Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 22 (2.6.1933)
- Date
- 1933-06-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 5 ÄP^ÄSTHINI IHOTEL m ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahizeitenzwang Die Bruderhand. Das französische Kabinett befaßte sich in seiner Sitzung vom 24. Mai mit der Frage der nach Frankreich gekommenen deutschen Juden, deren Zahl amtlich auf 25.000 geschätzt wird. Es wurde beschlossen, in Zusammenarbeit mit den sich mit jüdischer Flüchtlingsfürsorge befassenden Organisationen geeignete Maßnahmen zu treffen, um Existenzmöglichkeiten für jüdische Einwanderer zu scharfen. Der Bund der jüdischen Gemeinden in Jugoslawien organisiert in alten Gemeinden Ausschüsse zur Hilfeleistung für die deutschen Juden. Die Ausschüsse befassen sich hauptsächlich mit der Beschaffung von Unterkünften und mit der Verköstigung mittelloser Juden aus Deutschland. « Am 4. Juni wird in Riga eine gemeinsame Konferenz von Vertretern der Judenheiten Lettlands, Litauens und Estlands stattfinden, auf der zur Lage der Juden in Deutschland Stellung genommen und über ein gemeinsames Vorgehen bei der Organisierung der Hilfs¬ und Abwehraktionen beraten werden soll. Eine Delegation angesehener libanesischer Kaufleute hat sich an den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Beirut Salim H a r r a r i mit der Bitte gewandt, seinen Einfluß bei der Jewish Agency dahin geltend zu machen, daß ein Teil des jüdischen Auswanderungsstromes aus Deutschland nach dem Libanon-Gebiete gelenkt werde. Der Sprecher der Delegation erklärte, das Libanon-Gebiet brauche die Energie und den Unternehmungsgeist der fleißigen deutschen Juden, um zu wirtschaftlicher Blüte gelangen zu können. „Haben unsere Pflicht getan.. Während man im „Dritten Reich" in unmenschlicher, geradezu sadistischer Weise alle Sportler jüdischen Glaubens, ungeachtet ihrer hervorragenden Verdienste für die Heimat, auszumerzen trachtet und ihnen mit einem Federstrich jede weitere Möglichkeit zur Erringung sportlicher Ehren, auch über die Grenzen hinaus, nehmen will (siehe Fall Prenn usw.), hat sich in den letzten Tagen in Budapest eine Begebenheit zugetragen, die unbedingt verdient, mehr als es der trockene Zeitungsbericht imstande ist, gewürdigt zu werden, und das schon aus dem Grunde, weil dieser Vorfall zur Genüge beweist, daß es doch noch Länder gibt, in welchen man den Sportsmann nicht nach seiner Konfession, sondern nur nach seinen Leistungen beurteilt und ehrt. Das ungarische Wasserball - Fohlenteam, welches kürzlich von seiner erfolgreichen Tournee durch Deutschland nach Budapest zurückkehrte, begab sich vom Bahnhof direkt zu dem Grabe Bela Komjadis, woselbst es einen Kranz mit der Aufschrift: „Haben unsere Pflicht getan" niederlegte. Wer war nun Bela Komjadi? Komjadi war der vor kurzer Zeit verstorbene Begründer und Organisator der ungarischen Wasserball-Weltmacht und seines Glaubens nach — Jude, welch letzteres Faktum vollständig genügen würde, um ihn, hätte er in Deutschland gelebt, trotz seiner unvergänglichen Verdienste all sein Wirken abzuerkennen. Doch, wie gesagt, nicht jedes Land — wenn es auch nicht auf jener angeblichen ..Kulturstufe" wie Deutschland steht — ist mit Haß gegenüber seinen Söhnen jüdischer Konfession durchtränkt. Diesen Beweis haben nun die ungarischen Wasserballer über das Grab ihres Führers hinaus erbracht und es überkommt einem ein eigenartiges Gefühl, wenn man das Bild sieht, auf welchem diese jungen Leute in Ehrfurcht um das mit Blumen über und über geschmückte Ehrengrab Bela Komjadis stehen, der ein — Jude war. „Haben unsere Pflicht getan," lautet die schlichte und doch so vielsagende Kranzinschrift! Jawohl, sie haben ihre Pflicht getan, die braven Wasserballer, und das nicht nur als Sportmänner, sondern in erster Linie als Kavaliere und — Menschen! ... Sulfur. Die Versammlungskampagne der „Union" geht unvermindert weiter. In den letzten Wochen fanden u. a. Versammlungen in der Leopoldstadt, in Margareten, in der Josefstadt, in Hietzing und Währing statt, die alle durchwegs gut besucht waren. Außer den in unserem letzten Berichte genannten Referenten sprachen in diesen Versammlungen u. a. Börserat I. Glück über „Die Situation im Kultusvorstande" und der Vizepräsident der „Union", Dr. Karl Steiner, über „Die Juden in Not", Referate, die allseits großes Interesse fanden. Im übrigen bekunden auch zionistische Ruhestörer in den letzten Tagen aufgeregtes Interesse für unsere Versammlungen, die sie in der mißlungenen Absicht besuchten, Krawall zu machen. Man wurde mit den Herrschaften, die in dieser Zeit nichts Besseres zu tun haben, als jüdische Versammlungen zu stören, sehr bald fertig. Diese Elemente haben wahrlich zur Genüge Gelegenheit, sich in ihren eigenen Versammlungen auszuschreien, deren es jetzt, wie der untenstehende Jta-Bericht beweist, angesichts der Wahlkampagne zum XVIII. Zionistenkongreß gerade genug gibt. Die nächsten Versammlungen der „Union" finden statt: Dienstag, den 6. Juni, 8 Uhr abends, im großen Sitzungssaal des Amtshauses, XVII., Eiterleinplatz 14 (Referenten: Reg.-Rat Dr. Max Lenk und Dr. E. Feldsberg). Mittwoch, den 7. Juni, 8 Uhr abends, im Restaurant Kohn, XX- Heinzelmanngasse 1 (Referenten: Geza Klinger und Reg.-Rat Dr. Max Lenk). Donnerstag, den 8. Juni, 'AS Uhr abends, im Cafe Döblingerhof, XIX, BillrothstraBe 49 (Referenten: Dr. Karl Steiner und Dr. E. Feldsberg). * Die zionistische ..Einigkeit". Die Ita berichtet: Die Wahlkampagne zum 18. Zionistenkongreß hat in Oesterreich bei allen zionistischen Gruppen mit großer Intensität eingesetzt. Der Schekelverkauf wird von allen Gruppen mit besonderem Nachdruck betrieben. Schon während dieser Vorarbeiten zur eigentlichen Wahlkampagne tritt der Wettbewerb der zionistischen Parteien stark in Erscheinung; AUe Richtungen haben ihre bedeutendsten Redner nach Oesterreich dirigiert. Die eigentliche Versammlungskampagine wurde von der zionistischen Linken, den Vereinigten Parteien Poale Zion und Hitachduth mit einem Vortrag des Führers der palästinensischen Arbeiterschaft Ben Gurion eröffnet. In ihrem Wahlkampi wendet sich die zionistische Linke fast ausschließlich gegen den Revisionismus, insbesondere gegen die von Jabotinsky geführte Richtung. Die Allgemeinen Zionisten halten Woche für Woche zahlreiche kleinere Versammlungen ab. Besonders intensiv ist diesmal die Versammlungstätigkeit der Radikalen Zionisten. die u. a. große Gastvorträge der radikalen Führer Jizchak Grünbaum und Dp. Nahum G o 1 d m a n n veranstalteten. Der österreichische M i s r a c h i hat sich iür die Propagandaarbeit das Mitglied der Jerusalemer Zentrale Rabbi F i s h m a n verschrieben, der in zahlreichen misrachistischen Versammlungen als Redner auftritt. Die beiden revisionistischen Gruppen marschieren vorläufig getrennt. Zwischen den Anhängern der Jabotinsky- Richtung und den von Robert Stricker geführten Anhängern der Großman-Exekutive bestehen keine Berührungspunkte. Die ersteren haben nunmehr durch Herausgabe eines eigenen Wochenblattes „Der Judenstaat" und durch Veranstaltung einer vieltausendköpfigen Versammlung im Wiener Konzerthaussaal mit Jabotinsky als Redner eine großzügige Propagandaarbeit eröffnet. Die Bemühungen, beide Richtungen wieder zu einer revisionistischen Einheitsfront zusammenzuschließen, werden inzwischen fortgesetzt. Auch führende Persönlichkeiten des Allgemeinen Zionismus in Palästina vermitteln in der Richtung, daß zumindest eine revisionistiche Einheitsliste für den Kongreß zustandegebracht werde. Hägers Selchwaren-Restaurant Selchwaren aas der Fabrik Elsen & Hönlgsber streng orth. tot (Unter Aufsicht der Adas-Jisroel-Schiffsclml) Wlan II., Prater«traB« 33, Telephon R-47-4-49 ■enQ «ob 8 2.— aufwärts. Hochzeiten und Banketts werden bestens arrangiert Künstlerschwund in Deutschland. Die wahren Grunde der unzulässigen Brahms- Feiern. In den Tagen, da in Wien, unter Leitung des Generalmusikdirektors Furtwängler und unter Mitwirkung von musikalischen Größen, wie Hubermann, Pablo Casals, Schnabl und Hindemith — also in ganz erstklassiger Weise, ein Brahms-Fest gefeiert wurde, wie es nicht würdiger und großartiger gedacht werden kann, erregte es allgemeine Verwunderung — nicht bloß in Wien, sondern in allen Kulturzentren der Welt —, daß Deutschland und seine deutsche Geburtsstadt den Tag der hundertjährigen Wiederkehr der Geburt des letzten großen rein deutschen Komponisten, der Weltgeltung errang, nicht festlich begingen. Ursprünglich hieß es, daß die Naziregierung eine diesbezügliche Feier verboten, weil man entdeckt hätte, daß ein Vorahne Brahms' Jud gewesen wäre. Später wurde dies Nachricht dementiert. Um so erstaunter war man dann, daß doch keine offizielle Brahms-Feier im Deutschen Reich stattfand und die Eröffnungsfeier des Wiener Brahms-Festes, das bekanntlich auch unter dem Ehrenschutz des Reichspräsidenten v. Hindenburg stand und von der Ravag gesendet wurde, von den deutschen Sendern nicht übernommen wurde. Wie sich aber jetzt zeigt, entfiel in Deutschland eine repräsentative Brahms-Feier nicht aus Gründen mangelnden Wollens, vielmehr aus Mangel an entsprechend großen Künstlern. „Der Meteor" erfährt nämlich aus direktester und absolut einwandfreier Quelle, daß man sich von der Leitung der Berliner offiziellen Brahms-Feier aus, in der bekanntlich Hubermann viermal hätte auftreten sollen, an den großen Violinisten Busch nach Leipzig mit der Bitte gewendet hat, statt Hubermann zu spielen. Busch' Antwort war ebenso präzise als kurz: „Ich heiße nicht Richard Strauß!" * Auf die Freikarten kommt es an! Der Deutsche Bühnenverein hat sich von seinen Mitgliedern mit Ehrenwort zusagen lassen, daß sie künftig freie und begünstigte Theaterkarten nur reinen Ariern zugestehen. Wie man heute in Deutschland schreiben muß. Mit der Krise des deutschen Buchhandels und dem Problem seiner Reoganisierung unter Berücksichtigung der jetzt verkündeten neuen „Wertungen" befaßt sich ein im „Berliner Tageblatt" unter dem Titel „Das Buch in dieser Zeit" erschienener Artikel. Nach einem Hinweis auf die starke moralische Stellung, die der deutsche Buchhandel ein Jahrhundert lang weit über die Reichsgrenze hinaus innegehabt hat. wird die Frage aufgeworfen, welche Folgerungen der Buchhandel aus der politischen Umwälzung zu ziehen habe. Es wird an eine von Goebbels in Leipzig gehaltene Rede erinnert, in der er u. a. erklärte: „Sie brauchen nicht mehr Bücher zu drucken und zu vertreiben wie in den letzten 14 Jahren. Wir werden auch den Zeitgeschmack ändern. Man braucht sich dem Geschmack nicht zu beugen, er ist auch erziehba r." ..Der Erziehungsprozeß, wie er dem Minister vorschwebt", heißt es in dem Artikel, „wird weder kurz noch leicht sein. Gewiß, auf großen Scheiterhaufen hat die akademische Jugend Tausende von Büchern verbrannt, von deren Schädlichkeit sie durchdrungen war. Nicht jeder Deutsche aber wird 19- oder 20jährige Studenten als seine geistigen Lehrmeister anerkennen. Bedeutsamer sind schon die Richtlinien für die .Schwarzen Listen', die in den öffentlichen Büchereien Preußens gelten sollen: hier sieht man das ernste Bemühen, neue Wert- und Ausleseprinzipien (über deren Richtigkeit man natürlich streiten kann) zu erarbeiten... Dabei wird eingeräumt, daß die Asphalt-Literatur nicht nur jüdische Vertreter habe, daß nicht jeder jüdische Schriftsteller ein Asohaltliterat und nicht jeder russische Schriftsteller ein Kulturbolschewist sei." Es werden sodann zahlreiche jüdische und nichtjüdische Schriftsteller aufgezählt, die auf die „Schwarzen Listen" gesetzt wurden, obwohl sie keineswegs als Vertreter der „Asphaltliteratur" gelten können. Besonders wird Jakob Wassermann hervorgehoben, wobei folgendes anläßlich seines 60. Geburtstages an ihn gerichtete Schreiben des deutschen Dichters Hermann Hesse zitiert wird: „Ich habe in meinen jungen Jahren Ihre „Juden von Zirndorf" geliebt und habe seither eft wieder in Ihren Dichtungen jenen Klang wiedergefunden, der mich damals gewann: einen Klang von Ballade und vom Alten Testament, eine Verschwisterung von Deutschtum und von Judentum und einen ruhelosen, zähen, ebenso leidenschaftlichen wie geduldigen Ehrgeiz und Künstlerwillen." — Zum Schluß wird auf eine eben veröffentlichte Erklärung des Propagandammisteriums hingewiesen, demzufolge die bisher publizierten „Schwarzen Listen" nur vorläufigen Charakter haben, und lediglich für Bibliotheken und Leihbüchereien gelten sollen. Es wird der