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Die Wahrheit · 1933-03-31 · Heft 13 (31.3.1933) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 13 (31.3.1933)
Date
1933-03-31
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 40 Groseben Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Ämtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II.. Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 49. Jahrgang Wien, 31. März 1933 Nummer 13 OPTIKER M- SCHACHTER, II., GlOffiengasse 25 Genaueste Ausführung von Rezepten» Große Auswahl an modernen Fassungen» Samstag geschlossen _ Bei Berufung auf diese» Blatt 5 P'ozent Rabatt!__ Hüters Botschaft an die Juden. In der großen Rede, in der Hitler vor dem Reichstag das Regierungsprogramm entwickelte, kam das Wort „Jude" nicht vor. Er hat uns aber nicht vergessen. Seine Ausführungen enthielten u. a. den Passus: „Die Regierung wird allen Konfessionen in voller Gerechtigkeit gegenübertreten können. Sie kann aber nicht dulden, daß die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Konfession oder Rasse eine Entbindung von allgemein gesetzlichen Verpflichtungen sein könnte oder gar ein Freibrief für straflose Begehung oder Tolerierung von Verbrechen." Da sich in Deutschland der ursprünglich von den Nationalsozialisten begünstigte Wotan-Kult nicht durchgesetzt hat, also von Wiedereinführung altheidnischer Greuel, wie Schlachtung wehrloser Gefangener auf den Altären der Götter, keine Rede sein kann, da ferner die Scheiterhaufen, die die heilige Inquisition „zur höheren Ehre Gottes" entflammt hatte, längst erloschen sind und die Rasse, die heute noch in Indien das religiöse Gebot der Witwenverbrennung befolgt, in Deutschland nicht vertreten ist, könnte sich ein Naiver den Kopf darüber zerbrechen, was für religiöse Fanatiker Hitler bei seiner Warnung, daß Religion keinen Freibrief für Verbrechen bilden dürfe, wohl im Auge hatte. Wo aber gibt es einen so Naiven? Für die übergroße Mehrheit aller Zeitgenossen gilt da wohl die Wienerische Formel: „Eh* schon wissen . . ." Man weiß ja, aus welch trüben Quellen die Hakenkreuz-Führer ihre Kenntnis vom Judentum schöpften. Es ist deshalb sehr zu begrüßen, daß wenigstens jene Nationalsozialisten, die in verantwortungsvolle Stellungen in der Reichsregierung aufgestiegen sind, Gelegenheit erhalten, die Bedeutung und die positiven Leistungen der Juden auch von anderen Standpunkten aus praktisch kennen zu lernen. Eine solche Lehre ist es gewiß, wenn Herr Hitler erfahren muß, welch gigantischen Anteil die jüdischen Kaufleute aller Länder an der Erschließung des Weltmarktes für deutsche Exportwaren haben und welch große Gefahr der deutschen Handelsbilanz von einer Boykottierung der deutschen Industrieprodukte durch das übermäßig alarmierte Ausland droht. Man begreift, daß die deutschen Juden, die seit Jahren einen Verzweiflungskampf gegen den wirtschaftlichen Boykott, der gegen sie gepredigt wird, führen müssen, die Anwendung dieses selben verfemten Mittels zu ihrem Schutz als unerbetene Repressalie gegen die Regierung ihres Vaterlandes entschieden ablehnen. Man versteht auch, daß sie den Machthabem in ihrem Staate nicht als Mitverschworene an einem Wirtschaftskomplott gegen Deutschland verdächtig erscheinen möchten, der nun mit einem unerhörten Gegenboykott jüdischer Geschäfte beantwortet werden wird. Das soll das Ausland zum Verzicht auf die jetzt im Gang befindlichen internationalen Sympathiekundgebungen verleiten, mit denen auch die Katholiken nicht hinterm Berg hielten, wenn in Mexiko oder sonstwo die Rechte ihrer Kirche bedroht worden sind. Was den Anhängern einer Religion als moralische Selbstverständlichkeit zugebilligt wird, kann logischerweise wohl den Gläubigen eines anderen Kultus nicht als unmoralische Verschwörung angekreidet und mit Drangsalierungen beantwortet werden. Wenn ein nationalsozialistischer Führer in der Machtposition des Herrn G o e h r i n g sich in den letzten Tagen wiederholt zu der Erklärung herbeiließ, daß kein Mensch bloß deshalb verfolgt werden dürfe, weil er Jude ist, so muß dies als Sensation gewertet werden und wird auch bestimmt im Hakenkreuzlager, wo bisher das strikte Gegenteil Axiom war, als solche empfunden. Es wäre naiv, zu glauben, daß diese Abkehr von fundamentalen Parteiprinzipien sich bloß auf Grund innerer Einsicht ohne nachdrückliche Beeinflussung durch zwingende Gründe, die von außen wirken, eingetreten wäre. Nicht minder überraschend wirkt die Regierungserklärung, daß die aus den Aemtern gejagten jüdischen Staatsbeamten nicht deshalb abgesetzt wurden, weil sie Juden, sondern weil sie Sozialdemokraten sind. Vor Tisch las man's anders! Damals wurde der Marxismus nur als eine der vielen vom Judentum verschuldeten Zersetzungserscheinungen verschrien, der Sozialdemokrat war als Judenknecht, das kommunistische Rußland als „Sowjet-Judäa" verfemt. Die heute vorliegende Erklärung ist demnach nichts Geringeres als eine Begriffsumschaltung von Grund und Folge, eine wahre Revolutionierung der nationalsozialistischen Weltanschauung: der Jude ist nicht mehr Ursache des Uebels, sondern eines von dessen Opfern . . . Angesichts solchen Umsturzes in der nationalsozialistischen Theorie neigt man gern zur Milde in der Beurteilung gewisser Praktiken anläßlich der Machtergreifung durch Herrn Hitler. Man nimmt befriedigt die Botschaft zur Kenntnis, daß von den vielen Greuelmeldungen aus den ersten Tagen der „nationalen Erhebung" die einen übertrieben, die anderen ganz erfunden waren. Solche Erfindungen sind noch lange kein Beweis für die Bösartigkeit der jüdischen Phantasie. Diese schloß bloß von Bekanntem auf Unbekanntes und wenn man weiß, wie die Hakenkreuzler seit jeher überall, wo sie dominieren, hausen, also vor allem an den Hochschulen, war es kein Wunder, daß man sich von der Machtübernahme der vielfach S. ZELl, IL, Franz Hochedlingergasse 21 Atelier für feinste Herrengarderobe. Gebe hlemit meine Obersiedlung von I. Opernring 15 bekannt und ersuche um zahlreichen Zuspruch. IKtt lieaerollnei? to3 Konditorei Pomcram rillale: Ii., nollandslraoe 9 Versuchen Sie einmal meine Erzeugnisse in der neu eröffneten Filiale und Sie werden sich überzeugen, daß alles aus dem feinsten Material und garantiert reiner Butter hergestellt ist. 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Nicht geleugnet wird, daß alle jüdischen Richter, Staats- und Amtsanwälte ihres Amtes enthoben, aber auch der Möglichkeit beraubt worden sind, ihre juristischen Kenntnisse als private Anwälte weiter zu fruktifizieren, da man den Juden auch die Ausübung der Advokatur unmöglich macht. Wenn Menschen, bloß weil sie Juden sind, der Broterwerb in einem Beruf genommen wird, zu dem sie sich durch langwieriges Studium vorbereiten mußten und in dem sie durch jehre-, in vielen Fällen jahrzehntelanges Wirken seelisch und materiell verwurzelt sind— ist das keine Greueltat? Ja, sind diese Tragödien geistig, moralisch und gesellschaftlich hochstehender Staatsbürger nicht noch viel erschütternder, als wenn sich die Gerüchte von mißhandelten Nasen und eingeschlagenen Zähnen fallweise bewahrheitet hätten? Der Weltkrieg hat genug Männer gezwungen, sich mit erlittenen Verstümmelungen abzufinden. Wer auf dem Schlachtfeld ein Glied eingebüßt, aber die Möglichkeit des Broterwerbe» behalten hat, ist heute ein Gegenstand des Neides für die Allzuvielen, die mit gesunden Gliedern feiern müssen. Sollen die deutschen Juden gewalsam in die Armee der Arbeits- und Erwerbslosen gepreßt werden? Unter den Meldungen, die die Aufrechterhaltung der Ordnung im Hitler-Reiche illustrieren mm m Achtung! Die nächste Nummer unseres Blattes erscheint am Moniag, den lO. April 1933 (Erew Pessach) als Felertags-Doppebuimmer ff *

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