Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1933-06-09 · Heft 23 (9.6.1933) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 23 (9.6.1933)
Date
1933-06-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064350-3064372--19321-3084446
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

7 entity mentions

Seite 2 DIE WAHRHEIT BAD GASTEIN Pension Villa Dr.Wassing an der Kaiser-Wilhelm-Promenade Miet- und Badehaus mit Dependance in landschaftlich reizvoller, ruhiger Lage. 35 Zimmer, fliegendes warmes und kaltes Wasser. Zentralheizung. Fahrstuhl. Telephon im Zimmer. Gesellschaftsräume. Garten. Terrasse. Fernsprecher: Nummer 448. Besitzer: OBERMED1ZINAJ.RAT DR. WASS1NG gefressene Erbgut des deutschen Geistes bewahren. Aber der leidenschaftliche Anteil, den ein großer Teil der deutschen Juden am deutschen Geiste nimmt, ist oft von Nichtjuden bestätigt worden. Ein Beispiel an Stelle vieler: Fontane erzählt in dem Gedicht „An meinem Fünfundsiebzigsten", das 1895 entstand, daß ihm, dem Dichter der „Märkischen Wanderungen", des märkischen Adels, „des Alten Fritzen", kein Adliger gratulierte, aber zahlreiche Juden:... „Stellen mich freundlich an ihre Spitze, Was sollen mir da noch die Itzenplitze! Jedem bin ich was gewesen, Alle haben sie mich gelesen..." Es ist völlig unmöglich, eine einheitliche Linie im Verhalten der deutschen Juden festzustellen. Den Juden, die, beispielsweise, Raabe nicht sonderlich schätzen, stehen Juden gegenüber, die ihn aufs Höchste würdigen, wie Eduard Engel; unter Raabes leidenschaftlichsten Vorkämpfern sind Juden. Heine wurde von Storm oder von dem durchaus konservativem Literaturhistoriker Carl Busse ungemein geschätzt; aber der Jude Gabriel Riesser, der Vorkämpfer der Emanzipation, bekämpfte die literarische Tätigkeit Heines. Karl Kraus schrieb die vernichtende Abhandlung „Heine und die Folgen". Juden haben mit höchster Liebe und Verehrung über große Deutsche geschrieben, z. B. Bielschowsky, Wittkowsky, R. M. Meyer, Simmel, Ludwig, Gundolf, Bab über Goethe. Stefan Zweig gab die vortreffliche Auswahl Goethescher Gedichte bei Reclam heraus. Ich nenne aufs Geratewohl: Otto Brahms Kleist, Otto Stössls und Felix Brauns Arbeiten über Stifter, Spechts „Beethoven" und „Brahms". Man weise in solchen Werken den „zersetzenden jüdischen Geist" nach. Oder — um aus einer Fülle nur Eines zu nennen—: Werfel, der Dichter religiöser Gesänge, der 1932 die Schrift für den Gottesglauben veröffentlichte — sie ward unter anderem von der antisemitischen katholischen Zeitschrift „Schönere Zukunft" gerühmt und zitiert — ist verfemt. Ich werde in diesem Augenblick gewiß nicht Personen, Bücher, Handlungen deutscher Juden anführen, die von deutschen Juden, auch von mir, mißbilligt worden sind. Uebrigens könnte ich fälle belegen, wo durch falsche oder bruchstückhafte Zitate die Gesinnung in ihr Gegenteil verdreht wurde. Jedoch der deutschen Judenschaft mangelt eine repräsentative Stelle, welche die Meinung der deutschen Judenheit verantwortlich ausspricht und bestimmte Aeußerungen und Handlungen in ihrem Namen ablehnt Eine solche Stelle zu schaffen, ist eben deshalb so schwer, weil die deutsche Judenheit eine Einheit durchaus nicht ist. Den „antigermanischen" Aeußerungen deutscher Juden ließen sich zahlreichere entgegengesetzter Gesinnung gegenüber stellen; von ihnen wird kaum mehr Notiz genommen. Auf anderer Ebene: Schweden wird nicht für den Fall Kreuger haftbar gemacht, aber das Judentum für den Fall Barmat. Die Meinung ist nicht, daß die deutschen Juden von den arischen Deutschen nicht unterschieden sind. Wir behaupten, daß Gemeinschaft des Schicksals, der Luft, des Bodens, der Sprache wesentliche und entscheidende Kräfte sind, welche die stammesmäßige Zugehörigkeit — deren Art und Bedeutung derzeit wissenschaftlich durchaus nicht STEININDUSTRIE CARL BENEDICT Zentrale: III.. Rennweg 112, Tel. U 15-0-52 GRABSTEINLAGER: Zentralfriedhof, 3. Tor, Tel. U10-4-53 geklärt ist — mehr oder minder färben und abwandeln, mitunter ganz auslöschen. Diedeutschen Juden sind Grenzdeutsche; aber ihr GrenztumhaftetnichtaneinemLande, sondern es ist ein Grenztum im Geiste. Man erkennt bisweilen im rheinischen Schrifttum, zum Beispiel bei George, durchaus romanische Einschläge, und so in jüdischen alttestamentarische und rabbinische, vor allem ein starkes Vorwalten des Verstandes, nicht selten des Scharfsinns. Im Alten Testament aber überwiegt keineswegs die Kraft des Verstandes oder gar der Scharfsinn, sondern es ist zum weitaus größten Teil von Gefühl durchströmt, von Gesichten durchleuchtet. Erst Verfolgung, Not, erzwungene ENORME AUSWAHL BILLIGSTE PBEISE E pPlÜN #S l* % TEPPICHE VODHANGE NOBELSTOTTE, DECHEN NUR I., DAUERNMARKT 12-14 berufliche Einseitigkeit, geistige Inzucht, das Kreisen um die den Boden ersetzende immer gleiche Ueberlieferung, haben oft das Deuten zum Deuteln, das Sinnen zum Scharfsinn, das Finden zur Spitzfindigkeit gewandelt. Diese Eigenschaften wirken nach, sie werden als „zersetzend" empfunden. Aber sie erscheinen weithin auch bei Ariern, sie entstammen auch dem sich zersetzenden Zeitalter. Anderseits gibt es viele Dichtungen deutscher Juden, denen diese Eigenschaften fehlen. All dies kann hier nur grob angedeutet werden. Unzählige Juden sind, ungetauft und getauft, in die deutsche Kultur eingegangen. Ein Beispiel statt hunderten. Eduard von Simson, nach Sybel „ein Mann von jüdischem Blut, aber deutschem Geist und Herzen", war 1848 Vorsitzender der Frankfurter Nationalversammlung, der Uhland, Arndt, Jacob Grimm, Friedrich Theodor Vischer, Jordan, Gervinus, Droysen, Dahlmann und viele andere überragende Deutsche angehörten. Zahllose heutige deutsche Juden sind nicht minder deutsch als Simson und seine Zeitgenossen. Viele Juden, die sich zum Christentum zu bekennen vermöchten, sind nicht übergetreten, denn, wie ich 1924 in einem autobiographischen Abriß schrieb, „vollends heute wäre es Verrat, das Judentum zu verlassen". Jetzt ist diese Frage gegenstandslos, da es nur auf den Stamm ankommen soll, und die Simsons sind „jüdische Großväter". Ein Gemeinschaftszeitalter ist angebrochen; aber es ist nicht der Sinn der Geschichte, daß ein Zeitalter das vorhergehende ohne Rest verneint, das „überwundene" wie Sklaven an seinem Siegeswagen führt, sondern daß es den inneren Gewinn, die errungene Erfahrung der abgelaufenen Epoche in seinen Sinn und Willen aufnimmt. Solche Bewahrung im Wandel scheint mir in einem tiefsten Sinne »konservativ1. Die letzten vier Jahrhunderte, von Luther bis Nietzsche, entdeckten die Jeuilieton Jabotinskys Vision vom Judenstaat. Jabotinsky gibt jetzt in Wien eine Zeitschrift heraus, die den Titel „Der Judenstaat" führt und der Propagierung des zionistisch-revisionistischen Faschismus dient. Aber Jabotinsky ist nicht bloß Realpolitiker, sondern auch poetischer Visionär und es kommt vor, daß er vom hohen Roß des autokratischen Parteiführers herabsteigt, um sich vom Pegasus ins Land seiner Träume entführen zu lassen. Selbstverständlich ist auch dieses Traumland ein palästinensischer Judenstaat, aber wie kraß unterscheidet sich Jabotinskys poetische Vision von dem realpolitisclien Ideal des Zionismus! Wohl enthält Jabotinskys bekannteste Dichtung, der Simson-Roman „Richter und Narr", der vor einigen Jahren unter dem Pseudonym Altalena erschien, ein politisches Testament des Titelhelden, das seine Verwandtschaft mit dem militaristisch orientierten revisionistischen Parteiprogramm nicht verleugnet, um so verblüffender wirkt aber alles Uebrige, was in diesem poetischen Werke eines radikalen Zionistenführers von einem Judenstaat gezeigt und gesagt wird! Tragische Kassandrarufe eines rückwärts gewandten Propheten, als den ein geistreiches Wort den Historiker und historischen Dichter längst deklariert hat, übertönen hier all das Schöne und Gute, das andere zionistische Dichter vom Judenstaat zu verkünden pflegen. Man denke nur an Theodor Herzls Roman „Alt-Neuland", der das verheißungsvolle Motto trägt: „Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen". Wohingegen die Jabotinskysche Milieuschilderung die bange Frage auslöst: „Soll man wünschen, daß dies kein Märchen bleibt?" Dabei ist die politische Situation in beiden Romanen die gleiche: Nach langer Zeit der Heimatlosigkeit und Unterdrückung sind die Juden Herren im eigenen Lande geworden, das von Milch und Honig fließt. Aber wie verschieden wirkt sich diese Situation auf ihre Nutznießer aus! Bei dem Theoretiker Herzl ist die Landnahme der Beginn grandiosen Kulturaufschwunges, bei Jabotinsky, der die Landnahme praktisch an der Spitze der jüdischen Legion verwirklichen geholfen hat, ist sie ein Ausgangspunkt religiösen, politischen und zivilisatorischen Verfalls! Die erste Figur, der wir in „Richter und Narr" begegnen, ist ein Levit, ein Priester. In welchem Aufzug stellt er sich uns dar! Als Händler zieht er über Land, ein Virtuos im Schachern mit irdischer und himmlischer Ware. Jawohl: auch himmlischer: „In unserem Stamm ist nämlich ein jeder von Kind auf mit den Bräuchen des Götterdienstes vertraut." Wohlgemerkt: Nicht des Gottes-, sondern des Götter dienstes. Denn in Israels Heiligtümern wimmelt es von Götzen. Zwar hat man Jehovas nicht vergessen, aber er ist nur einer von vielen, nicht der Einig-Einzige, Darum wird auch der Priester folgendermaßen charakterisiert: „Wie die Gottheit heißt, zu deren Ehren Religionsgebräuche ausgeübt werden, das hielt er nicht für so wichtig. Gesetz aber bleibt Gesetz und darf nicht verletzt werden . . . Ein Schlaufuchs mit aalglatter Zunge; weckt man ihn aus dem Schlaf, so erfindet er einem auf der Stelle ein Gebet auf eine neue Gottheit." Von einem solchen Priesterstand kann man auf die religiösen Verhältnisse unter dem Volke schließen. Von Simson, dem Helden des Romanes, wird berichtet: „Von Moses hatte er noch nie gehört, von Josua hatte ihm irgend jemand einmal erzählt." Das Nasiräertum Simsons ist in der Schilderung Jabotinskys eine reine Farce. Doch will ich hier nicht auf die Handlung des Romanes eingehen, keine ästhetisch-kritische Würdigung des bereits vor einigen Jahren erschienenen interessanten Werkes geben, sondern nur die großen, weltanschaulichen Gesichtspunkte gruppieren, in denen Jabotinsky-Altalena von Theodor Herzl abweicht. Schon die staatsrechtliche Grundlage, auf der die beiden Zionistenführer sich den Judenstaat errichtet denken, ist eine grundverschiedene. Herzl schwebt die Lösung vor, die in der Schweiz ver-" wirklicht ist: Eine von allen Großmächten garantierte „ewige Neutralität". Solcher pazifistischen Lösung steht der Legionär Jabotinsky in hellster Auflehnung gegenüber. Seiner militärischen Auffassung huldigt, wie schon gesagt, auch sein Romanheld Simson. Während aber dessen politisches Testament durchaus im Einklang mit dem revisionistisch-zionistischen Parteiprogramm steht, äst Simsons Verhältnis zu seiner jüdischen und nichtjüdischen Umwelt für die dichterische Schöpfung eines Jüdischnationalen im höchsten Grade überraschend. Simson wird nämlich als — Assimilant reinsten Wassers geschildert, obwohl Assimilation an Andersgläubige in einem Judenstaat sogar mit Schwierigkeiten verbunden ist. Simson muß zu diesem Zweck über die Landesgrenze pilgern. Das tut er aber mit Leidenschaft und ist öfter bei den Philistern als zu Hause. „Dort (in der Heimat) bin ich wach, hier träume ich, dem Traum aber ist kein Gesetz vorgeschrieben," begründet er selbst seine Vorliebe für die Fremde. Und von Philisterseite wird ihm gesagt: „In den Sagen Kretas und Trojas (der angenommenen Urheimat der Philister) ist von Helden die Rede, die so ähnlich waren wie Brüder . . . Doch nie hat es solche Männer im Geschlecht deiner Mutter gegeben... Du bist ein Fremder unter ihnen, ganz fremd aber in deinem Herzen und deiner Art," Um Mißdeutungen vorzu-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.