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Die Wahrheit · 1933-06-02 · Heft 22 (2.6.1933) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 22 (2.6.1933)
Date
1933-06-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT BAD GASTON Pension Villa Dr.Wassing an der Kaiser-Wilhelm-Promenade Miet- und Badehaus mit Dependance in landschaftlich reizvoller, ruhiger Lage. S5 Zimmer, {liebendes wärmet and kaltes Walter. Zentralheizung, Fahrstuhl. Telephon im Zimmer. Gesellschaftsräume. Garten, Terrasse. Fernspreeher: Nummer 448. Besitzer: OBERMEDIZINALRAT DR. WASSING Freunde die Propaganda für Oesterreich entgegensetzen, dessen landschaftliche Schönheit einen angenehmeren Aufenthalt verbürgt als das haßdurchtränkte Deutschlands. Das ist wahre österreichische Arbeit, zu deren Leistung in diesen schicksalsschweren Tagen die österreichische Regierung alle Staatsbürger auffordert Es ist unerfindlich — und auch das sei mit einigen "Zeilen abgetan —, warum diese Arbeit, wenn sie von Juden vollbracht wird, hämische Kritik in Kreisen findet, die absolut nicht nationalsozialistisch sind. Wir meinen die „Arbeiter- Zeitung", die sich in letzter Zeit wiederholt dumm-dreiste Antisemiteleien erlaubt. Schildert die freiheitliche Presse den kürzlich stattgehabten Heimwehraufmarsch nicht so abfällig, wie es das Zentralorgan der österreichischen Sozialdemokratie gerne haben möchte, dann ist das „die Gesinnung des jüdischen Bourgeois". Bringt ein Montagblatt die — übrigens sofort dementierte — Nachricht von einem geplanten Aufmarsch des Bundes jüdischer Frontkämpfer, dann wird das Blatt sofort zum „jüdischen Offiziosus der Regierung" und der Aufmarsch selbst entspringt der „Angst der Juden von dem braunen Faschismus". Sich der leichten Mühe zu entziehen, die Nachricht auf ihre Richtigkeit zu prüfen, das fällt der „Arbeiter-Zeitung" nicht ein, lieber hängt sie ihrer kleinlichen Kritik an dieser unrichtigen Meldung noch eine vollkommen bei den Haaren herbeigezogene Nachricht über eine Beratung in der Kultusgemeinde (!) an, in der die Stellungnahme der Juden zur „Vaterländischen Front" besprochen worden sein soll. Mit solchen Mätzchen will man Schwierigkeiten bereiten, die wahrlich nicht am Platze sind. Und nun noch ein Wort über die Tagung des Völkerbundrates, in der die Petition des Juden Bern heim wegen Verletzung der Minderheitsbestimmungen des deutsch-polnischen Oberschlesien-Vertrages zur Sprache gelangte. Wir glauben nicht, daß die Wirkung dieser Beratung, die angeblich in der Zurückziehung der judenfeindlichen Verordnungen für Oberschlesien bestehen soll, Grund zur restlosen Befriedigung geben kann. Vor allem würde es sich hier nur um das Fallenlassen judenfeindlicher Maßnahmen für einen kleinen Teil des deutschen Gebietes handeln, im übrigen spricht die „Vossische Zeitung", der wir diesie Anordnung des preußischen Justizministers entnehmen, nur von einer „vorläufigen Maßnahme". Die Lage tausender deutscher Juden bleibt also nach wie vor die denkbar furchtbarste und auch den oberschlesischen Juden scheint man nur eine Atempause zu gönnen. Die Beratungen in Genf selbst gingen zunächst lange in camera caritatis vor sich, der deutsche Gesandte von Keller wußte es bis zum letzten Moment durch verlogene Erklärungen zu verhindern, daß eine öffentliche Diskussion im Rate erfolgte. Schließlich aber scheinen die Genfer Herren dieser Verschleppungsmanöver überdrüssig geworden zu sein und sie nahmen mit allen Stimmen gegen die Deutschlands die vom irischen Delegierten Lester ausgearbeitete Resolution an, in welcher festgestellt wird, daß Deutschland die Genfer Konvention über Oberschlesien verletzt hat, da es in Oberschlesien Gesetze anwandte, die mit den Verpflichtungen der Minderheiten-Konvention unvereinbar sind. Die deutsche Regierung soll daher die Gültigkeit dieser Gesetze in Oberscblesien aufheben und die um ihre Stellung gekommenen Juden unverzüglich wieder in ihre Positionen einsetzen. £eififfefoii Im Asyl. Die Arbeit des holländischen Hilfskomitees. Originalbericht aus Amsterdam. „Wieviele Flüchtlinge gibt's hier?" Keiner kann auf diese Frage Antwort geben. Und die es wissen, sind unerreichbar, haben alle Hände voll zu tun; man schämt sich, es sie zu fragen. Im Komitee sitzen Menschen, die sich mit Leib und Seele für die Flüchtlinge zur Verfügung gestellt haben. Die Namen Herzberger, Eilje, Frau van Tyn, Prof. Freitag u. a. m. sind hier die meistgenannten, volkstümlichsten, sowohl bei den Einheimischen wie bei den Flüchtlingen. Sie arbeiten sehr schwer, denn mit den Flüchtlingen wird man nicht so leicht fertig. Es kommen Leute mit deutschen, polnischen, rumänischen, ungarischen, staatenlosen usw. Pässen. Eine beträchtliche Anzahl von ihnen hat überhaupt keine Pässe. Die Dokumente selbst sind auch meist in Unordnung. Anfangs waren die Leute vom Komitee sehr aufgebracht über diese Zustände. Mit der Zeit aber haben sie sich daran gewöhnt: sie haben sich überhaupt an manches gewöhnen müssen. Nach und nach verwandelten sich die Feinstfühlenden in „preußische Feldwebel"... Es ist unmöglich, tausenden Wünschen zu entsprechen, die „Masse" individuell zu behandeln. Jeder aber glaubt, daß seine Sache am dringendsten ist. Die Flüchtlinge wollen Arbeit, wollen das Ziel ENORME AUSWAHL BILLIGSTE PREISE tffP l#5 5>#*' % TEPPICHE VORHÄNGE MÖBELSTOrrE, DECKEN I NUR I., BAVERNNARIiT 12-14Jj Ein Juristenausschuß des Völkerbundes wurde beauftragt, inkürzesterFrist einen Bericht zu erstatten, nach dessen Fertigstellung der Völkerbundrat neuerlich zu der Sache Stellung nehmen wird. Es wurde im Völkerbund, bezeichnenderweise von dem Vertreter Polens, auch davon gesprochen, daß die neuen Herren Deutschlands in ihrem ganzen Machtbereiche Gesetze anwenden, die mit den höchsten Verpflichtungen dieses Völkerbundes, nämlich denen der Menschlichkeit, unvereinbar sind. Auch auf einer anderen internationalen Tagung ist jüngst davon die Rede gewesen, auf dem Kongreß des Pein-Klubs in Ragusa. Noch wissen wir nicht, welche Gründe der jüdischnationale Herr Felix Saiten, der Vertreter Oesterreichs, für seine zweideutige Haltung auf diesem Kongreß ins Treffen führen wird. Nach den Berichten zu schließen, hat er den in weitesten Literaturkreisen völlig unbekannten deutschen Delegierten nicht allzu wehe tun wollen. Tat er es, damit sein Name auf der „Schwarzen Liste" der in Deutschland verfemten jüdischen Schriftsteller, die nach der letzten Erklärung des Naziministeriums noch lange nicht vollständig ist, ja nicht aufscheine? Wir warten, Herr Saiten, auf Ihre Erklärung und werden uns wahrlich mit lendenlahmen Beruhigungsfloskeln nicht begnügen. So schließt diese Umschau in bitteren Zeiten mit einer Erbitterung, die wahrlich auch anderen Juden gegenüber am Platze ist. Mit welchen Gefühlen denn soll man es aufnehmen, wenn in diesen Tagen, da Einigkeit notwendig ist, sich immer wieder jüdische Menschen finden, die ihre andersgesinnten Brüder mit Spott und Hohn verfolgen? Die Jüdischnationalen, die in ihrem jetzigen Kongreß-Wahlkampf zur Genüge ihre eigene Uneinigkeit dokumentieren, beschimpfen auch noch, wie an anderer Stelle zu lesen, die „andere Seite" in der unerhörtesten Weise. Das wird den Herren unvergessen bleiben. o. h. Die Juden in Österreich Unter diesem Titel (Untertitel „Schädlinge oder wertvolle Staatsbürger?") veröffentlicht Socius in den Wiener Volksschriften", XIII., Leegasse 1 (Telephon R 38-4-64) in den nächsten Tagen eine sehr bemerkenswerte und aufschlußreiche Broschüre. Mit Genehmigung des Verfassers bringen wir nachstehend das letzte KapiteL das die Ueberschrift „Zusammengefaßt" trägt: I. Die Juden Oesterreichs fallen niemandem zur Last Sie bestreiten ihre Armenpflege allein und beziehen nicht einmal die ihnen gebührenden gesetzlichen Zuschüsse für die Kultusgemeinden. Unter den 1,5 Millionen Menschen, die in Oesterreich von öffentlichen Geldern leben, befinden sich so gut wie gar keine Juden. Ebensowenig nimmt in irgendeinem der nicht Juden gehörigen Privatunternehmungen ein Jude einem Arier einen Arbeitsplatz weg. II. Hingegen erhalten die ca. 40.000 selbständigen Juden an christlichen Arbeitnehmern: Im Detailhandel ca. 50.000; in der Industrie (jüdische Familienbetriebe, ohne die Aktiengesellschaften) ca. 70.000; im Großhandel und Export ca. 50.000; in häuslichen Diensten ca. 30.000; in öffentlichen Lovor Augen sehen, aber außer Obdach, Essen und sogar geistige Anregung kann und darf ihnen das Komitee nichts geben. In Holland herrscht Arbeitslosigkeit. Die meisten ziehen nach ein paar Wochen weiter. Der Weg geht über Belgien und Frankreich. Mag der Abschied voneinander noch so warm sein, die Abziehenden lassen nichts mehr von sich hören wie Verschollene. Andere wieder melden sich im Komitee ab und arbeiten „auf eigene Faust". Trotz strengsten Verbots gelingt es einzelnen, durch Fürsprache, Bürgen und Verwandte irgendwo zu landen, Fuß zu fassen. Aber es sind, wie gesagt, einzelne, die noch etwas Kapital besitzen und dazu noch ein besonderes Glück haben. Die große Masse jedoch lebt in Ungewißheit, und was das für die noch gestern tüchtigsten Händler, Kaufleute, Studenten und sonstige Intellektuelle bedeutet, ist unbeschreiblich. Hinzu kommen noch — die Briefe aus Deutschland, die mit unzähligen Fragen über die Lage und Geschäftsverhältnisse im Ausland ausgefüllt sind. Alle können nicht schnell genug liquidieren; sie sind schon mit einem Fuß im Auslande. Durch Abraten verschafft man sich nur Feinde. „Ihr könnt ja schön reden," heißt es in den Briefen, „weil ihr euch in Sicherheit befindet". In Rußland, Polen oder Rumänien hätten sie sich mit den „Tatsachen" abgefunden, das Land der Dichter und Denker aber hat ihnen eine schreckliche, furchtbare Enttäuschung bereitet. Sie lassen sich nichts sagen, nichts „einreden" und „ausreden"; der Schrecken sitzt ihnen in den Knochen ... Ich habe mit vielen Flüchtlingen gesprochen. Die Ausgestoßenen und Beleidigten wollen und können nicht mehr nach „Deutschland 1933" zurück. Sie haben alle den festen Glauben ans deutsche Volk und Vaterland und sind durchwegs der Ueberzeugung,' daß der jetzige Zustand nicht von Dauer sein wird. Man hört im allgemeinen: Ich gehe solange — vorübergehend — vorläufig — oder ganz einfach — bis der Rummel aus ist — da oder dorthin. Mit Erbitterung sprechen sie von Palästina. Sie wissen, daß dies gelobte Land reserviert ist für die Auserwählten — der Auserwählten; entweder muß man viel Geld oder die vorgeschriebene! Chaluz-Vorbildung besitzen. Die holländischen Juden sind gute Menschen, sie tun alles, was in ihrer Macht liegt, sie geben mehr, als ihre Verhältnisse es gestatten, um den Flüchtlingen zu helfen. Lehrer aller Fächer bieten sich freiwillig im Unterricht an; Kino- und Theaterbesitzer stellen tausende Gratiskarten. Fabrikanten tausende Schachteln Zigaretten und andere Artikel zur Verfügung. Vereine veranstalten „Abende", „Kurse" und Vorlesungen. Außerdem stehen fast alle jüdische Heime den Flüchtlingen offen. Alles kann der Flüchtling haben — nur kein Niederlassungsrecht. In diesem Falle rät ihm der holländische Jude, nach Belgien, Frankreich oder nach Spanien zu gehen. Er versucht ihn zu überzeugen, daß es überall in der Welt besser ist als in Holland .. . Wahrscheinlich sagen die dortigen Juden von ihrem Heimatland dasselbe. Moka.

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