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Die Wahrheit · 1933-03-31 · Heft 13 (31.3.1933) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 13 (31.3.1933)
Date
1933-03-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Juwelen, Uhren, Goldu. Silberwaren, insbesondere cnip 'bo, SederschQsseln ManorahBi Leuchter und Bestecke in großer Auswahl, auch Gelegenheitskaufe stets vorratig Moritz Warkany, II., Taborstraße 14! Jim nodi wenige €LISIISIJ AI» EVE- UND BABEANSTALT WIEN IX., CLUS1USGASSE NR. 12 an der Friedenabrücke gelegen A Original RUSSlSdieS Dampfbad mit j- Buschenbehandlung gegen Rheuma etc. V Gegen Vorweisung dieses Inserates S 1.30 Rasch also Ihren Bedarf decken an den berühmten J'cftwnicf f-JIfrjuExoifi bei Jlathan fötodetztni Xentratc: "Wien, 2. föezirft, Xeopofdsgosse *3 Telephone: A 46-1-90, A 41-9-52, A 60-2-63 Die StfkwniOl-yilfMxxotfk und das Fabrikat ..JVtorfze SttkmiMJl. $8." (Mazzoth, Grieß und Formel) sind außerdem erhältlich in allen besseren Gesdiäften m m in sollen, verkündete eine besonders groteske, daß S.-A.-Jungen, die in die Wohnung eines jüdischen Kaufmanns eingedrungen waren und ihm 800 Mark geraubt hatten, sofort aus den Reihen der S.-A. ausgestoßen wurden und auf offener Straße die braunen Hemden ausziehen mußten. Leider verliert dieses idyllische Bildchen viel von seiner erhebenden Wirkung durch die täglich sich mehrenden Berichte, daß Konjunkturhyänen auf den Gebieten der Kunst, der Wissenschaft und der Wirtschaft ungestraft das braune Hemd anziehen dürfen, um erfolgreiche Juden spontan aus geachteten Positionen zu verdrängen, deren Erlangung die Frucht aufopfernder Arbeit im Dienste der Kultur und der Wohlfahrt der Menschheit gewesen war. Die Erkenntnis, daß man auch im dritten Reich nur die kleinen Diebe hängt, die großen aber respektiert, beeinträchtigt jedenfalls die bestgemeinten Botschaften Hitlers an die Juden. Dr. Hugo S p i e g 1 e r. Ein guter Anfang. In dieser Woche haben im Wiener Kultusvorstand die Budgetberatungen für das Jahr 1933 stattgefunden, die ersten unter den neuen jüdischnationalen Leitung. Alle Befürchtungen, die man hinsichtlich dieses neuen Regimes hegte, sie haben sich bei der ersten Vorlage eines Wirtschaftsplanes durch die neuen Herren als berechtigt erwiesen. Gewiß, die Zeiten sind sehr schwer und auch jede andere Partei hätte bei der Aufstellung eines Budgets in dieser Krisenperiode gewaltige Schwierigkeiten. Allein keine Partei, bestimmt aber nicht die frühere Mehrheit, hätte sich die Sache so leicht gemacht, wie es sich die Herren Zionisten diesmal machten. Sie stellen einfach die Gesamteinnahmen von S 5,725.045.— den Gesamtausgaben von S 6,134.975.— gegenüber, und da sich bei dieser Rechnung ein Defizit von S 409.930.— ergibt, das durch das Defizit der früheren Jahre von S 185.014.— auf S 594.944.— anwachsen dürfte, so bleibt für sie als ihrer Weisheit letzter Schluß in dieser bittersten aller Zeiten nur eine Möglichkeit offen: die Steuern um 20 Prozent zu erhöhen. Jedes Wort der Kritik an einer solchen Maßnahme erscheint überflüssig. Im übrigen kann den Herrschaften das Bedenkliche ihres Vorgehens nicht besser vor Augen geführt werden, als wie dies bereits der unionistische Klubobmann Doktor Josef Tic ho in seiner ihnen höchst unangenehmen Budgetrede getan hat, die wir an anderer Stelle unserer heutigen Nummer veröffentlichen. Herr Dr. Ticho hat den Herren klar zu machen versucht, welche — gelinde gesagt — Kurzsichtigkeit darin liegt, in dieser Zeit, da alle anderen Körperschaften an eine Herabsetzung der Steuern schreiten, weil, wie dies auch bei der Kultusgemeinde der Fall ist, die ausgepowerte Bevölkerung nicht in der Lage ist, die rückständigen normalen Steuern zu bezahlen, an eine Erhöhung der Steuern zu denken, ja diesen Nonsens-als den einzig möglichen Ausweg aus der Misere anzusehen. Der neue Finanzreferent Herr Vizepräsident Doktor Löwenherz hat in seiner sehr langatmigen Budgetrede selbst dargelegt, wie sehr die Kultusgemeinde unter dem wirtschaftlich durchaus begründeten Rückgang der Einnahmen, insbesondere der Steuern, zu leiden habe, ja er hat sogar das Schreckgespenst der Zahlungseinstellung der Kultusgemeinde an die Wand gemalt. Und derselbe Herr Dr. Löwenherz hat den Mut, eine Vorlage zu vertreten, die als Um und Auf eine Steuernerhöhung vorsieht, noch dazu eine Erhöhung von Steuern, die nicht mit Rücksicht auf die geänderte Wirtschaftslage der Steuerträger neu bemessen, sondern im Wege des vereinfachten Verfahrens in der Höhe der bisherigen Vorschreibung belassen wurden. Diesen ersten wirtschaftlichen Regierungsakt der neuer Machthaber wird sich die Wiener jüdische Bevölkerung merken müssen, wenn wieder einmal die Jüdischnationalen um ihre Gunst buhlen, die sie am 4. Dezember 1932 durch das zufällige Zusammentreffen verschiedener Umstände erlangt haben. Außer vom Herrn Dr. Ticho wurden die Herren Zionisten noch von einigen anderen oppositionellen Rednern, so von Dr. M. Stiglitz, Dr. J. L ö w y und Leo Rath auf das Unsinnige ihrer Handlungsweise aufmerksam gemacht. Ihre Antwort bestand jedesmal in der kläglichen Frage: Ja, was sollen wir denn machen? Abgesehen davon, daß die Opposition nicht dazu da ist, der versagenden Mehrheit mit Ratschlägen zu dienen, sind solche Vorschläge in der Budgetdebatte von Seite der Opposition sogar gemacht worden, allein sie stießen, wie nicht anders zu erwarten, auf taube Ohren. Denn die Jüdischnationalen haben es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, aus der Kultusgemeinde eine Volksgemeinde zu machen, bzw. sie müssen ihren Wählern dieses Versprechen halten, und dadurch sind sie gezwungen, Dinge in das Tätigkeitsgette!Mer"Gemeinde ~ aufzunehmen, die mit deren wahrem Wesen nicht das geringste zu tun haben. Gewiß, die Erhöhungen der Ausgaben im Fürsorgewesen und die Bewilligung von höheren Subventionen für die jetzt so besonders notleidenden Tempel- und Bethausvereine sind durchaus begrüßenswert Aber auf vielen, wenn nicht allen anderen Gebieten kann, ja müßte gespart werden. Man komme uns nicht mit dem Einwand, daß die einzelne Post, die wir im Auge haben, zu geringfügig wäre und ihre Streichung oder Kürzung das Budget nicht sanieren könnte. Hier eine einzelne Post und dort eine, das ergibt schon einen erklecklichen Betrag, dessen Gesamthöhe sich recht stark im Budget auswirken würde. Man darf eben nicht nur Parteibrillen aufhaben und alles unter dem Gesichtspunkt betrachten, ob die bedachte Institution oder der bedachte Verein blau-weißen Zwecken dient. Wenn ohne solche politische Rücksichtnahme gespart wird, dann kann auch in diesen Notzeiten ein Budget aufgestellt werden, das nicht von vornherein ein Defizit vorsieht. Die Gefahr besteht, daß die Jüdischnationalen diese Objektivität bei den Sparmaßnahmen nicht bekunden werden, und deshalb war es klug, daß die nichtnationale Minderheit trotz ihrer oppositionellen Haltung ihre Bereitwilligkeit zur Mitarbeit in der neuerlich vorgesehenen E rsparungskommission erklärte. Sie wird dort u. a. auch darüber zu wachen haben, daß durch die von Herrn Dr. Löwenherz angekündigte Reduktion der Gehalte der Beamten und Angestellten nicht jenen ein Unrecht geschehe, die ohnehin unter den heutigen wirtschaftlichen Verhältnissen so schwer zu leiden haben. Die Herren Jüdischnationalen haben es der Opposition gewaltig verübelt, daß diese durch den Klubobmann Dr. J. Ticho die Erklärung abgab, daß sie gegen das Budget stimmen werde, weil sie nach den ersten Leistungen der neuen Leitung, vornehmlich aber wegen der unerhörten Steuernerhöhung das Vertrauen in die Gestion der Majorität nicht besitze. Manche Herren gerieten geradezu aus dem blau-weißen Häuschen, weil die Opposition diesen durchaus verständlichen Entschluß gefaßt hat. Auf alle mögliche ENORME AUSWAHL BILLIGSTE PREISE E pplP i#S 1* %• TEPPICHE VORHÄNGE MdBELSTOriT, DECKEN NUR I.,BAUERNMARItT12-14 Weise wurde der Versuch unternommen, die Opposition von ihrer Haltung anzubringen. Konnte man sich noch mit diesen Mätzchen abfinden, so muß man einfach als unerhört bezeichnen, in welcher robusten Weise die oppositionellen Redner unter allzu weitgehendler Duldung des Präsidenten angegangen und in ihren Ausführungen durch Zwischenrufe, ja sogar längere Reden der zionistischen Schreier unterbrochen wurden. Derartige parlamentarische Sitten ist man heute nur noch aus Körperschaften gewöhnt, in denen Nationalisten in der Minderheit sind und die fehlende Quantität der Sitze durch die Quantität der Stimmittel ersetzen. Man findet es aber unbegreiflich, daß eine Majorität die Redner der Minorität einfach niederschreit, noch dazu einer Minorität, die bei allen Darlegungen der Gegenseite musterhaft die Würde dieses jüdischen Hauses wahrt. Wirklich abscheulich jedoch sind die Argumente, die von den neuen Herren ins Treffen geführt werden. Ihr neuestes Steckenpferd ist ein ekelhaftes Hinweisen auf die deutschen Verhältnisse, deren Entwicklung angeblich die Richtigkeit ihrer nationalen Ideen beweist. Wir wollen uns .in einen Disput darüber nicht einlassen, für uns ist das, was in Deutschland geschieht, von zu furchtbarer Tragik, als daß es Mittelpunkt innerjüdischen Meinungsstreites werden dürfte. Die Herren emmering— Pension HIRSCH, Ffirstenhof, Herrlicher Oster- (HDS) Aufenthalt zu tief herabgesetzten Preisen. aber, die mit einer Trauerminute für die deutschen Juden ihre Budgetberatungen eingeleitet haben, sie besitzen trotz all ihrer Solidaritätsfaselei diese Achtung vor einem tragischen Geschehen nicht, durch das Brüder im benachbarten Reiche jetzt furchtbar bedroht sind. Für sie ist das Vorgehen der Nationalsozialisten gegen reichsdeutsche jüdische Organisationen nur ein Argument für ihren Nationalismus, die wirtschaftliche Entrechtung der deutschen Juden nur ein Beweis für ihre „Lösung der Judenfrage". Die deutschen Juden, die jahrzehntelang für Glauben und Heimat gekämpft, werden von ihnen in wüster Weise beschimpft, nur weil die Verhältnisse stärker waren als diese ehrlich ringenden Menschen. Man hätte mit Schallplatten diese rüden Beschimpfungen aufnehmen müssen, um der Mit- und Nachwelt einen Ausschnitt aus der Sitzung eines von Zionisten geleiteten Gemeindevorstandes zu bewahren, der in einer Zeit tagte, da bitteres Unrecht den deutschen Juden von nationalistischen Judenhassern geschieht, ein Unrecht, für das — das haben die Herren bewiesen — die Jüdischnationalen weder Sinn noch Verständnis haben. Mit Gefühlen des Abscheus mußte man diese Beratungen verlassen, die einer jüdischen Gemeinde den Weg in diesen kritischen Tagen weisen sollten, die aber in Wirklichkeit nur vom wirtschaftlichen Unverstand und politischer Demagogie erfüllt waren.

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