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Die Wahrheit · 1933-05-26 · Heft 21 (26.5.1933) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 21 (26.5.1933)
Date
1933-05-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 Ein Bild vom „Dritten Reich". Wir erhielten von einem deutschen Glaubensbruder folgende anschauliche Schilderung der unerhörten Zustände: Wird des modernen Cäsar antijüdische Politik in der Wiedererrichtung des Ghetto ihre ruhmvolle Krönung finden? So darf man, nachdem die eben verrauchten Feuersäulen das Beste der deutschen Literatur verschlangen, mit Recht fragen. Macht ganze Sache, Ihr Herren! Führet den gelben Fleck wieder ein, auf daß nicht der von der Natur wenig verschwenderisch bedachte „Propaganda-Minister" gar für einen Juden gehalten werden könnte! Das soll schon einmal vorgekommen sein. Im herrlichsten Frühlingsschmuck prangt die Natur. „Es ist eine Lust zu leben." Deutschland ist judenrein, judenrein in seiner Beamtenschaft, judenrein in seine* Justiz, judenrein in Bühne und Schule, judenrein der Büchermarkt! Die „Gleichschaltung" aller wichtigen Dinge auf geistigem, politischem und wirtschaftlichem Gebiet ist vollzogen. Mit großer Geste verkündete soeben Hitler seinen Friedenswillen vor aller Welt. Die braune Armee ist ein Instrument des Friedens. Ihr Verdienst war es, den Bolschewismus aus den deutschen Gauen ausgerottet zu haben. Sie beherrschen anno 1933 das Straßenbild, formieren sich um die „ruhmbedeckten" Standarten. Allerorten hört man die Siegeshymne, das Horst-Wessel- Lied. Kleine Buben und Mädels steckt man in das braune Hemdchen. So sieht die heranwachsende Generation aus! Die freie Hansastadt Hamburg prangt im festlichen Flaggenschmuck. Er gilt dem Empfang des Herrn Statthalters. (Ein strammer, verdienstvoller Führer, Anfang Dreißig, vormärzliche Delikte: Ordensschwindel, Urkundenfälschung.) Was das demokratische Regime nicht fertig brachte, dem braun uniformierten Senat wird es im Fluge gelingen, Hamburgs Handel und Wandel zu heben. Dörflich verödet liegen die Verkehrsstraßen im Abendlicht! Die Preise der wichtigsten Lebensmittel steigen von Tag zu Tag! In den Schaufenstern aber prangt, umrahmt von tausend Hakenkreuzen, das Bild des Großen! Ave Caesar! f % \ HÖCHSTE QUALITÄT HORNYPHON die Auskunft eingeholt wird, darf nichtinVerbindunggetretenwerden. * Wie die „Frankfurter Zeitung" meldet, hat die Hauptgemeinschaft des deutschen Einzelhandels den preußischen Kultusminister gebeten, für Schulen in Zukunft nur noch deutsche Nähmaschinen zu beziehen. Dieses Verlangen richtet sich, wie ausdrücklich gesagt wird, gegen die Singer Nähmaschinen A.-G., die den Schulen kostenlos Nähmaschinen geliehen habe. Der deutschen Singer-Fabrik wird zum Vorwurf gemacht, daß sie Tochtergesellschaft eines amerikanischen, von Isaac Singer gegründeten Unternehmens sei. „Frankfurter Zeitung" fügt hinzu, daß dem Gemeinwohl mit einer Ausschaltung der Singer A.-G., die unter normalen Verhältnissen über 10.000 deutschen Arbeitern und Angestellten Brot gebe, nicht gedient sein dürfte. junger Mann die Verbrennung der Bücher in Deutschland so zu Herzen genommen, daß er darüber wahnsinnig wurde. Die Nacht des Autodafes verbrachte er weinend über den ihm lieb gewordenen deutschen Büchern; gegen Morgen schichtete er alle im Hause befindlichen Bücher zu einem Scheiterhaufen zusammen, den er schreiend und irre Rufe ausstoßend entzündete. Der Unglückliche wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Schikanen, nichts als Schikanen. Wie der Amtliche Preußische Pressedienst mitteilt, hat Kultusminister Rust angeordnet, daß von der Bewilligung von Bedürfniszuschüssen an Synagogengemeinden zur Besoldung sowie Ruhestands- und Hinterbliebenenversorgung der Rabbiner für die Rechnungsjahre 1932 und 1933 abgesehen wird. ■J>. Der Berliner Magistrat hat beschlossen, daß Schulgeldermäßigung vom 1. Oktober 1933 ab für Schüler und Schülerinnen, die von jüdischen Eltern oder Großeltern abstammen, nicht gewährt wird, solange ihre Anzahl über den Beteiligungssatz der Juden an 'der Gesamtbevölkerung des Deutschen Reiches hinausgeht. Der Oberbürgermeister wird den Zeitpunkt bestimmen, von dem ab die Gewährung von Ermäßigungen nach der Schulgeldstaffelung bei Schülern und Schülerinnen jüdischer Abstammung wieder zulässig ist. * Wie dem „Israelitischen Familienblatt" aus Breslau gemeldet wird, wurde dort in einigen Schulen die Einrichtung getroffen, daß die jüdischen Schüler auf besonderen Bänken, die von den anderen Schulbänken um einige Zentimeter abgerückt sind, Platz nehmen müssen. * Das Preußische Innenministerium hat die Ortspolizeibehörden und die Gemeindevorsteher in den östlichen Provinzen angewiesen, die Anfragen des Sachverständigen für Rasseforschung beim Reichsministerium des Innern mit besonderer Beschleunigung zu behandeln. Auskünfte dürfen lediglich auf Grund des vorhandenen amtlichen Materials gegeben werden. Mit den Personen, über Professoren und Studenten einig. Die belgische Presse veröffentlicht einen von 18 berühmten Professoren belgischer Universitäten unterzeichneten offenen Brief, in dem diese an die Mitglieder der Preußischen Akademie der Wissenschaften den Appell richten, kollektiv zur Beseitigung jüdischer Gelehrter von den deutschen Hochschulen Stellung zu nehmen. In dem Brief der belgischen Professoren — durchwegs Nichtjuden — heißt es u. a.: Durch die Beseitigung jüdischer Professoren aus ihrem Amte verlieren die Universitäten Elemente, die mit zur Begründung des Ruhmes der betreffenden Hochschulen beigetragen haben. Diese Maßnahme ist für die Zukunft des Hochschulwesens kompromittierend. Gewiß ist es unzulässig, sich in die Angelegenheiten eines fremden Landes einzumengen. Aber Fragen der Geistigkeit interessieren ebenso wie solche des Friedens aller Völker ohne Ausnahme. Wie ist es möglich, gleichgültig zu bleiben angesichts der Tatsache, daß Gelehrte von Weltruf zurückgesetzt und auf unmögliche Art behandelt werden? Die ganze Kulturwelt, heißt es in dem Briefe weiter, ist darüber erstaunt, daß die geistigen Führer Deutschlands bis heute noch nicht gegen diese Verletzung des Grundsatzes der Gerechtigkeit Einspruch erhoben haben. Wir fordern euch Akademiker auf, alle Intellektuellen in Deutschland ohne Unterschied von Rasse und Glauben in euren hohen Schutz zu nehmen. Unter den Unterzeichnern des offenen Briefes befinden sich der ehemalige Präsident des belgischen Senats und Inhaber des Nobelpreises für Frieden, Lafontaine, der Rektor der Universität Brüssel, Professor Bonnard, der Rektor der flämischen Universität in Gent, Vermeulen, der ehemalige Unterrichtsminister Prof. d4 E s t r e und andere belgische Gelehrte von Weltruf. * Auf einer in Paris abgehaltenen Versammlung des Internationalen Studentenwerks wurde beschlossen, eine großzügige Hilfsaktion für die von den deutschen Hochschulen entfernten Professoren und Studenten, die im Ausland Zuflucht gesucht haben, einzuleiten. Im Hinblick auf gewisse Tendenzen innerhalb des internationalen Studentenwerks, die darauf abzielen, der antisemitischen Haltung der studentischen Organisationen in Deutschland in höherem Maße Rechnung zu tragen, wird dem Beschluß des Studentenwerks, seine traditionelle Politik der Bekämpfung des Antisemitismus tortzusetzen, besondere Bedeutung beigemessen. Faschismus und Antisemitismus. Eine Erklärung des italienischen Finanzministers. Der italienische Finanzminister Jung, bekanntlich ein konservativer Jude deutscher Herkunft, empfing auf der Durchreise nach Washington, wohin er sich im Auftrage der italienischen Regierung zu einer Besprechung mit Präsident Roosevelt begab, in New York einen Vertreter der Jüdischen Telegraphen- Agentur, der den italienischen Finanzminister bat, seine Ansicht über das Verhältnis des Faschismus zum Nationalismus und Antisemitismus zu äußern. Finanzminister Jung erklärte nachdrücklich, daß es nicht angängig sei, zwischen Faschismus und Nationalsozialismus eine Parallele zu ziehen, insbesondere, was die Behandlung der Judenfrage betreffe. Aus der Antwort des italienischen Finanzministers ging außerdem hervor, daß er den wesentlichen Unterschied der beiden Richtungen in dem Alter ihrer Bewährung als Regierungssystem sehen und den italienischen Faschismus als .eingewurzelte erprobte Regierungsform dem erst im Anfangsstadium befindlichen nationalsozialistischen Regierungssystem gegenüberstellen möchte. „Inwiefern", fragte der JTA-Berichterstatter, „kann man den Faschismus in Italien mit dem Nationalsozialismus in Deutschland vergleichen?" „Diese beiden Bewegungen", antwortete Minister Jung, „gleichen einander wie ein neugeborenes Kind einem zehnjährigen Knaben". „Aber sind es Kinder desselben Vaters", fragte der JTA-Berichterstatter weiter? „Es kann nicht d e n sei b en Va t e r für. zwei Nationen gebe n", erwiderte Finanzminister Jung. „Welche Stellung nimmt die faschistische Regierung Italiens gegenüber der antisemitischen Bewegung in Deutschland ein?" Der italienische Finanzminister erklärte: „Diese Frage möchte ich lieber nicht e r ö r t e r n." Auf die letzte Frage des Interviewers, wie sich Italien zum Antisemitismus verhalte, antwortete Minister Jung: „Haben Sie jemals von einer antisemitischen Bewegung in Italien etwas gehör t?" Der Wahnsinn treibt zum Wahnsinn. Ein tragischer Fall wird aus Bialystok gemeldet. Dort hatte sich ein jüdischer Die Bruderhand. Das American Joint Distribution Committee hat soeben einen auf das Gesamtgebiet der Vereinigten Staaten sich erstreckenden Drive proklamiert. Es soll ein Betrag von zwei Millionen Do 11 ar für die Aktion zur Rettung deutscher Juden aufgebracht werden. In Holland fand ein Sammeltag zugunsten der jüdischen Auswanderer aus Deutschland statt. Das Ergebnis der Straßensammlungen betrug etwa 25.000 holländische Gulden. Bei der Büchsenentleerung irt Amsterdam wurde in einer der Büchsen ein Tausendguldenschein gefunden. Massenauszug Danziger Juden. Aus Danzig meldet die Polnische Telegraphen-Agentur, daß zahlreiche jüdische Firmen ihre Geschäfte nach Gdynia verlegen, weil sie für den Fall der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten in Danzig die Einführung ähnlicher Beschränkungen wie gegen die Juden in Deutschland befürchten. Dem Bericht der Polnischen Telegraphen-Agentur zufolge soll der Auszug der Juden aus Danzig bereits Massencharakter angenommen haben, obwohl auch in Gdynia die Verhältnisse für die Juden nicht besonders günstig liegen. In einzelnen Teilen der Stadt, insbesondere in der Hafengegend, weigert man sich, ihnen Häuser oder Grundstücke zu verkaufen.

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