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Die Wahrheit · 1933-04-28 · Heft 17 (28.4.1933) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 17 (28.4.1933)
Date
1933-04-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Parteirat der „Union österreichischer Juden". Tagung am 22. April 1933. Schwere Sorgen bedrücken die Judenheit in aller Herren Länder. Die furchtbaren Geschehnisse in Deutsclüand haben bei den Brüdern in der ganzen Welt Gefühle innigster Anteilnahme ausgelöst und sie vor die bange Frage gestellt, wie diesen deutschen Juden, deren Entrechtung immer weiter fortschreitet, geholfen werden kann. Diese Sorge paart sich mit der um die eigene Existenz, die in diesen Tagen, da die „Erfolge" der deutschen Nationalsozialisten den Nachahmungstrieb ihrer Gesinnungsbrüder in den umliegenden Staaten verstärkt haben, bedrohter denn je ist. Auch in den Kreisen der österreichischen Judenschaft ist man sich dieser Gefahr eines Uebergreifens deutscher Methoden auf unser Vaterland bewußt und - allenthalben wird die Frage gestellt, welche Vorbeugungsmaßnahmen die Führer der auf vaterländischem Boden stehenden österreichischen Judenschaft getroffen, welche Schritte sie zur Abwehr auch uns vielleicht drohenden Unheils ergriffen haben. Auf diese bange Frage, immer wieder erhoben in diesen Tagen seelischer Bedrückung, wurde auf der Tagung des Parteirates der „Union österreichischer Juden" die Antwort erteilt. Es liegt aus taktischen Gründen nahe, daß vieles von dem, was auf dieser Tagung besprochen und beraten wurde, vertraulich bleiben muß und daß dieser Bericht nur den Gesamteindruck festhalten kann. Die Mitglieder des Parteirates, die, getrieben von begreiflichem Interesse, in überaus starker Zahl an der Tagung teilgenommen haben, sie waren mit dem Vorgehen und den Plänen der Leitung der „Union" restlos einverstanden und bekundeten diese ihre Zustimmung durch die einstimmige Annahme der politischen Resolution, die folgenden Wortlaut hat: „Der Parteirat der .Union österreichischer Juden' gedenkt mit Gefühlen tiefster Ergriffenheit der unsäglichen Leiden, denen die Juden Deutschlands unter dem neuen Regime unterworfen sind, und gibt seiner Genugtuung darüber Ausdruck, daß die Sympathiekundgebungen und Hilfeangebote aus allen Kulturländern den verfolgten und entrechteten deutschen Juden eine Stütze in ihrer Bedrängnis zu bieten geeignet sind. Die durch die .Union' vertretene österreichische Judenschaft vertraut der Regierung ihrer eigenen Heimat, daß sie willens und imstande sein wird, der nationalsozialistischen Bewegung auf unserem Boden energisch Halt zu gebieten, und begrüßt, ihren Traditionen getreu, alle auf die Aufrechterhaltung der Ordnung und Sicherheit, sowie die Förderung der Wirtschaft abzielenden Maßnahmen der Regierung. Im Sinne ihrer Statuten, zur Verteidigung der verfassungsmäßigen Rechte der österreichischen Juden als gleichberechtigter und gleichverpflichteter Bürger des Staates berufen, ist die .Union', auf positiv religiösem und vaterländischem Boden stehend, entschlossen, mit allen anderen jüdischpolitischen Organisationen Oesterreichs zusammenzuwirken, die, zu einer loyalen Zusammenarbeit bereit, auf jede einseitige parteipolitische Einzelaktion verzichten." Die Tagung wurde eingeleitet mit einer geradezu ergreifenden Rede des Präsidenten der „Union", Herrn Dr. Jakob O r n s t e i n, der mit Worten tiefsten Mitgefühls der unsäglichen Leiden gedachte, denen unsere deutschen Brüder unter dem neuen Regime ausgesetzt sind. Er brandmarkte die Maßnahmen der Machthaber, die treuen Staatsbürgern gelten, die Gut und Blut für ihr geliebtes Heimatland hingegeben und dessen Ansehen und Geltung in der Welt unendlich vermehrt haben. Er geißelte insbesondere das nationalsozialistische Wüten gegen das jüdische Kind, dem man Brot und Schule nehme, und sprach davon, wie sehr es die Angehörigen des Volkes des Buches treffen müsse, wenn man seine Kinder von den Quellen des Wissens und der Bildung fernhalte. Mit tiefer Ergriffenheit nahm die zahlreiche Versammlung die Worte des Vorsitzenden auf, die in die Hoffnung ausklangen, daß doch das Weltgewissen, das schon in diesen Tagen so schöne Beweise edlen Mitgefühls bei allen Kulturvölkern geliefert habe, die neuen Herren Deutschlands zur Besinnung führen werde, auf welch abschüssigem Wege sie sich befinden. Regierungsrat Dr. Max Lenk erstattete ein wirklich ausgezeichnetes politisches Referat, dessen vollinhaltliche Wiedergabe uns die oben angeführten Bedenken verbieten. Nur so viel sei gesagt, daß der Redner ausdrücklich betonte, daß die „Union" unter Festhaltung ihres Jahrzehnte treu befolgten Standpunktes der Verbundenheit der österreichischen Judenschaft mit Religion und Vaterland diesem schönen Rahmen den den Zeitläuften entsprechenden Inhalt geben müsse. In religiöser Hinsicht müsse es offenbar werden, daß die im jüdischen Glauben verankerten sittlichen Ideale Ideale der Menschheit sind, für deren Durchsetzung das Judentum seine besten Kräfte geopfert hat und auch weiterhin zu opfern bereit ist. Die Verbundenheit des österreichischen Judentums mit seinem Vaterland kann durch die Entwicklung dieser Tage, deren Zeugen wir sind, nicht im geringsten getrübt werden, im Gegenteil, die österreichische Judenschaft ist bereit, mit allen zusammen zu arbeiten, die diesen Boden gegen die Gefahren, die ihm durch den Nationalsozialismus drohen, verteidigen wollen. Der Referent erörterte in sachkundiger Weise die Möglichkeiten, die sich der österreichischen Judenschaft in dieser Hinsicht bieten, er gab zu bedenken, daß die Gefahr eine sehr ernste sei, daß aber die Kraftanstrengung aller, die guten Willens sind, die Abwehr dieser Gefahr ermöglichen wird. Er sprach in diesem Zusammenhange auch von den verschiedenen Einigungsaktionen unter der österreichischen Judenschaft, an denen die „Union" für den Fall gerne mitzuwirken bereit ist, daß jede dem Gesamtinteresse abträgliche parteipolitische Einzelaktion, wie sie z. B. die „Jüdische Volkspartei" betreibt, unterbleibt. Reicher Beifall lohnte den Referenten für seine gediegene Ausführungen und auch in der Debatte, die insbesondere von den Herren Vizepräsident Dr. K. Steiner, Komm.-Rat A. S a 1 z e r, Kultusvorsteher Dr. M. S t i g 1 i t z und Dir. J. W e i g e r bestritten wurde, kam zum Ausdrucke, daß die Gedankengänge des Referenten allseits Anklang gefunden haben. Die politische Hochspannung, unter der wir leben, hat auch die organisatorische Arbeit der „Union" gefördert, über die der zweite Referent des Abends, Zentralvorstandsmitglied Eduard Widrich, sprach. In Anbetracht der vorgerückten Stunde mußte Herr Eduard Widrich sein Referat als Obmann des Organisationskomitees ganz kurz fassen. Er berichtete über die Durchführung seiner am letzten Parteitag gemachten Vorschläge und stellte mit Befriedigung fest, daß die Arbeit bereits erfolgreich aufgenommen wurde. Er forderte neuerlich, alle Mitglieder auf, nach besten Kräften beim Ausbau der Partei mitzuwirken. Allgemein herrschte der Eindruck vor, daß der in bedeutsamer Zeit abgehaltene Parteirat der „Union" den Wünschen und Erwartungen seiner Mitglieder entsprochen hat, die mit dem Bewußtsein die Tagung verließen, daß die „Union" in diesen kritischen Tagen auf der Wacht steht. An die jüdischen Kurgäste t f Außerstande, die vielen Anfragen, die in den letzten Tagen an mich als den Präses der israelitischen Kultusgemeinde in Baden bei Wien gerichtet wurden, einzeln zu beantworten, benütze ich diesen Weg, um der jüdischen Oeffentlichkeit die Lage in unserem Kurort zu schildern, um so mehr, da einerseits mein Amt, anderseits mein vollkommenes Desinteressement im geschäftlichen Sinne die volle Objektivität meines Berichtes begründen. Ich muß gestehen,- daß diese Anfragen nicht unverhofft kamen, da die tendenziösen Zeitungsnachrichten eine zugespitzte Lage in den Kurorten Oesterreichs, darunter auch in Baden, voraussagten und die kur-, aber auch ruhebedürftigen jüdischen Interessenten sich zu ängstigen begannen. Wir — hier am Orte — erlebten keine bange Stunde. Die gesamte Bevölkerung Badens steht kulturell zu hoch und hängt mit zu heißer Liebe und zu großem Stolz an ihrem Heimatkurort, um in das Fieber der heutigen Zeit hineingeraten zu können. Dafür ist in unserer wunderschönen Kurstadt mit ihren stimmungsvollen, farbenprächtigen Anlagen, ehrfurchtsvollen, historischen und modernen Bauten kein Boden. Von außen her schien zwar die Welle der politischen Hochspannung zu uns herüberzugreifen und unsere Stadt ihrer gewöhnlichen Weltkurortstimmung berauben zu wollen. Aber das sogleich erschienene U n iform- und Versammlungsverbot bestärkte nur die vollkommene Ruhe, die übrigens auch früher nie wesentlich gestört wurde. Da ich aber mit den anfangs erwähnten Zuschriften überhäuft werde und verschiedene Zeitungsmeldungen ein falsches Bild boten, entschloß ich mich, als für das Wohl der jüdischen Ansässigen und Kurgäste mitverantwortlich, bei der autoritativsten Stelle vorstellig zu werden und unserem Bürgermeister, Herrn Minister a. D. Kollmann, einen amtlichen Besuch abzustatten, um ihm von den gehegten Befürchtungen Mitteilung zu machen. Nun müßte ich eigentlich mein Zwiegespräch mit dem Bürgermeister in seinem vollen Verlauf wiederholen, wenn ich die vollkommene Gemütsruhe, mit der ich meinen Rückweg einschlug, begründen wollte. Hiefür ist aber zu wenig Raum. Es wird vielleicht genügen, wenn ich betone, daß unser Bürgermeister mir nicht schüchtern Trost zu gewähren versuchte, sondern, wie es auch seinem Naturell entspricht, einfach, scharf und klar versicherte und mich bevollmächtigte, dies an die interessierten jüdischen Kreise weiterzuleiten, daß in unserer Stadt keinerlei störende Verhältnisse sich einnisten könnten und würden. Er sei überzeugt, daß Baden auch heuer das normale Bild bieten werde. Baden bei Wien, die Perle unter den Kurorten, ist und bleibt auch weiter das Idyll des Friedens — dem Wohle und der Gesundheit der Menschen geweiht! Der jüdischen Oeffentlichkeit gegenüber fühle ich mich verpflichtet zu versichern, daß die jüdischen Kurgäste auf ihrer Suche nach Genesung und Ruhe nach wie vor dem liebenswürdigen Wesen unserer Stadt begegnen werden und daß auch die hiesige israelitische Kultusgemeinde in ihrem Wirkungsbereiche ihre Aufgaben gegenüber unseren Religionsgenossen voll erfüllen wird. Anton Stern, Baden bei Wien. Das neue deutsche Studenten-„Recht". Der preußische Staatskanzler Fürst Hardenberg öffnete 1812 die Alma mater den deutschen Juden als gleichberechtigten akademischen Bürgerin, der preußische Kultusminister R u s t weist sie 120 Jahre später aus den „Gemeinschaftssälen" in die „Fremdenzimmer" der hohen Schulen. In diesen 120 Jahren haben Deutsche jüdischen Blutes auf allen Gebieten menschlichen Wissens und Erkennens weit über die anteilige Bevölkerungsquote hinaus zur Mehrung des Ruhmes und des Ansehens der deutschen Hochschulen beigetragen, ihre Stellung und Geltung im akademischen Leben der Welt mitgeschaffen. Acht Juden unter den 25 deutschen Trägem des Nobelpreises — 33Vs Prozent —, lebendiger Beweis unserer geistigen Schöpferkraft und akademischen Produktivität. Deutsche Studenten jüdischen Blutes kämpften mit ihren Kommilitonen auf den Barrikaden für ein einiges und freies Deutschland, schmachteten in den Kerkern der Reaktion, halfen 1870 das neue Reich schmieden und gingen 1914 mit der gleichen Selbstverständlichkeit in den Kampf, mit der sie auf allen Fronten des großen Krieges zu sterben wußten. Uns Jüngere erfüllte die gleiche Gesinnung. Mit allen anderen deutschen Akademikern trugen wir schwer an dem wirtschaftlichen und politischen Elend der Nachkriegszeit. Mit ihnen bewahrte uns vor der Verzweiflung nur der entschiedene Wille, ein neues und besseres Reich zu schaffen, das in jener „wahren Volksgemeinschaft", die zu erleben Walter Rathenau einmal als sein „höchstes Glück" bezeichnet hatte, alle Menschen deutscher Gesinnung zusammenschließen sollte. Wir begrüßten es freudig, daß die deutsche Studentenschaft, als sie ihre Organisation schuf, den großdeutschen Gedanken wenigstens teilweise

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