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Die Wahrheit · 1933-04-10 · Heft 14-15 (10.4.1933) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 14-15 (10.4.1933)
Date
1933-04-10
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seite 5 arbeitet wird, es wandelnd und erweiternd. Hat eine Gemeinschaft aber einmal ein Ichbewußtsein gewonnen, sich als gemeinsam verbunden, als Schicksalsgemeinschaft erkannt, so wird sie ihren Zusammenhalt nicht mehr verlieren wollen, zumal, wenn sie, wie die Juden, von der Umwelt gezwungen wird, ihn nicht zu vergessen. So bewahrte das zerbrochene Juda jahrhundertelang seine Zusammengehörigkeit im Kultus. Die drängenden Schicksalsfragen des Werdens, die nach ständiger Umbildung im Kampf mit neuen Realitäten verlangen, ließ es nach der Zerstreuung unbeantwortet und umschloß seine Wunden, den Verlust der Heimat und der Sprache, mit einer undurchdringlichen Kruste, der Umzäunungen des Kultus. Unter dem Einfluß des Rationalismus und der Ueberwertung des Materiellen zerfiel leider die traditionelle Gläubigkeit. Nun ist der Schutzmantel zerrissen. Unbewehrt stehen wir mit der inneren Pflicht, gemeinsam zu verarbeiten, vor hundert Fronten. Mit zahllosen Strömungen gilt es, sich auseinanderzusetzen. Und die Auseinandersetzung mit all diesen Einflüssen geschieht, weil die Aufgaben ah jedem Orte anders gestellt sind, in so verschiedener Weise, daß man sich fragt: Wo ist das Gemeinsame, der Zusammenhang, der ihnen allen erlaubt, sich mit dem gleichen Namen zu nennen? Gewiß ist, daß die einzelnen Juden, ihrer Rasse und Blutzusammensetzung nach, sich ebensosehr voneinander unterscheiden, wiesieden Mensche n, unterdenensie wohnen, ähnlich sind. Die Rassenlehre zeigt, daß etwa Tiroler und Juden aus Vorderasien die gleichen Rassenmerkmale tragen und daß sich der Südteuropäer dem Blute nach nicht vom Spaniolen unterscheidet. Auch die Art der Kultur, in der der westliche und der östliche Jude erzogen werden, unterscheidet beide, während der abendländische Jude in der gleichen Kultur aufwächst wie ein anderer abendländischer Mensch. Weder der Begriff „Religion" noch weniger der Begriff „Nation" allein wird dem Wesen des Zusammenhalts gerecht. Es ist das einzigartige Kriterium der historischen Schicksalsgemeinschaft, das verschiedenste Typen zu gleichem Geiste entwickelt, es ist der Einfluß der seelischen Erziehung vom ersten Tage an, die nicht zum geringsten Teile durch die Außenwelt geschieht und das Gefühl der Zugehörigkeit erweckt. Die Lage aber ist so, daß die Zugehörigkeit zu dieser Schicksalsgemeinschaft in vielen Ländern zu einer immer schwereren Last geworden ist, die nicht jeder aufrechten Hauptes zu tragen vermag, die mancher abschütteln möchte. Aber es ist etwas am Judesein, das nicht abzuwälzen ist, ja es ist, das zeigt Deutschland wieder, die Tragik aller, die es abzuwälzen versuchten, daß sie noch immer Sisyphusarbeit leisteten und ,'Jer Fels zurück auf ihre Schultern fiel. Der Mensch ist so geschaffen, daß er ewige Unterdrückung seines Selbstbewußtseins nicht erträgt. Er braucht die Ueberzeugung, einem sinnvollen Inhalte zu leben, er braucht die Selbstbestätigung, das Brot des Lebenswillens. Bleibt das aus, so flüchtet er sich in eine Verklärung, aus der Not zur Idee hin, aus verzweifelnder Sinnsuche zum Glauben. Körper, Seele und Geist schaffen an solchen Idealen. Der Körper strebt zur Konsolidierung des Volkes. Der Geist, die Vernunft fliehen im Allgemeinbegriffe und sehen die jüdische Aufgabe in der Vergeistigung, Veredelung und vermittelnden Befriedung der Menschheit. Die Seele rankt sich um den Glauben an eine Mission, treu der Fülle alter Symbole, sei es die des einen Gottes, des erlösenden Messias, der die Universalität verwirklichen wird, oder eine romantisch . neureligiöse Mission, die im Juden das Bindemittel zwischen den Bausteinen der Welt sieht, im Leiden seine Bestimmung. Aber alles das ist Notbehelf, Zwischendasein für den, der eine Lösung ersehnt. Gibt es die? Sicherlich. Der Haß wird verschwinden, wenn die materiellen Grundlagen für ihn verschwunden sein werden; gewiß dann, wenn überall in der Welt nicht mehr ^virtschaftliche und politische Entfesselung, die Gesetzlosigkeit von Macht und Geld den Segen der Technisierung zum Fluch machen werden. Man muß besonders heute darauf hinweisen, daß kein Universalismus die Eigenart der Völker zerstören darf, aber daß einer Anarchie der Weg versperrt werden müsse, der Ueberwertung äußerlicher, primitiver Mittel. Macht, Grenzen, Geld sind rein technische Behelfe, ihr Wesen ist, sachlich angewandt zu werden. Handwerkszeug, das sie sind, sollen sie in ihr Bereich zurückgeführt werden und den Weg freigeben für das Wesentliche, die seelische Entwicklung jedes Menschen in den eigenlebendigen Formen seiner Gemeinschaft. Aber noch sind wir auf dem Weg. Noch ist die Welt nicht so, daß es nur Menschen gibt, noch sind alle zu wenig sie selber, als daß sie ohne Gefahr für sich, den andern, ohne ein Anti, anerkennen können. Kein glücklich-helles Schicksal hat das jüdische Volk. Voll starken Lebenswillens, aber in seinen Teilen zerrissen und unter die Völker geworfen, bald zweifelnd an sich selbst, bald überströmend im Glauben an eine geheilte Zukunft, bewahrt es tief in sich das Bewußtsein, Gemeinschaft zu sein. So muß sich die Gemeinde auf dem Boden realer gemeinsamer Tätigkeit wiederfinden. Die Vereinzelung muß als größte Gefahr angesehen werden. Es sollte keiner abstehen von dieser Pflicht zum Zusammenschluß. Im Kampf um den Lebensraum und um das Lebensrecht muß sich die jüdische Gemeinschaft wieder festigen. So wird eine Ueberwindung dieser Zeit des Hasses und der Not möglich sein und der jüdische Mensch innerlich gestärkt aus ihr hervorgehen. — Z. — RGhlame-UGfftaut in SEIDE bnd HOHSTOEEE Imprll!l£-MOIl!l<)l, K. 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Wir wissen es nicht, niemand kann es wissen; denn es fehlen die für jedes Urteil notwendigen Voraussetzungen: Kontrolle und Distanz. II. Nicht scharf genug kann es verurteilt werden, wenn von aufgeregten und verängstigten Gemütern Gerüchte geglaubt und weitergegeben werden, die nicht den Tatsachen entsprechen. Dazu die von Unverantwortlichen, Sensationslüsternen und Geschäftemachern im Auslande, besonders in Amerika verbreiteten Meldungen über Deutschland, mit denen die deutschen Juden nichts zu schaffen haben und denen sie durch die Erklärungen ihrer maßgebenden Körperschaften — für das In- und Ausland deutlich hörbar — widersprochen haben. Unzweifelhaft steht fest: die neue Regierung hat, wo Uebergriife vorkamen, diese nicht gedeckt. III. Jedoch: es handelt sich für uns nicht so sehr um einzelne Mißgritie, sondern weit mehr um diejenigen Maßnahmen, die auf die grundsätzlichen Anschauungen der Regierung zurückzuführen sind und die auch da, wo sie sich auf das Kulturelle erstrecken, in das Gebiet der Wirtschaft hinübergreifen, weil sie, sollten sie für die Dauer getroffen sein, einen großen Teil der deutschen Juden um ihre Existenzmöglichkeit zu bringen drohen. Wir verstehen, aber wir teilen nicht den Pessimismus, der in dieser Beziehung vieliach Platz gegriffen hat. IV. Ja. wir verstehen ihn. Ist es doch so. daß diejenige Partei und ihre Blätter, aus deren Mitte jetzt zur Hauptsache die Regierung hervorgegangen ist, uns seit ihrem Bestehen als Volksfremde bezeichnet hat. Da liegt es nahe, daß Panik und Trostlosigkeit um sich greifen. Es fällt schwer, sich ein Bild von der wirklichen Bedeutung und Tragweite derjenigen Maßnahmen zu machen, von denen zurzeit jüdische Anwälte, Aerzte, Beamte, Künstler betroffen worden sind, und die sich zum Teil auch in das Gebiet von Handel und Wirtschaft fortzusetzen scheinen. V. Die neue Regierung wendet sich bewußt vom politischen Liberalismus und von der Demokratie ab, also von den Prinzipien derjenigen Parteien, denen wir Juden in erster Linie unsere Freiheit und Gleichberechtigung inmitten unserer deutschen Volksgenossen anderer Konfessionen zu danken haben. Wir sagen: in erster Linie, denn auch konservative Persönlichkeiten und Volksschichten sind zu allen Zeiten für die Judenemanzipation nachhaltig wirksam gewesen, und die Anfänge der Emanzipation fallen in eine Zeit, da Preußen und Deutschland durchweg streng konservative Staatsführung hatten und von liberalen Parteien noch keine Rede war. Auch heute treten viele Konservative mit größtem Nachdruck für die Emanzipation ein. Deshalb sind wir der Meinung, daß auch in einem nicht nach demokratisch-parlamentarischen Grundsätzen regierten Deutschland, daß in einem Deutschland jeglichen Regierungssystems wir deutschen Juden Anspruch auf völlige Gleichberechtigung haben und daß dieser Anspruch sich durchsetzen wird. VI. Die Geschichte der Emanzipation kann — wie in der Vergangenheit, so auch in Gegenwart und Zukunft — nicht frei von Rückschlägen sein; es gibt im geschichtlichen Werden keine einzige Entwicklung, die von Rückschlägen frei und geradlinig verliefe, und ganz gewiß haben die es schwer, die von diesen unausbleiblichen Rückschlägen getroffen werden. Dennoch wird die Emanzipation weitergehen und wird — trotz und vermittels der Rückschläge — sich vollenden, denn das, was einmal angelegt ist in der Geschichte und in den Menschen, kann niemals ganz rückgängig gemacht werden und untergehen. Und nun gar in dieser bedeutdenden Sache unserer Emanzipation, in der das Ideal der Gerechtigkeit und die in den Realitäten selber liegende Vernunft auf das gleiche Ziel hinführen — —: es ist heiligste Gewißheit, daß dieses Ziel Wirklichkeit werden wird. VII. Diejenigen unter uns. die das nicht verstehen und den Rückschlag für dauernd nehmen — sie sind es. die heute in Erregung und Klage fallen. Und zwar ist. nach allgemeiner Beobachtung, mit wenigen Ausnahmen Erlegung und Klage gerade dort am heftigsten, wo die Bindung an das Judentum am geringsten —; sie leiden und wissen nicht woiür! Denn mit der Kenntnis von: Judentum fehlt ihnen die innere Stärke für ihr Leiden um des Judentums willen. Ohne nun dieses Leiden im geringsten verkleinern oder gar das selbstverständliche Mitgefühl versagen zu wollen, können wir doch feststellen, daß jetzt eine vertiefte Beschäftigung mit dem Judentum Platz greifen wird. Wie es im Talmud heißt: „Achtet auf die Kinder der Armen, denn von ihnen geht die Lehre aus", so bringen gerade die Zeiten wie die unseren innere Kräfte zur Entwicklung, durch die uns ein Reichtum geschafien wird, der manche verlorene Position aufwiegt. Das Judentum ist überreich au Werten, die in Zeiten der Wohllebigkeit in Vergessenheit geraten — das mußte gerade von denen, die um den Fortbestand eben dieser Werte besorgt sind, in den letzten Jahren schmerzlich erkannt werden. Werden diese Werte nun aber wiedererweckt, so wird der Einzelne aus ihnen eine starke Sicherheti schöpfen, die Gemeinschaft aber wird Kräfte aus sich heraus gewinnen, die ihr — und i u ihr den Einzelnen — Festigkeit und neuen Auistieg verleihen. VIII. Dieser Aufstieg der deutschen Judenheit —; er kann so wenig ausbleiben wie der Aufstieg Deutschlands, an den mit allen nichtjüdischen Deutschen auch die jüdischen Deutschen glauben und an dem sie mitarbeiten wollen. So wird die Gemeinschaft des Judentums mit ihren religiösen und ethischen Werten und mit allen ihren Kräften dem Vaterlande dienen können. Die jüdische Loge in Alienstein geschlossen. Auf Grund einer Anzeige fand kürzlich eine polizeiliche Durchsuchung der Allensteiner jüdischen Loge statt In einem Aktenband wurden 13 kommunistische Flugblätter neuesten Inhalts, und in einem nur von Frauen, insbesondere von der Frau des -Hausmeisters, für die Sammlung der Winterhilfssachen benutzten Räume 10 Patronen, ferner im Garten des Grundstücks 4 Patronen vorgefunden. Auf Grund» dieser Funde wurde die polizeiliche Schließung der Loge angeordnet. Dter Vorsteher der Loge Dr. R o m m, sowie das Vorstandsmitglied Kaufmann Bütow wurden von der Kriminalpolizei vernommen. Die Herkunft der Flugblätter und auch der Patronen ist ihnen unbekannt. Zu der Angelegenheit erklärt die Ostpreußische Loge: Wir weisen den Verdacht, mit kommunistischer Propaganda in irgendwelchem Zusammenhang zu stehen, mit Entrüstung zurück. Wir sind eine bürgerliche, wohltätige Vereinigung, die vor allem ehrenhafte Gesinnung und Vaterlandsliebe ihren Mitgliedern zur Pflicht macht und statutenmäßig sogar jede politische Debatte untersagt. Das Auffinden von 13 Flugblättern und 14 Patronen ist uns rätselhaft, von Mitgliedern der Ostpreußischen Loge rühren sie bestimmt nicht her.

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