurück. Es handelte sich um eine Schachpartie, die Spielmann gegen den deutschen Meister Post in grandioser Weise gewonnnen hatte. Man kann sich das Erstaunen des Meisters vorstellen, als er trotz der Devise „Jüdische Mitarbeiter unerwünscht!" seine Partie doch irr einer deutschen Fachzeitung veröffentlicht fand. Bei näherem Zusehen zeigte es sich aber, daß die wackeren Nazischachfreunde einfach Sieger und Unterlegenen miteinander — vertauscht hatten. Im Handumdrehen war Post der Bezwinger Spielmanns geworden! So macht man es, wenn deutscher Geist jüdische Tücke besiegen soll. Heil Hitler!

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