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Die Wahrheit · 1933-06-02 · Heft 22 (2.6.1933) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 22 (2.6.1933)
Date
1933-06-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Wunsch zum Ausdruck gebracht, daß bei einer Ueberprüfung der ..Schwarzen Listen" vom Geist der Mäßigung diktierte Richtlinien aufgestellt werden mögen, die genügend Raum für die schöpferische Initiative des deutschen Verlegertums und für die freie Entfaltung der Schriftsteller und Gelehrten übrig lassen. „Deutschlands Ansehen vernichtet" Das Auslandsdeutschtum leidet unter der Terrorherrschaft der Nationalisten stärker, als man in der Oeffentlichkeit weiß. Als Beispiel wollen wir die große Kolonie der Deutschen in Argentinien anführen, die in diesem an erster Stelle in kultureller Beziehung rangierenden Staate Südamerikas eine wichtige Rolle in der Zusammensetzung der Bevölkerung spielt Die vielen Zeitungen, die den Deutschen dort besonders in Buenos-Aires, in der Muttersprache zur Verfügung stehen, wenden sich ausnahmslos, oft mit den schärfsten Worten, gegen die Hitler- Diktatur. Wohl eines der bedeutendsten deutschsprachigen Blätter Buenos-Aires und des ganzen südamerikanischen Kontingents ist das ..Argentinische Tageblatt", das seit einiger Zeit wegen seiner offenen Sprache und gerechten Kritik in Deutschland, im Mutterland, verboten wurde. So wird, nebenbei bemerkt von dem neuen Regime der Kontakt mit dem Auslandsdeutschtum gewahrt! Das „Argentinische Tageblatt" nimmt in der schärfsten Weise Stellung zu den Vorgängen im Reich; so finden wir Titelüberschriften, die über die ganze erste Seite gehen, wie „DreiMonateHitler- Regime haben Deutschlands Ansehen in der Welt vernichtet!", ganze Seiten mit Bildreportagen, die von der Schreckensherrschaft Zeugnis ablegen. Ueber Hitlers Geburtstagsfeiern schreibt die Redaktion mit Balkenlettern: „Neues aus Byzanz!" Fast über eine ganze Seite geht es weiter: „Das Argentinische; Tageblatt wird noch bestehen, wenn von Hitler nicht mehr die Rede sein wird." Palästina-Nachrichten. Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, hat die Palästina-Regierung von den bei der Aufteilung der jüngst ausgegebenen Palästina- Zertifikate als Reserve zurückbehaltenen 850 Zertifikaten 200 (!) Arbeitereinwanderungs-Zertifikate nach Deutschland gesandt Der Stadtrat von Tel Aviv hat die Errichtung von Notbauten zur Aufnahme der Einwanderer aus Deutschland beschlossen und vorläufig 5000 Pfund für diesen Zweck zur Verfügung gestellt Eine jüdische Delegation,- bestehend aus den Herren Emanuel Neumann, Granowsky und Tschertok, hat beim Stellvertreter des sich gegenwärtig in London aufhaltenden High Commissioner vorgesprochen und ihm die Forderung der palästinensischen Judenheit nach angemessener Vertretung in den palästinensischen Gemeindeverwaltungen unterbreitet Ferner verlangte die Abordnung, daß die im MacDonald-Brief versprochene Berücksichtigung jüdischer Arbeiter bei der Vergebung öffentlicher Arbeiten tatsächlich erfolge und daß dem Keren Kajemeth Erleichterungen bei der Steuerzahlung gewährt werden. Schließlich ersuchte die Abordnung, den Ausbau der Wasserleitung für Jerusalem zu beschleunigen'. Der stellvertretende High Commissioner versprach, den Forderungen der jüdischen Abordnung wohlwollende Aufmerksamkeit zuzuwenden. Die Jerusalemer hebräische Presse beschäftigt sich mit der Tatsache, daß auch bei den eben zur Vergebung gelangten neuen Bauarbeiten für das Rockefeller-Museum Juden so gut wie gar nicht beschäftigt werden. Es werden bei diesen Arbeiten über 100 arabische und bloß 6 bis 8 jüdische Bauarbeiter verwendet Die Vereinigung der arabischen Aerztein Haifa hat der Regierung ein Memorandum übersandt, in dem sie ein Nied erlassung s- und Praxisverbot für jüdische und andere ausländische A e r z t e fordert * Wie „Doar Hayom" berichtet wurden im Dorfe Saforiah 15 Araber unter dem Verdachte fi[ib$l(iits£ü£ Wien L, Seitenstettengasse 2, Tel. U 28-1-28 XL, Zentralfriedhof, itbtt I» I. ttf, TeL U18-0-85 FLIEGER GARTEN KINO KÖRNER & CO. IX. LIECHTENSTEINSTRASSE 37 Wiens einziges Freiluftkino eröffnet Telephon A 18-1-52 der Teilnahme an der Ermordung des jüdischen Kolonisten Josef Jacoby und seines neunjährigen Sohnes in der Kolonie Nahalal im Dezember v. J. verhaftet. Einer der Verhafteten hat bereits ein Geständnisabgelegt — Jacoby und sein Sohn sind im Dezember v. J. einem Bombenattentat zum Opfer gefallen, das unter der jüdischen Bevölkerung außerordentliche Erregung hervorgerufen hat. Jacoby war vor elf Jahren nach landwirtschaftlicher Ausbildung in Kalifornien nach Palästina gekommen. Die Regierung hatte nach dem Anschlag eine Ergreiferprämie von 500 Pfund ausgesetzt Schon im Jänner waren 20 Araber unter dem Verdacht der Teilnahme an dem Mord verhaftet worden, mußten aber mangels an Beweisen freigelassen werden. Der Kanzler der Hebräischen Universität in Jerusalem Dr. Juda L. Magnes entwickelte in einer an der Universität abgehaltenen Pressekonferenz den Plan, in Jerusalem eine jüdische Weltakademie der Wissenschaften ins Leben zu rufen, der alle jüdischen Forscher und Gelehrten, die in der wissenschaftlichen Welt besondere Bedeutung erlangt haben, angehören sollen. Mit zu den Aufgaben dieser Akademie, die an die Hebräische Universität anzugliedern wäre, soll es gehören, die wissenschaftlichen Grundlagen für die Abwehr des Antisemitismus zu schaffen. * Das hebräische Technikum in Haifa befindet sich, wie auf einer soeben in Haifa abgehaltenen Versammlung der Gesellschaft der Freunde des Technikums mitgeteilt wurde, in schwieriger finanzieller Lage. Von dem Jahresbudget von 6000 Pfund ist vorläufig nur die Hälfte gedeckt Falls es nicht gelingt den noch ausstehenden Betrag von 3000 Pfund aufzubringen, wird die Fortführung des Instituts ernsthaft gefährdet sein. Die MitgliederdesLehrkörpershabenseiteinem halben Jahr ihre Gehälter nicht mehr bezogen. Am Haifaer Technikum sind derzeit 120 ordentliche Hörer eingeschrieben, die Abendklassen zählen 80 Schüler, die dem Technikum angeschlossene Handelsschule hat sechzig Schüler. Judenfeindliche Ausschreitungen in Marokko. In Rabat, der Residenz des Sultans von Marokko und Hauptstadt der französischen Interessensphäre, ist es am Abend des 10. Mai zu schweren judenfeindlichen Ausschreitungen gekommen. Im Verlauf eines Streites hatte ein jüdischer Einwohner seinen arabischen Gegner in Notwehr niedergestochen und fflfllsdica Zahlreiche Zuschriften beweisen uns, daß .DIE WAHRHEITin weitesten jüdischen Kreisen ein zustimmendes Echo findet. Um unsara Aafgaba erfüllen zu fcönnan, müssan wir dia Abonaantanzahl verdoppele. Jeder Leser «ebe .DIE WAHRHEITan einen Nlchtabonnenten welter und fordere ihn zum Abonnement auf. Wir brauchen de Mithilfe unserer Leser und Freunde.. Jeder Leser der „WAHRHIIT" wirbt In diesen Tagen mindestens einen neuen Abonnenten 1 Probenummern stehen auf Wunsch tur Verfügung. dieser erlag im Hospital seiner Verletzung. Obwohl dieser Zwischenfall keinerlei politischen Charakter trug, wurde er von antisemitischen Agitatoren dazu ausgenutzt, die arabische Bevölkerung gegen die jüdischen Einwohner aufzuwiegeln. Es kam zu Gewalttaten gegen friedliche Bürger und zur Plünderung von Läden. Die Behörden haben sofort alle Maßnahmen zum Schutz jüdischen Lebens und Eigentums ergriffen. Zur Unterstützung der Polizei wurden Truppen herangezogen, alle Zugänge zum jüdischen Viertel Mellah wurden militärisch bewacht. Rabat gleicht einer belagerten Stadt Ueber 100 Verhaftungen wurden vorgenommen. Die Ausschreitungen in Rabat, wo unter einer Gesamtbevölkerung von 14.000 Seelen 4000 Juden leben, haben unter der jüdischen Bevölkerung Marokkos Bestürzung hervorgerufen. Es wird darauf hingewiesen, daß erst vor kurzem auch in Casablanca antijüdische Unruhen sich ereignet haben. Es steht außer Zweifel, daß diese Unruhen von ausländischen Agitatoren geschürt werden. Deutsche Juden als Soldaten, Das Hitler-Regime hat die deutschen Staatsbürgerjüdischen Glaubens als schuldig oder doch als mitschuldig am inneren und äußeren Niedergang Deutschlands in der Kriegs- und Nachkriegszeit erklärt; es glaubt, die Berechtigung zu dieser Verleumdung hauptsächlich in der Unterstellung zu finden, die Juden bildeten mitten im deutschen Volksganzen einen mehr oder minder antinationalen, zumindest anationalen Sonderkörpen Es steht nun aber fest, daß das jüdische Blutopfer und der jüdische Beitrag am Kampfe gewaltig: und verhältnismäßig mindestens so groß waren wie die der übrigen Deutschen. Die Behauptung läßt sich an Hand zweier Bücher*) und des in ihnen enthaltenen, völlig zuverlässigen Materials leicht nachweisen. Sie erfährt übrigens auch eine mittelbare, uneingestandene Bestätigung durch den Umstand, daß Juden, die im deutschen Heere mitkämpften, und jüdische Familien, von denen Mitglieder im Felde fielen, von dem nationalsozialistischen Boykott und den weiteren Maßnahmen verschont bleiben sollen. Das „Gedenkbuch", das ein warmes Anerkennungsschreiben des Reichspräsidenten von Hindenb u r g begleitet und das von jenen Juden, die die Vaterlandstreue mit dem Tode besiegelten, zwei endlose Aufstellungen enthält, das einemal in alphabetischer Reihenfolge, in einer zweiten Anordnung als Ortsverzeichnis (mit Angaben über Wohn- und Geburtsort. Geburtsdatum. Todestag. Dienstgrad, militärische Einheit und amtliche Verlustmeldung) — diese Totenliste von erschütternder Eintönigkeit widerlegt ein für allemal den Vorwurf der Drückebergerei der Juden in schwerster Notzeit. Schon während des Krieges und kurz nachher wurde eine Zählung der jüdischen Soldaten veranstaltet, die aber in unzureichender Weise durchgeführt wurde, insbesondere die Verteilung der jüdischen Soldaten an der.. Front und in der Etappe nicht klarstellte. Da zudem die alten Vorwürfe und Verleumdungen immer wieder aufgewärmt wurden, hat der „Reichsbund jüdischer Frontsoldaten" die Namen seiner gefallenen Kameraden nun nochmals und gründlicher sammeln müssen. Diese „Judenzählung", die unter der Assistenz des Spandauer Zentralnachweisamtes für Kriegerverluste und Krieger-, gräber bereinigt wurde, hat nun aber ergeben, daß der Kriegerveriust der deutschen Juden 12.000 Gefallene beträgt. 10.060 Namen konnten durch die Verlustkarteien des Spandauer Amtes nachgewiesen werden, die übrigen wurden sonstwie identifiziert 322 Offiziere und 185 Sanitätsoffiziere befinden sich darunter. Es werden ihrer im ganzen wohl noch mehr gewesen sein, denn, wie überall, konnte auch hier eine große Anzahl von unbezweifelbaren Kriegsopfern nicht erfaßt werden, weil sie bei ihrem Ableben in keinem Militärverhältnis mehr standen. Von den im Jahre 1914 lebenden 555.000 reichsdeutschen Juden haben zusammen ungefähr 100.000 Mann während des Krieges in Heer. Marine und Schutztruppen gedient Vergleicht man diese Ziffern mit den deutschen Gesamtzahlen, so erhellt für beide Bevölkerungsmassen das gleiche Verhältnis, nämlich von etwas über 2.1 Prozent von der Zahl der Kriegersterbefälle zur Gesamtbevölkerung. Der jüdische *) „Die jüdischen Gefallenen des deutschen Heeres, der deutschen Marine und der deutschen Schutztruppen. 1914—1918". Ein Gedenkbuch, herausgegeben vom Reichsbund jüdischer Frontsoldaten. 424 S. (Verlag „Der Schild". Berlin 1932.) „Jüdische Flieger im Weltkrieg." Von Felix A. Theilhabe r. 124 S. (Verlag „Der Schild", Berlin 1924. Mit einem Nachtrag 1932.)

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