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Die Wahrheit · 1933-04-10 · Heft 14-15 (10.4.1933) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 14-15 (10.4.1933)
Date
1933-04-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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a i; i.!■ jd/lk's ,J-^ 1 i Preis dieser Nummer 60 Groschen Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" and den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Ktdtnsgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 - Telephon R 46-2-16 — Postsparhassenkonto Wien; A 100.918 49. Jahrgang Wien, 10. April 1933 Nummer 14 OPTIKER M. SCHACHTER, II., OlOdfengasst 25 Genaueste Ausführung von Rezepten * Große Auswahl an modernen Fassungen« Samstag geschlossen Bei Beratung aufjjiesesjjlattJSj^ttraeirt^ Der Rosche Ein Wort zu Pessach. Der Roscho steht unter den (arbooh bonim) „vier Söhnen" der Pessachhaggadah an zweiter Stelle. Hinter dem Chochom. Der Chochom spricht von „Verfassung, Gesetz und Recht". Der Roscho bezeichnet alles das als „Awaudoh", als Ballast und Fessel. Sein Wesen und Wirken ist das Gegenteil von „Zedokoh". Was ist Zedokoh? Es ist eine wesentliche Ergänzung von „Michpat", von strenger Gesetzlichkeit. Ein Beispiel: Nach dem strengen Recht, dem Buchstaben des Gesetzes hat der Gläubiger ein Anrecht auf das Pfand des Schuldners, so bei allen Völkern unbestritten. Uns Juden aber gebietet die Thora (5. Mose 24, 13): „Du sollst dem Schuldner für die Nacht sein verpfändetes Bettzeug leihen" (w'loch tihje zedokoh"), das wird dir angerechnet „als Zedokoh vor Gott". Vor den Menschen bist du einwandfrei, wenn du dich an den Buchstaben des Gesetzes hältst, wenn du auf deinem Schein bestehst. Gott aber fordert, daß du das Gesetz nicht handhabst nach dem Buchstaben, sondern nach dem Geiste. Dem Geist und Herzen jüdischer Wesensart, die von dir Wohlwollen fordert. Beides, strenge Rechtlichkeit und Wohlwollen zusammen, ergibt erst den ganzen Juden. (Zedokoh umischpot.) Das wurde schon unserem Stammvater Abraham von Gott verkündet und von seinen Nachkommen geübt (5. Mose 33, 21): Zedokoh vor Gott und Mischpat vor den Menschen. „Mischpat" ist Geltendmachung des eigenen Rechtes, Zedokoh die Anerkennung des Menschenrechtes unseres Bruders. Und ein solches Anrecht auf unser brüderliches Entgegenkommen, einen vollen Anspruch auf unsere Zedokoh hat bei uns Juden ganz besonders der Fremdling, er, der bei anderen Völkern als rechtlos gilt, der Angehörige eines anderen Stammes in unserer Mitte. Den Gegensatz von Gerechtigkeit in dieser jüdischen Bedeutung und schon darum auch die Gegnerschaft gegen das Judentum bezeichnet das Wort „Roscho". Ursprünglich, so heißt es, stand der Roscho nicht wie jetzt in unserer Haggadah hinter dem Chochom, dem Vertreter von Recht, Gesetz, Verfassung, Zedokoh, sondern an letzter Stelle hinter dem „Scheenu jaude'a lisch'aul", dem, „der nicht zu fragen versteht", d. h. dem Unreifen, der noch nicht zu den ernsten Fragen des Lebens Stellung nimmt und in unseren Haggadahs gewöhnlich mit erhobenen leeren Händen dargestellt wird. Allein die Art des Roscho ist es, sich vorzudrängen. Um jeden Preis will er obenan stehen. Das bekannte Gedicht Mosenthals erzählt ja von der Null, die in ihrem Strebertum nicht ruhte, bis sie an erster Stelle stand, wo man dann freilich erst erkannte, daß sie in Wirklichkeit — nur eine Null war. So versuchte es denn unser Roscho zunächst mit seinem unmittelbaren Vordermann, dem „Scheenu jaudea", dem Unmündigen mit leeren Händen. Wie in den „Sprüchen der Väter" (5, 7) Bitte vorzumerken: dem Chochom der „Golem" gegenüber steht, einen ganz ähnlichen Gegenpol zu ihm bildet in der Haggadah der „Scheenu jaudea". Der Roscho ist der sittliche und politische Gegenspieler des Chochom, der „Unmündige", der nicht weiß, was er redet, weil es ihm, wie einem „Golem", einem Automaten, von anderen in den Mund gelegt wird, sein geistiger Widerpart. Das Gegenteil von Verstand und Besonnenheit Und da der Scheenu mit leeren Händen dastand, verfuhr, so hören wir weiter, der Roscho mit ihm nach dem Vorbilde des typischen Roscho der Bibel, nach dem Rezept Hamans, wie Esther 3, 13 (uschlolom lowaus) erzählt wird. Er gab diesen Burschen zunächst Mordwerkzeuge in die leeren Hände und versprach ihnen das Geld der Juden in die leeren Taschen. Und der „Golem" arbeitete mit der Präzision einer Mordmaschine unter der Leitung des Roscho. So wurde dieser der Vordermann des „Scheenu jaudea lischaul". — Nicht so leicht war es, den nächsten in der Reihe der „vier Söhne", den „Tarn", zu übertölpeln. Der wird mitunter als Landmann dargestellt, einen Knüppel in der Faust und die Tabakspfeife im Munde. Es war der „notleidende Landwirt", gewohnt, von der Regierung mit Liebesgaben verwöhnt zu werden. Und wenn er, wie damals in Persien, zu Steuern herangezogen wurde (Ester 10, l), so wollte er seinen Groll darüber an irgendeinem auslassen. Und dieses Ziel zeigte ihm der Roscho im — Juden. Man lese nur einmal und staune, was Haman in seinem Erlasse an das Volk von Persien als wahre Geschichten über die Juden auftischte. In diesem Pronunciamento, wie es der Midrasch uns aufbewahrt hat, heißt es: ..Die Juden sind die Verderber unseres Volkes, wie sie ja ganze Völker aus ihrer Heimat verdrängt und ausgerottet haben. Sie sind das undankbarste Geschmeiß. Pharao nahm sie gastfreundlich auf. speiste sie in Hungerszeiten. Zum Dank betrogen sie die braven Aegypter. Eines Tages gaben sie vor, in der Wüste ihrem Gotte ein Fest zu feiern, die Aegypter liehen ihnen dazu Gold und Edelgestein. so viel, daß jeder Jude 90 Esel damit beladen konnte. Und als sie nicht wiederkehrten und die armen Aegypter ihnen nachzogen, um sich ihre Habe zurückzuholen, da wurden sie von dem Judenzauberer Mose ins Meer versenkt. Und mein Ahnherr Amalek! Den warnte Bileam: „Wenn du dich gegen dieses gefährliche Gesindel nicht in die Bresche stallst, wird die ganze Menschheit mit Mann und Maus von ihnen vertilgt werden." Und als Märtyrer für die bedrohte Kultur fiel Amalek dem jüdischen Zauber zum Opfer. So vernichteten sie Sichon. Og und alle die anderen edlen Recken der Meder und der Assyrier. Und wie wateten im Blute der „Gojim" David und Salomo! Von ihrem Tempel in Jerusalem ging Verderben gegen alle aus. mit denen sie in Berührung kamen, bis endlich Nehukadnezar diesem gemeingefäh;- lichen Treiben ein Ende bereitet und uns mit ihnen beglückt hat. Aber auch bei uns untergraben sie die Moral und schädigen sie unsere \oIkskraft. Doch nun hat sie ihr Los erreicht. Ihr habt den Freibriet in Händen, sie restlos auszurotten." So schrieb der Roscho Geschichte, so verstand er es, die Wahrheit zu übertünchen und zu vertuschen, Lüge und Trug in die Farben ehrlicher Mit Rücksicht auf die Feiertage erscheint unsere nächste Nummer Freitag, den 21. April Die heutige Festnummer ist 12 Seiten stark. Ueberzeugung zu kleiden. Damit fing er auch den „Tarn". — Aber als er nun an den Chochom sich heranmachte, um auch den aus dem Wege zu drängen, da versagte seine Kunst. Der Chochom sprach: „Hier stehe ich und hier bleibe ich." Der Chochom (horaueh eth ha-naulod), der mit klarem, unbeirrbarem Blicke die unheilvollen Folgen der geringsten Nachgiebigkeit dem Roscho gegenüber errechnete, der blieb fest auf seinem Posten. Darum steht der Roscho an zweiter Stelle. Aber er lauerte weiter auf die erste Gelegenheit, den Chochom beiseite zu schieben. * * * Der Roscho wird in unserer Haggadah in der Regel als Krieger dargestellt. In der Zeit, der die in ihr erzählte (Ma'asse d'R. Elieser) Begebenheit, unmittelbar vor dem Barkochba-Aufstande, angehört, dachte man ja in der Tat an den römischen Legaten und seine Legionen, wenn man vom Roscho sprach, der in Titus (ho Roscho), „dem Bösewicht", einen neuen klassischen Vertreter gefunden hatte. R. Akiba und seine Kollegen verhandelten damals eine ganze Nacht hindurch über (jeziath Mizrajim) den Auszug aus Aegypten. Das hieß damals zugleich soviel wie: über die Befreiung aus dem römischen Joche. Dieser Druck war unerträglich geworden, besonders durch die Schikanen des Statthalters Tinnius Rufus, der mit dem grausamen Blutdurst des Tigers die Tücke der Schlange in sich vereinte. Die Erbitterung über das Treiben dieses Unholdes mit einer Henkerseele und der Bosheit eines Satans entlud sich in einem Aufstande der Juden, der das ganze riesige römische Weltreich in seinen Grundfesten erschütterte und in den leitenden Kreisen Roms eine ungeheure Erbitterung hervorrief. Die nichtjüdischen Geschichtsschreiber sprechen davon nur ganz flüchtig und mit Verachtung, manche in der Art wie Haman mit bewußter Entstellung des Sachverhaltes. Wer aber mit j ü d i s c h e m Herzen die römischen Berichte darüber liest, die, so einseitig gefärbt sie auch sind, doch die Wahrheit erraten lassen, und nun gar die jüdischen Quellen damit vergleicht, den überkommt ein Gefühl, das sich gar nicht recht in Worte kleiden läßt. Es ist ein Gefühl begeisterten Stolzes, sich Enkel dieser Helden um R. Akiba nennen zu dürfen. Zugleich ein Gefühl des Bedauerns, daß die Welt nicht weiß oder nicht wissen will, wer wir waren, aber auch — ein Gefühl der Scham bei dem Gedanken, daß wir zum großen Teil das heute nicht mehr sind. Und hinausschreien möchten wir es in alle Welt, daß es die Fremden, daß es vor allem aber die Unseren endlich hören: „Seht! Dieses Heldenvolk mit der geradlinigen Seele des Kindes, mit dem todverachtenden Mute des Bären, mit dem unbändigen Frei-

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