Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 21 (26.5.1933)
- Date
- 1933-05-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIE WAHRHEIT 'mmmmmämä^mtmmM I 9 HOTEL ELISABETHHO Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang Solidarität MÖBEL Jüdischen Petitionen an den Völkerbund die Dringlichkeit zuerkannt Der Präsident des Komitees der Jüdischen Delegationen, Leo Motzkin, und der Vorsitzende der Jüdischen Partei der Tschechoslowakei, Dr. Emil M a r g u 1 i e s, haben in Begleitung des Dozenten für Völkerrecht an der Genfer Universität Dr. N. F e i n b e r g den Direktor der Minderheitenabteiiung im Völkerbundsekretariat Azcarate Flore z besucht und ihm im Auftrage des "Komitees der Jüdischen Delegationen, des American Jewish Congress, der Jüdischen Partei der 'Tschechoslowakei, des Konsistoriums der Juden Bulgariens, des Jüdischen Parlaincntsklubs in Polen und einer großen Zahl anderer Organisationen in Oesterreich („Union österreichischer Juden" und „Jüdische Volkspartei"), Rumänien, Belgien und anderen Ländern eine auf Artikel 72 des polnisch-deutschen Abkommens betreffend Oberschlesien sich stützende Petition überreicht, in der Beschwerde gegen die Zurücksetzung der Juden in Oberschlesien erhoben wird. Eine zweite Petition auf Grund von Artikel 147 des deutsch-polnischen Abkommens wurde dem Völkerburadsekretariat durch Dr. Margulies im Namen des in Oberschlesien ansässig gewesenen deutschen Reichsangehörigen Franz B e r n h e i m unterbreitet. Beiden Petitionen ist die Bitte um dringliche Behandlung beigefügt. Wie wir knapp vor Blattschluß erfahren, wurde dieser Bitte entsprochen, die Petition von Bernheim ist bereits auf die Tagesordnung der laufenden Verhandlungen des Völkerbundrates gesetzt, die von den jüdischen Organisationen Amerikas und Europas eingebrachte Petition einem aus den Vertretern Italiens, Spaniens und Norwegens bestehenden Komitee zugewiesen worden. * Kongreß der Völkerbundligen. Auf der Tagesordnung des für den 3. Juni nach Montreux einberufenen Kongresses der Union der Völkerbundligen steht diesmal auch die Frage derZurücksetzung der Juden in Deutschland. Der Vorschlag, eine Beratung über diese Frage abzuhalten, wurde von der Völkerbundliga Palästinas, die eine Beschlußfassung des Kongresses über die vom Völkerbund zum Schutz der Rechte der Juden in Deutschland zu unternehmenden Schritte herbeiführen will, gemacht. Dem Kongreß liegt ferner eine Resolution der französischen Völkerbundliga vor, in der unter Hinweis auf eine Reihe im 19. und 20. Jahrhundert erfolgter Interventionen auf Grund allgemein menschlicher Erwägungen eine internationale Aktion zugunsten der deutschen Juden verlangt wird. Als Grundlage für ein Einschreiten des Völkerbundes werden die Artikel 23 und 11 des Völkerbundvertrages angeführt. Auch auf das deutsch-polnische Abkommen betreffend Oberschlesien wird im Zusammenhang mit dieser Frage verwiesen. Schließlich wird noch jene Stelle des Palästina-Mandats zitiert, in der es heißt, daß die Rechte und die politische Stellung der Juden in ihren verschiedenen Wohnländern nicht verletzt werden dürfen. * Eine internationale Konferenz. In Paris wird demnächst auf Anregung des unter der gemeinsamen Führung von P a i n 1 e v e und Baron Edmond de Rothschild stehenden Komitees zum Schutze jüdischer Intellektueller aus Deutschland eine internationale Konferenz zusammentreten, auf der Entscheidungen über die künftige internationale Rechtsstellung der aus Deutschland ausgewanderten Juden getroffen sowie Beratungen betreffend eine bessere Verteilung der Auswanderer auf verschiedene Länder und die Organisierung der Hilfsaktionen für sie abgehalten werden sollen. Modern« KQchen- Vorzimmer- Wohnzlmmer- F.KOHN, Wien IL, TABORSTRASSE Nr. 22 Telephon R 40-7-14 Samstag geschlossen — Angeschlossen der „Schomra" Die Herren Beamten. Ein junger Beamter erzählte einmal in einer Gesellschaft Pikanterien aus seinem Büro. Obwohl er auf die anwesende Weiblichkeit Rücksicht nahm, meinte eine Dame schließlich spitz: „Ja, das ist ja kein Büro, das ist ein---" „Ihr Urteil geht sicherlich zu weit, gnädige Frau", meinte der junge Mann, „aber ich gebe zu, daß viele Leute, die Büroberriebe nach der Fassade beurteilen, entsetzt die Hände zusammenschlagen würden, wenn sie näheren Einblick besitzen und die Zusammenhänge kennen würden." Das, was der junge Beamte sagte, daß viele entsetzt wären, wenn sie die Wahrheit wüßten, gilt auch für die Judenfrage in den Büros. Es wird häufig gesagt, daß der öffentliche Apparat hakenkreuzdurchseucht wäre, aber es wird immer vergessen, daß es in den Privatbetrieben nicht viel besser aussieht. Die Masse der antisemitischen Zeitgenossen besteht, wenn man von den rabiat gewordenen Kleinbürgern und deklassierten Intellektuellen absieht, aus Angestellten und Beamten. Es würde zu weit führen, wollten wir hier die Ursachen dieser Erscheinung auseinandersetzen, Tatsache ist, daß nicht nur öffentliche Angestellte und Beamte, sondern auch ihre Kollegen in Privatbetrieben, die häufig unter jüdischer Leitung stehen, für den Radauantisemitismus inklinieren. Jüdische Angestellte befinden sich dadurch sehr häufig in einem wenig beneidenswerten Milieu. Diese Zeiterscheinung ist wenig bekannt und deshalb sollen hier vor allem nachweisbare Tatsachen festgehalten werden: In einer sehr bekannten Wiener Großbank lassen Beamte während der Bürozeit in der Garderobe Schallplatten von Hitler und Göbbels laufen. Die Sache geschieht ganz öffentlich, Protesten gegenüber erklären maßgebende Faktoren achselzuckend, da könne man nichts machen. Die Geschichte wird quasi als Scherz dargestellt. Die Fabriksversicherungsabteilung einer Wiener Versicherungsgesellschaft, die als jüdische Anstalt gilt, wird von den Angestellten durch ein Hitlerbild geziert. Diese Abteilung hat auch Parteienverkehr! ' ' a In einer anderen Abteilung hält ein Beamter im Sinne der hakenkreuzlerischen Phraseologie eine wüste, ganz unqualifzierbare Hetzrede gegen jüdische Frauen. Einem arischen Zimmergenossen, der eine Jüdin zur Frau hat, reißt die Geduld. „Sie reden nicht nur einen gemeinen Unsinn zusammen", sagte er zu dem deutschen Volksgenossen, „sondern sind auch taktlos. Sie wissen, daß meine Frau eine Jüdin ist. Ihre Weisheiten sind aber deshalb sehr merkwürdig, weil ihre Freundin ja auch Jüdin ist---" Die Direktion einer Versicherungsgesellschaft erhält einen gezeichneten Beschwerdebrief über einen Beamten, der in einem Provinzgeschäft gegen die anwesenden Juden remonstrierte, den Briefschreiber ohrfeigte und sich bei der Feststellung des Nationales in nicht eben philosemitischem Sinne über die Anstalt, von der er lebt, äußerte. Die jüdischen Kollegen des angenehmen Mannes sind nicht überrascht, als sie von der Sache erfahren. Der Herr ist als wüster Antisemit bekannt, ein gefährlicher Intrigant, dessen Judenfeindschaft sich nur gegen Gleichgestellte und Untergebene richtet, während er nach oben katzenbuckelt Mit Rücksicht auf eine günstige Qualifikation, die ganz unberechtigt ist, und auf Intervention eines bekannten Sportmannes stellt sich die Direktion auf den Standpunkt, daß es sich hier um eine außerbetriebliche Privatangelegenheit handelt, die nicht unter die Jurisdiktion der Anstalt fällt. Die hier mitgeteilten Tatsachen werden genügen. Sie lassen erkennen, daß es sich beim Antisemitismus um eine Erscheinung handelt, der man meines Erachtens nicht durch Aufklärung entgegentreten kann. Wie soll man jemanden aufklären, der alljährlich seinen Urlaub in einer Sommerfrische mit Arierparagraph verbringt, aber in "yozr Wiedereröffnung! Restaurant- Hotel Stefanie U., Taborstraße 12 unter Mitwirkung des bestbekannten Restaurateur-Fachmannes W. Spritzer Den modernsten Verhältnissen vollständig entsprechend umgebaut. Volkstümliche Preise Herrlicher schattiger Garten Mittags1- und Abendmenü, bestehend aus: 4 Gängen S 1'60 5 Gängen S 2 — 5 Gängen mit Geflügel S 2 50 Wien das Döblinger Bad besucht, weil er sich dort seinem jüdischen Generaldirektor anbiedern kann. Was soll man zu dem Mann sagen, der über jüdische Frauen schimpft und dabei in seiner Wut vergißt, daß seine liebe Freundin doch selbst eine Jüdin ist. Der Antisemitismus ist eben eine Erscheinung, die nur durch den Psychiater geklärt werden kann, aber nur dann, wenn dieser als Sohn der alma mater nicht selbst ein Judenfeind ist. Aber die ganze Misere hat nicht zuletzt ihre Ursache darin, daß, wie aus den von uns angeführten Fällen klar und deutlich hervorgeht, jüdische Unternehmer und Direktoren dem Treiben ihrer antisemitischen Angestellten ruhig zusehen. In dem Bestreben, als vollkommen objektiv zu gelten, fördert man hakenkreuzlerische Jünglinge, drückt beide Augen zu, wenn sie ungezogen sind, und vernachlässigt sogar jüdische Angestellte, wenn sie noch so talentiert sind. Oft liebt man intelligente Untergebene, die eine eigene Meinung haben, nicht. Man glaubt vielleicht, sich durch dieses Verhalten ein Freibillett ins „Dritte Reich" zu sichern. Ein verhängnisvoller Trugschluß! Der antisemitische Beamte oder Angestellte beugt zwar gegen oben den Rücken und haut nur nach unten oder auf der gleichen Ebene aus. Aber im Innern gilt ihm auch der jüdische Vorgesetzte als „Saujud" und er hofft auf den Augenblick, wo er sich an ihm sein Mütchen wird kühlen können. Spectator. Die Lage in Rumänien. Von unserem Korrespondenten. Auch in unserem Lande ist endlich die Erkenntnis zum Durchbruche gekommen, welche Gefahr allen Volksschichten "in Rumänien vom Hitlerismus droht. Während man bis nun gegenüber dem Treiben der organisierten Nazibanden eine indifferente Haltung einnahm, sind nunmehr alle führenden Kreise von dem Bestreben erfüllt, der von dem antisemitischen Prof. Cuza geleiteten Nazipropaganda energisch Einhalt zu gebieten. Alle vernünftigen Patrioten sind nun der Ueberzeugung, daß die Hitlerbewegung für unser Vaterland die größte Gefahr bedeutet. Sowohl von seiten der Regierung, wie auch von der Universität und durch Aktionen der großen politischen Parteien und Organisationen soll jetzt eine g emeinsame Front zur Bekämpfung der Nazibewegung errichtet werden, wobei auch die besonnenen Deutschen nicht fehlen. So hat jüngst der gewesene Unterrichtsminister und gegenwärtige Präsident des Senates, Prof. Costachescu, in einem führenden Blatte einen Aufsehen erregenden Artikel veröffentlicht, in welchem die Juden in Schutz genommen werden und es jedem Bürger zur Pflicht gemacht wird, die Volksmassen auf die drohende Gefahr aufmerksam zu machen. „Wir wollen keine Grenzrevision — heißt es in dieser Publikation weiter — wir wollen auch keinen Krieg, wir wollen Arbeit, Frieden und Ruhe. Es gibt heute keine Menschen, die Wunder zeigen oder mit göttlicher Vorsehung ausgestattet sind, hingegen gibt es Menschen, die