Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 22 (2.6.1933)
- Date
- 1933-06-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 40 Groschen Jüdische Die bbcinrlieil Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 49. Jahrgang Wien, 2. Juni 1933 Nummer 22 Umschau. Wir leben in einer aufgeregten Zeit. Jeder 'lag bringt neue Sensationen, die die des Vortages, die schon unüberbietbar schienen, bei weitem übertreffen. Der Leser der Tageszeitungen — und wer ist das heute nicht? — nimmt sein Blatt jetzt nur mehr mit Gefühlen der Bangigkeit in die Hand. Wird die Nachricht, die ihn gestern hofmungsfreudiger stimmte, nicht heute durch eine Meldung überholt werden, die all seinen Optimismus zerstört? Wird die Erschütterung, die ihn gestern bei der Lektüre der letzten „Greuelnachrichten" aus dem Hitlerreiche befallen hat, nicht heute noch erhöht werden beim Lesen der neuesten Meldungen aus dem „Dritten Reiche", die die gestrigen weit in den Schatten stellen. Das sind so die Gefühle des Lesers von Tageszeitungen. Ein Wochenblatt aber hat es in diesen Zeiten wahrlich sehr schwer. Die Nachricht, die es am Erscheinungstage publiziert, wird, wenn nicht manchmal am gleichen Tage, so oft recht bald darauf durch die Meldungen seiner Kollegen von der Tagespresse überholt oder überboten. So bleibt dem Redakteur des politischen Wochenblattes nur der Ausweg des kritischen Rückblickes auf die Ereignisse der letzten Woche übrig, von denen seine Leser, die aller Wahrscheinlichkeit nach in diesen Zeiten auch fleißige Leser der Tagespresse sind, schon Kenntnis aus der Lektüre derselben erhalten haben. Wir wollen auch nicht behaupten, daß durch einen solchen Rückblick die Möglichkeit gegeben wird, festzustellen, wo wir stehen. Die Ereignisse überstürzen sich allzu sehr und das, was gestern galt, gilt heute nicht mehr. Aber ungefähr wenigstens kann durch eine solche Umschau die Situation beleuchtet werden, in der — für unseren Fall — sich die Juden und vornehmlich die österreichischen Juden befinden. Das Schicksal unserer Gemeinschaft bewegt in diesen Tagen die ganze Welt, wir haben es ja nun auch erleben müssen, daß der Völkerbund dem deutschen Judenproblem — wenn auch nur für einen Teil der deutschen Judenheit — sein Augenmerk zugewendet hat. Das ist wohl eines der wichtigsten Ereignisse der abgelaufenen Woche, deren Besprechung die folgende Umschau gelten soll. Dennoch aber wollen wir an die Spitze dieser Betrachtung die Erklärung des österreichischen Bundeskanzlers D o 11 f u ß stellen, die er kürzlich dem Korrespondenten des Londoner „Evening Standard" abgegeben hat. Nicht deshalb, weil wir uns, wie von jüdischnationaler Seite hämisch behauptet wird, mit dem Schicksal der deutschen Juden „abgefunden" haben, sondern weil es in diesen Tagen, da der österreichischen Judenschaft so viele politische Miesmacher einzureden versuchen, daß auch uns ein gleiches Schicksal wie den deutschen Brüdern droht, unsere vornehmste Pflicht ist, den Optimismus zu festigen, daß noch Kräfte am Werke sind, dieses Schicksal von uns abzuwenden. Bei aller kritischen Einstellung, die wir selbstverständlich gegenüber der christlichsozialen Regierungspartei, deren Antisemitismus bekannt ist, besitzen, müssen wir unumwunden anerkennen, daß der derzeitige Bundeskanzler Dr. Dollfuß, der aus ihren Reihen hervorgegangen ist, mit Umsicht und Entschiedenheit alles tut, um die braune Gefahr von Oesterreich abzuwehren. Deshalb ist ihm auch zu vertrauen, wenn er in dem Interview mit dem englischen Jounalisten hervorgehoben hat: „In Oesterreich wird kein Unterschied zwischen den einzelnen Religionen und Rassen der Menschheit gemacht". Dieses Wort reiht sich würdig der in der Vorwoche an die Adresse Amerikas abgegebenen Erklärung an: „In Oesterreich ist jeder Bürger gleichberechtigt". Beide Feststellungen wurden ausländischen Stellen gegenüber gemacht, aber wir geben neuerlich unserer Ueberzeugung Ausdruck, daß nicht nur Rücksicht auf das Ausland, dessen Sympathien unsere Regierung, nicht zuletzt der demnächst dort aufzulegenden Anleihe wegen, benötigt, diese Worte diktiert hat, sondern auch der feste Wille vorhanden ist, im Inlande die Voraussetzungen dafür zu .schaffen, daß Gleichberechtigung und unterschiedlose Behandlung aller Staatsbürger vor dem Gesetze wirklich wahr werden. Diejenigen, denen solche Regierungsprinzipien nicht passen, sind die österreichischen Nazis. Und man muß sagen, daß unser Bundeskanzler mit fester Hand zugreift, um diese Gesellschaft Mores zu lernen. Wir wollen es nicht beklagen, daß erst der heimtückische Affront, den die Nazi-Studenten der katholischen Burschenschaft antaten, der unser Bundeskanzler angehört, den Justizminister veranlaßte, der seit vielen Jahren auch in diesem Blatte erhobenen Forderung gerecht zu werden, die Polizei in die Universität zu entsenden, um dort Ordnung unter den exzedierenden Rowdies zu schaffen. Bundeskanzler D o 11 f u ß hat mit eigenen Augen gesehen, wie sich diese Lausbuben benehmen. Er konnte nur wahrnehmen, wie sie gegenüber Kommilitonen auftreten, die zwar anderer Weltanschauung, aber doch gleicher „Rasse" sind. Er wird es aber nun glauben, daß diese Kerle in erhöhtem Maße ihre Wut austoben, wenn es gegen die verhaßten „Fremdrassigen" geht. Bei solchen Gelegenheiten lagen — es muß nur an die empörenden letzten Vorfälle im Anatomischen Institut erinnert werden — die Dinge noch viel ärger. Und dennoch zog die Polizei nicht in die „geheiligten", in Wahrheit durch den Furor teutonicus geschändeten Räume der Universität. Nun ist einmal dieses längst überholte Privileg durchbrochen und wir hoffen, daß es dabei auch bleiben wird, wenn lerneifrige jüdische Studenten und Studentinnen von blutrünstigen Hakenkreuzlern geprügelt und mißhandelt werden. So wenig man diesmal Rücksicht auf den „Nervenzusammenbruch" des Herrn Rektors Abel nahm, der selbst wiederholt sehr wenig Rücksichten auf wirkliche Nervenzusammenbrüche gepeinigter jüdischer Studenten genommen hat, so wenig wird man in Zukunft auf die freundschaftlichen Verbindungen Rücksicht nehmen dürfen, die zwischen ihm und den Hakenkreuz-Studenten bestehen und immer dann besonders in Erscheinung traten, wenn die von ihm beschützten Nazis brutale Gewalt gegen jüdische Kollegen anwendeten. Wir sind die letzten, die einer solchen rücksichtslosen Politik das Wort reden. Aber die Hakenkreuzler, die in ihrem „Dritten Reich" bewiesen haben, wessen sie fähig sind, verdienen keine zarte Rücksichtnahme. Der auch uns nun so wohlbekannte Herr Dr. Frank hat zwar unlängst emphatisch verkündet: „W i r sind wohl Antisemiten, aber keine Barbare n", die Welt aber denkt darüber anders. Was in Deutschland nicht nur gegen Juden, sondern auch gegen gute Katholiken geschehen ist, ist nicht anders als krasseste Barbarei zu bezeichnen. Solchen Elementen gegenüber gibt es keine Schonung. Und die Nationalsozialisten mögen noch so empört sein über die verschiedenen Maßnahmen, die die österreichische Regierung gegen ihre unter der Patronanz des deutschen Reichskanzlers, also sozusagen exterritoriale Partei getroffen hat, diese Maßnahmen waren berechtigt, weil sie im ureigensten Staatsinteresse gelegen sind. Die österreichische Regierung hat auf diese Maßnahmen von Hitler eine Antwort erhalten, die wohl das Empörendste darstellt, was sich ein Staatsmann gegenüber einer anderen Macht erlauben könnte. Wir wollen dabei ganz von den sentimentalen Erwägungen absehen, daß es sich hier um einen Staatsmann handelt, der demselben deutschen Stamme zugehört wie derjenige, gegen den dieser wirkliche „Dolchstoß" gerichtet ist. Bloß vom internationalen Standpunkte betrachtet, bloß vom Gesichtspunkte der internationalen Freizügigkeit und wirtschaftlichen Zusammenhänge aus gesehen, ist die deutsche Grenzsperre gegen Oesterreich ein Unikum, das so ganz die Brutalität der Handlungsweise der neuen deutschen Machthaber enthüllt. Durch dieses Verbot soll Oesterreich in einem seiner wichtigsten Lebensnerven getroffen werden. Die österreichische Regierung wird sich zu wehren wissen. Der Ausfall ist, wie Kenner behaupten, ohnehin kein gar so gewaltiger und wird kompensiert werden können. Es ist Pflicht aller österreichischen Staatsbürger, an dieser Kompensation mitzuarbeiten. Heuer darf es für niemanden, dem die Erhaltung der Selbständigkeit Oesterreichs am Herzen liegt, Auslandsreisen gebem Empfindlichkeiten, die in ruhigen Tagen berechtigt waren, müssen jetzt zurückgestellt werden und werden vielleicht auch zurückgestellt werden können, weil die Maßnahme, deren das Hitlerregime gegen ein deutsches Land fähig war, selbst die strammst Deutschgesinnten in diesem Lande ernüchtern muß. Hand in Hand mit der Propaganda, im Lande zu bleiben, muß die Propaganda bei allen ausländischen Freunden und Bekannten gehen, in unser schönes Land zu kommen, das einen verzweifelten Kampf gegen den nationalsozialistischen Zugriff führt. Briefe aus deutschen Kurorten der folgenden Art, wie sie dieser Tage Juden hier erhalten haben, sollten voll Verachtung zurückgesandt werden. Der Vorstand des Bades Nauheim teilt in einem Zirkular mit, „daß hier sowohl wie überall in Deutschland die größte Ruhe herrscht. Gäste sind in Bad Nauheim ohne Unterschied der Rasse, der Nation und Religion herzlichst willkommen. Außerdem bemerken wir, daß die hiesigen jüdischen Hotels über koscheres Fleisch (wo bleibt das Schächtverbot?) verfügen". Magistrat, Kurdirektion und sogar die nationalsozialistische Kreisleitung von Wiesbaden haben einen gemeinsamen Aufruf versandt, in dem es u. a. heißt: „Die für die Verwaltung Wiesbadens maßgebenden Stellen . . . verbürgen allen, die zum dauernden oder vorübergehenden Aufenthalt nach Wiesbaden kommen, gleichgültig welcher Konfession und Einstellung, einen ungestörten, sicheren und angenehmen Aufenthalt." Dieser Lügen-Propaganda müssen unsere