Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 19 (12.5.1933)
- Date
- 1933-05-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 5 Es beschämen Deutschland: Schweiz. Der Prorektor der Züricher Universität, der bekannte Theologe Professor Dr. Ludwig Köhler, wies in seiner anläßlich der Immatrikulationsfeier zu Beginn des Sommersemesters gehaltenen Rede darauf hin, daß die Züricher Universität eine der ersten war, die Frauen zur Dozentur zuließ, und daß ihre erste Dozentin Jüdin war. In einer Zeit, erklärte Professor Köhler, in der in einem auf kulturelle Führerschaft Anspruch erhebenden Nachbarlande sogar am den Stätten der Wissenschaft das Gefühl der Rassengegensätzlichkeit begünstigt werde, sei es bedeutsam, festzustellen, daß die Züricher Universität konfessionelle oder Rassenunterschiede nicht kennt. Tschechoslowakei. Der deutschnationale Abgeordnete und Bürgermeister von Neutitschein Dr. Schollich hat an den Unterrichtsminister Dr. Derer ein Schreiben gerichtet, m dem er sich gegen die angebliche „Verjudung" der Mittelschulen durch Ernennung von Lehrern und Leitern nichtarischer Abstammung wendet und die Ausschaltung jüdischer Lehrer fordert. In seinem Antwortschreiben hat Unterrichtsminister Dr. Derer diese Forderung entschieden zurückgewiesen und erklärt die Unterrichtsverwaltung lasse sich „ausschließlich von den Grundsätzen leiten, die die Grundlagen des demokratischen Staates bilden. Daher werden bei der Besetzung von Stellen keine Unterschiede bezüglich Abstammung, Rasse oder Konfession der Bewerber gemacht. Die Regierung wird sich auch in Zukunft von diesem Standpunkt nicht abbringen lassen". Rumänien. In Bukarest fand unter dem Vorsitz des stellvertretenden Ministerpräsidenten Mironescu eine Sitzung des Ministerrates statt, in der der Bericht des nach Czernowitz zu einer Untersuchung im Zusammenhang mit den vor kurzem dort vorgefallenen antisemitischen Ausschreitungen entsandten Regierungsvertreters entgegengenommen wurde. Der Bericht ergab einwandfrei die Schuld der Czernowitzer Ortsbehörden an der widerstandslosen Ausbreitung der Unruhen. Es wurde beschlossen, eine durchgreifende Veränderung im Personalstand der leitenden Czernowitzer Polizeiorgane vorzunehmen. Gleichzeitig wurden strenge Anweisungen gegeben, der antisemitischen Agitation, die in letzter Zeit in vielen Dörfern der Bukowina und in der Gegend von Akerman in Südbessarabien, wo deutsche Kolonien liegen, besonders heftig betrieben wird, schärfstens entgegenzutreten. Der Präfekt von Czernowitz hat erklärt, in seinem Bereich werde es binnen kurzem keine antisemitische Terrororganisation mehr geben. Deutsche jüdische Gemeinden in der Notzeit. Wie tief die Not der Zeit in das Leben der jüdischen Gemeinden in Deutschland eingreift, zeigt ein Bericht des „Israelitischen Familienblattes" aus Köln. Die Kölner Gemeinde, die vor wenigen Jahren noch fast einen Millionenetat aufzustellen vermochte, kann heute selbst nicht mehr den erst zu Beginn des Jahres aufgestellten Notetataufrechterhalten. Alle sorgfältigen Berechnungen und vorsorglichen Einsparungen haben sich als überholt erwiesen, und heute schon steht man wiederum vor der Zwangslage, zu ganz außerordentlichen Maßnahmen schreiten zu müssen, um den völligen Zusammenbruch der Gemeinde und ihrer Institutionen zu verhüten. Die Beamtengehälter, die längst die staatlichen Besoldungssätze unterschritten, erfuhren abermals eine so gewaltige Drosselung, daß e i n T e i 1 d e r Beamtenschaft fast zu den Wohlfahrtsempfängern gezählt werden muß. Die Synagogenchöre wurden aufgelöst, die Kindergärten sehen dem gleichen Schicksal entgegen, darunter der vor wenigen Jahren erst nach den modernsten Grundsätzen und allen Regeln der Hygiene neu errichtete Hort des Kindersparvereins, der Stolz der Gemeinde. Das vor Jahresfrist eröffnete Jugendheim mußte geschlossen werden. Die Frage der Zusammenlegung von Kinderheimen, Lehrlingsheimen und Waisenhaus wird erwogen. Aber überall herrscht der unbeugsame Wille zum Durchhalten, wächst der jüdische Opfersinn, um zu retten, was gerettet werden kann, die unerschütterliche Hoffnung auf bessere Zeiten. Aus Düsseldorf wird berichtet, daß seitens des jüdischen Wohlfahrtsamtes der Ausbau besonderer Beratungsstellen vorgenommen und vom Gemeindevorstand eine Sammlung zur Aufbringung der für die Nothilfe erforderlichen Geldmittel vorbereitet wird. Der Jüdische Jugendverein und der Turnverein Makkabi befinden sich in schwerer Notlage. Dem Turnverein hat die Stadt die Benutzung der Turnhalle und des Tennisplatzes untersagt, das Jugendheim ist in Gefahr, geschlossen zu werden. Einfuhr von Koscherfleisch nach Deutschland verboten. Staatssekretär von Rohr hat beim Reichsministerium des Innern angeregt, die Einfuhr geschächteter Tiere nach Deutschland zu verbieten. Diese Anregung ist darauf zurückzuführen, daß in letzter Zeit geschächtete Rinder aus Dänemark für deutsche Juden importiert wurden, was zur Befürchtung Anlaß gab, daß eine eventuelle Steigerung dieser Einfuhr sich auf den deutschen Rindermarkt sehr nachteilig auswirken könnte. Trauungsverweigerung wegen Rassenverschiedenheit. Dem demnächst zusammentretenden Thüringer Landeskirchentag wird ein Antrag der Gruppe Zimmermaler Kohn empfiehlt sich zur Ausführung von Malerarbeiten jeder Art Rotmkreuzgasne 3 Tel. A 45-3-37 „Deutsche Christen" vorliegen, demzufolge die kirchliche Trauung künftig versagt werden könne, „wenn durch große Verschiedenheit der Rasse oder des Kulturstandes und des Volkstums der Eheschließenden die Voraussetzungemi für eine sittlich hochstehende eheliche Gemeinschaft fehlen". Die höchste Frechheit Kommen Sie nach Deutschland! Das Dritte Reich wird von allen Ausländern seiner wohlverdienten „Autarkie" überlassen; niemand hat Lust, seinen Urlaub dort zu verbringen. Aber die Herren des Dritten Reiches empfinden diese Haltung aller Kulturvölker als schädigend und wollen die lästigen Ausländer wieder nach Deutschland locken; sie haben daher in der Pariser Ausgabe des -N e w Y «> r 1: H c r a 1 d" ein riesiges Ins er::: \ wrü;L:uiicht. um den Ausländern zuzureden, „ohne Rücksicht auf Konfession oder Rasse" ihr Geld in das Dritte Reich zu tragen. In dem Inserat heißt es: Das neue Deutschland heißt euch willkommen! Sehen Sie sich selbst das neue Deutschland an und nützen Sie dabei den Vorteil der wesentlich ermäßigten Eisenbahnfabrpreise. Ohne Rücksicht auf Konfession oder Rasse schickt Deutschland einen Will- .kommKruB an alle Amerikaner und an alle Reisenden der übrigen Ländeir ... ... Sie werden Deutschland wundervoll finden ... ... Sie werden finden, daß das Deutschland von heute ein bezauberndes Land i s t. bereit. Ihnen in jeder Weise entgegenzukommen, um Ihnen den Aufenthalt so artgenehm wie möglich zu Restalten ... Der Schlachtruf „Juda verrecke!" verwandelt sich in den Sirenengesang: „Das neue Deutschland heißt euch willkommen!" HageFs Selchwaren-Restaurant Selchwaren aus der Fabrik Eisen & Hönigsber streng orth. iw (Unter Aufsicht der Adas-Jisroel-Schiffschul) Wlan II., Pralerstrato 33, Telephon R-47-4-49 Menü wob 8 2.— aufwärts. Hochzeiten und Banketts werden bestens arrangiert Die Bruderhand. 30.000 jüdische Auswanderer aus Deutschland. In P a r i s fand kürzlich eine durch die Leitung des Verbandes jüdischer Organisationen für Auswanderungshilfe HIAS - JCA - EMIGDIRECT (HYCEM) einberufene Konferenz statt, an der Delegierte der durch HJCEM in verschiedenen Ländern eingesetzten Hilfskomitees für jüdische Auswanderer aus Deutschland teilnahmen. Es waren Vertreter der Hilfskomitees folgender Länder erschienen: Großbritannien. Belgien, Spanien. Holland, Saargebiet, Luxemburg, Schweiz, Polen, Oesterreich und Frankreich. Aus den von den Delegierten der einzelnen Länder erstatteten Berichten ging hervor, daß derzeit etwa 30.000 Juden, die in den letzten Wochen aus Deutschland ausgewandert sind, in den betreffenden europäischen Ländern sich aufhalten. Alle Delegierten berichteten mit tiefster Anerkennung und Dankbarkeit von der wohlwollenden Haltung und der freundschaftlichen Hilfsbereitschaft, die von den Regierungen ihrer Länder den jüdischen Auswanderern gegenüber an den Tag gelegt wurden. Die HJCEM-Leitung informierte die Teilnehmer der Konferenz über die von ihr unternommenen Schritte, eine Weiterleitung der Auswanderer in solche Länder, die für neue Einwanderer noch Platz haben, durchzuführen, und erwähnte in diesem Zusammenhang insbesondere die mit Kanada und verschiedenen südamerikanischen Staaten geführten Verhandlungen. Die Regierung von C h i 1 e hat bereits 50 Familien die Einwanderungserlaubnis erteilt. Die Frage der Erleichterung der Einwanderung beschäftigt gegenwärtig die (mmigrationskommission des amerikanischen Kongresses. In Spanien wurde im Hinblick auf die Erfordernisse der neuen jüdischen Wanderung das HJCEM- Büro in Barcelona reorganisiert und ein erweitertes Aufnahmekomitee ins Leben gerufen. Besondere Aufmerksamkeit wendet HJCEM neben der Auswanderung in überseeische Länder der Ausfindigmachung von Erwerbsmöglichkeiten für jüdische Auwanderer in europäischen Ländern zu. Es bestehen gute Aussichten, in einer Reihe von Kolonien europäischer Staaten jüdische Arbeitskräfte, auch Intellektuelle, unterzubringen. Nach lebhafter Aussprache über die aus der Auswanderung aus Deutschland sich ergebenden Probleme wurden einheitliche Richtlinien für die technische Leitung der Aufnahme und provisorischen Unterbringung jüdischer Auswanderer aus Deutschland festgelegt. Lehrstühle und Stipendien an englischen Universitäten für jüdische Gelehrte aus Deutschland. In London fand vor einigen Tagen eine Besprechung hervorragender Vertreter des englischen Unterrichtswesens statt, in der, wie „Daily Sketch" erfährt, ein Plan erörtert wurde, demzufolge bekannten deutschen Gelehrten, die in letzter Zeit genötigt waren, ihre Heimat zu verlassen, Lehrstühle und Stipendien an englischen Universitäten angeboten werden sollen. Die Ausarbeitung der Einzelheiten dieses Planes wurde einer zweiten Versammlung vorbehalten, die in 14 Tagen unter Teilnahme von Vertretern der Universitäten von Oxford, Cambridge, London und anderen Städten stattfinden soll. Einer der Teilnehmer an der Professorenbesprechung, ein hervorragendes Mitglied der englischen Hochschulkreise, erklärte, die Aufstellung eines solchen Planes sei f ü r E n gland charakteristisch. Man wolle dafür sorgen, daß die wissenschaftliche Laufbahn jener hervorragenden Männer, die unter den gegen sie gerichteten Maßnahmen zu leiden haben, nicht zerstört werde. Jeder von ihnen werde in England willkommen geheißen und gesichert werden. Wie dem „Daily Sketch" mitgeteilt wird, soll der Plan, jüdische Gelehrte aus Deutschland nach England zu bringen, in keiner Weise eine Störung des bisherigen Vorlesungssystems an den englischen Hochschulen zur Folge haben, da es sich nicht um Besetzung bestehender, sondern um Errichtung neuer Lehrstühle und ebenso um Zuerkennung neuzuschaffender Stipendien handle. Geldmittel für diesen Zweck seien bereits vorhanden, auch gebe es viele, die bereit seien, Beiträge zur Errichtung der geplanten Lehrkanzeln zu zeichnen. Im übrigen werde die Aktion nicht auf Gelehrte aus Deutschland beschränkt bleiben, sondern auf alle diejenigen ausgedehnt werden, die in ihren Heimatländern zu leiden haben.