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Die Wahrheit · 1933-03-24 · Heft 12 (24.3.1933) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 12 (24.3.1933)
Date
1933-03-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIE WAHRHEIT ■niHiiiiiHiiiiuiiiiNiiNimiuiiiiiHnimMinHiiiiraHMiuiimiiiiiuiiinuiiMHiiiiiiuii | Wenerttiinnpii! $pagafe nild SetlerWOTCll "enerOBnungt j 1 Billigste Einkaufsquelle [ | aller Sorten Spagate, Jutegarne, Strohsäcke, Gurten, Wäschestricke, Scheuer- | | tücher, Turngeräte, Packpapiere, Fußmatten, Rouleaux-Bänder und Schnüre usw. : : En gros — en detail :! Emil BiischitZy Wien II., °ber* Do"au*lraB« »v»*** semo*™** ■ Telephon A 45-8-44 15 Jahre Jüdische Telegraphen-Agentur. Große Feier in New York. Der 15. Jahrestag des Bestehens der Jüdischen Telegraphen-Agentur wurde am 15. März abends mit einer Feier begangen, der etwa 700 der prominentesten Persönlichkeiten der Vereinigten Staaten. Männtr und Frauen, beiwohnten. Hauptredner des Abends war Professor Albert Einstein, der eigens zu der Feier aus Kalifornien in New York eintraf und noch am gleichen Abend seine Rückreise nach Europa antrat. Professor Einstein, dur von allen Anwesenden auf das herzlichste begrülit wurde, erklärte in seiner Ansprache, er kenne die Arbeit der „JTA" sehr gut und sei ein eifriger Leser des von ihr herausgegebenen Pressedienstes. Die Arbeit der Jüdischen Telegraphen-Agentur sei von außerordentlich großer Bedeutung für die Judenheit und sie bewährte sich nicht zuletzt auch als eine kohäsive Kraft für die jüdische Gemeinschaft. Der zweite Redner des .Abends. Dr. James M a r s Ii a 11, Sohn des verstorbenen Führers der amerikanischen Judenheit Louis Marshall, sprach über die Funktionen der „JTA" und ihre Verdienste tun die sozialen und geistigen Interessen des Judentums sowie um den Schutz der jüdischen Ehre. Er erinnerte daran, daß sein verstorbener Vater ein Freund der „JTA"- Kürzlich debütierte in Radio Wien eine sich „Völkisches Konzertorchester" nennende Musikkapelle. Die musikalischen Judengegner brachten unter anderem auch Kompositionen von Johaitn Strauß zum Vortrag und bewiesen dadurch, daß sie anscheinend, wie übrigens auch viele Juden, keine Ahnung davon haben, daß iö den Adern der „Sträuße" auch jüdisches Blut rollte. In einem Stadtviertel, das heute wie zur Zeit der Franzosenkriege von vielen armen Juden bewohnt wird, in der Floßgasse, erinnert an einem Hause eine, nebenbei erwähnt, sehr beschädigte Gedenktafel daran, daß hier Johann Strauß der Aeltere, der Zeitgenosse und Rivale Josef Lanners, geboren wurde. Dieser Ahnherr der Walzerfamilie Strauß, von dessen vielen hübschea Kompositionen der Radetzky-Marsch am populärsten wurde, entstammte einer Mischehe. Sein Vater, Franz Strauß, ein kleiner Gastwirt in der Floßgasse, der den Spitznamen „Judenwirt" führte, war der Sohn jüdischer Eltern; er hatte sich taufen lassen und eine Christin, die Tochter eines Hofbediensteten geheiratet. Der aus der jüdischen Floßgasse kommende Musikus Johann Strauß konnte auch äußerlich seine Abstammung nicht ganz verleugnen. Er sah, die Bil- Ein Pavillon auf dem Ausstellungsgelände der Wiener Frühjahrsmesse war dem „Erdöl", besonders der Erdölförderung, die seit kurzem in Zistersdorf stattfindet, gewidmet. Unter anderem war bei dieser Gelegenheit auch des Ursprunges der Erdölindustrie im alten Oesterreich gedacht. Dies geschah durch erdölhistorische Bilder von Dr. F. Lorinser König, Wien (XIII., Neue Weltgasse 11) mit begleitenden Erläuterungen. Diese sind von außerordentlichem kulturhistorischen Werte. Vier von diesen Bildern verdienen unsere besondere Aufmerksamkeit Büd 1. Dieses Bild stellt einen alten rechtgläubigen Juden dar. Dabei steht folgende Erläuterung: Abraham Schreiner, der „Vater" des Petroleums. Das Petroleum wurde in Galizien seit langem als Wagenschmiere und als rieärrrittel benützt. Schreier erfand zuerst eine prirnitive Petroleumleuchte und dann die Destillation. Er lieferte über den Apotheker Nikolasch in Lemberg auch das erste Leuchtöl für Signallampen der Nordbahngesellschaft. 1856 grub er die ersten Arbeit gewesen war. Nach James Marshall hielt der Bürgermeister von New York, John P. R. O'Brien, eine Ansprache an die Versammelten. Begrüßungstelegramme und -briefe gingen der Festversammlunig. von hunderten fülirenden Persönlichkeiten aus allen Teilen der Welt, von Staatsmännern, Schriftstellern, Gelehrten und Führern jüdischer Organisationen zu. Ein großer Teil dieser Kundgebungen, u. a. die vom Marquis pf R e a d i n g in London, vom Gouverneur von New York. Herbert H. Lehman und von Felix M. W a r b u r g, wurde unter lebhaftem Beifall der Versammelten zur Verlesung gebracht. Die Feier nahm einen glänzenden Verlauf und hinterließ bei allen Teilnehmern eine tiefe Wirkung, die sich nun auch in der jüdischen wie in der nichtjüdischen Presse der Vereinigten Staaten abspiegelt, in ihren Ausgaben vom 16. März schildert die Presse ausführlich den Verlauf der Feier und würdigit die Arbeit der Jüdischen Telegraphen-Agentur. Der Kanzler der Hebräischen Universität Doktor .1. L. Magnes, sollte im Radiowege von Jerusalem aus eine Ansprache an die Festversammlung richten. Es seilte dies die erste Radiosendung aus dem Heiligen Lande nach den U. S. A. sein. Die Radioverbindung kam aber nicht zustande. der in den Wiener städtischen Sammlungen bezeugen es noch heute, nicht wie ein „bodenständiger" Wiener aus, doch verstand er es sehr geschickt, die mißtrauischen alten Wiener durch eine etwas komplizierte Legende über eine exotische Abstammung zu bluffen. Trotzdem wurde immer gemunkelt, daß bei dem beliebten Musiker des Vormärz etwas nicht in Ordnung se? und Professor Eduard Kremser, der Sammler Alt-Wiener Lieder und Tänze, einer der besten Kenner Wiener Musik und ihrer Interpreten, bestätigte schon vor Jahrzehnten Straußens jüdische Abstammung. Die verschiedenen Strauß-Biographen drücken sich allerdings in verdächtiger Weise um diese heikle Sache herum. Nicht unerwähnt bleiben kann es, daß die vor wenigen Jahren verstorbene Witwe Johann Strauß' Sohn, Frau Adele Strauß, eine geborene Jüdin war. Die Familie Strauß war demnach stark mit Judentum belastet; völkische Orchester sollten daher konsequenterweise nie mehr die „L o r e 1 e y- Rheinklänge", den „Radetzky-Marsch", die „FI e d e r m a u s", die „Schöne blaue .Donau" und vieles andere Wunderschöne, das der Stadt Wien zu ewigem Ruhme gereicht, jedoch sich zum Teil auf ein armseliges Wiener Judenviertel zurückführen läßt, spielen. Viennensis. Oelschächte. Aber 1866 und 1867 brannte seine Destillationsanlage ab und er starb als armer Mann. Ihm fällt die europäische und vielleicht die allgemeine Priorität der Grunderfindungen und Verwendung des Petroleums zu. Bild 2 stellt einen Jahrmarkt mit einem Juden als Verkäufer dar. Dieses Bild trägt folgende Erläuterung: Abraham Schreiner verkauft die ersten galizischen Petroleumleuchten auf dem Jahrmarkt Er hatte auf seinem Grundstück erdölhaltigen Schlamm gefunden und mit Ton Kugeln daraus geformt die er als Leuchten am Ortsmarkte verkaufte. Bild 3. Schreiners verunglückter erster Destillationsversuch (1850). Schreiner, der das Branntweinbrennen kannte, wollte petroleumhäMgen Schlamm in einem selbst gebastelten Apparat einem alten Topfe, destillieren. Die Sache ging zunächst schief und Schreiner wurde übel verbrannt. Aber ein Apotheker gab ihm einen besseren Apparat und 1853 verkaufte MtMl^^ Moderne Küchen- UkM *Mjm fß% mm ■ Vorzimmer- M Q K £ L Wohnzimmer- ■ ■ ^m* m9 ■■ F. KOHff, Wien IL, TABORSTRASSE Nr. 22 Telephon R 40-7-14 Samstag geschlossen — Angeschlossen der „Schomra" er das erste destillierte Petroleum an die Apotheker von Drohobycz. Bild 4 stellt eine Fabrik mit folgenden erläuternden Angaben dar: Die alte Garte nberg'sche Ceresinf abrik in Drohobycz. Die galizische Erdwachsgewinnung ist die ältere Schwester der galizischen Petroleum-Industrie, welch letztere aus ihr hervorging. Die Erdwachs- oder Ceresin-Industrie erzeugte hauptsächlich Kerzen, und zwar besonders Schabbeskerzen, die im Lande Galizien guten Absatz fanden. Diese Feststellungen widerlegen den oft erhobenen Vorwurf, daß Juden niemals schaffend tätig waren. Dr. E. W. Michael Beer. Zum 100. Todestage des Dichters am 22. März 183.1. Als jüngster Sohn des Bankiers Jakob Herz Beer wurde Michael am 19. August 1800 in Berlin geboren. In sorgfältiger Erziehung wurde sein Sinn früh auf alles Edle und Schöne hingeführt; am Werderschen Gymnasium in Berlin wurde er mit der klassischen Literatur des Altertums vertraut, liebte zumal die dramatische, so daß es nicht wundernehmen kann, daß er seine erste Tragödie — Klytämnestra — mit 18 Jahren aus der alten Heldensage wählte. An der Universität begann er philosophische und naturwissenschaftliche Studien und pilegte persönlichen Verkehr mit den großen Dozenten seiner Zeit. Auch in Bonn studierte er. Sehr früh — schon mit 17 Jahren war er in Italien — suchte er durch Reisen seinen Wissensdrang und seinen Weitblick zu stillen. In Italien war sein Bruder, der Komponist Meyerbeer, schon eine Berühmtheit; Michael besuchte hier alle Stätten der Kunst und ließ sich dadurch in seinem literarischen Schaffen befruchten. Auch Paris sah ihn, und seit 1826 hielt er sich mehr in München auf. Zwischen Paris, München und Berlin wechselte sein Wohnort. Er hatte schon mehrere Stücke mit großem Erfolg zur Aufführung gebracht, als ihn anfangs 1833 ein Unwohlsein befiel, das zu einem Nervenfieber der bösartigsten und heftigsten Gattung wurde, gegen welches die Kunst seines trefflichen Arztes und Freundes, des Geheimen Rates von Walther, und seine kräftige Natur vergebens kämpften. Nach zehntägigem schweren Leiden starb er am 22. März 1833. Die Trauer war groß; „der Zug seiner Leiche bis zu dem eine halbe Stunde von der Stadt entlegenen israelitischen Friedhofe war zahlreich, rührend und feierlich". Ein Jahr nach seinem Tode wurde ihm auf seinem Grabhügel ein Marmordenkmal errichtet, das seinen Namen und die Titel seiner vorzüglichsten Werke enthielt. 1835 erschienen die sämtlichen Werke, herausgegeben von Eduard von Schenck (mit dem Bildnisse des Dichters, Leipzig bei Brockhaus). Schenck schrieb eine kurze Biographie, die über das Aeußere und über den edlen Charakter Michael Beers wertvolle Angaben macht; er verfaßte auch den Prolog, der beider dramatischen Totenfeier für den Dichter in Regensburg der Aufführung des „Struensee" vorangeschickt wurde. Die schon genannte Tragödie „Klytämnestra''- kam bereits am 8. Dezember 1819 am Berliner Hoftheater zur Aufführung; der Dichter hatte sie zuerst seinen Freunden vorgelesen, die sich für die Aufführung aussprachen. Seine Südlandreise ließ das zweite Werk „Die Bräute von Aragonien" reifen (der Hauptgedanken stammt aus Goethes ..Braut von Korinth"). Diesen Stücken folgte der Einakter „D e r P a r i a". wiederum in Berlin! am 22. Dezember 1823 zum erstenmal aufgeführt und sehr oft wiederholt (auch in spätere» Jahren); Goethe schrieb darüber einen Aufsatz in der Zeitschrift „Kunst und Altertum". Das Stück wurde sogar ins Französische übersetzt. Beer wird hier Fürsprecher und Verteidiger der Unterdrückten. Bei den Worten: Wenn deine Stimme Donner ist, dein Name Gerechtigkeit und Langmut, großer Brahma! Gib Antwort: warum folgt dein ew'ger Haß Dem unglückseligen Stamm, der mich erzeugt? hat er sicher an das Schicksal seiner unterdrückten und verfolgten Glaubensgenossen gedacht. 1827 vollendete er in München die Tragödie „S t ru emis ee", die dem König Ludwig I. gewidmet war; sie wurde 1828 in München aufgeführt und erfuhr ebenfalls eine Uebersetzung ins Französische. Meyerbeer, der Bruder und Komponist, schrieb dazu eine Musik. Heine veröffentlichte darüber eine anerkennende Rezension. April 1831 führte er eine neue Tragödie „Schwert undHand" zu Ende, es wurde ein bürgerliches Trauerspiel. 1832 wurde sie aufgeführt und mehrfach wiederholt. Auch andere Pläne beschäftiiglten ihn und gelangten zur Durchführung. Gedichte verschiedenster Art hat er ebenfalls hinterlassen. Jüdischen Inhalts ist das erzählende Gedicht „Der fromme Rabbi"; ferner schrieb er eine Erzählung „Raphaels Schatten". Sein Andenken werde unter uns Juden und in der deutschen Literatur geheiligt. Er bleibe unvergessen! Rabbiner Dr. A. P o s n e r, Kiel. IHUNIItllNIIMIMIMIMIIIIMIIinllUMMIIIIIMIII|IH«iulll|inmMIIHMIIIIIIIIIimilllllllllllll Der Musikus aus der Floßgasse. Das „Völkische Konzertorchester" und die Waizerdynastie Strauß. Ein Jude Urheber der galizischen Petroleumindustrie.

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