Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 19 (12.5.1933)
- Date
- 1933-05-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 40 Groschen Die tDahrheif Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien BEB Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 - Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 49. Jabrgang Wien, 12. Mai 1933 Nummer 19 TT OPTIKER M. SCHACHTER, II., GlOdfengasse 25 Genaueste Ausführung von Rezepten »Große Auswahl an modernen Fassungen« Samstag geschlossen ___Bei Berufung auf diese» Blatt 5 Prozent Rabatt! Kampf um Österreichs Selbständigkeit, Die Frage des staatspolitischen Anschlusses Oesterreichs an Deutschland ist in den letzten Wochen, da sich Hitlers Traum vom „Dritten Reiche" erfüllt hatte, stark in den Vordergrund der politischen Diskussion gerückt. In den Novembertagen 1918, als die Revolutionswelle von Deutschland nach Oesterreich hinüberschlug, da schien nicht nur die Begeisterung, sondern auch hüben und drüben der ernste Wille zum Zusammenschluß vorhanden zu sein. Seither, in den 14 Jahren der Nachkriegszeit, war langsam, aber stetig die Begeisterung und auch der Wille zerbröckelt. Wenn auch alljährlich der „Deutsch-Oesterreichische Volksbund" die Anschlußfanfare blies und auch sonst bei festlichen oder offiziellen Gelegenheiten der Anschlußgedanke, allerdings gewöhnlich verblümt, ausgesprochen wurde, hierzulande glaubte man niemals so ganz felsenfest, daß unser norddeutscher Bruder sich gar so sehr nach der Verstärkung des süddeutschen Elements durch Anschluß des katholischen Oesterreich sehne. Und auch in Oesterreich selbst konnte man die ganzen Jahre über nicht mit gutem Gewissen behaupten, daß die gelegentlichen Erklärungen von Führern der österreichischen politischen Parteien der Gesinnung und dem Willen der Mehrheit der österreichischen Bevölkerung entsprechen. Es ist doch ganz bezeichnend, daß die Großdeutsche Volkspartei, deren Vorläufer schon zur Hohenzollernzeit für den Anschluß schwärmten und die nach der Beseitigung des Habsburgischen Hindernisses freie Bahn für ihre großdeutsche Propaganda hatte, von Jahr zu Jahr, von Wahl zu Wahl immer mehr an Anhängern eingebüßt hat. Ihre jüngste Erbin, die nationalsozialistische Partei, iiat gleich ihrer Mutterpartei im Reiche die Kraft zu ihrer Propaganda nicht aus der-großdeutschen Idee, sondern fast ausschließlich aus dem Rassenantisemitismus bezogen. Das Deutschtum der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Oesterreichs war sicherlich niemals in der Arbeiterschaft, die zu einem Gutteil aus nichtdeutschen Elementen sich zusammensetzt, tief verankert; für sie war wohl vor allem der Gedanke maßgebend, daß der Anschluß an Deutschland zugleich den Anschluß der österreichischen Arbeiterschaft an die machtvolle Organisation der deutschen Arbeiterschaft bedeute. Die christlichsoziale Partei hat eigentlich niemals ganz auf den schwarz-gelben Fleck verzichtet, wobei Schwarz-Gelb nicht gerade immer monarchistisch, stets aber antipreußisch, österreichisch bedeutete. Das liegt in ihrer Geschichte und in ihrem Geiste begründet. Man braucht sich nur vorzustellen, wie heute der Wiener, der Oesterreicher Lueger gegen Hitler und Genossen wüten würde, noch ganz anders als gegen den Rassenantisemiten Schönerer. Und Dr. Seipel, der zweite überragende Führer dieser Partei, auch er hat stets die österreichische Note betont, hat in keiner Epoche seiner wechselvollen Wirksamkeit den Anschlußfreund hervorgekehrt. In diesem Punkte ist sich die christlichsoziale Partei treu geblieben, das zeigen die wiederholten Erklärungen ihrer Parteiführer in den letzten Wochen, das beweist in einer klaren Weise ihr jüngster Reichsparteitag. Entschiedener und unzweideutiger den Willen zur Erhaltung der Selbständigkeit Oesterreichs kundzutun, als dies einer der Referenten, Justizminister Dr. Schuschnigg mit den Worten: „W ir wollen keine deutsche Kolonie werden!" ausgesprochen hat, ist wohl nicht möglich. Es kann für niemanden fraglich sein, daß diese ebenso selbstsichere als robuste Ablehnung sich gegen den territorialen Zusammenschluß nur deshalb wendet, weil dieser die Gefahr des geistigen Zusammenschlusses beinhaltet. Es gereicht der Regierung Dollfuß nur zur Ehre, daß sie sich dem Reigen jener ausländischen Regierungen und Staatsmänner anschließt, die im Namen der Kultur und der Zivilisation gegen das Hitlersche Regime der physischen und geistischen Vergewaltigung die Stimme erhoben haben. Noch niemand vor Hitler hat das klassische Wort: „Von Humanität über Nationalität zur Bestialität" so gründlich wahrgemacht wie er. Keiner wie er hätte es vermocht, in wenigen Monaten Deutschland die Sympathien der Welt zu rauben, Deutschland, aber nicht dem deutschen Volke, das heute niedergetreten und vergewaltigt, sich nicht Gehör verschaffen kann. Um so größere Genugtuung bereitet allen jenen, die bis in die jüngste Vergangenheit die Kulturleistungen des deutschen Volkes bewunderten und die noch immer nicht die Hoffnung auf seinen Wiederaufstieg aus der gegenwärtigen Erniedrigung aufgeben wollen, die Flucht einiger wackerer, aufrechter Männer Deutschlands in die Oeffentlichkeit, von Männern, deren Verzicht auf Amt und Würden eine ebenso schwere Anklage gegen den Ungeist des Dritten Reiches ist wie die tägliche Flucht so vieler in den Tod, die die Marter des Lebens unter Hitler nicht ertragen können. Auch die Regierung Dollfuß mußte, um sich des Ansturms der Nationalsozialisten zu erwehren, die Flucht in die Oeffentlichkeit ergreifen, sie verkündet urbi et orbi, daß sie fest entschlossen sei, mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln um die Aufrechterhaltung der Unabhängigkeit Oesterreichs zu kämpfen, sie ruft die österreichische Bevölkerung auf, an ihrer Seite mitzukämpfen, um nicht unter das Joch Hitlers zu geraten. Auch der überzeugte Demokrat, ja gerade dieser, kann der Regierung auf diesem Wege folgen — trotz Ausschaltung des Parlaments und trotz dem gegenwärtigen autoritären Regime — da es sich um das Ringen gegen eine Bewegung handelt, die unter Mißbrauch und Verfälschung der demokratischen Mittel zur Macht zu kommen ^IdnuWi noch % A£to ROMAN von LEOPOLD H1CHLER Ein jüdisches und zugleich wienerisches Buch; ein Roman, der die Freuden und auch die Tragik des bodenständigen Wiener Juden tums schildert. Das Werk ist) wegen seiner spannenden Handlung und seiner natürlichen Sprache berufen, ein echtes Volksbuch zu werden. Kartoniert S 4.80 Leinen S 7»— R. Löwit Verlag, Wien IN JEDER BUCHHANDLUNG strebt und deren Sieg, wie es der Triumph Hitlers in Deutschland bezeugte, die Demokratie ad absurdum führt. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet bedeutet auch die Zurückhaltung der sozialdemokratischen Partei, die zunächst ihren Tribut an den „Umbruch der Zeit" leisten mußte, nicht Feigheit und Schwäche, sondern Besonnenheit und Klugheit. Die Regierung Dollfuß hat die Hand frei, nicht nur um sie gegen die Nationalsozialisten zu ballen, sondern auch um die geballte Faust zu gebrauchen. Keine ausländische Macht hindert sie daran, kein inländischer Gegner. Die Maßnahmen der Regierung in den letzten Tagen zeigt ihre feste Entschlossenheit, den einmal beschrittenen Weg zu Ende zu gehen. Das erlassene Uniformverbot kann aber nur als ein erster entschiedener Schritt gewertet werden. Die nationalsozialistische Bewegung in Oesterreich, angefacht und geschürt von reichsdeutschen Lehrmeistern, die man bisher ungestört arbeiten läßt, ist bereits zu gewaltig angeschwollen, als daß derartige Mittel eine gründliche Abhilfe schaffen könnten. Den klaren eindeutigen Worten, die auf dem christlichsozialen Parteitag von berufener Stelle gesprochen wurden, müßten ebenso klare und eindeutige Taten folgen. Wer letzten Sonntag Zeuge der nationalsozialistischen Radauszenen in allen Teilen unserer Stadt war,