Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 19 (12.5.1933)
- Date
- 1933-05-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DK WAHRHEIT Seite 3 nur in den Gehirnen von Kannibalen und Sadisten ausgemalt haben dürften. Und ebenso verhält es sich mit der bereits zur Monblanchöhe emporgeschossenen Lüge von der jüdischen Inferiorität: Im Auto, das von einem Juden erfunden wurde, rasen sie zu Versammlungen, um die Inferiorität d'es Juden zu verkünden; sie bedienen sich der von Juden erfundenen Radioröhre, um die jüdische Inferiorität populär zu machen. Auch die Elektrizitätskraft muß dlazu herhalten; dabei ist die Priorität der elektrischen Kraftübertragung mit dem Namen des Jud'en Popper-Lynkeus verknüpft (welche Tatsache schon durch unzählige Blätter gegangen ist, so daß sie den Hetzantisemiten gut vdrtraut ist). Aber mit der Inferioritätslüge haben sie sich in eine bedenkliche Sackgasse verrannt, in der sie moralisch zur Strecke gebracht werden könnten: Weil eben die Benützung jüdischer technischer Erfindungen und jüdischer Medizin mittel durch Antisemitenführer auch dem dümmsten irregeleiteten Gimpel die Augen zu öffnen vermöchte. Man kann wohl vielen einreden, diese oder jene Musik, und mag sie in Wirklichkeit nur ein „Schlaflied" für Erwachsene bilden, sei die wahre und einzige künstlerische Offenbarung, irgendeine noch so lebendige und elektrisierende jüdische Musik dagegen bloße Mache; anders ist es lünsichtlich technischer Leistungen: die Inferioritätslüge müßte quasi von der jüdischen Radioröhre übertönt, vom jüdischen Auto niedergestoßen und durch elektrische Kraftübertragung verkohlt werden. Man kann sich vorstellen, welche ungeheure Bedeutung es haben müßte, wenn diese gigantische, zu einem Pfeiler des Antisemitismus ausgebaute Lüge unter Donnergetöse zusammenbrechen würde; sie müßte, bei entsprechender Nachhilfe, alle anderen Lügen mitreißen. Priorität gegen „Inferiorität"! Eine außerordentliche Wirkung müßte es im Osten auslösen, wo alle von Juden geschaffenen wissenschaftlichen und technischen Leistungen ge- * Ein Leser unseres Blattes schreibt uns: Die beste Aufklärung, deren Notwendigkeit ich durchaus anerkenne, wäre eine massenhafte Verbreitung des Artikels von Prof. K ö h 1 e r in christlichen Kreisen. Es muß meines Erachtens selbst in dieser Zeit der Verhetzung Eindruck machen, was dieser mannhafte Berliner Gelehrte sagt. In diesem Artikel erklärt Professor Köhler bekanntlich, die Rassenpolitik des neuen Deutschland gebe aus dem Prinzip der Sachlichkeit um der Nation willen AnlaßzurSorge. „Keiner von den Deutschen, die ich meine", heißt es in dem Artikel, „leugnet das Vorhandensein eines Judenproblems in Deutschland: die meisten von ihnen glauben, daß die Deutschen das Recht haben, die Zusammensetzung ihres Volkskörpers zu kontrollieren und den zu groß gewordenen Anteil von Juden an der Führung aller wesentlichen Angelegenheiten des Volkes durch weise Regelung zu beschränken. Nur solche Maßnahmen aber können sie innerlich billigen, die nicht auf Umwegen Deutschland schädigen, die nicht plötzlich die Existenz von ganz Unschuldigen zerstören und die nicht die bedeutenden, vornehmen Menschen unter den deutschen Juden schwerverletzen. Denn meineFreunde wollen der These nicht zustimmen, daß jeder Jude, als Jude, eine niedere, HÖCHSTE QUAUIXT HORHYPHON meinhin als Errungenschaften des Westens angesehen oder angestaunt werden, ohne daß jemand von der jüdischen Provenienz eine Ahnung hat. Ein kleines Beispiel: der Chauffeur würde nicht mit solcher Selbstverständlichkeit, wie es jetzt geschieht, einen Juden, der sich demselben Beruf zuwendet, als Eindringling ansehen, wenn er wüßte, daß ein Jude das Auto geschaffen. Sogar unter den Hochschulkrakeelern würden viele sich Reserve auferlegen, wenn sie belehrt würden, daß ein Jude auf die Universität geht, um u. a. Medizin von Dittel, Ehrlich, Landsteiner, Neißer. Pollitzer, Wassermann; Chemie von Haber, Willstätter usw. undsonstigevonzahlreichen anderen Juden geschaffene Wissenschaften aus dritter Quelle zu lernen. Die Bevölkerung wäre zum Nachdenken veranlaßt, ob es zweckmäßig sei, die Juden aus den Hochschulen zu verdrängen, um ihre geistigen Gaben erst auf dem Umwege, über das Ausland zu genießen; ob es einen Zweck hat, jüdische Hochschullehrer zu verjagen, um ihre Lehren von Nichtjuden vortragen zu lassen. Es wirft sich die Frage auf, wie die nichtjüdischen Massen erfaßt werden könnten. Ich bin für die Herstellung billiger, entsprechend wirksamer und' sehr kurzer Auszüge aus dem von mir vorgeschlagenen Gratis-Volkslexikon (das zu einem Standardwerk ausgestaltet werden müßte) und massenweise Gratisverbreiturtg derselben unter Nichtjuden. Mit <Keser Aktion könnte sofort begonnen werden, denn das Material, aus dem das Gratis-Lexikon zusammengestellt werden soll, liegt ja fertig, zum allergrößten Teile gedruckt, wenn auch zerstreut, vor. * je minderw ert ige Fo^r irr von Menschentumdarstellt... Von den Deutschen, die jetzt abseits stehen, sind viele Lehrer an deutschen Hochschulen, und manche sind Naturforscher. Es scheint, daß keiner an das kurze Leben und das große Schaffen von Heinrich Hertz denken kann, ohne daß eine fast zärtliche Bewunderung in seine Augen kommt. In Hertz aber war jüdisches Blut. Einer hat mir unterwegs auf der Straße gesagt: „Der größte deutsche Experimentalphysiker der Gegenwart heißt Franck: manche glauben, er sei der größte Experimentator dieser Wissenschaft, den derzeit die Welt besitzt. Dieser Franck ist Jude, ein gütiger Mensch, wenn je einer in Deutschland war. Bis vor wenigen Tagen war er Professor in Göttingen, ein Ruhm Deutschlands, um den uns draußen die wissenschaftliche Welt beneidete. Ein deutsches Gesetz hat, nicht dem Wortlaut nach, wohl aber durch seinen inneren Sinn, diesen guten und großen Menschen so schwer getroffen, daß er aus unseren Reihen scheidet. Haben Sie gelesen, mit welchen Worten er seine Stellung aufgibt? Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, daß Juden vornehme Menschen sein können, dieser Mann hat ihn erbrach t." Er nahm seinen Hut ab, und mir schien, ich sollte es auch tun." ff Gleichschaltung". Aus Graz wird uns geschrieben: Ein Dr. D. hat im Abendblatt der „Grazer Tagespost" vom 27. v. M. — ob mit Recht bleibe dahingestellt — aus Anlaß der Verordnung des Bundesministeriums für Unterricht gegen den Zustrom zu den Mittelschulen sich dahin geäußert, diese Verordnung enthalte eine Härte gegenüber der steierischen Jugend, „weil unsere alpenländische Bevölkerung sich bekanntlich viel langsamer als andere Völker entwickelt". Diesem Vorhandensein der Schwerfälligkeit scheint auch „ein Schulmann" beizupflichten, der im Abendblatt desselben Blattes vom 3. d. M. sein Herz über „die Unwissenheit mancher angehenden oder schon eingeschriebenen Akademiker — die sich ja jetzt fast zur Gänze der Führung Adolf Hitlers unterworfen haben —, die noch nie so groß war wie heutzutage," ausgießt. Diese Schwerfälligkeit des Denkens mag aller Wahrscheinlichkeit nach auch die Ursache gewesen sein, daß der „Gau Steiermark des Vereines deutscher Aerzte in Oesterreich", dessen Mitglieder sich bislang nicht durch allzugroße wissenschaftliche Leistungen hervorgetan haben, obschon ihnen ja alle wissenschaftlichen Behelfe in reichlichem Maße zur Verfügung stehen, erst am 27. April I. J. in einem in Graz im Hotel „Erzherzog Johann" abgehaltenen Sprechabend, der von Land- und Stadtärzten besucht war, eine Entschließung gefaßt hat, in der auf die zunehmende Ueberfüilung im ärztlichen Berufe hingewiesen wird. Die Entschließung, die nichts anderes als die Einführung des Numerus clausus für das Medizinstudium der Juden fordert, lautet folgendermaßen: „Oesterreich habe heute in der Welt nachweislich die größte relative Aerztezahl zu verzeichnen; auf ungefähr 750 Einwohner komme ein Arzt. Daß diese einzig dastehende Ueberfüilung schwerste Folgen für Bevölkerung und Berufsstand zeitigen muß, sei selbstverständlich. An diesem Zustande sei aber zum geringsten Teile die Zunahme der bodenständigen Aerzte, sondern fast ausschließlich jene der jüdischen Aerzte schuld. Dabei handle es sich vielfach nicht um einheimische, sondern aus dem Osten neu zugewanderte Juden. Die Zahl der jüdischen Aerzte stehe im Mißverhältnis zu der Zahl der einheimischen Juden in Oesterreich überhaupt und betrage zum Beispiel in Wien schon über 70 Prozent der gesamten Aerzteschaft. Dadurch erscheinen nicht nur die Lebensinteressen der arischen Aerzte und Mediziner, sondern auch das Recht der deutschen bodenständigen Bevölkerung auf Behandlung durch arische, durch Wesensart, Denkweise und Volkszugehörigkeit verwandte Aerzte ernstlich gefährdet. Die deutschen Aerzte Steiermarks stellen daher folgende Forderungen auf: 1. Ausländische jüdische Aerzte und Mediziner dürfen in Hinkunft unter keinen Umständen die österreichische Staatsbürgerschaft und das Recht zur Praxisausübung erhalten. — 2. Es darf nur eine dem Hundertsatz der einheimischen Judenschaft Oesterreichs entsprechende Anzahl von jüdischen Studenten zum Medizinstudium zugelassen werden. — 3. Bei allen öffentlichen Krankeniürsorge-Einrichtungen sind in erster Linie deutsche Aerzte zu beschäftigen, keinesfalls darf aber die Zahl der dabei tätigen jüdischen Aerzte den Hundertsatz nach Punkt 2 überschreiten. — 4. Jedem Krankenkassenmitglied muß ohne Erschwerung die Möglichkeit geboten sein, sich von einem arischen Artz behandeln zu lassen." In dieser Entschließung findet sich natürlich kein Wort darüber, daß die jüdischen Aerzte sich wegen ihrer peinlichen Gewissenhaftigkeit, ihrer Humanität und ihrer Anständigkeit im Erstellen ihrer Honorare allgemeiner Beliebtheit erfreuen. Im übrigen muß es auch bezweifelt werden, ob tatsächlich 70 Prozent der gesamten Aerzteschaft von Wien Juden sind. Aber wenn dies auch der Fall sein sollte, dann geht das den Gau Steiermark nichts an und hat das der Gau Wien mit sich auszumachen. Was aber an dieser einstimmig gefaßten Entschließung ganz besonders auffällt, ist sein von Konkurrenzneid und Geldgier inspirierter Inhalt. Um aber einen solchen für einen Arzt schlecht angebrachten Mammonismus irgendwie zu bemänteln, wurde an demselben Sprechabend auch eine Entschließung dahin gefaßt, wahrscheinlich um einigen nachstrebenden Dozenten und außerordentlichen Professoren zu einer ordentlichen, gut dotierten Professur zu verhelfen, daß es für den Verein Pflicht (?!) sei, mit folgender Anregung an die Regierung heranzutreten: ..Zur Heranbildung von Lehrkräften und zur eugenischen Schulung der akademischen Jugend mögen unverweilt (wie eilig es doch die Herrschaften haben!) an sämtlichen österreichischen Universitäten Lehrkanzeln für Rassenhygiene (Eugenik) etwa nach dem Muster der von Prof. Dr. Fritz Lenz in München geleiteten errichtet und mit den erforderlichen geldlichen (natürlich der springende Punkt, woher es aber nehmen, wissen die Götter) und sonstigen Forschungsmitteln und Behelfen ausgestattet werden usw." Inwieweit nun diese Entschließungen des Gaues Steiermark einmal Erfolge haben werden, wissen wir nicht. Fest aber steht unsere und auch die Meinung vieler Arier, daß der Gau Steiermark klüger getan hätte, in diesen Tagen hier in Graz nicht mit seinen Entschließungen in die Oeffentlichkeit zu treten, in diesen Tagen, in welchen nicht weniger als 5 — sage fünf — rein arische, aufgenordete Rechtsanwälte und ein ehemaliger juristisch ausgebildeter Beamter sich wegen schwerer Verfehlungen und Veruntreuungen vor dem Staatsanwalt zu verantworten hatten und noch zu verantworten haben werden, von denen bereits vier, und zwar Dr. Erwin Vennigerholz, der aus Anlaß der letzten Gemeinderatswahlen in Graz sogar nahe der Spitze der nationalsozialistischen Wahlliste gestanden, Dr. Fritz Prieger, Dr. Michael Aldrian und Dr. Sedlmeyer zu vieljährigen.