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Die Wahrheit · 1933-04-10 · Heft 14-15 (10.4.1933) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 14-15 (10.4.1933)
Date
1933-04-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Das Weltgewissen. Aussprache im englischen Oberhaus über die Lage der Juden in Deutschland. Im englischen Oberhaus richtete am 31. März Viseount Ceci 1 of Chelvood an die Regierung die Anirage. ob sie eine Erklärung betreffend judenfeindliche Vorfälle in Deutschland abzugeben in der Lage sei. Er wolle eriahrcn, ob die Regierung im Besitze von Informationen über diesen Gegenstand sei. Viseount Cecil führte weiter aus. es sei zugegeben worden, daß in Deutschland allgemeine Entlassungen jüdischer Richter, Aerzte und anderer jüdischer Berufsangehöriger erfolgt sind. Diese Maßnahmen seien damit gerechtfertigt worden, daß in verschiedenen Ländern eine Art Boykott gegen deutsche Waren organisiert worden sei und daß die Regierungen dieser Länder nichts getan hätten, uin diesem Boykott Einhalt zu tun. Es handle sicli um eine Angelegenheit von internationalem Belang. Auch in Eng 1 and, wo viele Hundcrtta u sende von Juden leben, die mit zu den rechtschaffensten und friedlichsten Bürgern des Landes gehören, hätten diese Vorfälle tiefe Besorgnis erregt. England als Mandatarmacht Palästinas nehme am Wohl und Wehe der Juden besonderen Anteil. Eine andere Sache sei es, ob von England aus etwas in dieser Angelegenheit geschehen könne. Das Haus wäre der Regierung Seiner Majestät sehr dankbar, wenn sie ihm irgendwelche beruhigende Zusicherungen geben könne. Der ehemalige Außenminister und Vizekönig von Indien Lord Reading erklärte, er ergreife das Wort, weil es ihm als Mitglied der jüdischen Gemeinschaft und des Oberhauses unmöglich sei, darauf zu verzichten, auch seinerseits an die Regierung den Appell zu richten, alles Menschenmögliche zu tun, um die von der Mehrheit des englischen Volkes gehegten Ansichten darzulegen. Er dankte Lord Cecil dafür, daß dieser den Gegenstand zur Sprache gebracht habe. Sein Eingreifen sei so erfolgt, wie man es von Lord Cecil. der in allen seinen Handlungen, insbesondere, wenn er glaubte, daß es sich um religiöse oder Rassenunterdrückung handle, sich stets als großherzig und vornehm erwiesen habe, erwarten durfte. Er wolle insbesondere darauf hinweisen, daß die jetzt in Deutschland geschaffenen Schwierigkeiten vor allem die Intelligenzberufe betreffen. Meistens werden Angriffe gegen die jüdische Gemeinschaft in schwierigen Zeiten im Zusammenhang mit Spekulation und Tätigkeit auf finanziellem Gebiete geführt. In diesem Augenblick sei der Angriff ■<egen die Universitätsprofessoreu. die Richter, die Rechtsanwälle und die Aerzte. die zufällig der jüdischen Gemeinschaft augehören, gerichtet und erfolge ausschließlich deshalb, weil sie Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft sind. Es handle sich hier nicht um strittige Fragen. Ich bin sorgfältig bemüht, erklärte Lord Reading. nur das wiederzugeben, was die deutsche Regierung formell angekündigt hat. Ich sehe durchaus ein, daß die Regierung Seiner Majestät sich bei der Behandlung dieser Angelegenheit in einer höchst schwierigen Situation befindet. Aber ich glaube, daß sie zumindest die in ihrer Macht liegenden legitimen Möglichkeiten ausnutzen kann - und ich schlage hier respektvoll vor, dies zu tun — um Deutschland von der öffentlichen Meinung und von dem Empfinden des englischen Volkes zu unterrichten. Es war mir völlig unmöglich, schloß Lord Reading unter lebhaftem Beifall, als Mitglied dieses Hauses hier zu sitzen in voller Kenntnis dessen, was in Deutschland geschieht, und wissend, daß jüdische Männer und Frauen zurückgesetzt werden, nur weil sie Juden sind, ohne meiner Meinung als Mitglied der jüdischen Gemeinschaft Ausdruck zu geben. Der Erzbisch of von Canterbury, das geistliche Oberhaupt der englischen H o c h k i r c h e, erklärte, er schließe sich den herzergreifenden Ausführungen Lord R e a d i n g s an. Er vertraue darauf, daß die Regierung erklären werde, daß sie alles Mögliche tun werde, um die Sorge der Bevölkerung dieses Landes und insbesondere derjenigen, die aufrichtige Freundschaft für Deutschland hegen, um die deutsche Judenheit zum Ausdruck zu bringen. Als Angehöriger der römisch-katholischen Kirche erklärte E a r 1 o f 1 d d e s 1 e i g h, er schließe sich den Bemerkungen Lord Reading s an. Die Katholiken aller Länder empfänden tiefe Sympathie für die Opfer der Bewegung in Deutschland, die allgemein v erurteilt werde. Die Anirage Lord Cecils wurde von Kriegsminister Lord Hailsham beantwortet. Er erklärte, es sei kein Fall bekannt geworden, in dem englische Bürger jüdischer Abstammung Veranlassung zu einer Beschwerde über schlechte Behandlung irgendwelcher Art in Deutschland gehabt hätten. Die Regierung halte Vorstellungen bei der deutschen Regierung betreffend die Behandlung deutscher Staatsbürger welcher Abstammung immer für unangebracht. Auch die Regierung der Vereinigten Staaten habe solche Vorstellungen nicht erhoben. Wohl aber seien der englische und der amerikanische Botschafter in Berlin von ihren Regierungen aufgefordert worden. Untersuchungen anzustellen und über die Lage zu berichten. Es wären Unterredungen mit den Botschaftern in London und Berlin gepflogen worden, deren Ergebnisse beruhigend sind. Man hätte nicht zweckmäßiger und zurückhaltender sprechen können, als wie es Lord Reading bei der Besprechung der Lage seiner jüdischen Brüder in Deutschland getan habe; die von ihm als einem Mann e, der mit Autorität sprechen könne, ausgedrückte Besorgnis müsse eine tiefe Wirkung auf die öffentliche Meinung üben. Aus den Erklärungen des Erzbischofs von Canterbury und Lord Iddesleighs gehe hervor, wie weit verbreitet diese Besorgnis sei. Nunmehr erklärte Lord Reading, er habe nicht beabsichtigt, der Regierung vorzuschlagen, bei der deutschen Regierung zu intervenieren, sondern nur der Meinung Ausdruck gegeben, die Uebermittlung der von der Mehrheit des englischen Volkes in dieser Frage vertretenen Auffassung in einer die Imprimatur der englischen Regierung tragenden Form werde von einer W i r k u n g sein, die man sich kaum vorstellen könne. Lord Hailsham stimmte dieser Ansicht z u und erklärte, die erst vor kurzem unter höchst bemerkenswerten Umständen zur Macht gekommene Regierung werde, so hoffe und vertraue er, nicht zulassen, daß in Deutschland etwas geschehe, was in der Linie der im Hause zum Ausdruck gebrachten Besorgnisse läge. Die New Yorker Protestversammlung. Die am 28. März abgehaltene New Yorker Protest Versammlung gegen die Judenverfolgungen in Deutschland war von vielen Hunderttausenden Menschen besucht und nahm einen ruhigen Verlauf, in allen Ansprachen der maßgebenden Redner wurde darauf hingewiesen, daß sich die Protestversammlung in keiner Weise gegen das politische Deutschland richte, sondern lediglich ein Appell an das hochkultivierte deutsche Volk sein soll, daß fundamentale Rechte nicht beeinträchtigt werden. Rabbiner Dr. Stephan W i s e betonte, daß sich die Kundgebung nicht gegen das deutsche Volk richte, das in Amerika hoch geschätzt werde, und auch nicht gegen das politische Programm Deutschlands, denn Deutschland sei sein eigener Herr. Sie richte sich nur gegen die G e f a h r einer intoleranten, a n t i j ü d isehen Politik. Jedermann anerkenne Deutschlands Recht im Kampf gegen unsinnige Verträge, aber dieser Kampf könne auch geführt werden, ohne daß man die Juden zum schwarzen S c h a f mache. Die in New York versammelten Juden stellten auch keinerlei Forderungen, sondern wollen nur die elementaren Grundsätze der Zivilisation unterstreichen, die auch den deutschen Juden, von denen 12.000 auf dem Schlachtfeld gefallen seien, zugute kommen müsse. Der frühere Gouverneur AI Smith erklärte, er habe lange genug unter Deutschen gelebt, um zu wissen, daß einzelne Ausschreitungen weder dem Geschmack noch dem Gewissen des deutschen Volkes entsprechen. Man habe Deutschland als ein Land der höchsten Kultur gekannt, und man vertraue darauf, daß es dies aucli bleiben werde. Senator Wagner erklärte mit Nachdruck, die deutsche Regierungsform stehe hier nicht zur Kritik, man dürfe nur für das große Ideal derToieranz eintreten. Berliner Zeitungen veröffentlichen folgende Reuter-Meldung: Entsprechend den Wünschen des Staatsdepartements und der führenden Kongreßmitglieder haben die amerikanischen Juden sich zu einer Haltung des Stillschweigens gegenüber der Lage der Juden in Deutschland entschlossen. Vorbereitung zur Aufnahme jüdischer Flüchtlinge in allen Ländern. Die Leitung der Vereinigten Organisationen für jüdische Auswanderungshilfe HIAS-1CA-EMIGD1RECT (HJCEM) veröffentlicht ein K o m m u n i q u e, in dem sie erklärt, sie gebe sich gleich allen anderen jüdischen Organisationen der Hoffnung hin. die deutsche Regierung werde auf die gegenüber der jüdischen Bevölkerung eingeschlagene Ausnahmepolitik verzichten und die erforderlichen Maßnahmen ergreifen, um der jüdischen Bevölkerung ihre normale Existenz in politischer, religiöser und wirtschaftlicher Hinsicht wiederzugeben. Es ist zu hoffen, heißt es in dem Kommunique, daß diese Maßnahmen eine Auswanderung der Juden aus Deutschland, zu der sie genötigt werden, falls die gegen sie gerichtete Kampagne andauern sollte, überflüssig machen werden. Dessenungeachtet verfolgt die Vereinigung HJCEM, die fast die Gesamtheit der jüdischen Organisationen für Auswandererhilfe umfaßt, sorgfältigst die Lage und hat für alle Fälle Maßnahmen getroffen, um die Aufnahme von Juden, die aus Deutschland auswandern sollten, in allen Ländern zu sichern. Sowohl in den europäischen Ländern, insbesondere in Frankreich, als auch in den überseeischen Ländern, wurdeu Schritte unternommen, um eine gastfreundliche Aufn ahm e jüdisch erFlüchtli u geausDeutsc lila n d vorzubereiten. Besonders energische Bemühungen wurden gemacht, um solchen Flüchtlingen günstige Bedingungen für ihre Niederlassung zu sichern; die jüdischen Organisationen für Auswandererhilfe sind intensiv damit beschäftigt, die in allen Ländern bestehenden Möglichkeiten zu ihren Gunsten auszunutzen. Leider sind diese Möglichkeiten infolge der augenblicklichen wirtschaftlichen Verhältnisse begrenzt, was die an und iür sich schwierige Aufgabe besonders komp 1 i z i e r t. HJCEM ist in dauernder enger Verbindung mit allen seinen Komitees in den verschiedenen Ländern; die von der Zentrale angeordneten Maßnahmen sind überall in Durchführung begriffen. Eine feste Hand — aber keine Faust! Die schweren, bangen Tage, die unsere Glaubensbrüder im Deutschen Reich durchleben mußten, haben unser Denken und Fühlen so sehr in Anspruch genommen, daß die Sorge um die bedrohliche Entwicklung der Dinge in unserem eigenen Vaterlande für einen Moment in den Hintergrund gedrängt werden konnte. Bedrohlich vom jüdischen und bedrohlich vom allgemein österreichischen Gesichtspunkte. Unseren antisemitischen Gegnern hierzulande ist in den letzten Wochen gar sehr der Kamm geschwollen. Die verschiedenen Erzeugnisse aus der Hexenküche der Nazi überbieten sich an Rohheit, Verleumdung und Verdrehung. Der Staatsanwalt, der jetzt so geschäftig und umsichtig seinen Rotstift gegen Angriffe auf die Autorität der Staatsgewalt verwendet, duldet seelenruhig die gemeinsten und verlogensten Anpöbelungen unserer gesetzlich anerkannten und verfassungsmäßig geschützten Glaubensgemeinschaft, duldet die unverblümteste Aufhetzung und Aufreizung gegen uns Juden. Die straf- und preßgesetzlichen Bestimmungen, die unseres Wissens noch nicht aufgehoben sind, böten die Handhabe zum Einschreiten . . . wenn man wollte. Selbst wenn wir die Selbstentäußerung aufbrächten, die Duldung dieser Exzesse nicht durch die jüdische Brille zu sehen, selbst wenn wir in „staatsmännischer" Besonnenheit und Zurückhaltung uns ausschließlich auf den Standpunkt unseres österreichischen Bundesbürgertums stellten, wie sollen wir — was wir so gerne täten — volles Vertrauen in die Politik und die Anordnungen der Regierung und ihrer Organe setzen, wenn wir beobachten müssen, daß der Regierungschef die Phraseologie der Nazi sich zu eigen macht, daß das offizielle Organ der führenden Regierungs- DäsiudischeB^! Partei wohl Gewaltanwendung gegen die Judenschaft verwirft, aber auf Grund einer offensichtlich verfälschten Argumentation für Ausnahmsmaßnahmen gegen die Juden plädiert, um diese in die durch ihre Zahl gebotenen Schranken zurückzuweisen. Haben unsere .Regierungsfaktoren nichts aus dem Sündenfall Hitlers gelernt? Wollen auch sie sich in Gegensatz zur übrigen Kulturwelt setzen und deren Sympathien sich verscherzen? Glauben sie nicht, daß Oesterreich und sein Volk heute durch nichts mehr an innerer Kraft und äußerer Geltung gewinnen könnten, als durch eine scharfe Distanzierung vom Hitlerschen Geiste? Läge darin nicht eine verläßlichere Bürgschaft für die glückliche Durchfechtung des Regierungskampfes gegen zwei Fronten, gegen den Radikalismus von rechts und links, gegen den heidnischen Geist auf der äußersten Rechten und den ungläubigen Materialismus auf der äußersten Linken? Die österreichische Judenschaft ist ihrem innersten Wesen nach in ihrem Kern gut konservativ, sie setzte und setzt — politisch, sozial und wirtschaftlich — ihren Erfahrungen gemäß ihre Hoffnung auf eine gesunde Demokratie. Gerade deshalb bringt sie auch Verständnis auf für die Haltung der gegenwärtigen Regierung, deren bisherige Maßnahmen von einem höheren demokratischen Gesichtspunkte aus gewertet werden wollen. Wir wissen, was außen- und innenpolitisch auf dem Spiele steht. Wir begreifen, daß Ausnahmsverhältnisse auch vorübergehende Ausnahmsmaßnahmen erfordern. Wir verstehen, daß die gegenwärtigen Umstände eine feste Hand erheischen, doch wir hoffen, daß sie sich gegen niemanden zur Faust ballen werde, gegen niemanden, der nicht selbst die Freiheiten der Demokratie mißbraucht. m. 1. EriCh DGIltSCh II., Hennlnenäio/i/is Atelier lür feinste Herren-naßarbeit. Auseigenenu.mitgebrachten Stoffen, bei billigsten Preisen.Sckätneilrel Telephon: A 43-8-42. Samstag geschlossen.

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