Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 14-15 (10.4.1933)
- Date
- 1933-04-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT in KUNDMACHUNG Die Wiener Molkerei bringt auA heuer Pessach-Koscher milch in allen ihren Filialen zum Verkauf. Die PeSSach-KOSChermilCh wird in ihren Meiereien ii Niederosterreidi unter streng ritueller Aufsicht der von Sr. Ehrw. Herrn Rabbiner Dr. M. Rosenmann bestellten religiös verläßlichen Organe nmvz erzeugt. Jede Kanne und jede Flasche ist mit einer Plombe, respektive mit einer Schleife versehen mit dem Aufdruck: hob itw An Wien, 27. Marz 1933. Wiener Molkerei. mm MÖBEL Moderne KQchen- Vorzlmmcr- Wohnzlmmer- F. KOHN, Wien IL, TABORSTRASSE Nr. 22 Telephon R 40-7-14 Samstag geschlossen — Angeschlossen der „Schomra'' mmnmmm Wer betreibt Greuelpropaganda? Ein Wort aus der Kriegspsychologie hat Auferstehung gefunden: Greuelpropaganda. Rings um Deutschland hat sich auf die Nachrichten vom Verhalten der „nationalen Revolution" gegenüber den Juden eine Feuerkette von Entrüstung und Antipathie gelegt. Daß eine revolutionäre Regierung politische Gegner verfolgt, liegt in der Natur der Sache; sicher wird auch da die Beurteilung verschieden sein, immerhin hat man sich gewöhnt, das als „innerpolitische Angelegenheit" zu werten. Daß aber eine bestimmte Bevölkerungsschichte, ganz ohne Rücksicht auf das politische und menschliche Verhalten des Einzelnen, nur der Abstammung wegen verfemt, verfolgt, mißhandelt und zugrunde gerichtet wird, das duldet nicht einmal das abgehärtete Gewissen der heutigen Menschheit. Wobei zugegeben werden soll, daß sich hier und da auch selbstsüchtige Motive einmischen werden, daß im Einzelfall auch Konkurrenzmanöver, Ueberheblichkeit, Suggestion durch ein Massenschlagwort mit im Spiel sein können, wenn heute in nichtdeutschen Ländern das „Kauft nicht bei Deutschen!" ertönt. Wundern sich die Nationalsozialisten darüber? Sind sie — doch wahrlich in keiner anderen Hinsicht naiv — wirklich der mehr als naiven Ansicht gewesen, eine Boykottbewegung ließe sich weniger leicht gegen die Deutschen als gegen die Juden inszenieren und die ganze Schund- und Schmutzliteratur, die sich in Judenhaß ergeht, ließe sich nicht auch durch eine leichte Auswechslung gegen jede xbeliebige andere Gemeinschaft, unter anderem auch gegen die nichtjüdischen Teile des deutschen Volkes richten? Gerade das ist es ja, worüber sie sich aufregen. „Greuelpropaganda" behaupten sie. Und der Jude, mit seiner unausrottbaren Leidenschaft für Objektivität überlegt sich, ob nicht vielleicht wirklich ein Stück Greuelpropaganda in den Nachrichten über das barbarische Vorgehen der Nationalsozialisten steckt. Stimmen von deutschen Juden sind ertönt, die sich selbst gegen diese „Greuelpropaganda" wandten. Der Centraiverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat sich ebenso wie die Zionistische Vereinigung für Deutschland in diesem Sinn geäußejt. Soll man das als Beweis werten oder nur als Ergebnis eines außerordentlich starken Druckes? Oder soll man den Erzählungen glauben, die den entgegengesetzten Schluß nahelegen? Nach denen, wenn man sie glauben darf, die Zustände in Deutschland, die dort betriebene Judenhatz gar nicht schwarz genug geschildert werden können? Aber wissen wir nicht gut genug, wie stark subjektiv gefärbt solche Schilderungen häufig sind? Wollen wir unsere Gegner nachahmen, die auf ihren Mangel an Objektivität stolz sind? Wenn wir das nicht wollen, müssen wir zugeben, daß persönliche Schilderungen richtig, daß sie aber auch übertrieben und sogar falsch sein können, ohne daß uns eine Nachprüfung möglich wäre. Soll man die gegnerische P r e s s e, die immerhin unter der Kontrolle der Oeffentlichkeit steht, als Beweismittel heranziehen? Aber halt — eine gegnerische Presse existiert in Deutschland nicht mehr. Sie ist verboten oder durch erzwungenen Personalwechsel „gleichgeschaltet" worden. Wie aber wäre es mit der eigenen Presse der Nationalsozialisten? Sie wird doch sicher keine „Greuelpropaganda" gegen ihre Gesinnungsgenossen und deren Regierung treiben? Sie ist doch sicher nicht verdächtig, vom Weltjudentum gekauft zu sein! Wenn da beispielsweise steht: „Wer vom Juden kauft — stirbt daran!" oder „Nicht beim Juden kaufen — Lebensgefahr!" Wie muß man das bezeichnen? Ist das gerade nicht Greuelpropaganda im wahrsten Sinne des Wortes, nämlich Propaganda zur Begehung von Greueln? Wenn eine Zeitung, wie die „Deutschösterreichische Tageszeitung" nach einer blühenden Lobpreisung des Pogroms von Kischinew (dessen Erinnerung allein jedem fühlenden Menschen das Blut in den Adern erstarren läßt) die Drohung ausstößt, daß er ein wahres Versöhnungsfest sein würde im Vergleich zu dem Blutbad unter Juden, das jedem Angriff auf nationalsozialistische Führer folgen würde — ist das nicht Greuelpropaganda? Propaganda zur Begehung von Greueln? Und kann irgendein Mensch, der berufsmäßig die deutsche Presse liest — wie es sämtliche Korrespondenten sämtlicher Weltzeitungen tun — und der tagaus, tagein und jahraus, jahrein die nationalsozialistische Presse gespickt sieht mit Greuelnachrichten, die kein Lebensgebiet auslassen, kann solch ein Mensch daran zweifeln, daß diese planmäßige und zielbewußte Propaganda ihre Erfolge gezeitigt hat? Von einem Baum, der ge- FLEISCHHAUEREI BIRÜDER STADLER Wien II.. Im Werd 1 Telaphon A 43-B-20 tinter Aufsicht der Adas Jisioel, Schiffschul, Wien offeriert ISgllch frisches, prima extrem Rind- und Kalbfleisch eigener Schlachtung zu den billigsten Preisen u. zw» Rindfleisch: Walehe Brust S 2.40, Vorderes S 2.80, Hinteres S 3. — Kalbfleisch; DQnne Brust S 3.40, Karree S 3.60, Kotelette, dicke Brust S 3.80 Geselchtes, roh, noa bv (KUgerl-Brust) S 4.— bis S 5__ Das Fleisch wird in unserer hygienischen, amerikanischen Kühlanlage „Kelrinator" aufbewahrt und auf Wunsch kostenlos ins Haus gestellt. Aufträge auch telaphonisch unter Nummer A 43-5-20 erbeten. Ein einziger Versuch genügt, daO Sie unsere standige Kunde bleiben ZumVerkauf gefangen Prima Mastechsen, bei der Wiener Messe gekauft pflanzt und jahrelang mit größter Sorgfalt gehegt und gepflegt wird, erwartet man Früchte; niemand wird mißtrauisch sein, wenn man ihm von reicher Ernte berichtet. Und man sollte im Ausland nicht bereit sein zu glauben, daß Greuelpropaganda — Greuel erzeugt hat? Nichts ist selbstverständlicher, als daß man es glaubt; daß man es als erwiesen annimmt. Aber die Nationalsozialisten haben ein großes Plus: das ist der Erfolg. Der Erfolg spricht eine beredte Sprache. Vor dem Erfolg schweigen viele Beden-, ken. Und daher ist es gerade im jetzigen Augenblick für sie ungemein leicht, die Weltentrüstung, die sie als Greuelpropaganda bezeichnen, zum Schweigen zu bringen. Indem sie nämlich die wirkliche und unzweideutige Propaganda, die ihrer Führer und ihrer Presse, zum Schweigen bringen. Wie weit sie diese Erkenntnis aus den Ereignissen der letzten Wochen gezogen haben, wird eine nahe Zukunft aufweisen. L. F.-T. Schicksalsgemeinschaft. Die Ereignisse folgen. schnell aufeinander. Wohl besteht Klarheit darüber, daß die politische Umwälzung in Deutschland, als innere Umwandlung eines großen Volkes, nicht nur nach ihrer Stellung zum Antisemitismus beurteilt werden darf. Aber die jahrelange Verhetzung trägt ihre Frucht, und so muß wohl für die nächste Zeit leider mit einer starken seelischen und wirtschaftlichen Bedingung der deutschen Juden gerechnet werden. Bleibt da ein anderer Weg als die Besinnung auf sich selbst, auf die Schicksalsgemeinschaft der vergangenen Jahrhunderte und die kraftvolle Erneuerung der Verbundenheit des Einzelnen mit ihr? Keine Frage rührt uns heute stärker an als die nach der Zugehörigkeit. Chaotisch ungeklärte Zeitperioden wie die unsere tragen als Aufgabe in sich, besessen zu sein von dem Drang nach Aufgliederung, nach dem Herausstellen der Eigenart; denn Differenzierung, Selbstbestimmung ist Voraussetzung für jede Klärung. So zwingtdie aus dem Gleichgewicht geratene Welt jeden Einzelnen psychisch, physisch und intellektuell zur Entscheidung. Die Art der Einzelhaftigkeit seines Ich will in jedem deutlich werden, mit dem Ziele,'daß er sich dazu bekenne, sich einreihe in die Gruppe derer, die zum gleichen Ziele streben, denn gerade in der vertieften Differenzierung liegt zugleich die Tendenz zu engerem Zusammenschluß, zur Gemeinschaft. An keinen tritt diese Frage mit so strenger Forderung und beharrlicher Not heran wie an den Juden, an den jungen und den jung gebliebenen. Wir sind von Haß umgeben. Ob es geleugnet wird oder zugegeben, es ist so. Boykott, Numerus clausus an Universitäten, Unruhen; im einen Lande akut, im anderen Lande mehr oder weniger latent. Der Theorien über die Ursachen des Antisemitismus sind viele. Es ist nicht der Platz, sie hier anzuführen. Alle aber führen zurück zu der Tatsache des außergewöhnlichen Daseins einer Gruppe von Menschen, verstreut über die Erde, aber mit gleichem Schicksal, die, weil sie ihr Gemeinsames nicht vergessen kann oder will, nirgends Ruhe findet, von jedem bekämpft wird, der etwas zu bekämpfen hat. So kommt es etwa, daß der französische Katholizismus, der das „jüdische Element" aus dem Christentum entfernen will, in ihm das Mystische, subjektiv Erlebende vor dem objektiven Dogma, das Bewegte vor dem Statischen sieht, während dies gerade Eigenschaften sind, die der deutsche Idealismus und Nationalismus für sich als spezifisch deutsch behauptet, während er wiederum im „Jüdischen" das Logische, Rationale, Mythosentfremdete bekämpft. Der Schluß liegt nicht weit, daß „jedes Volk die inkommensurablen Bestandteile seines eigenen Wesens, die es ausscheiden will, mit einem symbolischen Decknamen bezeichnet, der dann als mystische Zauberformel seine unselige politische Macht entfaltet". (W. Haas in der Liter. Welt 4/5). Nicht im Juden liegt also der Grund zu seiner Bekämpfung, nur die außergewöhnliche Lage prädestiniert ihn zum Prügelknaben der Völker. Alles Gewordene entsteht immer wieder aus der Auseinandersetzung mit Neuem, das vom Alten aufgenommen und ver- Hägers Selchwarcn-REstaurant Selchwaren aus der Fabrik Elsen & Hönigsber streng ort«. tbo- (Unter Aufsicht der Adas -Jisroel - Schiffschul) Wien ll.f PraterstraBe 33, Telephon R-47-4-49 Hochzeiten und Banketts werden bestens arrangiert