Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 19 (12.5.1933)
- Date
- 1933-05-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 7 Zum 100. Geburtstage von Johannes Brahms. Von Dr. Hugo Leichtentritt. Am 7. Mai wurde der 100. Geburtstag von Johannes Brahms in der ganzen Welt, nur nicht in Deutschland gefeiert. Die Welt verehrt in der Brahmsschen Musik den künstlerisch vollendetsten und tiefsten Ausdruck deutscher Seele und deutschen Gemüts, den die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hervorgebracht hat. Das Wagneische Kunstwerk nimmt als ausschließliche Bührenkunst eine ganz andere, in sich souveräne Stellung ein und kann füglich mit der Brahmsschen reinen Konzertmusik nicht auf gemeinsamer Basis verglichen werden. . . , In Mamburg als Sohn eines urkrämgen niederdeutschen Musikanten von der holsteinischen Waterkant zur Welt gekommen, hat Brahms zeitlebens sein typisch norddeutsches Leben sich bewahrt Es bildet den festen Grundstock seiner Kunst und zeigt sich in seiner ganzen geistigen Haltung, in dem durchaus männlichen, ernsten, herb verschlossenen, zurückhaltenden Gepräge seiner Musik, sowohl in der kräftigen thematischen Substanz, der mit höchstem Kunstverstand durchgearbeiteten Form, wie auch in seinem von dem Wagnerschen so sehr verschiedenen Kianggefühl. Das Lebensschicksal führte den etwa dreißigjährigen Brahms von Norddeutschland in das sinnenfrohe, heitere Wien zu dauerndem Aufenthalt und führte dadurch auch seiner Kunst neue befruchtende Züge zu. In der weichen Wiener Luft milderten sich die schroffen Kanten des männlich-herben jungen Brahms. Das völlig reife Brahmssche Kunstwerk entsproß erst der innigen Mischung seiner angeborenen norddeutschen und der neu erworbenen wienerischen Züge. In diesen Blättern darf daran erinnert werden, daß Brahms zeitlebens enge persönliche und geistige Beziehungen zu hervorragenden Künstlern jüdischen Geblüts pflegte. Seine mehr als vierzigjährige enge Freundschaft mit Joseph Joachim hat zur harmonischen Durchbildung seiner Persönlichkeit, geistigen Kultur und Kunst vielleicht mehr beigetragen, als man im einzelnen Falle deutlich nachweisen kann. Brahms und Joachim sind in der Musikgeschichte untrennbar; ein wahrhaftes „nobile par fratrum". Die zwei umfangreichen Bände, enthaltend den Briefwechsel Brahms—Joachim, bezeugen diese persönliche, geistige, künstlerische Verbundenheit der beiden Freunde mit einer Ueberfülle von Belegen. Zu Brahms begeistertsten Bewunderern und engeren Freunden gehört auch Hermann L e v y, der berühmte Münchener Generalmusikdirektor, den Richard Wagner sich als ersten Dirigenten seines „ParsifaP" erwählte. Wenn schließlich die persönlichen Beziehungen zwischen Brahms und Levy sich lockerten, so liegt das an der wachsenden Zuneigung Levys zur Kunst Wagners. Brahms, in jenen Jahren Wagner mit kühler Bewunderung entgegenstehend oder vielmehr fernstehend, konnte es nicht vertragen, daß sein vertrauter Freund sich so stark der Gegenseite zuneigte. Auch den Briefwechsel Brahms—Levy hat die von der Brahms-Gesellschaft herausgegebene Briefsannnlung allgemein zugänglich gemacht, im siebenten Bande, der auch die Korrespondenz mit dem Berliner Komponisten Friedrich Gernsheim enthält. Eine glänzende Anregung erhalten wir von geschätzter Seite. Ein Freund unseres Blattes unterbreitet uns den Vorschlag, daß die Glücklichen, die noch in der Lage sind, ihre Ferien auf dem Lande zu verbringen, statt der oft lästigen Urlaubsgrüße einen Betrag an die Fürsorge-Zentrale der Kultusgemeinde senden mögen, durch den der Urlauber sich von seiner leidigen Verpflichtung sozusagen loskauft. Die Fürsorge-Zentrale müßte es übernehmen, den Eingang der Spende als „Ablöse für Urlaubsgrüße" in den „Amtlichen Verlautbarungen der Kultusgemeinde" durch die jüdischen Blätter zu verlautbaren. Große und lästige Mühe wird auf diese Weise erspart, eine Menge von Mißstimmungen der Vergessenen vermieden und einem nützlichen Zweck dadurch gedient. Wahlnachklänge. Wie sich die Leser unseres Blattes und Besucher der unionistischen Kultuswählerversammlungen im Vorjahre sicherlich noch entsinnen, waren diese fast regelmäßig von organisierten Gruppen halb- oder urwüchsiger Elemente aus dem radikal-jüdischnationalen Lager heimgesucht. Trotz Ordnerdienst wußten sie sich immer wieder durch die Versicherung, sich von nun ab lärmenden Radaus enthalten zu wollen, den Zutritt in die Versammlungen zu verschaffen. Selbst in geschlossene Vertrauensmännerversammlungen versuchten sie. gewaltsam einzudringen. So auch bei einer Vertrauensmännerversammlung. die am 15. November im Cafe Colonnaden stattfand. Die jungen Leute benahmen sich hiebei so lärmend, daß der Karfeehausbesitzer polizeiliche Assistenz herbeiholen mußte, die einige besonders Vorlaute zur Polizei stellte. Eine Reihe unserer Herren, darunter Dr. Lenk, hatten sich vergeblich bemüht, die jungen Leute zum Fortgehen zu veranlassen und intervenierten auch bei den Polizeibeamten und in der Wachstube, indem sie die Sache als eine vollkommene Harmlosigkeit hinstellten. Durch eine Aeußerung Doktor Lenks fühlte sich einer der Markantesten unter den jungen Leuten in seiner Ehre so gekränkt, daß er zum Kadi lief. Dr. Lenk, der in seiner Bemerkung keine Beleidigung, sondern sogar eine Erhöhung des Ansehens des angeblich Beleidigten erblickte, war. trotzdem das Gericht den Wahrheitsbeweis zuließ und er Amtsper- Sp«zialhaus für Wolle und Strickgarne Moritz Nagel Wien, 2. Bez., Taborstraße Nr. 17 Fabriksniederlage. Wirku. Strickmoden. Telephon A 45-8-69 soaen als Zeugen namhaft machen konnte, nicht dazu zu bewegen, sich in der heutigen, für die Judenschaft so ernsten Zeit ohne dringenden Zwang mit einem anderen Juden vor Gericht zu stellen, und gab vor der Verhandlung folgende Erklärung ab: Aus Anlaß einer VVählerversammluug der „Union österreichischer Juden'", die am 15. November 1932 im Cafe „Colonnaden" stattfand, habe ich mich Herrn Theodor G r u b n e r gegenüber zu einer Beleidigung hinreißen lassen. Ich bedaure diesen Vorfall und entschuldige mich hiermit bei Herrn Theodor Grubner. Regierungsrat Dr. Max Lenk in. p. Gemeinde - "Chronik Graz. Vor kurzem vollendete unser Mitarbeiter. Landesrabbiner Professor Dr. David Herzog, sein 25. Dienstjahr in der Grazer Kultusgemeinde. Dieses nicht nur für den Jubilar, sondern viel mehr noch für die Grazer Kultusgemeinde hochbedeutsame Ereignis nahm ü'er Präsident Dr. Robert Sonnenwald in einer Vorstandssitzung zum willkommenen Anlaß, die segensreiche Tätigkeit des Herrn Landesrabbiners entsprechend zu würdigen. Hierbei wies er besonders auf die tiefgründige Gelehrsamkeit des Jubilars hin, die in zahlreichen Schriften und wissenschaftlichen Werken zum Ausdrucke kommt und die seinen Namen weit über die Grenzen Oesterreichs rühmlichst bekanntgemacht hat. Ferner hob er besonders hervor, mit welch vorbildlichem Pflichtgefühl und ausdauernder Hingebung er die hehren und oft sehr schwierigen Aufgaben seines Amtes als Seelsorger der Gemeinde, als Jugendbildner und in der Armenfürsorge erfüllt. Auf Wunsch des Herrn Landesrabbiners wunie mit Rücksicht auf die gegenwärtigen ernsten, für Festlichkeiten ungeeigneten Zeitverhältnisse von der Veranstaltung einer Jubiläumsfeier Abstand genommen. Chicago. Im Rahmen der Chicagoer Weltausstellung wird am 3- Juli ein „jüdischer T a g" veranstaltet werden, an dem zahlreiche jüdische Organisationen ihre Jahresversammlungen in Chicago abhalten weTden. Man erwartet die Teilnahme einer Reihe hervorragender jüdischer Persönlichkeiten aus allen Ländern an den Veranstaltungen des „jüdischen Tages". An den Eröffnungsfeierlichkeiten wird u. a. der ehemalige Präsident der Jewish Agency Dr. Chaim W e i z m a n n teilnehmen. Auf dem Soldier Field zu Chicago wird an diesem Tage vor 100.000 jüdischen Besuchern die Freilichtaufführung eines Ausstattungsstückes „Romanze eines Volkes" stattfinden. London. Im Alter von 61 Jahren verstarb in London der Gründer der im Jahre 1917 gegründeten Zeitung „Jewish Guardian", Lauri Magnus. Er leitete das Blatt bis 1931, in welchem Jahre es sein Erscheinen einstellte. Magnus war Mitglied des Council der Jewish Agency. des Council der West London Synagogue, des Jews' College und der Jewish Hospital Society. Er war seinerzeit Präsident des Verbandes der jüdisch-literarischen Gesellschaften und Ehrensekretär des Jewish Board of Guardians (Armenbehörde). Er gehörte auch dem juristischen Parlamentsausschuß, dem Presseausschuß und dem Palästina-Komitee des Jewish Board oi Deputies an. Im Merores-Waisenhacs fand vergangenen Sonntag ein vom rührigen Damenkomitee des Heimes veranstalteter künstlerischer Nachmittag statt, dem ein distinguiertes Publikum beiwohnte. Unter anderen bemerkte man das Gesamtpräsidium der Kultusgemeinde, die Präsidentin des Damenkomitees Frau Baronin Ciarisse Rothschild und sämtliche Mitglieder des Komitees, die Kultusvorsteher Dr. P. Raumann und Dr. M. Stiglitz. Amtsdirektor Reg.-Rat G. Fuchsgelb und Amtsvorstand Emil Engel. Im Mittelpunkt des schönen Programms, das mit einem herrlichen Chor der Zöglinge (Psalm 24, komponiert und begleitet von Prof. Josef Herz) eingeleitet wurde, stand die ausgezeichnete Bibelvcrlesung von Margarethe Bach, deren hervorragende Meisterschaft auf diesem Gebiete wieder Semmeringer Kinderheim mit sep. Familienpension. Geschulte Kräfte. Ärztliche Aufsicht. Großer Park — Planschbecken —Spielwiesen. Stark reduzierte Preise. Mdag. Leitung: Staatl. geprüfter Lehrer J. Eisenberg, Wien Ii- Gr. Pfarrgasse 8. Tel. A 45-4-92 Ganzj. streng rit. mod. eingerichtetes Wiener SdiQlerheim für Knaben u. Mädchen. Vorbereitung und Nachhilfe für sämtl. Schultypen. Religiöse Erziehung. *t GROSSFLEISCHHAUEREI IIEGM, KORNMEHL »■»■■■■■■■■■■■■■■■■■■■HHBBB WIEN IX., BEROOASSS NR. 1» FILIALE ■ XVIII., WAHRMQCRSTRASSB 97 Telephon Nr. A J7-M9 und A 18-3-34 Lieferant rar Hallanstaltaa AbteilungenfürKoscherfleisch «atai» JlafsIoM In «hrwr. RaMMaate* «w* l«r. Kalh»B«pMind* WIM» Sämtliche Fieischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreüwn bewundert und mit großem Beifall aufgenommen wurde. Auch die Violinvorträge von Kurt F u e h s g e I b und die Klaviervorträge von Kurt Engel, zweier jurtger Talente, die heute schon Künstler in ihrem Fache sind, fanden begeisterte Aufnahme. Die gediegene Veranstaltung schloß mit dem Chorvortrag von Psalm 121 (Lewandowsky) durch die Zöglinge. Mit einem erhebenden Gefühl verließen die Gäste das schöne Heim, in dem sie Teilnehmer an einer durchaus würdigen, dem Ernste dieser Tage entsprechenden Feier gewesen waren. Chewra Kadischa XII—XV. Am 30. v. M. fand im Sitzungssaal XV., Turnergasse 22 in Anwesenheit des rJirenpräsidenten Rabb. Dr. J. T a g I i c h t, sowie von Delegierten der Kultusgemeinde und anderer Korporationen die 68. ordentliche Generalversammlung der Chewra-Kadischa XU—XV unter zahlreicher Beteiligung der Mitglieder statt. In der nachher abgehaltenen konstituierenden Vorstandssitzung wurden nachstehende Herren in das Präsidium gewählt: Zum Präsidenten Herr Dr. Hermann Kuncr, 1. Vizepräsident Herr Karl A11 m a n n n. 2. Vizepräsident Herr Dr. Otto Rading e r. Kassier Herr Jakob W inte r. Kassiersteilvertreter Herr Albert Adler, Schriftführer Herr Bernhard L e d e r e r, Schriftfiihrerstellvertreter Herr Leopold \V e c h s I e r. Verlobung. Fräulein Lilly M unde I. Tochter der Frau Rabb. Dr. Anna Mandel, Wien X., hat sich mit Herrn Arthur \V e i z e n Ii o t verlobt. Hollabrunn. Der Senior der österreichischen Kantorenschaft. Oberkante* und Religionslehrer Sigmund Jellinek und Frau Berta Jellinek feierten am 7. Mai 1933 das Fest der Goldenen Hochzeit. Aus diesem Anlasse iand im festlich geschmückten Gotteshaus in Hollabrunn ein Festgottesdienst statt, bei welchem außer der gesamten Judenschaft von Hollabrunn. mit dem Kultuspräsidenten Emil Skutetzky und dem Tempelvorstaud Albert Deixner an der Spitze, auch der Bürgermeister und Vizebürgermeister der Stadt Hollabrunn nebst anderen christlichen Honoratioren der Stadt anwesend waren. Rabbiner Dr. M. Rosenmann wies in seiner Festrede auf die Beliebtheit, der sich das Jubelpaar bei allen Teilen der Bevölkerung ohne Unterschied der Konfession wegen ihrer Wohltätigkeit erfreut, hin. Er erwähnte, daß der Jubilar mit dem großen silbernen Ehrenzeichen für die Verdienste um die Republik ausgezeichnet wurde und daß seine vier Söhne an der vordersten Front während des Weltkrieges standen und nicht nur ihre Pflicht gegenüber dem Vaterland erfüllt haben, sondern auch treue Söhne des Judentums sind. Hierauf überbrachte der Obmann des österreichischen Kantorenvereines, Herr Oberkantor 1. Löwit, die Glückwünsche des Kantorenvereines und wünschte dem Jubilar, der durch mehr als fünfzig Jahre als Kantor und Religionslehrer tätig ist. daß es ihm vergönnt sein möge, noch viele Jahre in seinem Dienste des Judentums tätig zu sein. Herr Oberkantor Frankel trug ein Festgedicht in klassischem Hebräisch vor. worauf Oberkantor Postolow, begleitet vom Wiener Tempelchor, die kantoralen Funktionen in gewohnt vorzüglicher Weise verrichtete. Anschließend an den Festgottesdienst fand eine Jause statt, bei der das Jubelpaar, welches sich voller geistiger und körperlicher Frische erfreut. Gegenstand zahlreicher Ehrungen war. TodesialL Am 7. d. M. iand unter enormer Beteiligung das Leichenbegängnis des 76jährigen Gas- und Wasserleitungsinstallateurs Herrn Alois Kolben, I.. Rabensteig 1. auf dem Zentralfriedhof statt. Kolben, der 45 Jahre das Meisterrecht besaß, hat im Laufe dieser Zeit eine große Anzahl Gesellen ausgebildet, von denen heute viele selbständige Meister sind. Er besaß das beste Herz: für seine Angestellten war er stets ein väterlicher Freund und Berater. Im nächsten Jahre hätte er das 50jährige Geschäftsjubiläum feiern können. Herr Rabbiner Dr. Bach hielt dem Verblichenen einen tiefempfundenen Nachruf. Er pries Kolben als eine Zierde des Judentums, der edel und gut gegen jedermann war. sich stets treu zu seinem Glauben bekannte und bis zum letzten Tage trotz seines hohen Alters werktätig svar. Alle Menschen, die Alois Kolben persönlich kannten, werden diesem Edelmenscheti gewiß zeitlebens ein ehrenvolles Andenken bewahren. Alfons M a y c r. Dr. Leo Heinrich Werdesheim, Kurarzt und Ordinarius des israelitischen Hospitals in Bad üleichenberg, hat seine dortige Tätigkeit bereits aufgenommen und ordiniert auch für frei wohnende Mitglieder der Hauptanstalt. Geprüfte inteliUfente HrankeBpllegerm mit erstklassigen Referenzen, geht auch als Reisebegleiterin, sucht Beschäftigung. Zuschriften an die Administration unter „Verläßlich".