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Die Wahrheit · 1933-04-10 · Heft 14-15 (10.4.1933) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 14-15 (10.4.1933)
Date
1933-04-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
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QBE WAHRHEIT Seite 7 Ein billiger Pessach wenn Sie bei Albert Bartfeld, IL, Hollandslr. 18, einkaufen Wir geben auch telephonisch A 49-0-43 über die billigen Preise Auskunft Prima MaZZeS (alle Sorten) von $ 1.75 per Kilo aufwärts Original Karrael-Weine, Tischweine sehet Pessach (I Liter-Flasche von&t .4fO aufw.) Streng separierte Pessach-Abteilung mmm^m^amm^mmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmm^^mmmmm Was heißt: Jude sein? Nach einer Predigt des Rabbiners Dr. Leimdörfer, Hamburg, am Ncuiahrstag mitgeteilt von Chaüin Bloch. Wien. Jude sein! das heißt: Die reine und eine Gottheit, die da war, ist und sein wird in Ewigkeit, erkennen, bekennen und verehren, einen Glauben haben, der jeden Fatalismus, jeden Fetisch- und Bilderdienst, jede Menschenvergötterung und jeden Aberglauben ausschließt; Jude sein! das heißt: Das Priestertum der Sittlichkeit und Tugend einpflanzen auf Erden, enthaltsam sein, die bösen Triebe bannen und die verderblichen Leidenschaften zügeln; Jude sein! das heißt: Die Grundsätze der unerbittlichen Gerechtigkeit, den unbeugsamen Rechtssinn, die Unbescholtenheit in Handel und Wandel offenbaren und festigen in der Welt; Jude sein! das heißt: Die wärnute Liebe für die Mitwelt empfinden, nicht nur die Liebe stets im Munde rühren und mit ihr prahlerisch großtun, sondern sie zu Fleisch und Blut werden lassen in der Seele und im Herzen, im Tun und Lassen; Jude sein! das heißt: Diese Liebe und diesen Edelsinn dermaßen handhaben und betätigen gegen alle Menschen, daß man nicht erst frage: in welche Kirche gehst du, zu welcher Rasse zählt man dich, wo stand einst deine Wiege?; Jude sein! das heißt: ein gesittetes, reines, keusches Familienleben höher schätzen als alle Genüsse. Zerstreuungen und Vergnügungen dieser Welt; Jude sein! das heißt: Nach Vernunft. Einsicht und Ueberzeugung selig werden wollen und andere selig werden lassen, keinen Gewissenszwang üben, keinen Kastendruck und kein Kerkermeistern der Vernunft begünstigen; Jude sein! das heißt: Glaubens- und Gewissensfreiheit predigen, die Flagge der Duldsamkeit und Humanität allenthalben aufhissen und entfalten: Jude sein! das heißt: Den Idealismus höher achten als alle Schätze und Güter dieser Erde, für eine Idee sich begeistern und dieser Idee, wenn es sein muß. das gießte Opfer bringen; Jude sein! das heißt: mit edlem Stolz hinweisen aui die Wunden, die drei Jahrtausende denen geschlagen, die nichts weiter verbrochen, als morgens und abends mit gefalteten Händen gesprochen zu haben: „Sch'ma Israel! Höre Israel! Der Herr, unser Gott, ist ein einziger Gott!" Jude seilt! das heißt: Mit heiliger Genugtuung zurückblicken auf einen Stamm, der die größten Denker. Dichter, Sänger, Psalmisten und Propheten gezeugt, auf ein Volk, an dessen Brüsten die ganze große Menschheit Religion und Humanität gesogen; Jude sein! das heißt: Für die Unsterblichkeit arbeiten und jene Zeit anbahnen, in der der Messias der Menschenverbrüderung in die Weltenposaune stoßen wird, um Freiheit zu kündigen den Geknechteten, Auferstehung der Toten, Aufrichtung den Gekränkten, Erhebung den mit Füßen Getretenen, Erhebung auch den anschuldigen Opfern eines Volkes, welche von Jahr zu Jahr verbluten unter der tyrannischen Klinge antisemitischer Roheit, Verlogenheit, Ungerechtigkeit, Lieblosigkeit und fanatischer Intoleranz unter der Maske der Liebe und des Rechtes.- *-- Von „Bodenständigen und „Zugereisten". Eine Betrachtung von V i e n n e n s i s. Der Antisemitismus ist in Wien keine neue Sache. Er schlummerte immer latent in der Wiener Bevölkerung, man wähnte ihn häufig als schon längst überwunden, dann tauchte er in Zeiten wirtschaftlicher Krisen unvermittelt wieder auf und die an ständigen kulturellen und geistigen Fortschritt glaubenden Optimisten mußten erkennen, daß der Appell an die antisemitischen Instinkte der Massen, von denen vor allen die Mittelschichten für den Judenhaß inklinieren, immer Erfolg hat. Wieder gehen in Wien die Wellen der Judenfeindschaft hoch. Diesmal kommt der scharfe Wind aus Deutschland. Der Wiener Judenhaß der Gegenwart ist, darüber darf man sich keiner Täuschung hingeben, weit intensiver als der der Achtziger¬ und Neunzigerjahre, als das unzufriedene Kleinbürgertum mit antisemitischen Schlagworten gegen den Liberalismus mobilisiert wurde. Dem Dr. Karl L u e g e r war der Antisemitismus nur Mittel zum Zweck und die Bewegung war vor dreißig, vierzig Jahren in Wien trotz des berüchtigten Mechanikers Schneider und ähnlicher Subjekte bestimmt harmloser als heute. Die Phraseologie und Argumentation der Antisemiten hat sich im Vergleich zur Sturm- und Drangzeit der christlichsozialen und deutschvölkischen Bewegung nur wenig geändert. Der Rassenunsinn spielte früher wohl eine geringere Rolle, obwohl schon Schönerer und seine Kumpane behaupteten, daß in der Rasse die Schweinerei liege, aber das schöne Schlagwort von dem zersetzenden Einfluß der Juden, von der Bedrängnis der bodenständigen christlich-deutschen Bevölkerung und den für alles verantwortlichen „zugereisten" Juden war um 1890 ebenso wie 1933 ausschlaggebend. Da nun zwar triviale Wiener Lokaldirige allerorts in der ermüdendsten Weise verzapft werden, während wirklich interessante Wiener Sonderheiten selbst gebildeten Leuten vielfach unbekannt sind, kann es nicht überflüssig sein, sich ein wenig über die „Bodenständigen" und „Zugereisten" auseinanderzusetzen. Das hervorstechendste Kennzeichen Wiens sind nicht der Wiener Wein und das Wiener Gebäck, auch nicht die süßen lYlädel, sondern die Rassenmischung, die im Wiener Becken vor sich ging. Nicht nur New York, sondern auch die meisten europäischen Millionenstädte sind Schmelztiegel, Paris ebenso wie Berlin, aber nirgends stießen so viele Rassen aufeinander wie auf Wiener Boden, wo sich germanische, romanische, slawische, magyarische und semitische Elemente vermengten. Der sich zur Aufklärung bekannende schwäbische Journalist W e k h r 1 i n schrieb aus dem theresianischen Wien: „Von dem Hause Starhemberg an, sagte mir gestern eine Magistratsperson, bis auf den Kerl, der mit der Klapper in den Straßen herumgeht, ist kaum eine Familie unter uns übrig, die ihr österreichisches Herkommen in einer unvermischten Geschlechtsfolge vom Urgroßvater herleiten kann —---". Und ein Jahrzehnt später in der geistesfrischen josephinischen Acra betonte ein Wiener Lokalschriftsteller, daß sich keine Wiener Familie in die dritte Generation zurückveriolgen lasse. Für die Wiener Volksmischung waren in kultureller Hinsicht nicht die an und für sich abgescnlossenen, geistig nie sehr regsam gewesenen Alpenländer ausschlaggebend, sondern der Zuzug aus den Sudetenländern, aus Süddeutschland, den Niederlanden und aus dem Süden Europas. Beinahe alles, was in Wien von Bedeutung war und als echt wienerisch, als „bodenständig'* angesehen wird, war nicht aus den habsburgischeu Erbländern gekommen. Franz Schuberts Ahnen waren Schlesier, die weltberühmte Musikeriamilie der Strauß hatte jüdisches Blut in den Adern, Alexander Girardi und der alte Hotrat Glossy stammen aus der Lombardei, der Wiener Dichter C a s t e 11 i war unzweifelhaft ebenfalls italienischer, sein Zeitgenosse, der vielseitige und korrupte Adoü B ä u e r 1 e schwäbischer Abstammung. Eine Leuchte des österreichischen Altliberalismus, von der die Wiener Volkssänger noch nach Jahrzehnten erklärten: ..An Volksmann, wia den M ü Ii I f e 1 d, Ja, den krieg'n m'r nimmermehr!", soll ein leiblicher Sohn Napoleon I., die wertvollste Hinterlassenschaft der französischen Besetzung vom Jahre 1809, gewesen sein. Diese Verwandtschaft ist gewiß nicht ganz verbürgt, aber der-populärste Volksmann der Sechzigerjahre ist bestimmt kein bodenständiger Wiener gewesen, denn die Familie Megerle von Mühlitld war aus dem Württenibergischen gekommen, aus demselben Ort, in dem der berühmte Kanzelredner Abraham a S a n c t a Clara, der ja richtig Ullrich Megerle hieß, geboren worden war. Schließlich sei noch darauf hingewiesen, daß Josef S t r a n i t z k y, der erste Wiener Hanswurst und Ahnherr der Wiener Lokalposse, tschechischer Herkunft war. während Johann N e s t r o y, der wienerischeste aller Wiener Dichter, aus dem tschechisch-polnischen Grenzgebiet stammte. Es ist nun immer etwas speziiiseh Wienerisches gewesen, daß sich dij vielen Eingewanderten sehr bald erbeingesessen fühlten und die später Gekommenen verächtlich als „Zuag'raste" bezeichneten. Diese belustigende Erscheinung kam besonders stark zum Ausdruck, als sich während der liberalen Aera die Zusammensetzung der Wiener Bevölkerung durch starke» Zuzug änderte und die Zahl der Tschechen und der Juden ungeheuer zunahm. Bis in die l'ünizigerjahre war der Hauptzuzug aus Süddeutschland gekommen. Lustige Personen der Alt-Wiener Volkstheater waren der alpenländische Bauer, der „Hans Wurst" und der Schwabe, den wir beispielsweise in Reinkultur in Ajaxerle, Magier aus Donaucschingen. im ..Bauer als Millionär" finden. Während der Zeit des Liberalismus verebbte durch das Erstarken Preußens und das allmähliche Auiblühen Berlins der Zuzug aus dem Reiche. Dafür hob der Liberalismus die Ghettoschranken auf und aus den mährischen, böhmischen und ungarischen Ghettis kamen viele Juden nach Wien. Die junge Industrie, die sich in und um Wien konzentrierte, lockte aus den Agrarwenden der Sudetenländer viele Tausende in die Stadt uit der Dunau. Die neuen Typen, der Jude und der Tscheche, gerieten als Objekte des Spottes in die Publizistik, die Volksmilse und das Theater. Die Posse „Ein B ö h in in A m e r i k a" wurde ein Zugstück eisten Ranges und die Volkssänger in den Heurigcnschenken brachten das schöne Lied zum Vortrag: „Wann der letzte Böhm nach Wien kommt. Dann schaut Wien ganz anders aus — - " Der als liberales Blatt gegründete „K i k e r i k i" beschäftigte sich, nur ab und zu durch die ihm damals auch unsympathischen Preußen und Hohenzollarn abgelenkt, in nicht sehr geistreicher Weise mit den Juden: dieses antisemitische Witzblatt, das Jahrzehnte hindurch den Chrisilichsozialen nahestand, ist. nebenbei erwähnt seit kurzem der Konjunktur entsprechend, ein Naziorgau und bringt den Humor des Dritten Reiches in entsprechender Weise zum Ausdruck. Die zu vielen Tausenden nach Wien gekommenen Tschechen assimilierten sich rasch. Der Wiener Schrillsteiler Rudolf S t ii r z e r erzählte einmal in einer völkischen Monatssctiriit die Geschichte des Erdberger Gaswerkes. Der Betrieb wurde mit tschechischen Arbeitern aufgenommen: sie wurden in Erdberg nicht gern gesehen. Nach Jahren wurde das Gaswerk eingestellt. Die Kinder der tschechischen Arbeiter waren inzwischen echte Erdberger geworden, sie sprachen erdbergerisch und gebärdeten sich, als wenn schon ihre Altvorderen in der Gegend bei der Schlachthausbrücke angesiedelt gewesen wären. Die tschechischen Arbeiter und Handwerker, arbeitsame und sparsame Menschen, wollten, so wie die Juden, daß es ihre Kinder weiter brächten und ließen die Söhne studieren. Die Väter standen noch mit der deutschen Sprache auf Kriegsiuß, sie „böhmakelten". die Söhne aber wurden stramme deutschnationale Farbenstudenten, die sich heftig für die Rechte des deutschen Volkes in Oesterreich ereiferten. Als die Regierung T a a i f e begann, Staatsstellcn mit Tschechen zu besetzen, brauste ein Sturm der Entrüstung durch alle deutschen Gaue des alten Oesterreich. Später iiel das nicht mehr aui und konnte auch gar nicht bekrittelt werden. Denn die Bürokraten mit urtschechischen Namen waren nun gut deutsch gesinnt und hätten einen Zweifel an ihrer Zugehörigkeit zum Deutschtum als beispiellose Beleidigung empfunden. Es ist mit der alten dtutschnationalen Bewegung in Oesterreich immer so gewesen, wie heute mit der Nationalsozialistischen Partei: die größten Radaumacher waren T s c h e c h e n s t ä m m 1 i n g e. Psychologisch ist dieses anscheinende Kuriosuni ohneweiters verständlich. Getaufte Juden oder Judeiistämmlinge sind häufig ärgere Antisemiten als Arier, weil sie beweisen wollen, daß sie mit den Juden absolut nichts zu tun haben und ebenso ist es mit den germanisierten Tschechen, deren Haß nicht allein den „Hebräern", sondern auch ihren eigentlichen Volksgenossen gilt. Wurde der Kampf gegen die „Böhm" bald eingestellt, so ging er gegen die Juden mit steigender Kraft weiter. Diese Juden siedelten zwar im Donaubecken seit Jahrhunderten, wurden geduldet, vertrieben, auch verbrannt, ihre Geschichte von der Mitte des 14. Jahrhunderts bis zur Revolution des Jahre* 1K48 ist mindestens ebenso heroisch und tragisch als die der alpenlandisehen Protestanten während der Gegenreformation. Viele Juden, die in den letzten Dezennien des 19. Jahrhunderts aus Böhmen, Mähren und Ungarn nach Wien kamen, konnten sich mit dem gleichen Recht als bodenständig betrachten wie die ihnen feindlichen Bürger: denn sie waren vieliach Nachkommen der Exulanten vom Jahre 1670. die unter der Regierimg Kaiser Leopold I. und des fanatischen Bischofs K o 11 o n i t z ihre rfeimstätte im „Untern Werd". der heutigen Leopoldstadt, hatten verlassen müssen. Gegen den Antisemitismus kann man nicht argumentieren. Er glaubt nur an brutale Gewalt. Wer die Geschichte kennt, der ist trotz der Barbarei unserer Tage davon überzeugt, daß es in Wien noch .luden geben wird zu einer Zeit, in der man schon lange die Jahre um 1933 als eine Zeitspanne betrachten wird, die zu den dunkelsten Kapiteln deutscher Geschichte gehört.

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