Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 23 (9.6.1933)
- Date
- 1933-06-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis «fieser Nummer 40 Groschen \\ ■ i Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien «iWWWIillll«'|!ll Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 - Telephon R 46-2-16 — Postsparhassenkonto Wien; A 100.918 Nummer 23 49. Jahrgang Wien, 9. Juni 1933 Nazigefahr vorüber"? 99 Das ist der Tenor eines Interviews, das kürzlich unser Bundeskanzler Dr. D o 11 f u ß dem Wiener Korrespondenten des „Evernin g Standard'* gegeben hat, also dem Vertreter des gleichen Londoner Blattes, in dem ebenfalls Bundeskanzler Dr. Dollfuß vor einiger Zeit die Erklärung veröffentlichte: „In Oesterreich wird kein Unterschied zwischen den einzelnen Religionen und Rassen gemacht". Ist der Optimismus unseres Kanzlers, daß eine Gefahr des Ansteigens der nationalsozialistischen Bewegung in Oesterreich vorüber ist, wirklich berechtigt, ein Optimismus, den er mit den Worten bekräftigte: „Ich fürchte weder die Nationalsozialisten hier noch im Reiche und werde Oesterreichs Unabhängigkeit vor allen Angriffen schützen, woher immer sie kommen mögen, aus dem Inland wie aus dem Ausland." Es scheint, daß die im Anfange gewaltig drohende Gefahr des Uebergreifens der braunen Pest vom „Dritten Reich" auf Oesterreich tatsächlich gebannt ist. Die Maßnahmen, die die politischen Aerzte Oesterreichs gegen die Seuche anwendeten, waren und sind so radikaler Art, daß der Seuchenherd lokalisiert scheint und eine Ausbreitung nicht zu befürchten ist. Aber der Schein kann trügen und deshalb ist vor einem allzu übertriebenen Optimismus, wie er sich neuestens auch in jüdischen Kreisen breit macht, entschieden zu warnen. Das Geschwür ist schon zu groß geworden, so daß selbst seine Lokalisierung die Gefahr weiterer Ausbreitung nicht bannt, zumal vom Seuchenherd zu den anderen Stellen zu viele Kanäle verschiedenster Art laufen. Deshalb fühlen wir uns auch verpflichtet, die neuerdings frohlockenden Optimisten in dieselben Schranken zu weisen, in die wir in kritischeren Momenten jene verwiesen, die von einem Tag auf den anderen den Einbruch deutscher Methoden für Oesterreich prophezeiten. Ganz gebannt wird eben die Nazigefahr von unserem Vaterlande erst dann sein, wenn die Abwehr, die jetzt — siehe Innsbruck! — gegen den Nationalbolschewismus unternommen wird, richtig fortgesetzt, sich ganz auswirken wird. Die Mitteilungen, die Herr Habicht in der Vorwoche der Presse machte, mußten im ersten Moment stutzig werden lassen, ob die Absicht, diese Abwehr durchzuführen, wirklich eine so restlos aufrichtige ist. Aber man tat gut daran, diese Mitteilungen so aufzunehmen, wie Mitteilungen von dieser Seite eben aufgenommen werden sollen, als Verdrehungen, würdig eigentlich nur den „Drehs der Fremdrassigen". Auf die Frage des eingangs erwähnten englischen Korrespondenten, ob eine Koalition mit den Nationalsozialistenmöglich sei, antwortete der Bundeskanzler schnell und bestimmt: „Die Nationalsozialisten haben einen Anteil an der Regierung verlangt, aber ich habe ihre Forderungen abgelehnt, weil sie keine österreichische Partei, sondern eine fremde Partei sind, die ihre Beziehungen zu ausländischen Führern offen zugibt. Es ist klar, daß eine österreichische Regierung, in der Nationalsozialisten sitzen, nicht den österreichischen Charakter repräsentieren könnte. Mit Nationalsozialisten in der Regierung wäre der Anschluß Oesterreichs an Deutschland zu drei Viertel vollzogen." Die Gefahr des geistigen Anschlusses an Deutschland ist, wir wiederholen es, noch immer nicht gebannt. Noch immer gibt es Stellen, die einen solchen geistigen Anschluß vollziehen möchten und denen unsere Regierung erst jetzt an den Leib rückt. Hier sind in erster Linie unsere Hochschulen zu nennen, deren Rektoren und Professoren sich jetzt über die „B e f 1 e kkung des akademischen Bodens" durch das Eindringen der Polizei maßlos aufregen, während sie still schwiegen, als dieser Boden unzähligemale durch das Wüten der Hakenkreuzstudenten wirklich befleckt wurde. Diesen Herren hat die Regierung einen Strich durch die Rechnung gemacht, die sie mit ihren getreuen Radau-Studenten abschließen wollten. Der Plan, die Hochschulen zum „Protest" zu schließen, wurde zunichte gemacht, die Hochschulen wurden wohl geschlossen, allein nicht gemäß der Verfügung der Herren Professoren, sondern gemäß der Anordnung des Unterrichtsministeriums, die dahin ging, daß diese verlängerten Ferien, in denen auch der Prüfungsbetrieb ruht, eingebracht werden müssen. Diese Methode wird den Herren Professoren so wenig passen, wie den beiden Nazistudenten der Hochschule für Welthandel die empfindlichen Strafen des Döblinger Bezirksrichters, mit denen sie für ihre unter den Augen des Rektorates, ja beinahe mit Billigung desselben wiederholt vorgenommenen Beleidigungen eines jüdischen Studenten bestraft wurden. Es nützt nichts, mit Herrschaften diesen Kalibers muß man eben schärfer umgehen und sie haben bestimmt — man blicke nur nach Deutschland — das Recht verloren, wehleidig zu sein. Hand in Hand mit dieser robusteren Arbeit muß die ruhige Arbeit im Interesse unseres Vaterlandes gehen. Zu dieser gehört die Rückkehr zu normalen Verfassungsformen, die sich anscheinend jetzt anbahnt. Aber es besteht auch ein „Sofortprogramm", an dem alle mitarbeiten müssen, denen die Selbständigkeit Oesterreichs am Herzen liegt. In diesem Sinne sei der Appell unserer letzten Nummer wiederholt, den österreichischen Fremdenverkehr durch eigenen Besuch der österreichischen Kurorte und Sommerfrischen und Werbung im Auslande für dieselben zu fördern. Erklärungen unserer Badeorte, daß „jeder Gast ohne Rücksicht auf seine Rasse, Konfession und politische Ueberzeugung unbehelligt angenehm und in vollster persönlicher Sicherheit leben kann", wird man — hoffentlich mit Recht — im Auslande eher Gehör schenken, als den gleichen Erklärungen deutscher Kurorte, die z. B. von englischen Blättern, obwohl Bezahlung angeboten wurde,/ wegen ihrer Verlogenheit zurückgewiesen wurden. Antwort auf eine Umfrage. Von Ernst Lissaucr (Wien). Das „B e r 1 i n e r T a g e b I a 11" forderte mich am 24. Mai auf. eine Umfrage zu beantworten, zu deren Motto es ein Zitat aus dem Buch Wilhelm Schäfers ..Der deutsche Gott. Fünf Briefe an mein Volk" gewählt hatte: „Die Wahrheit ist die daß die deutschen Juden sichtbar geholfen haben, den Lebensboden der Bildung überhaupt wieder zu lockern. Ohne sie hätten wir anfangs des 20. Jahrhunderts kaum noch von einem geistigen Leben in Deutschland sprechen können..." Darauf sandte ich die nachstehende Antwort; das „Berliner Tageblatt" veröffentlichte in der Pfingstnummer wohl eine Reihe von Beiträgen über die Jndenfrage unter dem Titel „Staatsbürgertum und Volkstum", teilte aber die Schäferschen Sätze und die darauf beruhende Umfrage über die kulturelle Bedeutung der Juden nicht mit. Da mein Beitrag ebenfalls nicht gedruckt wurde, veröffentliche ich ihn an dieser Stelle: „Ihre Frage erfordert ein Buch, hier kann nur einiges Wichtigste geäußert werden. Der Satz Wilhelm Schäfers scheint mir zu übertreiben: er unterschätzt die Stillen im Lande, jene nicht zu Bourgeois Gewordenen, Bürger gebliebenen, die besonders häufig in Mittel- und Kleinstädten, in den Hansestädten und süddeutschen Residenzen anzutreffen sind und das allenthalben von der mechanistischen Entwicklung an- ACDTIING! Oesterreicoiscue Jaden besuchen neuer österreichische Sommerlrlsmenf Auswärtige jaden, kommet neuer alle in Oeslerreichs Herrliche Sommerfrischen?