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Die Wahrheit · 1933-05-05 · Heft 18 (5.5.1933) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 18 (5.5.1933)
Date
1933-05-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Judentum aus dem heutigen Geschehen die richtigen Lehren, so wird es in Hinkunft nicht mehr möglich sein, daß jeder beliebige politische Scharlatan den Rücken des jüdischen Volkes als Sprungbrett für seine politischen Abenteuer benützen -kann!. Richard Werner. Das Judentum schweigt Ein ungeheurer Aufwand an Schrift, Wort und Bild wird gegen das Judentum mobilisiert. In Zeitungen und Flugblättern, auf Plakatsäulen und Mauern, in Versammlungssälen und Wirtshausstuben wird dieser Kampf geführt. So zahlreich die Stellen sind, von denien aus sich die Angriffe gegen die Juden richten, so mannigfach im Inhalt sind die Angriffe selbst. Man bekämpft die Juden als typische Vertreter des „raffenden" Kapitals und verdächtigt sie doch durchwegs des verkappten Bolschewismus. Man greift sie an, wo sie Versuche machen, sich zu assimillieren, und wirft ihnen doch ihre mangelnde Einordnung im „Wirtsvolke" vor. Man stellt ihre Religionslosigkeit an den Pranger und behauptet doch, sie leben in strenger Befolgung verbrecherischer blutiger Glaubensgesetze. Man legt ihnen als Gesamtheit jedes Verbrechen dies Einzelnen zur Last und denkt doch nicht im mindesten daran, sich mit Verbrechern der eigenen Glaubensgemeinschaft zu identifizieren. Alle diese Angriffe erfolgen in vollster Oeffentlichkeit. Jedem, auch dem durchaus Unbeteiligten und Desintöressierten werden sie durch Flugblätter, Plakate und Zeitungsüberschriften eingetrichtert. Eine Verteidigung und Rechtfertigung der Juden erreicht ihn jedoch nicht. Wohl werden da und dort in der jüdischen Presse Entgegnungen laut, auch in Buchform erscheinen vereinzelt Apologien. Aber all diese Aeußerungen entbehren jeden propagandistischen Wertes, denn sie kommeni naturgemäß nur solchen Leuten zu Ohren, die derartige Bücher oder Zeitungen kaufen; und das sind nur in ganz seltenen Fällen Judenfeinde und wohl nie Indifferente. Was ist die Folge? So wie es im Wirtschaftsleben gesetzmäßig dazu kommt, daß •die reklametreibende Firma jener, die keine Propaganda treibt, die Kunden wegfängt, so ist es auch auf anderen Gebieten. Zwischen dem Plakat: „Kauft nur X-Schuhe" und dem Flugzettel „Kauft nur bei arischen Kaufleuten" ist nur im Inhalt ein Unterschied, nicht jedoch in der psychologischen Wirkung. Die großzügige judenfeindliche Propaganda ist die eigentliche Ursache des Anwachsens des Antisemitismus. Wenn heute in entlegenen Gebirgsnestern Bauern am Biertisch über die Juden losziehen, Leute, die in ihrem Leben kaum je mit Juden gesprochen haben, so hat das seinen Grund nur darin, daß man sie tausendmal auf wahre oder erfundene Auswüchse im Judentum aufmerksam gemacht hat, ihnen aber nie vom ethischen Gehalt der Thora, von ihrem befruchtenden Einfluß auf -die gesamte abendländische Kultur, von den Taten der jüdischen Gelehrten1 und Philanthropen oder von dien Werken jüdischer Künstler erzählt hat. Ein Beispiel für unzählige: Im Schaufenster einer nationalsozialistischen Propagandastelle in Wien war durch Wochen ein Gedicht angeschlagen, das dem Leser auseinandersetzte, was für Erfindungen) nicht gemacht worden wären, wenn es nur Juden gäbe. Zweifellos wäre die Wirkung dieses Pamphletes auf den unvoreingenommenen Leser dadurch stark herabgesetzt worden, wenn er irgendwie auf die Taten jüdischer Erfinder aufmerksam gemacht worden wäre. Ein derartiger öffentlicher Hinweis wäre Aufgabe — fast könnte man sagen Pflicht — des Judentums gewesen. Aber das Judentum schweigt. Und in diesem Schweigen allen Anschuldigungen gegenüber liegt seine tragische Schuld. Die Entwicklung der letzten Jahre zeigt, wie notwendig es wäre, Aufklärungsarbeit in größtem Stile zu leisten und immer wieder zu predigen: „Das Bild, das euch der Antisemitismus vom Judentum zeigt, ist falsch. Denn von den unzähligen Handlungen und Charakterzügen, die eine so große Menschengruppe, wie das Judentum, aufweist, verschweigt er bewußt die große Zahl derer, welche den Wert des Judentums dokumentieren." Wold tauchen — abgesehen von dem bisher auf diesem Gebiete Geleisteten — als Folge der Anfeindungen im Judentum vereinzelte Ansätze zu solcher demonstrativer Aufklärungsarbeit auf. Die jüdischen, Frontsoldaten haben sich vereinigt, um die Behauptung, die Juden hätten sich vom Kriegsdienste gedrückt, ad absurdum zu führen. Solche Einzelaktionen sind zwar zu begrüßen, sie genügen aber nicht, denn sie werden von der Oeffentlichkeit zu wenig beachtet- und zu rasch vergessen. Was not tut, ist eine' systematische, von einer Zentralstelle aus geleitete, durch lange Zeit andauernde Aktion. Ihr Aufgabe wäre es, in öffentlichster Form auf die Verdienste des Judentums hinzuweisen. Solche Hinweise müßten in einer Art erfolgen, die bei möglichst viel Menschen Beachtung findet, also in Form von Plakaten, Flugblättern!, Vorträgen (womöglich im Rundfunk) u. dgl. Die Aktion müßte selbstverständlich von jeder Offensive gegen andere und von jeder Selbstüberhebung frei sein. Der Inhalt der in diesem Rahmen erscheinenden Propagandaschriften ergibt sich aus dem Zweck tler Aktion fast von selbst. Eine derartige Propagandaschrift könnte z. B. markante judenfreundliche Aussprüche anerkannter nichtjüdischer Persönlichkeiten enthalten; eine andere die nüchterne Aufzählung der von Juden gemachten Erfindungen; eine dritte die Nominierung jüdischer Künstler und die Urteile christlicher Zeitgenossen über ihre Werke; eine andere wieder Berichte über geschichtlich nachweisbare ethisch hochstehende Taten einzelner Juden u. s. f. Man muß sich gewiß bei Beurteilung des zu erwartenden Erfolges einer solchen Aktion vor Augen halten, d'aß in der Regel eine judenfeindliche Aeußerung auf fruchtbareren Boden fällt als eine verteidigende. Aber ist nicht selbst bei großer Skepsis zu erwarten, daß viele, die bisher vom Judentum nur Nachteiliges gehört haben, durch eine Jiäumüngsaetkax4 in aller Art moderner Möbel zu 50% Nachlaß nur kurze Zeit bei J. Wühl, 1V., Schleifmühlgasse 3 Tel. A 30-7-50 derartige Lektüre in ihren Ansichten geändert werden? Und wenn man selbst an gar keine Bekehrung glauben will: Ist es nicht wahrscheinlich, daß wenigstens viele Indifferente durch solche Hinweise beeindruckt, gegen den Einfluß antisemitischer Einflüsterungen immunisiert werden? Und wenn man schließlich vom ganzen positiven Zweck einer derartigen Aktion absieht: Fordert es nicht die Selbstachtung — für eine Gemeinschaft so gut, wie für einen einzelnen —, öffentliche Angriffe und Verleumdungen nicht stumm hinzunehmen, sondern vor den Zeugen der Beleidigung zu entkräftigen? Mit einer derartigen Aktion würde auch die nicht minder wichtige Wirkung erzielt werden die durch die unausgesetzten Angriffe in ihrer Widerstandskraft und in ihrem Selbstbewußtsein geschädigten Juden zu stützen und ihnen das moralische und dialektische Rüstzeug zur Abwehr zu geben. Es ist heute eine Lebensnotwendigkeit für das Judentum, nach außen und innen von seinem Werfe zu überzeugen. Und bekanntlich muß man zu dem, den man überzeugen will, sprechen. Das hat das Judentum bisher verabsäumt. Es ist hoch an der Zeit, damit zu beginnen H. Br. Entschuldigte Erfolge. Glaubt man den nationalsozialistischen Zeitungen, dann schreitet Hitler von Erfolg zu Erfolg. Ein altes Sprichwort sagt: „Der Erfolg gibt Recht." Es berührt daher eigenartig, daß dieselben Organe, die nicht müde werden,„der Welt Triumphe der Hitler-Politik zu 'suggerieren, sich gleichzeitig bemüßigt fühlen, diese Triumphe zu — entschuldigen. Ein charakteristisches Beispiel für solch paradoxe Taktik bildet ein jüngst an leitender Stelle der „Deutschösterreichischen Tageszeitung" veröffentlichtler Aufsatz des Landtagsabgeordneten Dr. Konrad Höfinger über das Thema „Deutsch und Jüdisch". Man sollte meinen, daß die Leser des maßgebenden Nazi-Organs die beiden Begriffe „deutsch" und ^jüdisch" längst als mit einander unvereinbar gelten lassen. Es gibt zwar noch immer genug Leute, die hierin anderer Meinung sind, aber diese Verstockten gehören eben nicht zu den Gläubigen des Hakenkreuzes, sie partizipieren nicht an der Lichtflut, die von diesem Symbol des Rassenfanatismus ausstrahlt, sondern tappen im Dunkeln. Die Nationalsozialisten aber sind helle, und das Hellste vom Hellen sind natürlich die nationalsozialistischen Führer. Das unbedingte Vertrauen zu den Entscheidungen dieser Führer ist das oberste Prinzip der Partei, die sich ja rühmt, an Stelle der demokratischen Mitbestimmung der geführten Massen die alleinige Autorität der Führung gesetzt zu haben. Diese autoritäre Parteiführung, derzeit identisch mit der Leitung der deutschen Regierung, hat — ganz zu schweigen von den persönlichen Marterungen, die nach den neuesten polnischen Akten pogromartigen Charakter trugen — einige tausend Juden aus führenden Stellungen im staatlichen, wirtschaftlichen und geistigen Leben herausgerissen. Das geschah — glaubt die ganze Kulturwelt — mit unbarmherziger Strenge. Der geistige Vater all dieser Maßnahmen, Herr Reichspropagandaminister Dr. G ö b b e 1 s, aber ist anderer Ansicht. Nach ihm hätte man „gegenüber den Juden, die wir als unsere Feinde ansehen, Milde walten lassen, die das Judentum gar nicht verdient hat!" Mit Verlaub, Herr Minister wie sieht dann bei Ihnen Strenge aus? Wir glauben, daß die „Milde" dieser antisemitischen Gewaltakte im antisemitischen Lager größten Jubel hervorrufen müßte. Aber der Abgeordnete Höfinger, dessen Artikel mit dem Hinweis auf diese Leistung der deutschen Regierung beginnt, bejubelt sie nicht, sondern — entschuldigt sie. Es scheint also den Herren bei der Umsetzung ihrer Theorien in die Praxis nicht ganz geheuer zu Mute zu sein — und man begreift dies, wenn man die Argumente des nationalsozialistischen Abgeordneten liest, mit denen er seinen Parteigenossen die Leckerbissen der Hitler-Politik erst genießbar machen zu müssen glaubt. „Wer sich verteidigt, klagt sich an." Selten wird die Richtigkeit dieses Spruches sinnfälliger, als angesichts der merkwürdigen Verteidigungsargumente Dr. Höfingers. Jedes dieser Argumente wird, unter die kritische Lupe genommen, zur grausamsten Anklage! Um seinen erschauernden Lesern anschaulich zu machen, welche Ungeheuerlichkeit darin liegt, daß Juden in führender Stellung tätig sind, fordert er sie auf, „sich an allen Stellen, an denen heute Juden sitzen, andere Volksfremde, z. B. Franzosen, Tschechen" zu denken. Die geängstigten Leser der „Dötz" brauchen sich also nur vorzustellen, welches Unheil es bedeutet, wenn sich zu Führern einer deutschen Partei Tschechen wie Proksch, Suchanek usw. aufwerfen ... Auch der französische Name V a u g o i n muß nach dieser Theorie seinen Träger zu einer führenden Rolle in einem deutschen Staatswesen ungeeignet erscheinen lassen . . . Wer nach dieser Glanzleistung antisemitischer Argumentik noch nicht ganz davon überzeugt ist, daß „die gefühlsmäßige Stellungnahme des Menschen zu seiner Umwelt naturgemäß beim Fremden eine wesentlich andere sein muß als beim geborenen Deutschen", dem führt Dr. Höfinger ein großes Beispie! aus der Geschichte vor Augen: Den Feldzug von 1870/71. „Kann man für möglich halten, daß ein Franzose und ein Deutscher darüber dieselbe Ansicht haben? Für uns ist dieser Krieg die größte und gewaltigste Heldenfahrt, die die Geschichte unseres Volkes bis dahin kennt, für den Franzosen aber ein barbarischer Raubzug, dessen Führer heute noch dem einfachen Manne als Verbrecher erscheinen." Das ist gewiß richtig. Aber wenn der Verfasser in der Geschichte noch um ein paar Jährchen weiter zurückgegangen wäre, nämlich bis 1866, dann hätte er feststellen müssen, daß sich damals zwischen den Oesterreichern und den Preußen dieselben Gegensätze der Anschauung über die Gerechtigkeit der Kriegsentscheidung herausgebildet haben. Und doch sind sowohl die Oesterreicher als auch die Preußen ohne Zweifel Deutsche. Die Gegensätzlichkeit der politischen Anschauung braucht also nicht auf rassische Divergenzen zurückzugehen. Das Trennende ist in diesen Fällen nicht das Blut, sondern der

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