Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 21 (26.5.1933)
- Date
- 1933-05-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 40 Groschen üdisdie I« HUrU Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Ktdtusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 49. Jahrgang Wien, 26. Mai 1933 Nummer 21 OPTIKER M. SCHACHTER, II., OlOdfCOgass* 25 Genaueste Ausführung von Rezepten »Große Auswahl an modernen Fassungen«Samstag geschlossen _Bei Berufung auf dieses Blatt 5 Prozent Rabatt! _ Menschlichkeit! Ein Wunsch zu Sehewuaus. Die Worte am Sinai wurden von allen Völkern, von jedem in seiner Sprache, verstanden. Midrasch. Die politischen Vorgänge, deren Zeugen und Opfer wir sind, haben ihren letzten Grund darin, daß den Menschen im einzelnen wie im Volksganzen, ja wie ganz besonders im Völkerbund trotz der Unzahl von Sprachen eine fehlt: Die Sprache der Menschlichkeit. Und gerade sie ist für die Erhaltung von Menschenleben und die Bergung von Menschenglück die wichtigste. Von keiner gilt, wie von ihr, das Bibelwort: „Tod und Leben sind in der Gewalt der Sprache." Dabei ist sie am leichtesten zu erlernen; denn sie besteht nur aus drei Hauptworten: Menschenliebe, Gerechtigkeit und Duldsamkeit. Menschenliebe ist etwas Naturgegebenes. Den sozialen Trieb sehen wir schon im Tierreich oft alle anderen verdrängen, selbst den der Selbsterhaltung, den Paarungstrieb und die Mutterliebe überwinden. Bekannt sind der Altruismus der Zugvögel, die trotz des schier unbezähmbaren Wandertriebes bei dem unterwegs erkrankten Kameraden zurückbleiben und ihn_ betreuen, der Opfermut der Leittiere einer angegriffenen Herde, die Staatenbildungen der Bienen und Ameisen, Symbiose selbst zwischen im allgemeinen feindlichen Tierarten. Alles dies wird aber bei manchen Naturvölkern noch durch einen Instinkt der Hilfeleistung überboten, der sich nicht auf die eigene Art beschränkt und nur im Eigennutz wurzelt, sondern über die Blutsgemeinschaft und Stammesgruppe hinaus auch an dem ganz Fremden sich betätigt. Bei den bisher geschichtlichen Völkern treffen wir hingegen die sonst in der Welt höchstens als Ausnahme wahrnehmbare Erscheinung an, daß sogar Individuen einer und derselben Gattung in unnatürlichem Neid, Machthunger, Geltungsbedürfnis und blutrünstigem Haß sich gegenseitig bis zur Vernichtung befeinden. Um dieses Machtzuwachses willen, und nur so lange er anhält, stellt der einzelne seinen persönlichen Anspruch gegen den Gesamtwillen seiner Gruppe zurück. Diese aber steht als solche zu allen übrigen in demselben Verhältnis wie der Egoismus des Einzel-Ichs zu dem des anderen. Nichts anderes als Auswirkung dieser zentralen Betonung des „Ich" ist auch das „Wir" des Gruppenbewußtseins. In dem „Wir" geeint, kommen eben die einzelnen „Ichs" anderen Gruppen gegenüber mehr zur Geltung und leichter zur Befriedigung ihres Bedürfens. Für jede Gruppe gilt die feindliche natürlich als unterschiedslose Geschlossenheit, als kollektives Individuum. In den Augen des Gruppenfeindes löst sich das Einzel-Ich in die gehaßte Gesamtheit auf. Was der einzelne Feind Uebles anrichtet, wird seinem ganzen Clan angekreidet. Mit einem verhängnisvollen Vorstoß gegen die Grammatik wird hier der Plural statt des Singulars gebraucht. Der Haß verliert das Unterscheidungsvermögen, das Gleichgewicht des sittlichen Urteils. Er verwischt die Unterschiede und Persöniichkeitsgrenzen im feindlichen Lager, hält aber auch dem Blick in die eigene Seele irreführend gefärbte Gläser vor. Wie die gerechte Schätzung des anderen, verhindert er die Selbsterkenntnis, die erste Voraussetzung der Selbstbehauptung. Und dieser Haß wird heute unter Naturschutz gestellt, der Ruf nach Menschlichkeit als Humanitätsdusel verhöhnt und verpönt. Haß wird nicht durch Haß überwunden. Er sät immer nur Drachenzähne neuen Kampfes. Doch entwaffnet werden kann er durch — Liebe. Sie allein ist das Natürliche. Das biblische Gebot der Menschenliebe, 3. Buch Mose, Kapitel 19, Vers 18, lautet wörtlich: „Liebe deinen Nächsten, so wahr du dich selbst liebst." Als „Nächste" werden in der Sprache des Originals „Mitglieder" eines und desselben Organismus oder etwa die beiden Schneiden einer Schere bezeichnet, von denen der eine Teil nicht ohne den anderen bestehen, seinen Zweck erfüllen kann. Wäre die hier geforderte Nächstenliebe aber nichts anderes als eine Auswirkung krasser Selbstsucht — „wie du mir, so ich dir" — so brauchte sie nicht erst geboten zu werden und paßte sie nicht in eine religiöse Offenbarung, die doch nicht eine Binsenweisheit für praktisches Verhalten predigen, sondern den Menschen „heiligen", ihn über sich und seinen engherzigen „Ichstandpunkt" hinausheben will. Klugheit gebietet von selbst, mit Wesen, die uns als Werkzeug dienen können, schonend umzugehen. Dieses biblische Gebot heischt vielmehr Mitleid und Mitfreude mit unseren Mitmenschen, nicht um eigenen Vorteils willen, sondern ebenso seinetwegen, nicht sowohl, weil wir die anderen, sondern vor allem, weil sie uns brauchen. Wenn du einen Menschen ertrinken siehst, treibt dich ein Instinkt, selbst auf eigene Gefahr hin, ihm beizuspringen, wie die Tiermutter blindlings für die Rettung ihrer Brut ihr Leben einsetzt. Diesen angeborenen Trieb des Altruismus, der gegenseitigen Hilfsbereitschaft sich frei auswirken zu lassen, ihn nicht durch Erwägungen des Verstandes zu hemmen, das ist der Sinn dieses Bibelwortes. Das „Tat warn asi", dieses „Das bist du" unserer inneren Stimme beim Anblick physischen, seelischen oder sittlichen Leidens unseres Mitmenschen, das uns Nächstenhilfe bis zur Selbstentäußerung gebietet, es streckt aber in unserem Gebote seinen Radius noch weiter aus. „So wahr du dich selbst liebst", d. h.: „So wahr du dich selbst achtest als Geschöpf Gottes, fühle mit jeder Kreatur!" Lincoln rettete einst eine Sau aus einem Sumpfe und erklärte den Zeugen dieser gefährlichen Tat: „Ich tat es meinetwegen." Doch soll diese helfende Liebe in erster Reihe immer Nächstenliebe sein, in dem Sinne, daß immer im gegebenen Falle der mir zunächst Leidende mir der Nächste sein muß; Nächstenliebe zum UnnoxJtt ICH ROMAN von LEOPOLD HICHLER Mit gleicher Liebe und Anschaulichkeit wie in seinem früheren Roman „Moses Mautner und sein Sohn" schildert Hichler hier die Freuden und die Tragik einer Wiener jüdischen Familie. So ist auch dieses Werk berufen, wie der „Moses Mautner" ein echtes Volksbuch zu werden. Kartoniert S 5.04 Leinen S 7.35 R. Löwit Verlag, Wien IN JEDER BUCHHANDLUNG terschiede von Fernenliebe, die jene mitleidige Seele bei Dickens für Negerkinder am Kongo Strümpfe stricken heißt, während sie ihre eigene Familie in zerrissenen gehen läßt. „Liebe deinen Nächsten, o b w o h 1 er dir am nächsten lebt, obwohl du deinen Lebensraum mit ihm teilen mußt!" Zwischen Altruismus und Egoismus muß es einen Ausgleich geben. Ich darf nicht, um Bettlern zu helfen, selbst zum Bettler, zu einer Last für andere werden. Es gibt auch einen Rausch und eine Raserei einer Wohltätigkeit, die, obwohl edel gemeint, dem anderen nichts Gutes erweist, indem sie ihm die Willenskraft zur Selbsthilfe und die Selbstachtung raubt. Anstatt einen Schlechten zu bessern, kann ich ihm durch meine Güte, die bei ihm! weder Verständnis noch Gegenliebe findet, unbewußt und unfreiwillig zu neuer Untat Beistand leisten. Auch das Verhältnis zum anderen und das Sich-gegen-ihn-verhalten muß von einem allumfassenden Gebot, von maßhaltender Vernunft, von Gerechtigkeit gegen ihn, wie gegen uns geregelt sein. Wir alle sitzen in einem Boot. Jeder Eigenwille muß sich dem Wohl des Ganzen unterordnen. Mit dem Auge eines unbeteiligten Dritten muß ich die eigene Sache und die des anderen betrachten. Wohl sollst du als Richter bei Schöpfung des Urteils (3. Mose, 19, 15) „nicht Nachsicht haben mit dem Geringen und nicht ehren den Vornehmen". Aber als Partei sollst