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Die Wahrheit · 1933-05-12 · Heft 19 (12.5.1933) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 19 (12.5.1933)
Date
1933-05-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Ein dringendes Erfordernis. Palästina steht heute neben mehreren anderen Ländern im Mittelpunkt des Interesses jener, die — gezwungen oder freiwillig — die Absicht haben, die bisherige Heimat zu verlassen. Angesichts dieses Interesses gewinnt der folgende Artikel eines Zionisten — Dr. Hugo Herrmann — an Bedeutung, der zum Unterschied von vielen seiner fanatisierten Gesinnungsgenossen die Möglichkeiten einer Auswanderung nach Palästina kühl und nüchtern erwägt und insbesondere die Voraussetzungen ins Auge faßt, die für eine solche Emigration maßgebend sind. Die vorsichtige Beurteilung der Situation, die hier geboten wird, hat uns veranlaßt, diesen Aufsatz auch unseren Lesern zur Kenntnis zu bringen. D. Red. In den letzten Wochen werde ich und, wie eine Umfrage ergab, auch jeder andere, der im Gerüche steht, etwas von den Verhältnissen in Palästina zu wissen, geradezu überlaufen von Menschen, die Auskunft, Rat und Hilfe für die Ausführung ihrer Absicht suchen, nach Palästina auszuwandern Es sind fast ausschließlich junge Menschen, zum großen Teil Akademiker, die an der Ausstellt verzweifeln, lüer Arbeit und Verdienstmöglichkeiten zu finden, und die günstigsten Vorbedingungen dafür in Palästina vermuten. Es ist leicht zu verstehen, daß es so ist. Die überaus krisenhaften Verhältnisse fast in allen Ländern Europas, die kaum einen Berufskreis verschoben, sind das negative, abstoßende Moment; das positive, anriehende ist gegeben durch die nicht nur in der jüdischen, sondern auch in der allgemeinen Presse jetzt schon häufig auftauchenden Meldungen und Berichte über eine beispiellose Prosperität in Palästina, diesem „Land ohne Krise". Es gehört nicht im engeren Sinn zu meinem heutigen Thema, aber ich muß es doch erwähnen, daß meiner Ueberzeugung nach die Entstehung einer solchen übertriebenen Einschätzung der palästinensischen Entwicklung oder, genauer gesagt, der Entwicklung innerhalb des 200.000 Seelen umfassenden palästinensischen Judentums für die Aufbauarbeit gewisse, gar nicht zu unterschätzende Gefahren mit sich bringt. Es ist natürlich sehr erfreulich, daß es in Palästina vorwärts geht, aber wenn nun hier von gewissen interessierten Stellen aus der Versuch gemacht wird, geradezu eine Art „Goldrausch" zu erzeugen und Vorstellungen zu erwecken, die, wenn sie realisiert werden sollen, sich als Täuschungen herausstellen müssen, die zu Enttäuschungen führen, so bringt diese Methode nur Menschen nach Palästina, die entweder, dort oder nach ihrer Rückkehr hier, tief verbittert werden oder jenes unerwünschte Element darstellen, d!as die übelste Spekulation entwickelt. Es ist meiner sehr genau durchdachten Meinung nach die Pflicht aller, die es mit Palästina gut meinen, diesen Auswüchsen mildernd, mäßigend, ja ernüchternd entgegenzutreten und die Dinge auf ihr wahres Maß zurückzuführen. Wenn nun aber einmal die Meinung verbreitet ist, Palästina, das „Land ohne Krise", habe Raum für alle Europamüden, und wenn hier und sicher auch in anderen Ländern, der „Run" der Interessenten eingesetzt hat, so schein,! es mir eine unabweisliche Pflicht der verantwortlichen Stellen, für eine richtige und vollständige Informierung aller Anfragenden zu sorgen. Die Exekutive der Jewish Agency, ihr Wirtschafts- und ihr Einwanderungsdepartement, die Landesstellen der Zionistischen Organisation, die zionistischen Lokalorganisationen, der Keren Hajessodl und der Keren Kajemeth, jede einzelne dieser Stellen und alle zusammen haben die Pflicht und die Verantwortung, den jetzigen ganz unhaltbaren Zustand ehestens abzuändern. Dazu sind, wie ich glaube, in erster Linie folgende Maßnahmen zu treffen: Erstens soll die allgemeine und die jüdische Presse regelmäßig und systematisch mit wirklich richtigen Informationen über die Verhältnisse in Palästina versorgt werden. Es soll nicht dem Zufall gelegentlich bestehender persönlicher Beziehungen zwischen einem Zionisten und einem Redakteur überlassen bleiben, wann und was publiziert wird. Insbesondere müssen die Bedin- »»»»»»WWW»—f 80» gungen der Auswanderung, sowohl die von Seiten der Regierungen der Auswandererländer als von Seiten der Mandatsregierung aufgestellten, wiederholt in gewissen Zeitabständen veröffentlicht werden. Zweitens sollen in allen -größeren; Städten Vertrauensmänner nominiert und in geeigneter Weise bekanntgemacht werden, die von zentraler Stelle selir eingehend informiert und so instandgesetzt werden, <3!en Rat- und Auskunftsuchenden das Gewünschte wirklich zu bieten. Sicher ist es nicht leicht, geeignete Menschen zu finden; sie müssen Zeit urid Geduld haben, mit jedem Interessenten eingehend zu sprechen, müssen gleich weit davon entfernt sein, jeden nach Palästina locken und jeden von Palästina abschrecken zu wollen, vor allem aber sollten es womöglich Menschen sein, die Palästina aus eigener Anschauung kennen (natürlich nicht von einem dreitägigen Trip mit einer Reisegesellschaft). Drittens sollten Merkblätter herausgegeben werden, die alles Wichtige enthalten und dem Anfrager zunächst zum eigenen Studium übergeben werden, bevor er die Sprechstunde des Vertrauensmannes in Anspruch nimmt. Diese Merkblätter müßten ganz klar, kurz und doch erschöpfend Auskunft geben über die wirkliche Lage, Lebensverhältnisse, Einkommen und Geldbedarf in den verschiedenen Berufskreisen in Palästina, über gesuchte und überfüllte Berufe, über Investitionsmöglichkeiten, dann über die Einwanderungsbestimmungen, Paß, Visum, erforderliche Mittel, schließlich über die wichtigsten Reiserouten und Reisekosten. Ein besonderes Merkblatt sollte Ratschläge an.den Einwanderer für die ersten1 Tage nach der Ankunft in Palästina enthalten. Ich bin mir klar darüber, daß letzten Endes doch noch ein weiter Spielraum für persönlichen Erich Deutsch nerminenä- It/l/15 Atelier iBr feinste Herrcn-naflarbett. Aus eigenenu. mitgebrachten Stoffen, bei billigsten Preisen.SchätBetfrel Telephon: A 43-842. Samstag geschlossen. Takt, Einfühlungsvermögen und Menschenkenntnis des „Vertrauensmannes" übrig bleibt; aber so weit als möglich sollte man doch die Voraussetzung für eine systematische Arbeit dieser Art schaffen. Natürlich wird der Vertrauensmann immer jeden Frager die zwei Grundsachen vor Augen führen müssen: daß in Palästina jeder, der in einem Fach überdurchschnittlich tüchtig ist, bestimmt seinen Weg macht, während hier in Europa, wie die Dinge heute liegen, die größte Tüchtigkeit nichts nützt; und das zweite, daß jeder, der nach Palästina1 kommt, mit einer keineswegs kurzen Zeit rechnen muß, währendter sehr schwer arbeiterrmuß und nur sehr kümmerlich verdient. Jabotinsky darf nicht in die Tschechoslowakei. Die tschechoslowakischen Behörden haben die Erteilung eines Einreisevisums an Wladimir Jabotinsky, der in der Tschechoslowakei eine Vortragstournee absolvieren wollte, verweigert. Einer Meldung der Prager Tageszeitung „Lidovy Noviny" zufolge wird die Verweigerung damit begründet, daß Jabotinsky innerhalb der zionistischen Bewegung den Faschismus propagiere. Nach anderen Berichten soll die Einreiseverweigerung bloß rein formell dadurch begründet sein, daß J abotinsky Nansenpaßinhaber ist. Fdänksagung. Anläßlich der Barmizwah unseres Sohnes Leo sind uns so viele Beweise echter Freundschaft und Sympathie zuteil geworden, daß wir uns veranlaßt sehen, zunächst auf diesem Wege allen, die an unserer Freude Anteil nahmen, herzlichst zu danken. Insbesondere sprechen wir dem Präsidium der Kultusgemeinde, dem Vorstande des Tempelvereines IX., Herrn Rabbiner Dr. A. Z. Schwarz und allen lieben ■< ollegen und Bekannten unseren m innigsten Dank aus. Oberkantor L. Postolow Bund Frau =■==■-=■ ■ ■-■ ——■= KONKVRS Beim Israelitischen Tempelverein Favoriten ist die Stelle eines ■1. HANffORS zu besetzen. Bewerber, die das 35. Lebensjahr nicht überschritten haben, musikalisch gebildet, das kantorale nod alttradionelle Chasonus beherrschen, vollständig versierte H~flp sSfc sind, die Fähigkeit besitzen, die O^SD inslandzuhalten, die Liturgie vollständig beberschen und österreichische Staatsbürger sind, wollen ihre Gesuche, mit dem Nachweise ihrer bisherigen Verwendung bis 20. Mai 1933 an die unten angelührte Adresse einsenden. Gebalt nach Uebereinkommen. Benjamin Scher Obmann Wien X., Viktor Adlerplatz 13. Palästina-Nachrichten. Der Leiter der Palästina-Executive der Jewish Agency, Dr. Chaim Arlosoroff, weilte dieser Tage in Wien, wo er in einem engen Kreise führender Zionisten akute Probleme der palästinensischen Einwanderungspolitik besprach. Dr. Arlosoroff befaßte: sich unter besonderer Berücksichtigung der tragischen Situation der deutschen Juden mit der Einwanderungspraxis der palästinensischen Behörden und stellte fest, daß die wider Erwarten beschränkte Zertifikatsanzahl der von der Palästinaregierung vor kurzem bewilligten Arbeiter- Schedule und die einschränkenden Einwanderungsmaßnahmen der palästinensischen Immigrationsabteihtng in schroffem Gegensatz zu den gegenwärtigen Absorptionsmög'Tichkeiten des Lande« stehen. * In Semach an der syrisch-palästinensischen Grenze wurden 46 Juden verh af tet, die versucht hatten, illegal n ach Palästina einzuwandern. In Konstanza ist der Dampfer „ArdeahiT mit den 123 jüdischen Touristen, denen die palästinensischen Behörden! die Landung in Jaffa nicht gestattet haben, eingetroffen. Die Zurückkehrenden wurden von der jüdischen Bevölkerung Konstanzas aufs wärmste empfangen. Die Palästina-Regierung hat eine neue Verordnung erlassen und in einer Sonderausgabe des palästinensischen Amtsblattes veröffentlicht, durch "die die Anstiftung zur Nichtzahlung oder zur Verzögerung der Zahlung öffentlicher Abgaben unter schwere Strafsanktion gestellt wird. Welche Abgaben unter dem Schutz dieser neuen Verordnung stehen, soll jeweils im Amtsblatt bekanntgegeben werden. Als Anstiftung sollen entsprechende Aufforderungen durch Wort oder Schrift, ja selbst durch Zeichengebung verstanden werden. Di© Bestimmungen des neuen Gesetzes sind so gefaßt, daß sie nicht nur bei ausdrücklicher Aufforderung zur Steuerverweigerung, sondern auch bei einer irgendwie implicite geschehenen Anstiftung zur Steuerverweigerung angewandt werden können. Als Strafe für Zuwiderhandelnde ist Gefängnis bis zu sechs Monaten oder eine Geldstrafe von 5 bis 50 Pfund vorgesehen. Geld- und Gefängnisstrafen können auch gleichzeitig verhängt werden. * In der vor einiger Zeit in der Nähe von Tel Mond zur Erinnerung an den verstorbenen belgischen Ziomstenführer Jean Fischer gegründeten iüdischeini Kolonie Kfar Jona, in der durch die Gesellschaft Hescharon unter der Leitung des holländischen Bankiers und Zionistenführers Jakobus H. Kann große Pflanzungen angelegt werden, haben unbekannte Täter 500 junge Orangenbäume entwurzelt. Der Schaden wird auf etwa 1000 Pfund geschätzt Unter dem Namen „Gesellschaft zur Erlösung des Wassers" wurde eine neue jüdische Vereinigung gegründet, die in allen Teilen Palästinas Wasserbohrungen vornehmen und moderne Brunnenanlagen schaffen will, die an die Bevölkerung der einzelnen Ortschaften! verkauft oder verpachtet werden sollen. Die erste Tiefbohrung soll in Afuleh, das unter starkem Wassermangel zu leiden hat, vorgenommen werden.

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