Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 19 (12.5.1933)
- Date
- 1933-05-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT wer am letzten Dienstag das gewalttätige Treiben von vielen hunderten, meist halbvvüchT sigen Burschen im Anatomischen Institut und in der Umgebung der Universität mitansah, der mußte sich Gedanken machen über die Duldsamkeit, mit der man dieseii Elementen begegnet. Am kommenden Samstag wird die Regierung Gelegenheit haben, die Probe aufs Kxempel zu machen. Sollen wir doch den Besuch einer Auslese der allerradikalsten Macher der nationalsozialistischen Bewegung Deutschlands erhalten. Wenn die Regierung die Stellungnahme der ihr so nahestehenden „Reichspost" in die Tat umsetzt, dann fliegen diese Franks, Kubes und Genossen, die im Flugzeug hieher eilen, gleich wieder über die rot-weißroten Pfähle im Fluge hinaus. Wenn sich unsere Reeierung zu dieser Kraftprobe aufrafft, dann wird niemand im Inlande, aber auch der französische Außenminister Boncour nicht mehr an der Stabilität des verfassungsmäßigen Regimes, dann wird niemand daran zweifeln, daß die österreichische Regierung der nationalsozialistischen Invasion Herr werden kann. Fauler Feuerzauber. „Kein Anlaß, darüber zu jubeln, daß Omar in unserem Alexandrien die Bibliothek nicht verbrannt hat: Er hat sie nur noch nicht verbrannt!" schrieb Jakob Wassermann prophetisch in seinem „Etzel Andergast" in bezug auf Deutschland. Nunmehr ist es so weit. Die akademische Jugend von Spree-Alexandrien veranstaltete ein Autodafe der modernen Literaitur, die als „jüdisch" oder „jüdisch verseucht" dem Scheiterhaufen überantwortet wurde. Die Tragödie der Vernichtung zahlloser jüdischer Existenzen! erhält durch den Krieg gegen jüdische Geistesprodukte das ihr adäquate Satyrspiel. Die Menschheit, durch den Rückfall eines Kulturvolkes in blutige Barbarei traurig gestimmt, begrüßt jeden Anlaß zur Heiterkeit und anerkennt es dankbar, wenn die Hauptakteure des geschichtlichen Trauerspiels nicht davor zurückschrecken, sich selbst zum Gegenstand dtes allgemeinen Spottes zu machen, damit die Welt etwas zu lachen hat. Nicht einstimmen in das schallende Gelächter von fünf Erdteilen wird höchstens der deutsche Buchhandel. Denn die gewiegten Geschäftsleute, die dtiesen für das deutsche Wirtschaftsleben hochbedeutenden Erwerbszweig fruktifiziereni dürften sich kaum der naiven Hoffnung hingeben, daß jemand, der sich die Reden Ferdinand Lassalles kaufen will, wenn er diese nicht bekommt, mit den Reden der Hakenkreuzapostel vorlieb nehmen wird oder daß ein Interessent für die biographischen Romane Emil Ludwigs sich als Ersatz das Buch „Männer um Hitler" aufdispudieren lassen wird. Ebensowenig dürfte die Auflagenzahl der Romane Walter Bloehms durch die Ausschaltung der „Konkurrenz" von Schnitzler und Werfel eine wesentliche Steigerung erfahren. Es wird sich vielmehr im Buchhandel dasselbe zeigen, was in den Theatern bereits deutlich in die Erscheinung getreten ist, wo die Gleichschaltung von Bühne und Orchester, aber nicht vom Zuschauerraum durchgesetzt werden konnte. Der Geist läßt sich nicht vergewaltigen. Nur der Körper muß daran glauben, wenn der Anbruch einer „großen Zeit" ihm staut der gewohnten bekömmlichen Kost Wrucken und Brot aus Baumrindenmehl aufzwingt. Der menschliche Genius erfreut sich zu seinem Glück einer höheren Unabhängigkeit von den Nährproduktion „nationaler Erhebungsperioden". Auf dem Markte der geistigen Nahrung muß sich daher die Spekulation auf eine Konjunktur unzulänglicher Surrogate als verfehlt erweisen. Der gute Geschmack wahrer Kunstkonsumenten wird jede Verfälschung der ihn] gebotenen Genußmittel mit Verachtung zurückweisen. Die Produzenten dieser Pseudo-Leckerbissen werden sich daher nach wie vor auf däs genügsamere Publikum beschränkt sehen, das sich schon früher, für die schwerere Kost des gediegenen Kunstmarktes niemals ganz aufnahmsfähig, an leichtere Ware und süßlichen Kitsch lüelt. Um die Leserinnen der Courths-Mahler-Romane vor dem „geistigen Gifte" der beiden Zweig zu bewahren, hätte es wahrlich keines Bücher-Autodafes bedurft . . . Um so notwendiger war dieser symbolische Akt zur Kennzeichnung seiner Veranstalter. Es muß hervorgehoben werden: Es sind Studenten, „M u s e n s ö h nie", die auf so sinnfällige Weise ihre Stellung zu Werken des Geistes dartun! Wohl eines „fremden" Geistes, wie die jungen Leute behaupten. Aber beweisen sie durch die Art ihres Kampfes nicht, wie sehr ihnen jeder Geist fremd ist? Als zu Ausgang des Mittelalters die Verleumdungen des Proselyten Pfeifferkorn den Dominikanern den willkommenen Anlaß boten, vom deutschen Kaiser die Verbrennung des hebräischen Schrifttums zu fordern, brachten sie den Erfurter Humanistenkreis aufs höchste gegen sich auf. Dessen Hauptwortführer in diesem berühmten Streit, Reuchlin, war kein Judenfreund, sondern hat das Vorurteil der Zeit gegen die Hebräer geteilt Aber die Vorstellung, daß Bücher, Niederschlag menschlichen Denkens, verbrannt werden sollten, ging ihm, dem Gelehrten, so gegen das Gefühl, daß er sich zu einem der begeistertsten Verteidiger des jüdischen Schrifttums entwickelte. Dank seinen, hebräischen Sprachstudien tat er dies mit einer Sachkenntnis, die den Feinden jüdischer Geistesprodukte niemals nachgerühmt werden konnte und auch jetzt nicht zugebilligt werden kann, obwohl die Kenntnis der im heutigen Deutschland zum Flammentod verurteilten „Judenbücher" keine fremden Sprachstudien voraussetzen, weil sie Perlen des deutschen Schrifttums sind. Trotzdem sind sie den Deutschvölkischen unbekannt. Sonst wäre es unerklärlich, wie diese S c h n i t z 1 e r, dessen „Liebelei" dier. auf das „christlich-germanische Schönheitsideal" eingeschworene Burgtheaterdirektor Millenkovich — selbst ein Hakenkreuzler — neu einstudieren ließ STEININDUSTRIE CARL BENEDICT Zentrale: III.. Rennweg 112, Tel. U 15-0-52 GRABSTEINLAGER: Zentraffriedhof, 3. Tor, Tel. LHO-4-53 und dessen Wienertum sogar das christlichsoziale Hauptorgan anerkannt hat, auf den Index „undeutschen" Geistes setzen konnten. Ignoranz ist eben das wesentlichste Kennzeichen aller Streiter gegen „Juda". Das hat schon dter Erfurter Humanistenkreis in seinem oben erwähnten Streit gegen die Dominikaner dargetan. In den satirischen Standardwerke, mit dem er diesen Streit zu seinen Gunsten entschied, den „DunjkeJmännerbriefen", wird vor allem der Mangel an Bildung bei den geistlichen Feindien des jüdischen Schrifttums gegeißelt. Ihr schlechtes Latein wird parodiert und auch ihre sonstige Unwissenheit angeprangert. Das war damals, im Zeitalter des Humanismus, eine tödliche Waffe, die unheilbare Wunden schlug. Wie steht es aber heute mit der Schätzung von Bildung und Wissen? Aeußerlich pflegen Gymnasium und Universität noch immer das Erbe dies Humanismus, innerlich aber bekennen sich Dozenten und Hörer zu Hitler, ENORME AUSWAHL BILLIGSTE PREISE E pPF #8 5.st#* %. TEPPICHE VORHÄNGE MÖDELSTOITE, DECHEN MVR I.,DÄUERNMÄRKT12 14 der in seinem Buche „Mein Kampf" ausführt, daß die wissenschaftliche Ausbildung der Jugend von durchaus minderer Bedeutung sei. Sie komme erst als letztes. Das Wichtigste sei die Heranzüchtung kerngesunder Körper, darnach komme die Ausbildung gewisser Charaktereigenschaften und erst dann geistige Ausbildung! Diese Worte des Führers machen manches verständlich, was sonst unbegreiflich wäre. An Hochschulen, an denen als Sinnbild nationaler Erhebung der Bauchaufschwung gewertet wird, sind Nobelpreisträger nur im Wege. Also weg mit ihnen! Die Mensur kommt wieder zu Ehren, dafür werden die Prüfungen abgeschafft. Das ist kein Witz, denn Hitler hat ausdrücklich angeordnet, daß der Nachweis mehrjähriger Tätigkeit in der nationalsozialistischen Partei dtn Prüiungskandidaten bei Bemessung ihrer Leistungen als Posilivum anzurechnen sei. Ist es ein Wunder, daß angiesichts eines solchen Maßstabes die Bücher überflüssig erscheinen? Ins Feiier mit ihnen! Denn sie dienen nur dazu, den jüdischen und anderen nicht-hitlerischen Akademikern über dasManko dieser Approbierungschanlce hinwegzuhelfen, also sozusagen unlauteren Wettbewerb zu treiben ... Leidler läßt sich aber dieser Wettbewerb auf die Dauer nicht vermeiden. Im praktischen Leben haben sich Schulzensuren nur selten als richtiger Wertmesser persönlicher Tüchtigkeit erwiesen. Es ist nicht anzunehmen, daß Schulzeusuren, die auf Grund einer Parteizugehörigkeit zustandekamen, sich besser bewähren werden. Es liegen schon jetzt Beweise des Gegenteils vor. So hat z. B. ein gewisser Herr von Ost Unterschlupf im Berliner Mosse-Verlag gefunden. Der Mann ist erprobter Nationalist und wurde deshalb in den Betrieb kommandiert. In einem staatlichen Amt hätte er wahrscheinlich, wie tausende andere seinesgleichen, Karriere machen können. Es war ein Pech, daß er in einen Privatbetrieb kam, denn ein solcher erfordlert doch noch andere Fähigkeiten als die, „Heil Hitler!" zu rufen. Von Ost hat den ihm anvertrauten Platz so schlecht ausgefüllt, daß er auf Beschwerden der Finna von der Regierung abberufen werden mußte. Ein warnendes Beispiel für eine Generation, die alles von ihrem Bekenntnis zu Hitler erhofft und nichts von dem, was früher zum Vorwärtskommen im Leben dienlich erschien, wissen will. Die Jugend, die sich heute bemüht, das Mittelalter zu kopieren, vergißt, daß die mittelalterlichen Fürsten und Päpste jüdische Aerzte und jüdische Ratgeber auf allen Gebieten konsultierten. Alle diese vom höchsten Vertrauen ausgezeichneten Juden besaßen keine Diplome, sondern nur Kenntnisse. Sie triumphierten über die christlichen Leuchten, die keine Kenritnisse, aber Diplome hatten. Wer klug ist, zieht aus der Vergangenheit Lehren für die Zukunft. Dr. Hugo S p i e g 1 e r.!«■■■•••••«*• Aufklärung trotz allem. Bekanntlich ist vor längerer Zeit in der „Wahrheit" ein Artikel von Marcus Silberschatz, betitelt „Neue Wege der jüdischen Selbstverteidigung", erschienen, in dem angeregt wurde, die weitestgehende Aufklärung der Allgemeinheit über die kulturellen Hochleistungen der Juden zum Angelpunkt der jüdischen geistigen Abwehr zu gestalten. Silberschatz begann mit dieser Aktion in unserem Blatte und fand starken Anklang bei der jüdischen Presse aller Richtungen in allen fünf Weltteilen. Soweit uns bekannt ist, haben über 50 jüdische Tageszeitungen und mehr als 70 Zeitschriften dein betreffenden Artikel in großer Aufmachung gebracht der auch sonst Gegenstand der Erörterung in Her jüdischen Presse bildete. Eine Reihe bekannter jüdischer Schriftsteller hat Silberschatz ihre Zustimmung zu seiner Anregung ausgesprochen. Wir sehr ich im Rechte war, beweist u. a., daß die Hauptargumente gegen die Juri e n h e t z e. die jetzt von zahllosen Zeitungen in der Welt sowie von aufrechten, weltbekannten deutschen Ariern ins Treffen geführt werden, im Hinweis auf die kulturelle Nützlichkeit der Juden bestehen. Nur können diese aufklärenden Worte nicht mehr die Massen im geknebelten Deutschland erreichen, was bei Beginn der Silberschatz-Aktion leicht möglich gewesen wäre und heute überall sonst noch möglich ist. Aus seinem Material über dieses Thema stellt uns Silberschatz folgende Ausführungen zur Verfügung: Genau so wie das Blutmärchen, stellt die Lüge von der jüdischen Inferiorität den klassischen „Verdreh" des Judenfressers dar: Gerade den Juden, denen der Blutgenuß aufs strengste verpönt ist, die, nach ritueller Vorschrift, wenn sie jemals während des Essens sich das Zahnfleisch verletzen, gezwungen sind, den Bissen auszuspucken, . um nicht einen Tropfen Blut zu verschlucken, haben tückische Reptilien in Menschengestalt blutige Zeremonien angedichtet, wie sie sich