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Die Wahrheit · 1933-05-12 · Heft 19 (12.5.1933) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 19 (12.5.1933)
Date
1933-05-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT HOTEL ELISABETHHO Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang >t MÖBEL schweren Kerkerstrafen abgeurteilt worden sind. Wenn man die Straftaten dieser aufgenordeten Menschen liest, bricht jedem noch sittlich fühlenden Menschen das Herz. Arbeitslose, Ausgesteuerte, Witwen und Waisen, Unmündige, Invaliden und ein Heer anderer Unglücklicher wurden in schamlosester, schmählicher, verbrecherischer Weise um ihre ersparten oder ererbten, oft kargen Groschen geprellt Wer das alles gelesen, mußte sich unwillkürlich fragen, wie konnten Menschen, die sich als Glieder einer Edelrasse dünken, so viele Menschen und Familien ins Unglück stürzen? Was hätte das für Geschrei gegeben, wenn nur der zehnte Teil dieser Verbrechen von einem Juden begangen worden wäre? Und was für Geschrei hätte sich erhoben, wenn sich ein Jude so wie der Modern« Kflchen- Vorzlmmar- Wohnzlramer- F. KOHN, Wien II., TABORSTRASSE Nr. 22 Telephon R 40-7-14 Samstag geschlossen — Angeschlossen der „Schomra" Bundesbruder des einen Anwaltes, ein Arzt und ehedem wehrhafter Student, nicht mehr und nicht weniger als sage 130 Prozent und dazu noch Biancowechsel von seinem Freunde und Bundesbruder hätte geben lassen! Eine Angelegenheit übrigens, die wahrscheinlich noch den Staatsanwalt beschäftigen wird. Das alles stinkt so zum Himmel, daß der Gau Steiermark besser getan hätte, seine Entschließungen zu revidieren und überhaupt nicht zu fassen. Wahrlich, es wäre besser gewesen, sich an das schöne Wort von Bodenstedt zu halten: „Klug zu reden ist oft schwer, klug zu schweigen meist nocli mehr." Das Weltgewissen. Der Papst will helfen. Das Mitglied der politischen Exekutive der Agudas Jisroel, Generalkonsul Sally Guggenheim und der Mailänder Rabbiner de F a n o erstatteten dem Papst, der sie in längerer Privataudienz empfing, Bericht über die Lage der Juden in Deutschland. An den Bericht der beiden Herren, der fast eine halbe Stunde in Anspruch nahm und von Seiner Heiligkeit mit tiefer Anteilnahme angehört wurde, schloß sich eine kurze Aussprache, in der der Papst, der zu Rabbi de Fano, seinem ehemaligen Hebräisch-Lehrer, in sehr freundschaftlicher Beziehung steht, eine Reihe von Fragen betreffend Einzelheiten der jüdischen Situation in Deutschland an die Delegierten der Agudas Jisroel richtete. Zum Schlüsse erklärte der Papst: Ich habe schon bisher auf eine Besserung desLosesderdeutschen.ludenhingearbeitet und werde dies auch in Zukunft tun. Generalkonsul Guggenheim hat während seines zweiwöchigen Aufenthalts in Rom mit zahlreichen politischen Persönlichkeiten Fühlung genommen und eine Reihe von Konferenzen mit dem Oberrabbiner von Rom, Dr. S a c e r d o t i, der zum engsten Freundeskreis des italienischen Ministerpräsidenten Mussolini gehört, abgehalten. v. Lloyd George. Auf einer Tagung der britischen und ausländischen Bibelgesellschaft hielt der ehemalige englische Ministerpräsident Lloyd George eine Ansprache, in der er sich mit der Zurücksetzung der Juden in Deutschland befaßte und an alle Länder der Christenheit den Appell richtete, der großen Leistungen des Judentums für die allgemeine Kultur eingedenk zu sein. Ich wünschte, sagte Lloyd George u. a., jedes Land der Christenheit wäre eingedenk eines Satzes aus der Bibel, in dem es heißt, das Heil käme von den Juden. Die Bibel (die teilweise auch in Deutschland dem Scheiterhaufen der Studenten übergeben wurde, D. Red.) ist nicht der einzige Beitrag der Juden zur allgemeinen Kultur, aber sie ist ihr größter Beitrag; und sie ist gleichzeitig der größte Beitrag, den irgendeineRassejemalszurZivilisation beigesteuert hat. Gegenwärtig sind die Juden in einem der größten Länder der Christenheit schwerer Zurücksetzung ausgesetzt, die ihren Ursprung in einem seiner Träger nicht würdigen Gefühl des Neides hat. Die Zurücksetzung der Juden ist für Deutschland und die Welt ein Unglück. Deutschland gewinnt nichts durch sie, niemand wird durch sie etwas gewinnen. Aus Haß hat man noch nie Nutzen gezogen. Haß trifft den, von dem er ausgeht, stärker als den, gegen den er gerichtet ist. Die Ausführungen Lloyd Georges machten auf die Versammelten einen tiefen Eindruck. * Lord Grey. In der letzten Sitzung des Rates der liberalen Partei sprach dessen Vorsitzender, der ehemalige Außenminister Lord Grey ofFallodon, über die den Juden in Deutschland heute zuteil werdende Behandlung und erklärte, er nehme diesen Vorgängen gegenüber dieselbe Haltung ein, wie sie das Unterhaus in seiner vor kurzem abgehaltenen Deutschland-Debatte gezeigt habe. Der ganze Zug der deutschen Politik und ihre Mentalität widerstrebe der öffentlichen Meinung Englands, die nach dem Kriege unzweifelhaft mit Deutschland vielfach sympathisierte. Plötzlich kommen nun diese Angriffe auf die Juden, aus denen zu ersehen sei, daß Deutschland ihnen gegenüber nicht einmal Toleranz üben wolle. Nach dem Krieg seien die Bestrebungen der englischen Politiker dahin gegangen, eine friedliche Atmosphäre zwischen England und Deutschland zu schaffen, die heutige Situation aber habe das Empfinden der Allgemeinheit in England schwer e'tittäuscht. Noch vor wenigen Monaten hätte eine Rede, wie sie Sir Austen Chamberlain jüngst im Unterhause gehalten habe, nicht jene allgemeineZustimm u n g gefunden, die ihr tatsächlich zuteil geworden sei. Was ihn, Lord Grey, betreffe, so schließe er sich dem, was Sir Austen gesagt und das ganze Unterhaus bekräftigt habe, an. Man könne nicht Konzessionen machen und dauernd die Hand zum Frieden ausstrecken, wenn diese Geste nicht erwidert werde. Der gegenwärtige Augenblick gestatte nicht, jene Politik fortzusetzen, die Herrn Stresemann und Dr. Brüning gegenüber verfolgt worden sei. Ohrfeige Nr. 3. Nach Franck und Haber — Liebermann. Eine Berliner amtliche Meldung besagt, daß Dr. h. c. Max Liebermann, der im 85. Lebensjahre steht, seinen Austritt aus der Akademie der Künste erklärt hat Wer Dr. Liebermann ist, braucht nicht gesagt zu werden: Man weiß es, daß er der repräsentativste deutsche Maler ist, der den Namen und die Ehre Deutschlands im Auslande wirksamer repräsentiert, als ein Dutzend Propheten des Dritten Reiches zusammengenommen. Wenn sich auch die Herren Gletehschalter an Dr. Max Liebermann nicht herangetraut habender mag sich, so wie vor ihm die Nobelpreisträger Franck und' Haber, bedankt haben, aus den Händen der heutigen Herren Pardon entgegenzunehmen. Also hat er ihnen den Rücken gekehrt, und zwar mit folgendem, den heutigen Kurs schwer beschämenden Schreiben: ( L l fS I l S B\ I0 UND BADEANSTALT IX., CLUS1USGASSE NR. 12 KHK WIEN an der Friedensbrßcke gelegen A, Original RüSSlSdieS Dampfbad mit =-- Buschenbehandlung gegen Rheuma etc. Gegen Vorweisung dieses Inserates S 1.30 Ich habe während meines langen Lebens mit allen meinen Kräften der deutschen Kunst zu dienen gesucht. Nach meiner Ueberzeugung bat Kunst weder mit Politik noch mit Abstammung etwas zu tun. Ich kann der preußischen Akademie der Künste, deren ordentliches Mitglied ich seit mehr als 30 Jahren und deren Präsident ich durch 12 Jahre gewesen bin, nicht länger angehören,, da dieser mein Standpunkt keine Geltung mehr hat. Zugleich habe ich das mir verliehene Ehrenpräsidium der Akademie niedergelegt. Bravo, Liebermann! Prediger in der Wüste. Die bayrischen Erzbischöfe fordern gleiches Recht für alle Staatsangehörigen! Die Erzbischöfe Bayerns haben an ihre Diözesane einen Hirtenbrief gerichtet, in dem die Forderung nach Gleichheit aller Staatsangehörigen vor dem Recht erhoben und die Aufforderung zu einmütiger opferbereiter Mitarbeit an der Lösung der von der Reichsregierung gestellten großen und schweren Aufgaben mit der Mahnung verknüpft wird, n i emanden aus Einseitigkeit und Engherzigkeitauf die Seitezustellen, wie auch niemand aus Entmutigung und Verbitterung sich selbst auf die Seite stellen dürfe. In dem Hirtenbrief der bayrischen Erzbischöfe heißt es u. a.: „Wie wir für unsere deutschen Brüder in fremden Ländlern Gleichberechtigung fordern und Ausnahmegesetze verurteilen, so müssen wir gegenüber Angehörigen der eigenen Staaten jede Rechtsverletzung und Rechtsungleichheit grundsätzlich ablehne n." Der Hirtenbrief schließt mit den Worten: „Niemand soll sich der großen Aufbauarbeit entziehen; es darf aber auch niemand zurückgestoßen werden." Die in letzter Zeit propagierte Schaffung einer nationalen Einheitskirche wird in dem Hirtenbrief mit der entschiedenen Bemerkung abgelehnt, das Programm einer Nationaikirche .bedeute für den Katholiken einen Abfall von seinem Glauben. Bravo Baden! Minister a. D. Josef K o 11 m a n n, der Bürgermeister von Baden bei Wien, hat an den Präsidenten der dortigen Kultusgemeinde, Herrn Anton Stern, den Verfasser des in unserem Blatte erschienenen Aufsatzes über Badens judenfreundliche Haltung, folgendes interessante Schreiben gerichtet: tv Vom Bürgermeister der Stadt Baden. Seiner Wohlgeboren Herrn Anton Stern, Präsident der israelitischen Kultusgemeinde Baden. Sehr geehrter Herr Präsident! Mit großer Aufmerksamkeit habe ich Ihre Veröffentlichung in der „Wahrheit" gelesen. Ich verspeche mir davon eine günstige Wirkung in den Kreisen der Leserschaft dieses Blattes. Es erscheint mir notwendig, daß in diesen politisch so bewegten Zeiten alle an unserem Kurorte, aber auch alle an der Unabhängigkeit und der wirtschaftlichen Gesundung unseres Heimatstaates interessierten Kreise alle Kräfte daran setzen, um jenen inneren Frieden herbeizuführen, den unsere Wirtschaft so n ö t i g h a t. Ich danke Ihnen, verehrter Herr Präsident, für die Bekundung des guten Willens und gebe Ihnen die Versicherung, daß die Gemeindevertretung Badens sich stark genug fühlt, um den Kurort so zu erhalten, wie er bisher war: als Heilbad für Kranke ohne Unterschied der Nationalität, des Glaubens und der Weltanschauung. Genehmigen Sie, verehrter Herr Präsident, die Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung. Josef Kollmann m. p. Bürgermeister der Stadt Baden. Baden, am 2. Mai 1933.

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