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Die Wahrheit · 1933-04-10 · Heft 14-15 (10.4.1933) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 14-15 (10.4.1933)
Date
1933-04-10
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seiu« 8 DIE WAHRHEIT Einheit, die sie meinen. In einer Zeit, da alle jüdischen Parteien mit Rücksicht auf den äußeren Feind nach eineT Einigung rufen und dieser Ruf besonders laut, wenn auch nicht immer frei von selbstsüchtigen parteipolitischen Motiven aus dem jüdischnationalen Lager erschallt, ist es in der aktivsten Gruppe der Zionisten, bei dien Revisionisten, zu einer bedenklichen Spaltung gekommen. Am 20. und 21. v. M. fand in Kattowitz die Tagung des Parteitages der Revisionistischen Weltunion statt, die statt zur Lösung der zwischen dein Gruppen Jabotinsky und Großmann-Stricker schwebenden Streitfragen zum Ausbruch eines offenen Konfliktes zwischen diesen beiden Gruppen führte. Die zwischen ihnen obwaltende Meinungsverschiedenheit besteht vor allem in der Frage des Primats der zionistischen oder revisionistischen Disziplin, d. h. in der Frage, ob für die Revisionisten die Beschlüsse ihrer Weltunion oder die des Zionistenkongresses, bezw. der von diesem eingesetzten Instanzen von größerem Gewicht sind. Jabotinsky steht auf dem Standpunkt, daß dieser Primat der Weltunion zukomme, während Großmann und die Seinen die Ansicht vertreten, daß man den Zionistenkongreß beschicken und dort versuchen solle, für die revisionistischen Anschauungen —eventuell im Wege der Koalition mit anderen Parteien — die Oberhand zu gewinnen. Während Jabotinsky ursprünglich für eine Nichtbeschickung des im Sommer dieses Jahres stattfindenden Zionistenkongresses eintrat — er hat bekanntlich am letzten Zionistenkongreß seine Delegiertenkarte emphatisch zerrissen —, hat er sich in Kattowitz für den Fall der klaren und eindeutigen Anerkennung der vollständigen Unabhängigkeit der revisionistischen Partei dazu bequemt sich in den Dienst der Kongreß Wahlkampagne zu stellen, er machte aber die Beteiligung der Revisionisten an diesem XVIII. Kongreß von dem Ausgang der Wahlen abhängig. Erlangen die Revisionisten die Mehrheit, dann ist Jabotinsky zufrieden, wenn nicht, dann — hat es keinen Sinn, zum Kongreß zu gehen. Außerdem verlangte Jabotinsky die Aufnahme von drei seiner Anhänger in die Exekutive der Weltunion, in der seine Fraktion, die der Nichtschekelzahler bisher in der Minderheit war. Es entspricht «fies dem Kräfteverhältnis in der Gesamtorganisation, denn Jabotinsky verfügt bezeichnenderweise nur in Palästina und bei der Jugend über einen größeren Anhang als Großmann und seine Gruppe. Die radikalen Forderungen Jabotinskys wuridten auf der Kattowitzer Tagung mit großer Mehrheit abgelehnt. Damit war der bisherige Zustandl wieder hergestellt und alles schien in Ordnung zu gehen. 24 Stunden nach der Konferenz erließ aber Jabotinsky zur größten Ueberraschung seiner engeren Freunde und der Oeffentlichkeit einen Aufruf „an die Revisionisten der ganzen Welt", der Bände spricht. Mit einer Ueberheblichkeit, die man heute nur noch von gewaltigeren Herren gewohnt ist, dekretierte er, daß von nun ab er die Partei sei und sich alles seinen Wünschen zu fügen habe. Der Aufruf ist so symptomatisch dafür, wohin chauvinistischer Nationalismus, egal welcher Art, führt, daß wir ihn im folgenden in vollem Wortlaut wiedergeben: „Ich, der Präsident der Weltunion der Zionisten- Revisionisten, erkläre, daß ich von heute ab persönlich die faktische Leitung (der revisionistischen Weltunion und die Führung aller Angelegenheiten der revisionistischen Weltbewegung übernehme. Die Tätigkeit der bisherigen zentralen Weltinstanzen der Bewegung wird hiedurch liquidiert. Bis Ende der Woche werde ich ein vorläufiges Sekretarialt ernennen, welches provisorisch als Exekutivkomitee der Weltunion funktionieren wird. Während meiner Anwesenheit in Polen wird der Sitz des Sekretariats in Warschau sein. Gleichzeitig ernenne ich ein provisorisches Kommissariat, welches die Angelegenheiten der renw Konditoreiwaren tbo Abraham Lteib Pomeranz, IL, Herminengasse IS Verkaufslokal: II., Floßgasse 7, Telephon A 41-7-78 Filiale: II. Hollandstraße 8 BesteUnmgea für Hochieiten, Sudes nnd alle anderen Festlichkeiten, sowie »erscniedene Zackerblckereiwaren für Passach -werden prompt und billig« ausgeführt. Unter An/sieht der Adu Jisroel tSchiffschu1\ vlsionistischen Schekelzahler leiten und einen Aufruf an die breiten Schichten der revisionistischen und der betharischen (Jugend-)Bewegung zur Wahlteilnahme am XVIII. Zionistenkongreß erlassen wird. In kurzem werden zwei weitere Aufrufe erscheinen, die den genauen Sinn der in Calais und in Wien aufgenommenen Beschlüsse über Wesen und Recht unserer Weltunion erläutern und die Pflichten der revisionistischen Schekelzahler gegenüber der revisionistischen Union und gegenüber der zionistischen Weltorganisation festsetzen werden. Indem ich meinen Beschluß als das einzige Mittel zur Sicherung der Einheit der. revisionistischen Bewegung in schwerer Zeit und als die heilige Pflicht des Begründers der Bewegung ansehe, fordere ich alle Revisionisten auf, ihren Präsidenten zu unterstützen und durch brüderliche, ruhige und selbstbeherrschte Haltung zu helfen, daß wir in Ehren die heutige Krisis überleben im Namen der hohen historischen Mission unserer Judenstaatsbewegung. gez. Zeew Jabotinsky." e * * Die von Jabotinsky von Amt und Würden enthobenen Gesinnungsgenossen Großmann und Stricker ließen sich den ihnen von ihrem selbstherrlichen Führer, der sich Allüren ä la Hitler beigebogen hat, angetanen Affront nicht gefallen und veröffentlichten eine Gegenerklärung, in der es u. a. heißt: „Herrn Jabotinskys Erklärung ist für keine Landesorganisaltion bindend und bedeutet einen unerhörten Bruch der Disziplin. Einige Stunden, nachdem der Parteirat, der aiui seinen Vorschlag hin einberufen wurde, seine Forderungen abgelehnt hat, unternahm Jabotinsky den Versuch, durch einen Schritt, wie erimjüdischen öffentlichen Leben noch nicht erlebt worden ist, seinen Willen der Partei durch einen Putsch aufzuzwingen. Dieser Versuch wird vom Exekutivkomitee schärfstens zurückgewiesen. Die leitende Instanz der Partei wird sich nicht beeinflussen lassen von sich selbst ernennen- Tausendfältige Erinnerungen und Gedanken erweckt in uns dieses Wort Bilder voller Zauber tauchen aui. Bilder der Jugend, . der Zauber des väterlichen Hauses. Die Rückschau in unsere Kindheit wo wir an diesen Abenden an dem elterlichen Tisch saßen. Vater gibt den Seder. feierlich, ernst innig, bald in weichen Mollakkorden, bald wiederum in schwermütig-melancholischen Tönen singt er die Agadah. Wir Kinder erleben nur den Frohsinn, genießen das Heitere, Wonnigliche des Abends, die Herzensinnigkeit die uns Kindern von Vater und Mutter entgegenstrahlt macht uns froh und munter. Wir haben mehr Freiheit bei Tisch als sonst die Feierlichkeit paart sich mit einem liebevollen Gewahrenlassen; die Kinder fühlen Freiheit. Es ist ja Pessach ... Da wurden unsere Ahnen vor vielen, vielen Jahrtausenden frei und die Freude, daß sie aus ägyptischer Finsternis, aus pharaonischer Knechtschaft zum Volke der Freiheit und des Lichtes emporstiegen, bringt auch uns spätgeborenen Kindern den Zauberschimmer der Befreiung. Wir Jungen hören aus allen Melodien nur Freude, ein Aufjauchzen der beglückten Seele. Wir verstehen ja diese Agadah nicht, die Symbolik des Abends ist uns Kindern rätselhaft . . . Wir wissen nicht was lachmo anjo ist Brot des Elends. Für uns Kinder etwas Neues. ..Maror", bitteres Kraut, uns prickelt es den Gaumen, der Reiz des Ungewöhnlichen, Rätselhaften macht uns froh. Die Symbolik des Abends, der eigenartige Lichtschimmer, das Farbenspiel des Tisches umgaukeln uns mit tausend Bildern. Wir ahnen nur, daß all dem ein außerordentliches Ereignis zu Grunde liegt Uns umfängt das Halbdunkel einer geschichtlichen Begebenheit die Märchenpracht des Abends, eine Welt neuer Melodien lullen uns phantastisch ein. „Lachmo anjo". Da fängt Vater zu weinen an; die Melodie trägt so viel Schmerzvolles in sich. Gedämpft trillert er sie her, als wollte die ungeheure Tragik, die in diesen Worten liegt, durch die Melodie gemildert werden. Brot des Elends, das ein Volk Jahrtausende lang aß, das Brot der Sklaverei, der Unfreiheit der Erniedrigung, ja, in der Melodie des Abends zittert sachte der Schmerz der Jahrtausende nach. Das Lied hat diesen Schmerz verewigt, das Lied, in welches unser Volk die Bitternis einer Leidensgeschichte eingehaucht flattert durch die Geschichte unseres Stammes. Darum weint Vater. Er fühlt in diesem Liede den Pulsschlag des geschichtlichen Lebens, das Schicksalsschwere unseres Seins, das schauervoll Tragische, das uns „lachmo anjo" verkörpert macht uns erbeben. Vater kennt die Geschichte, er selbst ist ein Teil seines Volkes, jeder Jude trägt in seinem indiviti;Ilen Leben ein Stück jener Größe, jener heroischen Tiagik seines Volkes mit sich. Juwelen, Uhren, Gold« u. Silberwaren, insbesondere «mp ni», SederschUsseln Monoraha, Lauchter und Bastecke in grofier Auswahl auch Gelegenheitskäufe stels vorrätig Moritz Warfcany, II., Taborstraße 14 den Diktatoren und wird ruhig ihre Arbeit auf allen Gebieten fortsetzen." Damit ist dier offene Konflikt im revisionistischen Lager, der bisher auf den diversen revisionistischen Weltkonferenzen nur mühselig verkleistert wurde, ausgebrochen und' hat auch schon in den Landes- und Jugendorganisationen seine Wirkung geübt. Die zionistischen Blätter sind voll von MelT düngen darüber, welche Landesorganisation sich dem Diktator Jabotinsky unterworfen hat, bezw. in welchen Organisationen er nach bewährtem Muster ein „provisorisches Kommissariat" errichtet hat. Auch auf Oesterreich hat der Konflikt schon übergegriffen. In einer Sitzung des Parteirates dler österreichischen Zionisten-Revisionisten wurde eine gegen das Vorgehen Jabotinskys gerichtete und die Legalität des von Jabotinsky abgesetzten Exekutivkomitees unterstreichende Resolution, die dem Parteirat von Stricker vorgelegt worden war, in namentlicher Abstimmung m i t überwältigendler Mehrheit angenommen. Die hinter Jabotinsky stehende Minderheit ga/b daraufhin die Erklärung ab, daß sie die gegenwärtigen Instanzen und Behörden des österreichischen Revisionismus nicht mehr anerkenne und nur den von Jabotinsky, ais dem rechtmäßigen Präsidenten der Weltunion, eingesetzten Behörden Gehorsam leisten werde. Inzwischen hat Jabotinsky auf telegraiphischem Wege von Warschau aus ein neues Landeskommissariat für die zionistisch-revisionstische Union Oesterreichs eingesetzt, dem kurioserweise u. a. Herr Siegfried Graubart, ein Klubkollege des Herrn Stricker im Wiener Kultusvorstand, angehört. Auch hier also ist die neue zionistische Gruppe vertreten, düe nun zu den vielen zionistischen Fraktionellen hinzugetreten ist. Und diese Herren fiaiseln von „Einigkeit". Die Rolle, die dem jüdischen Volke bisher die Geschichte anwies, spielt jeder Einzelne von uns in seinem individuellen Leben nach. Das Leben eines wirklichen Juden ist die abgekürzte Stammesgeschichte. Wie einem Naturgesetze zufolge jeder menschliche Organismus im Werden alle Stadien der Entwicklung des Stammes durchläuft und das Leben des Individuums die zusammengedrängte Entwicklungsgeschichte darstellt, so das Leben des Juden. In seinem Leben spiegeln sich alle die Züge seiner Stammesgeschichte wider. Leiden. Dulden, Verkanntwerden ist unser Los in der Geschichte; überall unsere besten Kräfte für die Befreiung von Menschen und Menschheit daransetzen; Bildung, Kultur, Menschenverbrüderung fördern und selbst „lachmo anjo". das Jammerbrot, essen; das ist das Schicksal des Einzelnen und der Gemeinschaft. In Europa zweitausend Jahre leben, verkannt bleiben und nicht genügend gewürdigt sein, das ist der jüdischen Lehre und des Judentums bisheriges Fatum. „Kol di'chfin jese w'jechol", singt der Vater weiter. Wer Hunger hat, esse mit uns, wer in Not lebt, feiere mit uns Pessach. Mit uns sollen alle Bedrückten, die sozial Enterbten frei werden. Die Melodie schlägt bei diesen Worten in einen Freudenton um. wie eine Fanfare kündet sie ferne Botschaft kommenden Geschlechtern. Kommen wird, kommen muß ein neuer Pessach, Pessach leatid. Das große Weltenpassah, an welchem tiefe Erkenntnis die Menschheit vereinigen wird, und dieser Erkenntnis entsprießt die Blume der Menschenliebe, das tiefe Mitgefühl mit den Leiden und Freuden des hajom hase nihjeta Tarn Pessach! An dem Tage, an dem wir ein Volk wurden, wo jeder Jude im Denken und Fühlen sich seinem Volke zuwendet — kündet der Jude die unbegrenzte, von keiner nationalen Schranke beengte Menschenliebe. Pessach ist das Fest der Proklamation der Menschenrechte. Wir sind ein Volk des Buches. Die Bibel haben wir der Menschheit geschenkt: Das Geschenk des alten Orients an die harrende Menschheit Wir wollten ihr auch die Melodie unserer Agadah verständlich machen, die das Kostbarste ist was wir noch haben: das Lied vom Völkerfrühling, vom heüigen Passah der Verbrüderung aller Nationen im Zeichen der Menschheitskultur . . . Wie singt doch der Vater? „Kol di'chfin jese w'jechol". Wer Hunger hat komme an unseren Tisch, wer in Not und Kummer lebt feiere mit uns Pessach. O, dieses heilige Passah-Mahl in leuchteder Nissan-Nacht ... Du große. heUige Liedernacht. Geburtsstunde meines Volkes . . . Deine Sternenpracht leuchte Israel und bringe es näher seiner weltgeschichtlichen Größe. Und des Vaters Lied? Altneu Lied! Ewig Lied! Kling hinaus ins Weite . . . Pessach. Erinnerungen. Von Rabbiner Dr. Lazar Roth, Murska Sobota.

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