Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 14-15 (10.4.1933)
- Date
- 1933-04-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT CJLHJSIUSIBAI» KHK- UND BADEANSTALT WIEN IX.. CLUSIUSGASSE NR. 12 an der Friedensbrücke gelegen - A Original BBSSlMfiCS DampDMld mit £TZT Buschenbehandlung gegen Rheuma etc. Gegen Vorweisung dieses Inserates S 1.30 heitsdrange des jochverachtenden Stieres — dieses Volk, das einzigartig dasteht in der Weltgeschichte, das waren wir Juden! Das Volk, von dem der fremde Sänger wider Willen rühmen mußte: (El mauziom mi-Mizrajim) „Seitdem Gott es aus Aegypten geführt, duldet sein Nacken kein Joch." * ■ * Ja, durch Aegypten sind wir Juden Juden geworden. Diese vierhundert Jahre Aegypten waren eine harte, aber eine gute Schule. Wir Juden, so will es scheinen, müssen, wie in Aegypten, erst als Juden geschlagen werden, um uns zu erinnern, daß wir Juden sind. Wir müssen gemeinsam die Sklavenpeitsche zu fühlen bekommen, um zu erkennen, daß wir doch alle eine unzertrennliche Gemeinschaft bilden. An eine Kette waren in Aegypten wir alle geschmiedet, zu einer Arbeit alle verurteilt. Jede Bewegung des einen machte zwangsläufig der andere mit. So wurden wir zu einem Volke buchstäblich zusammengeschmiedet. Schutz- und rechtlos waren wir Juden in Aegypten und lernten dort fühlen, wie dem Recht- und Schutzlosen zumute ist. Die Fremden, die Andersvölkischen waren wir dort und legten so den nationalen Dünkel ab, wurden in unserer Weltanschauung Menschen. Menschen im weitesten und einzig wahren Sinne des Wortes. In Aegypten gab es für uns nur eine Zuflucht, wohin wir unsere Menschenwürde retten, wo wir statt Hasses Liebe, statt Mißtrauens Vertrauen fanden. Das war unser Haus. Daher der jüdische Familiensinn. Eingepfercht in die Tretmühle Aegyptens, wurden wir des Lebens nicht froh (mikauzer ruach) vor rastlosem, geisttötendem Robot. Aber nur so lernten wir den Schabbos als erlösende Wohltat schätzen. Und wenn uns in Aegypten die Herzen der Menschen sich verschlossen und nur die Pforten des Himmels unserem Gebete offen blieben, wenn dort im Sklavenpfuhl uns nichts als die Hoffnung blieb: „Es lebt ein Gott im Himmel!", dem Gotte, der uns diese Hoffnung erfüllt (ascher hauzethicho), der uns aus dieser Hölle befreit,—idSesem Gotte lernten wir dankbar sein und die Treue bewahren bis in den Tod. VSas essen (Fessadkt fie zu 3 ■ ■ s Ol Nur die berühmten "StSwmUU - yBLwtitokfk von Jlathan (Brodetzfcy Zentrate: Wim, 2. föesirft. jfcopoftfsgasse %3 Telephone: A 46-1-W, A 41-9-52, A 60-2-63 Die fctkmidl-yitaaixottk und das Fabrikat ..JKamGe ■Sdhmidt Jl. 33." (Mazzoth, Grieß und Farwel) sind außerdem erhältlich in alten besseren Geschäften IH0 Daß wir noch heute Juden sind, und was wir etwa Gutes und Edles an uns haben, in Aegypten sind wir es geworden, dem Golus Mizrajims haben wir es zu danken. Und so wie unsere Not und unsere Leiden einzigartig waren, so eigenartig ist unsere jüdische Auffassung von Freiheit. Ein freier Mann gilt dem Juden nicht der, der wehrlose" wirtschaftlich Abhängige, der Freiheit und menschlichen Gleichberechtigung beraubt, um sich als Herrn zu fühlen und die Knute zu schwingen, den süßen Rausch der Macht zu kosten und sich allein an dem gedeckten Tisch zu setzen. Und der Weg zur Volksbefreiung führt nicht dtarch Entrechtung und Enteignung der einen zugunsten der anderen, nicht durch Mord und Majorisierung. Nicht daß die einen gewaltsam auf Kosten der anderen zu leben suchen,, sondern daß dfie einen den andern leben helfen! Nicht nur leben und leben lassen. Nein, leben und leben helfen! Das war die Perole, mit der wir aus Aegypten zogen als endlich freie M ä n n ie r. 600.000 Mann, so viel als Juden heute in Deutschland leben. Demselben Deutschland, auf dessen Antrag 1878 auf dem Berliner Kongreß das neugeschaffene Königreich Rumänien verfluchtet wurde, seine Juden als gleichberechtigte Staatsbürger zu behandeln.' STEININDUSTRIE CARL BENEDICT Zentrale: III.. Rennweg 112, Tel. U 15-0-52 GRABSTEINLAGER: Zentralfriedhof, 3. Tor. Tel. U10-4-53 ENODF1E AUSWAM. BILLIGSTE PREISE E pp\lW #S l* 01' % TEPPICHE VORHÄNGE HftBELSTOrre, DECHEN NUR I.,DAllERNriARIfT12-14 Und eben dieses Deutschland, ein Volk von über 60 Millionen, an Zahl das mehr als Hundertfache der deutschen Juden, klagt jetzt über dieses kaum ein Prozent wie Pharao (2. Mose 1, 9): „Dieses Judenvolk überflutet uns." Als hätte der jüdische Geist die Kraft des Radiums, ein Vieltausendfaches seiner Menge an Licht zu verbreiten! Auch Deutschland wird wieder von diesem Geist, dem Geist wahrer Freiheit erleuchtet werden. Es wird sich nicht erst von einem Kongreß von Völkern zur Menschlichkeit gegen seine jüdischen Mitbürger erinnern lassen müssen. Auch unseren deutschen Brüdern wird ein Pessach kommen, wird wieder die Stunde der Freiheit schlagen! Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, diese drei Ideale, dfie mit blutigen Lettern am Eingangstor der neuen Zeit angekündigt, aber bis heute nicht annähernd verwirklicht sind, sie sind die Grundpfeiler jenes wunderbaren Gebildes, das zu dien wenigen Errungenschaften zählt, deren sich die Menschheit mit Recht rühmen darf: das ist die jüdische Gemeinde. Auch sie ist eine Errungenschaft aus Aegypten, von der de CandoIIe, der berühmte Botaniker, in seiner „Geschichte der Wissenschaften" (1873) schreibt: „Wie kommt es, daß diese kleinen, in der Welt zerstreuten jüdischen Gemeinden Eigen- Feuilleton Aus der Pessach-Haggada des Dubner Maggid. Fern in den entlegenen Städtchen und Dörfern des jüdischen Ostens ist vielfach noch heute der „Maggid", der volkstümliche Wanderprediger, eine beliebte Erscheinung für jung und alt. Im Gegensatz zu den von Gelehrsamkeit übersprudelnden halachischen Erörterungen der Rabbinen zeichnen sich die Reden der „Maggidim" schon in ältester Zeit durch populäre, allgemein zugängliche, leicht gehaltene Form aus. So wird bereits im Talmud (Sota 40 a) erzählt: „Rabbi Abahu hatte bei seinen agadischen Vorträgen viele Zuhörer, während Rabbi Chija bar Abba bei seinen halachischen Erörterungen nur wenige hatte. Um letzteren zu besänftigen, sagte R. Abahu: Ich will dir ein Gleichnis vortragen; denn es ist dies zwei Menschen gleich, von denen der eine Edelsteine, der andere Häkelarbeiten zu verkaufen hatte. Wer hat einen größeren Zudrang von Käufern? Wohl derjenige, der die Häkelarbeiten feilbietet!" Der wandernde Maggid war es auch, der in den Zeiten eines finsteren Mittelalters und einer oft ebenso dunklen Neuzeit die großen jüdischen Massen mit messianischen Hoffnungen zu erfüllen und durch Trost wachzuhalten verstand. Einen solchen Maggid par excellence stellt der in der jüdischen Volksliteratur verewigte und um das jüdisch-religiöse Leben hochverdiente Jakob b e n Wolf Kranz, bekannt unter dem Namen „der Dubner Maggid" vor. Im Jahre 1740 zu Zietil (Bezirk Wilna) geboren, kam er bereits mit 18 Jahren nach Meseritz. wo seine eigentliche Maggid- Laufbahn beginnt. Er zieht von hier nach einem zweijährigen Aufenthalt nach Zolkiew, Dubno, Wlodawa, Kaiisch und Zamosc, wo er überall als Maggid und unübertroffener Prediger die jüdischen Menschenherzen an sich bannt. Besonders Dubno ist die Städte, wo er ein segensreiches Wirken entfaltet und die er erst verläßt, als ihn der berühmte Elia Wilna zu sich einlädt. Durch hinreißende Beredsamkeit, eine leichte Sprache sowie durch Heranziehung anschaulicher Gleichnisse aus dem täglichen Leben des Ostjuden verstand er es, den Massen den hohen Idealgehalt des Judentums verständlich zu machen und so kulturbahnend zu wirken. Das Gleichnis, schon längst eine beliebte Form der jüdischen Volksliteratur, wurde durch ihn zum Schlüssel für alle schwierigen Probleme, ja selbst für manche halachischen Satzungen. In diesem Sinne sind auch seine Kommentare zur Bibel — der Ohel- Jakob zum Pentateuch, Kol-Jakob zum den 5 Rollen und Kochab-Mijakob zu den Haftaroth — gehalten. Besonders beliebt und bekannt sind seine Erklärungen zur Pessach-Haggada. die unter den Titeln „Emeth Le'jakob" (hebräisch) und „Ohale-Jakob" (jiddisch) gedruckt sind. Nachstehend eine freie Uebersetzungsprobe: „ho lachmo anjo . . ." Zur Erklärung der beiden Lesearteu „h o lachmo" und „ke'ho lachmo" erzählt der große Maggid folgendes Gleichnis: Einst lebte ein armer Mann, der sich und seine Familie durch Hausieren und Almosen kümmerlich ernährte. Er zog von Ort zu Ort mit seinem Sacke auf den Schultern, in welchem er verschiedene Ritualien wie Mesusoth, Zizitli. Gebetbücher u. a. zum Weiterverkauf führte. Denn es gab und gibt noch heute im Osten den Typus des wandernden Ritualienhändlers, der von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf zieht, um besonders in den Bethäusern seine „heiligen Waren" feilzubieten, und der nicht abgeneigt ist. auch Almosen in Empfang zu nehmen. Eines Tages kam unser Hausierer mit seinem Sacke in ein Städtchen, machte wie gewöhnlich zuerst einen Rundgang durch die Straßen der Ortschaft, indem er all die Häuser der Vornehmen und Reichen besuchte, und begab sich hierauf — es war bereits die Zeit des „Mincha"-Gebetes — in das größte Bethaus des Ortes. Seine Ware fand aber heute recht wenig Absatz. Es war bereits Mittwoch abends, mehr als die Hälfte der Woche vorbei und der Verdienst für Sabbath nicht einmal zur Hälfte gedeckt. Da beschloß der besorgte Familienvater, sogleich aufzubrechen, um noch vor Morgengrauen in der nahegelegenen größeren Stadt seinen Handel fortzusetzen. Dieser Weg wurde nun der Weg seines Glückes; er entdeckte auf seiner Wanderschaft einen kostbaren Schatz und ward ein reicher Mann. Zum Andenken an diesen glücklichen Wendepunkt seines Lebens bestimmte er den Tag. der der Ausgangspunkt seines Reichtums geworden waT. zum alljährlichen „Jom-tow", zum Freuden- und Festtag; er feierte diesen „Jom-tow" mehr als alle Feiertage des Jahres, in seinem Heim machte man aus diesem Anlasse besondere Vorbereitungen, festliche Kleider, Schmuck und anderer feierlicher Prunk wurden angelegt, um dem Tage einen besonders freudig-festlichen Charakter zu verleihen. Beim Schmause pflegte dann der neue Reiche zur Erinnerung an eine frühere Armut sich den alten Bettelsack umzuhängen und mit seinen Kindern im lustigen Tanze sich zu erfreuen. Dies war auch der Höhepunkt seines Festes, das er als Symbol innerer Genugtuung und Zufriedenheit alljährlich feierte. Doch sind des .Schicksals Wege gar eigenartig! Unser von herzlicher Dankbarkeit erfüllte Mann ward durch die Ungunst der Zeit wieder an den Bettelstab gebracht und der Verzweiflung nahe. Da erinnerte ihn seine Frau an seinen früheren Beruf und so holte der frühere Hausierer den Bettelsack hervor, um sich wiederum auf den alten Weg seines erbärmlichen Handels zu begeben. Als aber die Kinder sahen, daß sich ihr Vater den Bettelsack umgehängt hatte, da meinten sie, der so beliebte Festtag sei wieder angebrochen und klagten, daß ihnen diesmal der Vater gar keine neuen Gewänder für den „Jom-tow" angeschafft hatte. Da gab ihnen der betroffene Vater traurig zur Antwort: „Ja, früher, liebe Kinder, konnte ich euch recht viele Geschenke machen, den Bettelsack hatte ich nur umgehängt, um der früheren Armut und der Hilfe des Allmächtigen eingedenk zu sein. Jetzt aber ist der Sack leider nicht mehr Symbol, sondern Wirklichkeit; ich muß wiederum hausieren gehen, um euch das Notwendigste bieten zu können." Dieses Gleichnis soll nach dem Haggada-Kommentar des Dubner Maggid auch den Unterschied der Lesearten von „ho lachmo" (dies ist das Brot des Leidens) und „ke'ho lachmo" (dies ist w i e das Brot des Leidens) beleuchten: Als wir unseren Tempel und unser heiliges Land besaßen, waren die Mazzoth zu Pessach zur Erinnerung an die Sklaverei in Aegypten, daher sagte man „ke'ho lachmo" oder „ho kelachmo" d. h. „dies ist wie das Brot des Leidens, das unsere Väter in Aegypten gegessen haben". Aber heute, da wir gleichwie in ägyptischer Unterdrückung und Knechtschaft schmachten, müssen wir leider sagen: „ho lachmo anjo", das ist dasselbe Brot des Leidens, das unsere Vorfahren in Aegypten gegessen ... Dr. Josef Babad.