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Die Wahrheit · 1933-04-21 · Heft 16 (21.4.1933) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 16 (21.4.1933)
Date
1933-04-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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fS DIE WAHRHEIT Seite 3 Erich Deutsch u,■ermiauitnwu Aleiler lOr lelaste ■errea-nanaraeit jLg§etgenena.miteebraclitenStoffen, bei billigsten Pieiien.IlMlMhll ^* Telephon: A 434-12. SamsUg geschlossen. Rechte als deutsche Staatsbürger wieder eingesetzt werden würden. Die Lösung muß in Deutschland selbst erfolgen! Sir Herbert Samuel, der nach dem zweiten führenden Konservativen Churchills, der gleichfalls eine Aufsehen erregende Rede hielt, das Wort ergriff, erklärte, er wisse als Mitglied der jüdischen Gemeinschaft die Worte Sir Austen Chamberlains und der übrigen Mitglieder des Hauses über die Lage der Juden in Deutschland voll zu würdigen. Gegen das, was zweifellos eine Verfolgung aus religiösen und Rassengründen sei, habe sich die öffentliche Meinung sowohl in England als auch in Amerika und in anderen Ländern spontan aufgebäumt. In Deutschland seien die Juden seit der Zeit des römischen Kaiserreiches ansässig, Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft hätten all die Jahrhunderte hindurch zur Bereicherung und zum Ruhme des deutschen Lebens beigetragen. Er bedauere jede übertriebene Darstellung dessen, was den Juden in diesen Tagen zugestoßen sei, aber auch die bewiesenen Tatsachen seien schwerwiegend genug, um den Ernst dessen zu zeigen, was in Deutschland geschehe. Zahlreiche ehrenwerte Menschen jüdischer Abkunft seien Beleidigungen und Erniedrigungen ausgesetzt. Jahrhunderte hindurch hätten die Juden die unangenehme Aufgabe gehabt, als Prüfsteine der Nationen, unter denen sie lebten, als Zeugnisse für die Eigenschaften dieser Nationen zu dienen. Man habe bereits darauf hingewiesen, daß Palästina für eine gewisse Anzahl dieser Menschen einen Ausweg darstelle. Die Tatsache, daß Palästina das einzige Land ist, in dem jetzt Prosperität herrscht, erfülle ihn mit Befriedigung. Trotzdem müsse er feststellen, daß auch die Prosperität eines Landes eine unbegrenzte Einwanderung nicht ermögliche. Er billige es, daß die Regierung sich von dem Grundsatz leiten lasse, daß die Einwanderung der Aufnahmefähigkeit des Landes angepaßt sein müsse, und glaube, daß die Verwaltung Palästinas bereits Maßnahmen getroffen habe, um möglichst viele jüdische Flüchtlinge aufzunehmen. Er wünsche nicht, führte Sir Herbert weiter aus, daß die britische Regierung etwas unternehme, was ihre Beziehungen zur deutschen Regierung trüben könnte. Die entscheidende Lösung der Frage müsse in Deutschland selbst unter dem Einfluß der Meinung der gesamten zivilisierten Welt erfolgen. Es müsse klar zum Ausdruck kommen, daß die Verfolgung von Menschen wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer Religion oder Rasse Abscheu erwecke und daß alle Bürger eines Landes Anspruch auf Gleichheit vor dem Gesetze besäßen. Sir Herbert Samuel schloß seine Rede mit der Versicherung, daß er niemals für einen antideutschen Boykott eingetreten sei und daß auch keine anerkannte jüdische Organisation solche Boykottaktionen geleitet habe. Schlußwort des britischen Außenministers. Außenminister Sir John Simon gab in seinem Schlußwort folgende im Einvernehmen mit dem High Commissioner für Palästina getroffene Sonderbestimmungen zugunsten der Einwanderung deutscher Juden nach Palästina bekannt: 1. Dem britischen Generalkonsulat in Berlin wurden 200 Einwauderungszertifikate für Juden mit eigenem Kapital von mindestens 1000 Pfund zur Verfügung gestellt, um es solchen Juden zu ermöglichen, sofort nach Palästina einzuwandern, ohne erst bei der Palästina-Regierung unter Darlegung jedes einzelnen Falles um die Einwanderungserlaubnis ansuchen zu müssen. 2. Bei der Behandlung von Gesuchen von Mittelstandsangehörigen mit eigenem Kapital von mindestens 500 und von Handwerkern mit 250 Pfund Eigenkapital soll mit größter Weitherzigkeit vorgegangen werden. 3. Der High Commissioner hat den ausdrücklichen Befehl erteilt, die Gesuche in Palästina ansässiger deutscher Juden um Zulassung ihrer Eltern und sonstigen Verwandten aus Deutschland wohlwollend zu behandeln. Außerdem habe die Palästina-Regierung 1000 Arbeiter-Einwanderungszertifikate für deutsche Juden zur Verfügung gestellt. Die Ergebnisse der Aussprache im Unterhaus faßte Außenminister Sir John Simon dahin zusammen, es wäre ein tiefer Irrtum zu glauben, daß die Abneigung gegen die Zurücksetzung der Juden in Deutschland auf die Angehörigen der jüdischen Gemeinschaft begrenzt oder durch sie veranlaßt worden wäre, im Gegenteil, sie ist der spontane und unvermeidliche Ausdruck der Verbundenheit mit dem Prinzip rassischer Toleranz, die alle Engländer erfüllt Er erklärte ferner, er persönlich halte es für überflüssig, denjenigen jüdischen Flüchtlingen, die nach England zu kommen wünschen, Hindernisse in den Weg zu legen. Wenn man sich auch die in England herrschende Arbeitslosigkeit vor Augen zu halten habe, müsse man anderseits doch auch daran denken, daß Menschen mit wertvollen Eigenschaften einen Gewinn für England bedeuten würden. Zum Schlüsse erklärte der Außenminister, es wäre im jüdischen Interesse nicht wünschenswert, wenn die britische Regierung mit ihrer vollen Autorität zugunsten fremder Bürger intervenieren würde. Der von mancher Seite von einer solchen Aktion erwartete Effekt sei bereits durch die eben beendete Aussprache erfüllt, die die Regierung voll billigt und die zweifellos auch in der öffentlichen Meinung des Auslandes ein Echo finden werde. * Lord Reading hat das Amt eines Präsidenten der Deutsch-Englischen Vereinigung niedergelegt und ist aus der Vereinigung ausgeschieden. Er begründet diesen Schritt damit, daß er sich als Jude mit der Politik der deutschen Regierung gegenüber der jüdischen Bevölkerung nicht einverstanden erklären könne. Der Bock als Gärtner» Seit einigen Tagen fordern blau-weiße Plakate in den Straßen Wiens die österreichischen Juden zum Eintritt in die Jüdische Volkspartei auf. Die Jüdische Volkspartei ist eine frisch auflackierte jüdischnationale Kreation mit der Tendenz, die Einigkeit und Geschlossenheit, die der zionistischen Führerschaft längst verlorengegangen ist, unter der Wählerschaft wiederherzustellen. Mag der Spaltpüz im zionistischen Lager die Neubildung von Fraktionen und Fraktionellen in noch so groteskem Ausmaß verschulden und mögen die Ziele und Wege der einzelnen Gruppen noch so weit voneinander abweichen — die Wähler sollen vereint marschieren, denn sie wirken bloß durch die Zahl, und nur wenn sie geschlossen für eine Liste stimmen, kann der günstige Fall eintreten, daß einer oder der andere der auf dieser Liste kandidierenden Führer ein Mandat in einer politischen Körperschaft ergattert. Entgegen dem bekannten Heineschen Spruch wollen daher die feindlichen Brüder aus den heterogensten zionistischen Lagern unter den Linden der „Jüdischen Volkspartei" einander grüßen — wenn sie nachher allein beisammen sind, wird sich schon alles finden, was sich trennend zwischen die diversen Aspiranten auf das Monopol des richtigen Zionismus zu schieben pflegt. An die wirkliche Bereinigung alles Trennenden denken ja die verschiedenen zionistischen Führer gar nicht, da jeder von ihnen nach dem Vorbild der drei Brüder aus der Nathanschen Ringparabel den allein echten Ring des unverfälschten Herzl-Vermächtnisses zu besitzen vorgibt. Sonst könnten sie sich, statt eine neue Partei zu gründen, reuig in dem Schoß der alten, jetzt „allgemeinen" zionistischen Organisation wieder zusammenfinden. Die neue „Jüdische Volkspartei" verdankt also ihr Wiederaufleben der einigermaßen paradox klingenden strategischen Parole: Vereint marschieren — getrennt schlagen! Mit dem Schlagen hat es indessen noch gute Weile; vorläufig wird erst einmal zum Sammeln geblasen und die Töne, die dabei angeschlagen werden, verdienen vor allem unter den nichtnationalen Juden größte Beachtung. Der Aufruf an die österreichischen Juden beginnt mit der Frage: „Wollet Ihr untätig und ungerüstet warten, bis Euch das gleiche Schicksal trifft, wie die Juden Deutschlands?" Das Schicksal der Juden in Deutschland ist in diesen Tagen Gegenstand der bangsten Sorge aller Glaubensbrüder auf der ganzen Welt. Zu dem wirtschaftlichen Vernichtungskrieg, den Hitler gegen sie führt, gesellt sich in den Herzen der Juden, denen die kulturelle Zugehörigkeit zum Deutschtum die Grundlage ihres geistigen und seelischen Lebens bedeutet, die schwere moralische Erschütterung, die das feindliche Rühren an diese Basis hervorrufen mußte. Den Jüdischnationalen bleibt wenigstens dieser moralische Schock erspart. Ja noch mehr: Wenn in dem jüngst verlautbarten Studentenaufruf „gegen den deutschen Ungeist" betont wird, daß den Juden der Anspruch auf ein eigenes Volkstum in allen Ehren gewahrt bleibt und daß jüdischen Literaten auch weiterhin das publizistische Wirken gestattet sein soll, wenn sie nur ihre Werke in hebräischer Sprache abfassen, so bedeutet das geradezu den Triumph der jüdischnationalen Idee, dieErreichung dessen, was die Jüdischnationalen seit jeher als ihr Ziel im Galuth ausposaunt haben. Und nun erleben wir das merkwürdige Schauspiel, daß die Jüdischnationalen, weit davon entfernt, über die restlose Erfüllung ihrer kühnsten Wunschträume in Deutschland entzückt zu sein, den Juden in Oesterreich das gleiche Schicksal als — Schreckbild und Warnung an die Wand malen. Und welches Mittel empfehlen sie zur Abwendung dieser Gefahr? Man höre und staune: den Eintritt in eine jüdischnationale Organisation, die dieselben Ziele verfolgt, mit denen die antisemitischen Studenten die Juden in Deutschland beglücken wollen: Loslösung der Juden von der Volksgemeinschaft mit der anderen Bevölkerung durch Anerkennung eines eigenen jüdischen Volkstums mit eigener, hebräischer Sprache. Es ist nicht das erstemal, daß die Jüdischnationalen mit den Judenfeinden konform gehen. Als das famose Studentenrecht die Schaffung eines Ghettos an den österreichischen Hochschulen vorsah, gebärdeten sich die Zionisten — die radikalsten Gruppen am begeistertsten — als ob diese Neuordnung des akademischen Lebens ihrem eigenen Ideal entspräche. Es soll nicht die Frage aufgeworfen werden, ob sie sich dabei seelisch ganz wohl fühlten, die Logik hatten sie jedenfalls für sich. Jüdische Korporationen, die seit Jahrzehnten die Einpferchung der Juden in eine eigene „Nation" verfechten, dürfen gar nicht anders als hocherfreut sein, wenn ihnen die Erfüllung dieser Forderung auf dem Präsentierteller dargeboten wird, mag die Gabe auch direkt aus der antisemitischen Giftküche geholt worden sein. Um so weniger logisch ist die Warnung der Jüdischen Volkspartei vor der Gestaltung des jüdischen Schicksals in Deutschland. Alles, was im Namen des Hakenkreuzes den dortigen Juden nachgesagt wird: Daß sie einen fremden Volkskörper im deutschen Lande darstellen und mit andersgearteten Geiste die deutsche Kultur infizieren, ist nur die antisemitische Variante jüdischnationaler Parteiaxiome. Wer eine Sonderstellung der Juden im Staate als gefährlich empfindet, der wird den Schutz vor dieser Gefahr nicht in einer Organisation suchen, deren Gründer und Führer nicht nur nichts getan haben, um eine Sonderstellung der Juden zu verhindern, sondern im Gegenteil alles, um diese Sonderstellung herbeizuführen. Das mußte gesagt werden, selbst in einer Zeit, die eigentlich wahre Einigkeit unter den Juden erheischt. Wie weit das jüdische Wien von dieser durch die uns allen bedrohende Gefahr dringlichst gebotenen Einigkeit entfernt ist, das zeigt gerade deutlich die Extratour der „Jüdischen Volkspartei", die nicht darauf verzichten wollte, die gegenwärtige, allerdings nur scheinbar ihr günstige Konjunktur auszunützen. Es liegt doch eine Verkennung, wenn nicht gar eine Verdrehung der Tatsachen darin, so zu tun, als ob den 600.000 Juden in Deutschland ihr grausames Geschick erspart geblieben wäre, wenn sie sich rechtzeitig unter die blau-weiße Fahne begeben hätten In der jüdischen Gasse wußte man zur Förderung der kostspieligen Werbeaktion zur Erringung bestenfalls eines jüdischen Nationalratsmandates das Märchen zu verbreiten, daß der zionistische Aufruf an die Juden in direktem Zusammenhange mit der Vorsprache des Präsidenten Dr. Friedmann bei dem Bundeskanzler Dollfuß stehe und den Wünschen der Regierung entspreche. Ist es auch nicht wahr, so ist es doch gut erfunden

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