Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1933-05-05 · Heft 18 (5.5.1933) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 18 (5.5.1933)
Date
1933-05-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064350-3064367--19277-3084397
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DIE WAHRHEIT Seite 3 Schützengraben. Wer jenseits desselben focht, ist der Feind, wer diesseits „Schulter an Schulter" miteinander kämpfte, ist der Kamerad — sollte man meinen. Leider wurde dieser Geist der Frontgemeinschaft — kurz „Frontgeist" genannt — nach Beendigung des Weltkrieges schmählich verraten, indem man in deutschen Landen Frontkämpfervereinigungen auf arischer Grundlage schuf, also die im Schützengraben bewährte Kameradschaft der jüdischen Frontsoldaten schnöde verleugnete. Es ist eine Pikanterie, daß der Hauptorganisator der größten judenreinen Frontkämpferformation, des „Stahlhelms", Oberstleutnant Düsterberg, dieser Tage abgesägt wurde, weil er als — Judenstämmling Herrn Hitler nicht zu Gesicht stand. Hitler ist an der Macht und kann seine instinktiven Zu- und Abneigungen ungehemmt zur Auswirkung bringen. Es ist aber verlorene Liebesmühe, solche rein instinktive Regungen geschichtsphilosophisch zu bemänteln. Es ist überhaupt sehr unvorsichtig, die Geschichte als Kronzeugin für die Behauptung heranzuziehen, daß Fremdblütige für die deutsche Sache nicht in führender Stellung wirken können, und daraus Schlüsse auf die Juden abzuleiten. Oesterreich feiert in diesen Tagen das Andenken des Prinzen Eugen von Savoyen. Dieser große Feldherr — einer der größten, der jemals deutsche Heere angeführt hat — bot zuerst dem König von Frankreich seine Dienste an und erst nachdem er von diesem abgewiesen worden war, kam er nach Oesterreich. Man kann also nicht sagen, daß seine Parteinahme von der Stimme des Blutes, der HÖCHSTE QUALITÄT HORHYPHON Rasse, bedingt war. Hätte sein erstes Angebot ein geneigtes Ohr gefunden, dann hätte er am Tag von Oudemarde, wo er Oesterreichs Heer zum Siege über Frankreich führte, auf der Gegenseite gefochten. Er wäre darum nicht weniger als „edler Ritter" im Liede verherrlicht worden — bloß in einer anderen Sprache ... Wenn aber ein jüdischer Hausierer den für die Weltgeschichte belanglosen Entschluß faßt, seinen Kleinhandel mit Hosenträgern und Zahnbürstchen aus einer ostgalizischen Kleinstadt in die gewesene Metropole seines Vorkriegsvaterlandes zu verlegen, dann wird er zum Sinnbild „jüdischer Vaterlandslosigkeit". Es kommt also nur auf die subjektive Einstellung der Beurteiler an. Diese als objektives Urteil hinzustellen, ist ein zum Fiasko verurteiltes Beginnen. Es wird ja von den Hakenkreuzlern auch gar nicht verlangt. Diese mögen sich über die Zugkraft ihrer Schlagworte freuen; jeder Versuch, diesen Argumenten eine solidere, spirituelle Grundlage zu verschaffen, wird ganz von selbst bloß zu dem fatalen Beweis, auf wie schwachen Füßen die Hakenkreuz-Argumentik in Wirklichkeit steht. Dr. Hugo S p i e g I e r. •••••■••■••••■■■■■■■•■»••••■■•■■■■■■■■■■ «■■■■■■■■■■>■■■■■■! Eine Woche Politik. Der 1. Mai ist allen Befürchtungen zum Trotze ruhig verlaufen und hat „nur" ein Todesopfer gefordert, ein Opfer des wütenden Hasses, mit dem die extremistischen Lager sich heute gegenüberstehen. Man hört, daß dieses eine Opfer wahnsinnigen Bruderkampfes die Regierung veranlassen wird, mit der ganzen Strenge des Gesetzes einzuschreiten. Die Maßnahmen, die da geplant sind, sind sehr schwerwiegend, aber sie sind notwendig. In diesen Blättern wurde immer wieder die Forderung erhoben, die wahren Störer der Ruhe und Ordnung in diesem Lande entsprechend zu behandeln. Wenn nun die Regierung daran denkt, die kommunistische Partei in Oesterreich zu verbieten und die uniformierten Ordnertruppen der Nationalsozialisten aufzulösen, dann wird' sie ebenso die Zustimmung aller wahrhaft österreichisch, d. h. ruhig und nüchtern denkenden Staatsbürger haben, wie auch der Erlaß der Bundesregierung mit Genugtuung aufgenommen wurde, durch den die politisierenden Beamten an ihre wirklichen Amtspflichten energisch erinnert wurden. Im Leitartikel unserer letzten Nummer wurde ausdrücklich davon gesprochen, daß es heute für einen jeden Sehenden ein offenes Geheimnis ist, daß nationalsozialistische Konfidenten in allen Aemtern und Behörden ihr Unwesen zu treiben versuchen, um die Autorität der Regierung zu untergraben. Nun rückt die Regierung trotz dem Gezeter des Herrn Schattenfroh, der in der „Dötz" als nationaler Marquis Posa für Gewissensfreiheit eintritt, diesen Elementen an den Leib, und das ist gut so. Die österreichische Bundesregierung hat in diesen Tagen das Ergebnis ihrer letzten Tätigkeit unter dem stolzen Titel „50 Tage Regierungsarbeit" öffentlich kundgemacht. Wenn man diesem Ergebnis die phrasenreichen Versprechungen gegenüberhält, die Hitler am „Tage der nationalen Arbeit" seinen Mannen als Programm für das kommende Jahr verkündete, dann muß man sagen, daß der Vergleich zugunsten der österreichischen Regierung ausfällt und für Hitler wirklich nur die Charakterisierung zutrifft, die ihm in der Londoner „Times" wurde: Er sein ein guter Zirkusdirektor, aber kein politischer Leiter. Der Führer unserer Regierung und der Obmann der christlichsozialen Regierungspartei haben in den letzten Tagen unter lebhafter Zustimmung des Auslandes neuerlich urbi et orbi bekundet, daß sie die felsenfeste Absicht haben, Oesterreichs Unabhängigkeit gegenüber allen Zugriffen des deutschen Nationalsozialismus zu wahren. Heeresminister Vaugoin hat ausdrücklich auf dem christlichsozialen Landesparteitag in Niederösterreich gesagt: „Für uns arbeitet die Zeit. Man muß gegenüber dem Nationalsozialismus nur die notwendige Geduld aufbringen und jedes Paktieren mit ihm vermeiden. Wir brauchen nicht zaghaft zu sein, denn, so fürchte ich, auch dieses braune Hemd wird bald ausgewaschen sei n." Der Minister hat Recht mit seinen „Befürchtungen", das lehren nicht zuletzt die Ergebnisse der sonntägigen vier Gemeinderatswahlen, die den Nationalsozialisten lange nicht die erwarteten Erfolge gebracht haben. Deshalb können auch die österreichischen Juden den Führern der Regierung im Hinblick auf deren Vorgehen gegen die braune Gefahr den Spruch zurufen, mit dem die erwähnte Tagung geschlossen wurde: „Dollfuß und Vaugoin, bleibet hart!" Wenn schon keine anderen Gründe für diese Härte sprechen, so mag die christlichsoziale Partei nur daran denken, wie Hitler heute die anderen Parteien behandelt, selbst die deutschnationale Partei des Herrn Hugenberg, die dem Kanzler doch eigentlich den Weg zur Macht geebnet hat. Wir glauben nicht, daß die Christlichsozialen das Schicksal dieser Leute teilen werden wollen, die heute zu Jammergestalten der deutschen Politik herabgesunken sind. Ein Brief, der Bände spricht Aus einer großen Stadt Deutschlands erreichte uns dieser Tage folgendes Schreiben: Sehr geehrte Schriftleitung! Seit Wochen empfange ich zum ersten Maie wieder Ihre geschätzte, mir lieb gewordene Zeitung. Wie ist es möglich, frage ich mich bei deren Lektüre, so etwas zu drucken; bei uns würde niemand das Wagnis unternehmen! Endlich liest man einmal, was das Ausland zu unserem Drangsal sagt. Ja, sie haben in ihrer Weise „Geschichte gemacht", die Herren vom Hakenkreuz und d!as so gründlich, wie nur eben möglich! In wenigen Monaten vollzog sich eine Umwälzung, zu deren Vollendung es in früherer Zeit Jahrzehnte bedurft hätte. Auf der Höhe ihrer Macht stehend, schrecken sie vor keiner Maßnahme zurück. Man will die Juden in ihrem Mark treffen! Der Boykott am 1. April d. J., den man allerdings nicht zu wiederholen wagte, bildete den Auftakt. Schlag auf Schlag vollzog sich das Programm. Wir haben den Numerus clausus an den Hochschulen. Lehrer, Professoren und Dozenten werden entlassen, Künstler zum Tempel hinaus gejagt. Man beschränkt unsere Gewerbefreiheit! Inmitten einer Kulturwelt sehen wir ein Stück finsteren Mittelalters entstehen! In den Häusern Kleinmut und Verzagtheit. „Man krümmt uns kein Haar", sagt man, „aber man will uns aushungern und zugrunde richten!" Die Jugend verläßt die ungastlich gewordene Heimat; Holland, Belgien und wohl auch Palästina ist zumeist ihr Ziel. Segne sie der allgütige Gott! Mit Genugtuung registrieren wir den Schrei der Empörung der ganzen Kulturwelt. Das Weltgewissem regt sich. Mögen die jetzigen Machthaber bei uns erkennen, daß es Grenzen gibt, daß sie nicht ungestraft einen Teil des Volkes, und wahrlich nicht einen wertlosen, maßregeln! Die Ausmerzung der Juden aus dem deutschen Volkskörper bedeutet den Rückfall in das Zeitalter der Barbarei! In hohem Maße hat der Jude Anteil an der deutschen Kultur, an der deutschen Kunst und am wirtschaftlichen Aufschwung des Reiches, dessen Emporblühen er mit Gut und Blut gefördert hat. Und nun soll fanatischer Haß das Wiedergewonnene zerstören, soll wahnsinniger Rassendünkel d!as Deutsche Reich zum Gespött der ganzen gesitteten Welt machen?! Es darf erwartet werden, daß alle Kulturstaaten der Welt ihr Veto gegen diese „Machtpolitik" einlegen! werden! J. Ein schwacher Dank. In einem unter dem Titel „Eingriffe"!« der „Frankfurter Zeitung" veröffentlichten Artikel wird u. a. ausgeführt: „Zahlreiche Professoren und Dozenten sind „mit sofortiger Wirkung" beurlaubt oder es ist ihnen nahegelegt worden, die Beurlaubung zu beantragen . . . Diese Männer, einst auf Grund von Fakultätsvorschlägen oder von verflossenen Regierungen berufen, werden zum großen Teil in materielle Not geraten, wenn die Entsetzung nicht geradezu die Zertrümmerung ihrer Existenz bedeutet. In dieser Reihe . . . sind Gelehrte, die für die Universität eiroe besondere Anziehung bedeuteten. Was in den letzten Tagen geschehen ist und vielleicht noch geschehen wird, wenn dtie Regierung dem Verlangen der S t u d e nten, die erst noch erzogen werden sollen, nachgibt, ist mehr als die Brotlosmachung der zu erledigenden Gelehrten, in gewissem Sinne werden sie auch ehrlos gemacht, cüai ihnen attestiert wird, sie ermangelten des Ethos ihrer wissenschaftlichen Arbeit ... Es gilt uns heute nur, all den Beurlaubten, die, wie wir glauben wollen, ihrer Wissenschaft redlichen Willens gedient! haben, zu dankert und ihnen die menschliche Anteilnahme an ihrem Schicksal auszusprechen, die jedem gebührt, der für seine Gesinnung fällt oder ohne persönliche Schuld zum Opfer wird." Dieser schwache Dank konnte den vor kurzem „beurlaubten" Ordinarius für iwdiogermanische Sprachwissenschaft an der Universität Marburg, Prof. Hermann Jacobsohn, nicht erreichen, denn er hat sich vor einten fahrenden Zug geworfen und wurde auf der Stelle getötet! Die Antwort der Wissenschaft. Die Chicagoer Abteilung der American Chemical Society hat die W i 11 a r d G i b b s - M edaille, eine der höchsten amerikanischen Auszeichnungen für wissenschaftliche Leistungen auf dem Gebiet der Chemie, für das Jahr 1933 dem Münchener Universitätsprofessor Dr. Richard W i 11 s t ä d t e r, einem derjüdischenNobelpreisträger Deutschlands, verliehen. Die Auszeichnung wird Professor Willstädter am 13. September d. J. anläßlich der gleichzeitig mit der großen Chicagoer Ausstellung stattfindenden 86. Jahresversammlung der American Chemical Society bei einem Festakt überreicht werden, dem hervorragende Wissenschaftler aus Europa und Amerika beiwohnen werden. * Der berühmte Pharmakologe der Universität Leyden, Professor Dr. L. van 11 a I i e, hat im Hinblick auf die Lage der deutschen Juden die Ehrenmitgliedschaft des deutschen Apothekervereines und der deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft niedergelegt. Ueber die Berufung Professor Einsteins an die Universität Madrid erfährt der Antwerpener JTA-Korrespondent folgende Einzelheiten: Die spanische Regierung hatte zunächst Professor Jahudla, der früher an der Universität Madrid wirkte, beauftragt, Professor Einstein eine schriftliche Einladung, an der Madrider Universität zu lehren, zu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.