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Die Wahrheit · 1933-05-26 · Heft 21 (26.5.1933) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 21 (26.5.1933)
Date
1933-05-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT BAD GASTEIN Pension Villa Dr.Wassing an der Kaiser-Wilhelm-Promenade Miet- und Badehaut mit Dependance in landschaftlich reizvoller, ruhiger Lage. 85 Zimmer, fliesendes warmes und kaltes Wasser, Zentralheizung, Fahrstuhl. Telephon im Zimmer. GesellsdiaftsrSume, Garten. Terrasse. Fernsprecher: Nummer «48. Besitzer: OBER.MEDIZINALRAT DR. WASSING du (2. Mose 22, 26) „wenn du pfändest das Kleid deines Nächsten, es wieder ausfolgen, ehe die Sonne untergeht, denn dies ist seine Hülle für seinen Leib... Worauf soll er denn schlafen? Wenn er zu mir schreit, werde ich darauf hören; denn ich bin barmherzig." Gerechtigkeit ist nicht Sache des Impulses, der Eingebung des Augenblickes, sie wägt und erwägt: „Wie hättest du in gleichem Falle gehandelt?" „Was hätte der andere — oder ein anderer, den du achtest — an deiner Stelle getan?" „Wie liegt die Sache, nicht nach dem Buchstaben des Gesetzes — denn nicht jeder hat recht, der vor Gericht sein Recht findet —, sondern nach dem Ausspruch des reinen Gewissens?" „Wie hätte bei einem solchen Konflikt unter euch Geschwistern deine Mutter geurteilt?" „Wenn einer so ist, wie ist er es geworden? Welche Schuld trifft ihn selbst daran und welche andere, vielleicht dicht selbst?" Mit Wohlwollen den anderen, mit Strenge uns selbst betrachten, das schafft die Stimmung, in der . Gerechtigkeit gedeiht. Finden wir den Mitmenschen aber selbst unter diesem Mikroskop für seine guten Seiten und alles dessen, was für ihn sprechen könnte, dennoch unserer Achtung und Liebe unwert, so müssen wir uns eben mit ihm abfinden, ihn nehmen, wie er ist, und, sobald wir nicht erzieherisch auf ihn einwirken können, uns gegen Schädigung durch ihn zu sichern suchen, im übrigen aber duldsam gegen ihn sein. Auch die Unduldsamkeit schlägt heute Purzelbäume. Hieß es früher: Cujus regio, eius religio, „Wes* Brot ich esse, des' Lied ich singe", so ruft eine neue Heilslehre den Angefeindeten zu: „Wir verbieten euch, unserer Meinung zu sein." Auf fruchtbarem Boden gefallen sind Billroths Worte aus dem Jahre 1876: Es sei „weder zu erwarten noch zu wünschen, daß die Juden in dem Sinne deutschnational werden, daß sie bei nationalen Kämpfen so zu empfinden vermögen, wie die Deutschen selbst." Und Billroth, der ärztliche Beistand Ferdinand Lassalles nach seinem unglückseligen Duell, hätte doch schon in diesem ersten deutschnationalen Sozialisten, dessen Patriotismus ein Bismarck rückhaltlos öffentlich anerkannte, die lebendige Widerlegung seines Vorurteils erblicken können. Aber auch er brauchte ein Objekt, an dem blutmäßiges Haßbedürfnis sich abreagieren konnte. Und als fixiertes Ziel des Rassenhasses muß eben dieses Objekt, — in unserem Falle die aus dem blutmäßigen Instinkt projizierte Vorstellung einer jüdischen Rasse, nicht ein Denkresultat, sondern politisches Postulat, Blutmythe — konstant bleiben. „Jude bleibt Jude." Aber doch auch konstanten Naturgegebenheiten gegenüber ziemt uns Duldsamkeit. Auch an der egozentrischen Katze dulden wir ihre uns unangenehmen Eigenheiten dafür, daß sie uns durch ihre Grazie und Possierlichkeit ergötzt. Alles im großen Haushalte der Natur hat seinen Sinn und Zweck, alles Daseinsberechtigung, wenn auch nur darin, uns einen Spiegel zur Selbstprüfung vorzuhalten und durch Anblick des Verwerflichen und seiner Folgen zur Selbstzucht anzuspornen. Kannst du den Stammesfremden in deiner Mitte nicht schätzen, wie du es als Jude solltest (5. Mose 10, 19), so sollst dualsMensch ihn schützen (2. Mose 22, 10 und öfters), als Staatsbürger ihn ohne nationale Minderbewertung als politisch und sozial gleichberechtigt stützen (Ezechiel 47, 22). Nicht Numeruscia usus, sondern Census justus! Und wenn schon Prozentsatz, warum nach der Stückzahl? Warum nicht, wo es sich doch um Zulassung zu Schulen handelt, nach den geistigen Spitzenleistungen? Warum nicht nach den nahezu 25 vom Hundert der deutschen Nobelpreisträger? Die Erkenntnis unserer eigenen Mängel und Schwächen macht uns duldsam gegen andere. Wieviel Geduld und Duldsamkeit' nehmen wir selbst für uns in Anspruch! Für die Vorzüge des anderen ein offenes Auge! Mit eigenen Augen sehen! „In der Höhle des Löwen" erkennen wir dann oft, daß wenige so unerträglich sind, daß man sich nicht mit ihnen vertragen könnte. Selbst Wasser und Feuer wirken auf dem Kochherd zusammen, wenn das eine im Topf, das andere außen, jedes an seiner Stelle seine Arbeit leistet. Den rechten Mann zur rechten Zeit am rechten Ort, das ist das Geheimnis wahrer Staatsweisheit im Größten wie im Kleinsten. Nicht auf die Staatsverfassung kommt es an, sondern auf die Verfassung, in der sich die Geister befindein, darauf, daß sie staatsredf, daß sie zu Menschenliebe, Gerechtigkeit und Duldsamkeit erzogen worden sind. Wann wird man endlich einsehen, daß auf dem Zifferblatt der Weltgeschichte die Politik nur die Minuten, die Wirtschaft nur die Sekunden, die Stunden aber einzig und allein die moralische Einsicht und Einstellung anzeigt! Umstellen muß sich der Geschichtsunterricht an unseren Schulen. Pries er bisher den Mann blutiger Gewalt, wenn der Erfolg für ihn sprach, so muß er fortan die sittlichen und materiellen Folgen seiner Taten zu Gemüte führen. Als Helden sollte man nicht jene rühmen, die Menschenglück zerstört, sondern die Edlen, die ihr Volk und die Menschheit durch Werke des Friedens gefördert haben. Zumeist sind sie freilich namenlos, wie der unbekannte! Soldat, dem man jetzt allenthalben Denkmäler stellt. Vor allem aber muß die Frau, die Seele des Hauses, sie, deren Hand die Zukunft der Menschheit anvertraut ist, enobme Auswahl billigste PBEI5E E pplP ¥AHL q St#*- * TEPPICHE VORHÄNGE NÖDELSTOTTE, DECHEN NUR I.,BAIERNMARKTI2 14 i#S STEININDUSTRIE CARL BENEDICT Zentrale: III.. Rennweg 112, Tel. U 15-0-52 GRABSTEINLAGER: Zentralfriedhof, 3. Tor, Tel. U10-4-53 bekennen: „nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da." „Die Frau an die Front" in dem Kampfe gegen Haß, Gewalt und Rechtsbeugung aus Unduldsamkeit! Ein Gruß wie der des Orientalen „Frieden!" wäre angezeigt wie ein dem Muttertage und dem Goodwillsday entsprechender Weltfriedenstag, auch eine Einheitsmünze mit den drei Worten: Liebe, Gerechtigkeit, Duldsamkeit. Unsere Marianne Hainisch schrieb einmal etwa: „Wir leben in einer aufgewühlten Zeit, naturgemäß steigt der Bodensatz der Menschheit an die Oberfläche." Je weniger aber die Gegenwart für unsere drei Ideale empfänglich scheint, um so kräftiger muß die Reklame für sie einsetzen. A la guerre, comme ä la guerre. Jeder Zeit die Mittel, die sie braucht! Immer und überall sollen begeisterte Redner, sollen alle Männer der Feder in die Geister und Herzen einhämmern diese drei Worte, so inhaltsschwer, bis sie gehen von Mund zu Mund! Zu uns Juden sprechen sie besonders eindringlich am Feste der Offenbarung auf dem Sinai. Das Volk, an das damals der Gottesruf ergangen ist, wird in der Bibel einmal als „nowol welau chochom" („minderwertig und unweise") getadelt. Das Wort „nowol" wird nun, seltsam genug, im Targum Onkelos umschrieben als „Empfänger der Thora". Eine ältere Erklärung dafür erinnert uns, daß „nowol" (neweloh) etwas bedeutet, was seinen Wert eingebüßt, sein Eigenleben verloren hat. Hier will es sagen: Seiner geschichtlichen Berufung als Träger der T h o r a, als Vorkämpfer der Menschlichkeit und Märtyrer für Menschenliebe, Gerechtigkeit und Duldsamkeit, muß das jüdische Volk sich bewußt bleiben, soll es nicht seinen inneren Halt verlieren, soll es sich nicht durch sich selbst Würde und Wert einbüßen, „nowol" werden, herabsinken in die Tiefe, in die der Feind es herabwürdigen möchte. Gerade in einer der schwersten Zeiten, die wir Juden jetzt zu bestehen haben, müssen wir uns diese Selbstachtung um jeden Preis wahren. Hüten wir deshalb unser Judentum vor der Dreiheit, die jetzt die Welt tyrannisieren will: dem Chauvinismus, Zelotismus und Fanatismus — Cliozef, schlicht jüdisch gesagt! Duldsamkeit, Gerechtigkeit und Liebe hingegen, die sollen uns Losung und Fahne (Degel) sein! G. Zwei Kanzlerworte. Am Anfang dieser Woche hatte Amerika Gelegenheit, die Worte zweier Führer deutscher Staaten zu vernehmen. Beide Enunziationen waren an die Adresse des amerikanischen Volkes und insbesondere seines Präsidenten Roosevelt gerichtet. Das war aber auch schon das einzige Gemeinsame an den beiden Kundgebungen, von denen die eine vom Wiener Ballhausplatz aus nach Amerika gesendet wurde, die andere in Forin eines Interviews in der „New Yorker Staatszeitung" erschien. So wie die Form eine verschiedene war — das kleine Oesterreich besitzt, Gott sei Dank, noch bessere Verständigungsmöglichkeiten mit der Kulturwelt als das große „Dritte Reich" —, so war auch der Inhalt grundverschieden. Bundeskanzler D o 11 f u ß sagte in seiner sensationellem Rede: „Gerade das jahrhundertelange Zusammenleben mit anderen Nationen hat den Oesterreicher weicher, duldsamer, verständnisvoller für fremde Kulturen gemacht, so sehr er auch auf die Erhaltung der Reinheit seiner eigenen Kultur und Art bedacht war und ist. In Oesterreich ist jeder Bürger gleichberechtigt." Reichskanzler Hitler aber erklärte in dem erwähnten Interview: „Weshalb beweint die Welt mit Krokodilstränen das hundertfach verdiente Schicksal einer kleinen Minderheit? Ich frage Roosevelt, ich frage das 11LI SII S B Vll> KU»- üft» BADEANSTALT WIEN IX., CLUS1USGASSE NR. 12 an der FriedensbrCcke gelegen - A Original RUSStSdlCS B&fnpfbad mit ■SS^r Buschenbehandlung: gegen Rheuma etc. V Gegen Vorweisung dieses Inserates S1.30 amerikanische Volk: Seid ihr bereit, diese Brunnenvergifter der Deutschen mit der christlichen Weitseele bei euch aufzunehmen? Wir würden jedem einzelnen ein Freibillett und einen Tausendmarkschein als Taschengeld mitgeben, wenn wir sie loswerden können. Soll ich tausende deutschblütige Menschen vernichten lassen, damit alle Juden geschützt arbeiten, leben und prassen können, während ein Mülionenvolk verhungert, verzweifelt Und dem Bolschewismus zum Opfer fällt? In unserer letzten Nummer haben wir an leitender Stelle die in jüngster Zeit erfolgten Erklärungen sowohl autoritär, wie demokratisch regierter Nachbarstaaten Oesterreichs veröffentlicht, in denen durchwegs die Gleichberechtigung aller Staatsbürger vor dem Gesetze als unumstößlicher Grundsatz der Regierungspolitik anerkannt wurde, und festgestellt, daß bis nun eine solche Erklärung seitens der österreichischen Regierung nicht vorliegt. Nun besitzen wir aus dem Munde unseres Kanzlers eine solche Erklärung und wir sind überzeugt, daß dieselbe nicht nur für das Aus. 1 a nd bestimmt war, von dessen WoMmeinung für Oesterreich unendlich viel abhängt, sondern auch sozusagen nach innen gerichtet war, d. h. zur Beruhigung für jene dienen sollte, die einen Einbruch deutscher Zustände auch bei ums für möglich halten, aber auch zur Warnung für jene, die derartige Methoden in unserem Vaterland© praktiziert sehen wollen. Die österreichische Judenschaft wird Kanzler Dollfuß Dank wissen für sein mannhaftes Wort, durch das er einen weiteren deutlichen Trennungsstrich zwischen Oesterreich und dem „Dritten Reich" zog. Welches Känzlerwort in Amerika mehr Eindruck machen wird, ob däs Hitlers oder Dollfuß', das ist wohl keine Frage.

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