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Die Wahrheit · 1933-05-05 · Heft 18 (5.5.1933) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 18 (5.5.1933)
Date
1933-05-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis (fieser Nummer 40 Groschen \<vS Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden'* and den Amtlichen Verlautbarungen der israelifischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 49. Jahrgang Wien, 5. Mai 1933 Nummer 18 OPTIKER M. SCHACHTER, Ii., fflockengasse 25 Genaueste Ausführung von Rezepten »Große Auswahl an modernen Fassungen« Samstag geschlossen _Bei Berufung auf dieses Blatt 5 Prozent Rabatt! _ Aufklärung trotz allem. Mit fast jeder Post erreichen uns Briefe von Lesern und Freunden unseres Blattes, die, entsetzt über die Geschehnisse unserer Tage, Anregungen geben, wie das nun in seinen Grundrechten bedrohte Judentum wieder zu der gesicherten Stellung kommen könne, die ihm gebührt. Die vielen Vorschläge, die in dieser Hinsicht gemacht werden, beweisen;, daß allenthalben Sorge um die Existenz und Zukunft des Judentums vorherrscht. Sie beweisen aber auch, daß dieses Judentum trotz aller Drangsale sich nicht unterkriegen lassen will, daß es angestrengt darüber nachdenkt, ob es nicht einen Ausweg gibt, der, der Ehre des Juden würdig, seine jetzt von frevler Hand angetastete Geltung wieder aufkommen läßt. Eine merkwürdige Beobachtung macht man nun beim Studium dieser Anregungen. Beinahe in allen Zuschriften kehrt der Gedanke wieder, daß es unbedingt notwendüg sei, in kürzester Zeit und in großzügiger Weise mit einer Aufklärungsaktion einzusetzen, um die über das wahre Wesen des Judentums nicht oder nur wenig informierte christliche Umwelt über diese wirkliche jüdische Art zu unterrichten. Aufklärung — wie' lange predigen wir schon in diesen Blättern die Notwendigkeit einer solchen Arbeit, wie lange rufen wir schon nach ihr, aber es war immer ein Ruf in der Wüste. Schon zu einer Zeit, da die finsteren Wolken des Antisemitismus noch lange nicht so bedrohlich das Firmament bedeckten, hat unser Blatt, das stets selbst Aufklärungsarbeit in seiner Art leistete, die Forderung erhoben und gegenüber vielen, die aus parteipolitischen Sonderinteressen allzu verächtlich diese Tätigkeit beurteilten, mit aller Vehemenz vertreten, daßesPflichtdesJudentums wäre, diese Arbeit zu leisten, denn1 die Unkenntnis, die über unser Sein und Wollen vorherrscht, muß früher oder später den Sieg jener herbeiführen, die diese) Unkenntnis benützien, um über uns lügnerische Schauermärchen zu verbreiten. Wenn in den beiden folgenden Zuschriften, die wir aus der Fülle der uns zugekommenen Briefe herausgreifen, der dringliche Wunsch nach einer systematischen, von einer Zentralstelle aus geleiteten Aufklärungsaktion geäußert wird, so deckt sich also dieser Wunsch mit unserer Tendenz. Hoffentlich bleibt es aber nicht nur beim Wunsch und die Anregungen finden entsprechendien Widerhall. Den Zweiflern sei es gleich gesagt, daß es auch in dieser Sache kein „Zu spät" geben darf, dieses „Zu spät" war immer die Hemmung für die Durchführung jedes guten Gedankens, es darf nicht auch in dieser Stunde der Gefahr eine Aktion erschlagen, die, gut in dfie Wege geleitet, ihre fruchtbare Wirkung für das nun so arg bedrohte Judentum haben muß. Die Red. Die Lehre. Der „T a g" vom 25. v. M. brachte einen sehr beachtenswerten Artikel aus der Feder des bekannten katholischen Publizisten Dr. Bernhard Birk, in welchem dieser in anerkennenswerter Weise gegen die Judenverfolgungen in Deutschland und gegen den Antisemitismus überhaupt Stellung nimmt. Es tut wohl, angesichts des mit jedem Tage größer werdenden Unrechtes, das die1 Machthaber des Dritten Reiches an den deutschen Juden verüben, und angesichts der wüsten Hetze, der die Judenschaft Oesterreichs von seiten der österreichischen Nazi ausgesetzt ist, eine ernste Stimme von katholischer Seite zu vernehmen, die vorbehaltlos dien Antisemitismus verwirft. Herr Doktor Birk ist ein aufrechter Katholik, der die christliche Religion so auffaßt, wie sie aufzufassen ist, nämlich als eine Religion der Liebe und Duldung. Er beruft sich im seinen Ausführungen auch auf <!ias Buch des verstorbenen Bundeskanzlers Dr. Seipel, „Nation und Staat", in welchem dieser ausdrücklich sagt, daß der Begriff „Rasse" infolge der fortwährenden Vermischung der Menschen nicht genau definiert werden kann. Doktor Birk empfiehlt den Machthabern des Dritten Reiches, dieses Buch zu lesen. Allerdings steht zu bezweifeln, daß die Nationalsozialisten sich die Seipelschen Thesen zu eigen machen werden, denn im Grunde genommen benützen sie, in Ermangelung eines positiven Programmes, den Antisemitismus nur dazu, um an der Macht, d. h. am der Futterkrippe zu bleiben. Rom hatte seimen Nero, der die Christen verfolgen ließ, um das unzufriedene Volk zu beruhigen und sich als Kaiser halten zu können. Deutschland hat seine Naitionalsozialisten und Judenverfolgungen, um die Führer mit einträglichen Stellen versorgen zu körinen. Man sieht, es bestehen einige Beziehungen zwischen dem Barbarentum des alten Rom und dem Geist des sogenannten nationalen Aufbruches, denn in beiden Fällen herrscht das Verlangen nach der Ergreifung und Festhaltung der Macht und der mit ihr verbundenen wirtschaftlichen Vorteile vor. Daß es den Nationalsozialisten überhaupt möglich wurde, mit ihrem stupiden Märchen von dem schädlichen Einfluß des Judentums auf Volk und Wirtschaft große Massen an sich zu reißen, daran sind zum großen Teile die Juden selbst schuld. Während nlämlich d'as Judentum die geschichtliche Entwicklung des deutschen Volkes, seine Sitten und religiösen Gebräuche genau kennt, weiß das deutsche Volk von der Geschichte, den Sitten und Riten des Judentums nichts oder doch blutwenig. Wie wäre es sonst möglich, daß das jüdische Volk, das die größten Idealisten hervorgebracht hat, das zu seinen Stainmesgenossen die bedeutendsten! Denker, Dichter und Forscher zählt derart verfolgt und verachtet werden könnte? Hier muß in letzter Stunde Wandel geschaffen werden. Nur dadurch, daß die Völker von der jüdischen Psyche nichts wissen, ist es möglich, daß diese Völker jedes noch so absurde Märchen, das von gewissenlosen Agitatoren verbreitet wird, glauben und sich zu Handenobme aoswabi BiuiesiE PBEISE ppplfl s#s l* m#k %. teppiche vorhänge u, möbelstoffe, bechen NUR I., BAUERNMARKT 12-14 hingen hinreißen lassen, die sie weder vor Gott noch vor ihrem eigenen Gewissen verantworten können und die ein ewiger Schandfleck in der Geschichte dieser Völker bleiben. Die deutschen Juden haben sich zwar willig dem Staatsganzen eingefügt, sie haben so manches unternommen, um das deutsche Volk mit der jüdischen Psyche vertraut zu machen, aber selbst diese Anstrengungen waren noch viel zu schwach und so sind <15e deutschen Juden 100 Jahre nach ihrer Befreiung aus dem Ghetto als „Fremdlinge" im deutschen Volkskörper stigmatisiert worden. Hier muß der Hebel angesetzt werden, durch Wort und Schrift das deutsche Volk mit der Geschichte, den Sitten und dem Kult des Judentums bekannt zu machen. Es ist zu beweisen, daß gerade das schon von altersher hochkultivierte jüdische Volk den kulturellen Aufstieg der Völker, unter welchen es lebt, beschleunigt hat. Es ist auf das auf hoher sittlicher Stufe stehende jüdische Familiertleben hinzuweisen und' so das Märchen von der Sittenlosigkeit des Judentums zu widerlegen. Es ist auf die Verdienste der zahlreichen jüdischen Forscher und Erfinder hinzuweisen, die geholfen haben, das Ansehen Deutschlands in der Welt zu mehren. Aber auch im eigenen Lager muß Remedur geschaffen werden,. Es gibt viele, die sich ihres Judentums schämen, Renegaten, denen es als die größte Ehre scheint, wenn ihnen gesagt wird, man hätte sie nicht für Juden gehalten. Renegaten sind immer verächtlich, am verächtlichsten aber in einer Zeit, da das ganze Volk in Not ist. Gerade jetzt muß das Judentum eiseniest zusammenstehen. Schon wenden sich die großen Geister im christlichen Lager mit Abscheu von dem unmenschlichen Treiben der Nationalsozialisten und so wissen wir auch Dr. Birk Dank für seine freundlichen Worte in einer Zeit, da das deutsche Judentum von allen Freunden verlassen zu sein scheint. Hoffen wir, daß diese Worte Eingang finden in die Herzen seiner Glaubensgenossen. Wir Juden aber brauchen nicht zu verzweifeln. Wir werden auch diesen Sturm überstehen. 6000 Jahre steht unser Volk im Weltgeschehen. 2000 Jahre der Knechtschaft haben es nicht vermocht, unseren Lebenswillen zu brechen. Völker sind um uns herum verschwunden und neue sind aufgetaucht. Fest aber steht das Judentum. Verankert in seiner Religion, verankert in seiner Tradition, getragen» von seiner Kultur, wird es auch diesen Ansturm überwinden. Das deutsche, von leeren Schlagworten aufgepeitschte Volk wird sich besinnen und das Unrecht einsehen, das es uns zufügt. Wir aber müssen trachten, das deutsche Volk in unsere Psyche einzuführen;, damit es uns verstehen lerne, so wie wir das deutsche Volk verstehen, mit dem wir brüderlich Freudi und Leid geteilt haben. Zieht das

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