Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 22 (2.6.1933)
- Date
- 1933-06-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Unerhörte Opfer sind notwendig! D'Avigdor Goldsmid appelliert an die Juden Amerikas. III t II Uli Hill m Anläßlich der Eröffnung der American Palestine Campaign hielt der Vorsitzende des Council der Jewish Agency und ehemaliger Vorsitzende des englischen Board of Deputies O. E. d'Avigdor Goldsmid eine Ansprache, in der er die Lage der Juden in Deutschland schilderte und an die Zuhörer den eindringlichen Appell richtete, jene unerhörten Opfer zu bringen, die im Hinblick auf die Größe der Katastrophe notwendig seien, um die Rettungsaktion für die deutschen Juden, in der auch Palästina eine große Rolle spielen wird, durchführen zu können. „Eine Flut von Auswanderern strömt aus Deutschland", erklärte d'Avigdor Goldsmid u. a. „und niemand kann voraussagen, um wieviel größer die Zahl der Flüchtlinge in der Zukunft noch sein wird. Aber auch, wenn wir nur mit der Zahl von Juden rechnen, die heute bereits Deutschland verlassen haben, ist es notwendig, der Jewish Agency jene Mittel zur Verfügung zu stellen, mit deren Hilfe es möglich sein wird, allen, die dies wollen, eine Heimstätte in Palästina zu schaffen. Ich weiß wohl, fuhr d'Avigdor Goldsmid fort, daß Amerika heute schwere Zeiten durchzumachen hat. Aber wir stehen in Deutschland vor einer Tragödie, die zwar nicht einzig in ihrer Art ist, für die man aber Vergleichbares nur findet, wenn man um hundert Jahre in der Geschichte zurückgeht, bis in die Zeiten des Mittelalters, biszurVertreibungder Juden aus Spanien. Von jener Vertreibung war eine wesentlich kleinere Zahl von Juden betroffen als heute von den Vorgängen in Deutschland und die Welt war damals von dem, was geschah, nicht so vollständig unterrichtet, wie sie es heute von dem, was jetzt geschieht, ist. Wir seilen eine tragische Situation, unerhört in unserem bisherigen Leben und im Leben unserer Väter und Großväter. Ich glaube, daß einige von uns, ja die meisten von uns, wenn sie diese Situation meistern wollen, bereit sein müssen, nicht nur von ihrem Einkommen zu opfern, sondern auch Teile ihres Vermögens hinzugeben, damit die Verpflichtungen, die uns auferlegt sind, erfüllt werden können. Wir dürfen nicht zulassen, daß unsere Glaubensgenossen vor Hunger oder durch Geschehnisse, an denen sie keinerlei Schuld tragen, zugrundegehen. Unerhörte Opfer sind notwendig, um einer einzigartigen Situation gerecht zu werden." Notaktion in Palästina, aber niemals Verzicht auf Gleichberechtigung in den Wohniändern. — Rede des Präsidenten der Zionistischen Organisation Amerikas. Nach d'Avigdor Goldsmid ergriff der Präsident der Zionistischen Organisation Amerikas, Morris Rothenberg, das Wort, der u. a. ausführte: Wenn auch Palästina keine vollständige Lösung für die materielle Seite der Judenfrage bietet, so stellt es doch die aussichtsreichste Lösungsmöglichkeit für Hunderttausende unserer Volksgenossen, die eine Zufluchtsstätte suchen und nach einem bewußt jüdischen Leben Sehnsucht tragen, dar. Alle anderen Einwanderungsländer haben ihre Tore geschlossen. Jene edle Tradition, die diesem und anderen aufgeklärten Ländern lange Zeit hindurch zur Ehre gereichte, die Tradition, die Tore für alle Unterdrückten und Enterbten der Erde offenzuhalten, ist unter der Herrschaft einer neuen Auffassung der Zivilisation aufgeben worden. Die Juden, erklärte Rothenberg, werden niemals auf das unverlierbare Recht verzichten, mit allen anderen Bürgern ihrer Geburt oder Wahl gleichgestellt zu leben und dieselben Privilegien zu genießen wie jene. Es kann aber nicht der Aufgabe aus dem Weg gegangen werden, eine Lösung für Hunderttausende zu finden, die dem auf sie ausgeübten Druck weichen müssen oder deren Existenz durch wirtschaftliche Diskriminierung untergraben worden ist. MÖBEL »■«■»»■•■■■■•■■■■■»■■■■•••»*•■■■■■■■ ■■■■■■•» Dreierlei Deutschtum. Wir wollen hier von dreierlei Deutschen sprechen: von Reichs- oder Hitler-Deutschen, von österreichischen und Auslanddeutschen. Es ist eine unbestrittene Tatsache, daß sie alle drei auf ihre Art ihr Deutschtum lieben. Auch jene lieben das Deutschtum, denen die Nazi jeden Patriotismus absprechen. Allein wie alle drei ihren Patriotismus zum Ausdrucke bringen, das ist grundverschieden. Das Hitler-Deutschtum trompetet durch alle Welt die Weise der Sieger: „Wir sind wir!" Sie stecken ihre Widersacher in Konzentrationslager, sie sperren mißliebige Redaktionen, errichten Autodafes für „unmoralische" Bücher, deren Unmoral darin liegt, daß die Autoren derselben nicht „ihre Wege" glorifizieren, sie setzen Minister ab, stellen hohe Persönlichkeiten unter Anklage und werfen führende Gelehrte hinaus, kurz sie üben „Vergeltung"... Und wer gegen ihr Regime protestiert, wird als Greuelverbreiter verlästert und abgeurteilt... Ihrer ist das Reich, ihrer das „Recht"! Die österreichischen Deutschen beteuern ebenfalls, daß sie gute Deutsche sind, was gewiß nicht angezweifelt werden kann, allein sie negieren das preußische Hurra-Deutschtum. Deutschösterreichs Justizminister Dr. Schuschnigg sagte es auf dem christÜchsozMen Parteitag klipp und klar: „Sicher können unsere Brüder im Reich mit sehr viel innerer Berechtigung eine Rückgabe ihrer Kolonien fordern, aber esgibtkeineKolonie Oesterreich. Nie, niemals!" . . . Oesterreich kann und darf sich vernunftgemäß nicht wie Deutschland die Gunst der Welt verscherzen. Nun kommt das „Erwachen" des Sudetendeutschtums — ein Erwachen aber mit Kopfschmerz. Denn dieste Deutschen gehen den dornenvollsten Weg. Abg. Ing. Rudolf Jung erklärt in der erweiterten Gesamtleitung der DRSAP in Prag: „Wir verhalten uns nur vollkommen korrekt, wenn wir heute, wie damals, uns in die inneren Vorgänge im Reiche, die wir als Revolution ansehen, nicht einmengen. Wir können dies aber auch gar nicht usw." Diese Erklärung aber nimmt die tschechische Regierung nicht zur Kenntnis, sie traut dem Frieden nicht! Jeder Staat will sich eben vor der Flut des Hitlertums schützen. Das Tragikomische aber ist, daß die Deutschen im Reiche in unzähligien Fällen die Sudetendeutschen als — man höre und staune — Tschechen verschreien! Mögen die Sudetendeutschen ihr Herzblut für das Deutschtum willig hingeben, man glaubt ihnen im„DrittenReiche" nicht und damit —basta! Man glaubt ihnen nicht, wie man vom Juden im Reiche behauptet: Wenn der Jude deutsch schreibt, lügt er. Egerer Deutsche, also Menschen, die für ihr Deutschtum mit Leib und Seele seit jeher kämpften, erfahren im Reich unerhörte Ablehnung! Am schmerzlichsten empfinden die deutsche Ablehnung die Kurhausbesitzer in den westböhmischen Bädern. Kaum rüstet man sich für die Saison, setzt schon die Hetze gegen den Besuch von Karlsbad, Marienbad und Franzensbad ein. Sogar die „Egerer Zeitung", die, wie viele andere Blätter, früher liberal und nun nationalsozialistisch orientiert ist, ist gezwungen, u. a. zu berichten: „Wenn der beanstandete Reichsdeutsche in einem Blatt in! Bad Elster einen Artikel veröffentlicht mit dem Haupttenor: „Ich halte es für meine ärztliche Pflicht (!), in meinen ärztlichen Organisationen und in der Presse vor einem ,Besuch der tschechoslowakischen Bäder' zu warnen", so ist dies ein höchst bedauerliches Vorgehen und liefert nur den Beweis, daß der reichsdeutsche Arzt leider sein persönliches, wenn noch so berechtigtes Mißvergnügen über die Gebote des nationalen Zusammengehörigkeitsgefühles stellt." Es ist ein selbstmörderisches Beginnen für alle Deutschgesinnten, den trommelnden Hitlerlegionen nachzujagen. Insbesondere Oesterreich und den Sudetenländern kommt kein Heil von diesem Lager. R. N. Coudenhove-Kalergi, der Propagator der Pan-Europa-Bewegung, sagte in einem Artikel „Europäische Menschen": „Der Boykott der deutschen Juden war ein trauriges Zeichen dieser Gesinnung. Doppelt traurig, weil er von einem Volk ausging, dessen Schicksal in mancher Hinsicht dem jüdischen Schicksal gleicht. Auch das deutsche Volk, eines der ersten und genialsten, Nedern« KQchen- Vorzlmmer- Wohnzlmmer- F. KOHNf Wien II., TABORSTRASSE Nr. 22 Telephon R 40-7-14 Samstag geschlossen — Angeschlossen der „Schomra" m wird von ungerechtem Haß verfolgt: mehr wegen seiner guten als wegen seiner schlechten Eigenschaften." Diese Lehre des hocharistokratischen Edelmannes wird dar Hitlerismus bestimmt nicht akzeptieren, denn er fühlt sich berufen, Lehren in die Welt zu setzen, die angeblich höher stehen als alles, was vor diesen Aposteln der Moral gelehrt wurde; die Lehre Coudenhove-Kalergis aber mögen jene Deutschen beherzigen, die noch nicht den Blick von Haß verdunkelt haben. Armin W i 1 k o w i t s c h, Eger. Gegenüber einer Unmenge von Zuschriften, in denen es kritisiert wird, daß „Die Wahrheit" auf den Artikel „Mauschel" in der „Stimme" und den Artikel „Jetzt oder nie!" in der „Neuen Welt" nicht reagiert hat, stellen wir folgendes fest: Beide Aufsätze, in denen die „Assimilanten" in empörender Weise beschimpft werden und die Forderung nach „Demaskierung und Demolierung der Assimilation" aufgestellt wird, hätten es wohl verdient, auch publizistisch mit aller Schärfe behandelt zu werden. Wir finden es aber, wenn uns auch „Die Neue Welt" als „Träger der Würdelosigkeit" bezeichnet, unter unserer Würde, in dieser für die Gesamtjudenschaft so ernsten Zeit der Welt das Schauspiel des Bruderkampfes zu bieten. Wir wollen den Jüdischnationalen einen solchen „Verzicht auf Ehre" gerne überlassen, und sind überzeugt, daß die österreichische Judenschaft unseren Standpunkt billigen wird, daß wir in diesen schicksalsschweren Tagen größere Sorgen haben, als Leute zurecht zu weisen, die öffentlich in infamer Weise ihr eigenes Nest beschmutzen. Die Redaktion der „Wahrheit". Eine Bosheit. Es gibt nicht nur Judenstämmlinge, die laut „Juda verrecke" rufen und sich für Urgermanen ausgeben, sondern auch Arier, die es gar nicht nötig haben, zu antisemitein und denen man leicht den Mund stopfen kann. Da machte sich kürzlich in einem Wiener Unternehmen ein aus tadelloser Familie stammender Herr mit akademischem Grad, der auch über fabelhafte gesellschaftliche Beziehungen verfügt." über die Juden lustig. Es wird noch immer von vielen Leuten der irrigen Anschauung gehuldigt, der Antisemitismus wäre für den dummen Kerl charakteristisch. Diese Auffassung ist ganz unrichtig, die Judenfeindschaft ist heute eine Geisteskrankheit, die unabhängig von der Bildung und dem Wissen des von ihr Befallenen auftritt. Also der wohlerzogene und gebildete Herr mit akademischem Grad versucht zu jüdeln und gebärdete sich gar nicht wie ein intelligenter Mensch, der auf eine gute Kinderstube zurückblicken kann. Da fragte ihn ein junger Mann ganz unvermittelt, ob er mit einem bekannten Architekten der liberalen Aera verwandt wäre. „Gewiß," sagte der wohlerzogene intelligente Herr freudig überrascht, „das war mein Großvater". „Ich habe nämlich gestern ein schönes Oelgemälde, das ihn darstellt, gesehen," fuhr der junge Mann fort „Wo denn," fragte der wohlerzogene Herr eifrig, „vielleicht im Ingenieur- und Architektenverein?" „Nein," sagte der junge Mann und grinste, „im Jüdischen Museum". Alles war fassungslos, der intelligente Herr schluckte ein wenig, dann sagte er: „Ja, ja, ich erinnere: mich, das Bild wurde vor vielen Jahren der Kultusgemeinde über ihren Wunsch zur Verfügung gestellt." Er brachte das Gespräch auf ein anderes Thema und empfahl sich bald. Die Geschichte war ihm sichtlich unangenehm. Denn der Großvater, dessen Bild im Jüdischen Museum hängt, war der bekannte Architekt L. v. Förster, nach dessen Plänen der große Tempel in der Tempelgasse gebaut wurde. Viennensis.