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Die Wahrheit · 1933-03-24 · Heft 12 (24.3.1933) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 12 (24.3.1933)
Date
1933-03-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Juwelen, Uhren, Gold' u. Silberwaren, insbesondere vrnp "bz, Sedersch Usseln Manorahs, L*uchter und Besteck« In großer Auswahl, auch Gelegenbeliskäuie stets vorrätig Moritz Warkany, IL, Taborstraße 14 CJLHJSIUSMAE» KHK* UND BADEANSTALT WIEN IX., CLUSIUSGASSE NR. 12 an der Frieden&brucke gelegen ——-— A Original »usslsdies Dampfbad mit 5=^ Buschenbehandlung gegen Ri.euma etc. "5T Gegen Vorweisung dieses Inserates S 1.30 _ wm { Sessacft steht vot der j I ^MVaPf ■ %J mML Rasch i/so /Aren Bedarf decken an den berühmten &ctkmitU-yitaxxottk bei n ■ ■ : Jlathan förodetzfcy l ■ Zentrale: "Wien, 2. föesirß, Xeopofdsgasse 43 ■ ■ Telephone: A 461-90, A 41-9-52, A 60-2-63 5 ■ ö/e Sdkmidi-Jttaxxotfk und das Fabrikat „Jtlmfte Sttkmitll JI. üü." ■ S (Mazzoih Grieß und Farwel) sind außerdem erhältlich in allen besseren Geschäften S eher Diskussion in aller Oeffentlichkeit Anlaß geben. Man mag über die Zweckmäßigkeit ail dieser Maßnahmen denken, wie man will, man kann sich nicht des Gedankens erwehren, daß so manche von ihnen nicht allein rein wirtschaftlichen Erwägungen, sondern auch und vielleicht sogar vornehmlich jenen politischen Motiven ihre Entstehung verdankt, die dem von Kunschak letzthin gepredigten „A n t i s emitismusderTat" entsprechen. Man wird nicht fehlgehen, wenn man unter diesem Aspekt die Neuregelung auf dem Gebiete der Gewerbeordnung mit kritischen Augen betrachtet, ja bezüglich der Auflösung der Bankdirektorenverträge schreibt das christlichsoziale Zentralorgan sogar mit aller Klarheit: „Es kann nicht mehr geduldet werden, daß die Steuerung der finanziellen Maschine das Vorrecht einer bestimmten Schichte ist und daß Talente nicht an die vordere Front gestellt werden, nur weil sie den Mangel aufweisen, Arier zu sein und nicht den internationalen Logen anzugehören." Die „Reichspost" hat ein gar kurzes Gedächtnis. Bei der Bauernbank, bei der Zentralbank der deutschen Sparkassen und bei vielen anderen Banken, die schon vor Jahren unter großem Gestank flöten gingen, standen ausschließlich Leute in der vorderen Front, die den Mangel aufwiesen, Arier zu sein. Der Mangel hat weder ihnen noch den von ihnen zugrunde gelenkten Banken etwas genützt. Jedenfalls aber zeigt die offenherzige Andeutung des Regierungblattes, von welchem Geiste, richtiger Ungeiste, manche Maßnahmen unserer kritischen Tage erfüllt sind, die angeblich nur der notleidenden Wirtschaft dienen sollen. O. H. Untergang der deutschen Juden? Unter der Ueberschrift „Der Untergang der deutschen Juden" führt Sanitätsrat Dr. Max Maschke in der Frankfurter wissenschaftlichen Zeitschrift „Die Umschau" aus: Wenn es nicht zu einer umwälzenden Einstellung in der Mentalität der Menschen kommt, werden die deutschen Juden allmählich aussterben, nicht durch äußere Einflüsse, vielmehr nach eigener Wahl, kraft eigenen Entschlusses, nicht mit dem Willen zum Untergang, aber als Folge ihres Tuns und Lassens. Das Einkinder- und Keinkinder-System bringt eine Umschichtung und Verminderung der Bevölkerung zuwege; und die Juden sind der Vortrab einer Bewegung, die zunächst die westliche Kulturwelt Europas und Amerika ergriff, sich aber schon anschickt auch die slawischen Völker im Osten zu beinflussen. Die jüdische Bevölkerung ist das warnende Musterbeispiel dessen, was der gesamtdeutschen Bevölkerung bevorsteht. 1910 betrug die Geburtenrate bei der jüdischen Bevölkerung in Preußen 15,7 je tausend, als sie bei der übrigen Bevölkerung noch 30,5 betrug. Doch heute ist die Geburtenziffer in Deutschland bereits auf den Tiefstand der für die damaligen Juden geltenden angelangt. Der Ueberschuß der Geburten war in dem Jahrfünft von 1876 bis 1880 bei beiden annähernd gleich, sank, während er bei der Gesamtbevölkerung bis 1910 sich ungefähr auf gleicher Höhe hielt (etwa 13—15 Prozent), bei der jüdischen Bevölkerung schon 1886—1890 auf 7,8, von 1891—1895 auf 6,6. von 1896—1900 auf 6,1 und 1910 auf 2. Im Jahre 1927 aber wurde er negativ (—3,3), war aber bei der übrigen Bevölkerung auch schon auf 6,5 gesunken; was der-Regierungsrat Knoepfel einst voraussagte, daß nämlich die Höhe der jüdischen Geburten-, Sterbe- und Eheziffern das Schicksal des deutschen Vol- STEIN INDUSTRIE CARL BENEDICT Zentrale: III.. Rennweg 112, Tel. U 15-0-52 GRABSTEINLAGER: Zentralfriedhof, 3. Tor, Tel. U10-4-53 ENORME AUSWAHL BILLIGSTE PREISE E ppF #8 l* TEPPICHE VORHÄNGE PlOBELSTOrrE, DECHEN NUR I., BAUERNMARKT 12-14 kes anzeigte, das diesen Ziffern einige Jahrzehnte später nachfolgen werde, ist eingetreten. Und das gleiche gilt für die Sterbeziffer der jüdischen Bevölkerung, die damals als besonders niedrig angestaunt wurde, heute aber allgemein ist. Aus der geringeren Sterblichkeit der früheren Jahre ist nämlich ein Steigen der Sterbeziffer geworden, weil die geringere Geburtenzahl eine Altersverschiebung bedingt hat: der alten Leute sind mehr geworden, sie sind natürlich einer größeren Sterblichkeit unterworfen, und diese Sterblichkeit drückt auf die Gesamtzahl. Während 1876—1880 die Sterbefälle bei der Gesamtbevölkerung in Preußen 26,1 waren, waren sie bei den Juden nur 17,6; aber 1928 waren sie bei der Gesamtbevölkerung auf 11,5 gesunken, bei der jüdischen aber betrugen sie 14,2, also jetzt mehr als bei der Gesamtheit. Wir haben demnach auf der einen Seite Verringerung der Geburten, durch freiwillige Geburtenbeschränkung, durch Ueberalterung, geringere Besetzung des Heiratsalters und dadurch hervorgerufene Verminderung der Ehen und damit auch gleichzeitig wieder der Geburten bedingt; wir haben auf der anderen Seite die Erhöhung der Sterbeziffer nicht nur im Verhältnis zur übrigen Bevölkerung, sondern auch absolut. Damit ist also eine absolute Verminderung der jüdischen Bevölkerung eingetreten. Dazu kommt, daß den Juden weitere Bestandteile verloren gehen durch Mischehen, deren Kinder nur zu einem Viertel etwa dem Judentum erhalten bleiben. Zu Anfang des Jahrhunderts war jede zwölfte von einem Juden geschlossene Ehe eine Mischehe, heute ist es bereits jede vierte. Und in den Mischehen ist die Kinderzahl noch geringer als in den rein jüdischen. Es ist interessant, die letzte vorliegende Statistik über die Berliner Juden für 1930 zum Vergleich heranzuziehen. Da ergibt sich, daß 1434 Personen mehr starben als geboren wurden. Rechnet man die Geburten aus Mischehen hinzu, so verringert sich der Sterbeüberschuß um etwa 300. Wie stark in Berlin der Anteil der Misch- Feuilleton Pessach im Gefängnis. Die Mauern des Gefängnisses sind hoch, grau, düster. Die Zellen schmal, grau, düster. Das Fenster vergittert. Hie und da huscht ein Lichtstrahl herein. Man denkt an draußen, an die Welt, au die Brüder, Schwestern, Frau und Kinder. Man ist gefangen. Doch da setzt man sich auf die Pritsche, stützt den Kopf in die Hände, schließt die Augen und mit einemmal sieht man eine andere Welt: Licht, Freiheit. Der Jude sitzt in der Zelle, denkt nach, weiß, Pessach kommt. Er schließt die Augen und ein Traumbild zieht vorbei: Ein gedeckter Tisch, Gläser klirren, Mazzoth, Kerzen brennen und Licht in allen Winkeln. Pessach-Abend. Der Seder! Und man beginnt, die Kinder lauschen oder man ist selbst Kind und der Vater erzählt: „Knechte waren wir einst dem Pharao in Aegypten..." Da klemmt ein Würgen den Hals. Pessach? Welch ein Traum! Man sitzt lange, traurige Tage im Gefängnis, vergißt aufs Licht, auf Menschen, auf den Pessach, den man immer feiert Nun sinkt der Kopf noch tiefer, noch müder, unendlich trostlos, hinab auf die Brust und dem einen oder anderen entringt sich ein Fluch auf diese Welt, die ihn vergessen hat Draußen ist Pessach, hier drinnen treibt das graue Grau alle Festgedanken weg. Man ist allein, ausgestoßen, vergessen, niemand kümmert sich um den verlorenen Bruder... Dies mag die Stimmung eines jüdischen Strafgefangenen sein, jetzt um diese Zeit, da er weiß, daß Ostern naht. Und welche Beglückung, wenn er erfährt, daß man ihn nicht vergessen hat, daß er Pessach feiern, Mazzoth essen darf?! Und dieses kleine, doch so große Glück erfahren die 50 jüdischen Sträflinge, die in Stein an der Donau ihren Pessach erwarten. Es wird ihnen leicht ums Herz werden, wenn sie erfahren, daß man sie nicht vergessen hat, für sie, für ihren Pessach sorgt, mit allen Mitteln und den so geringen Möglichkeiten. Ihnen wird die Hagadah mehr sein als Erinnerung an das Vergangene, sie wird ihnen zeigen die jüdische Verbundenheit das Mitleiden, die Mitsorge des Juden mit seinem gefangenen Bruder. Wir fragen nicht, wieso sie hinkamen. Rabbiner Prof. Dr. Karl Kupfer ist es, der seit Jahren, seitdem diese Fürsorge der Wiener Kultusgemeinde für jüdische Strafgefangene besteht, unermüdlich am Werk ist, das harte und traurige Los dieser Juden zu lindern. Es geschieht dies vor allem durch regelmäßige wöchentliche Gottesdienste, die Rabbiner Dr. Kupfer in der Strafanstalt abhält und die nachfolgende Predigt die das moralische Gefühl der Gefangenen heben und sie ermutigen soll, ihr Schicksal zu tragen und zu überwinden... Die Abhaltung der hohen Feiertage zeigt dem jüdischen Häftling, daß seine Brüder in der Freiheit seiner nicht vergessen. Noch mehr aber tut Herr Rabbiner Dr. Kupfer dadurch, daß er mit den Angehörigen der Strafgefangenen in fortwährender Verbindung steht, Grüße austauscht und den notwendigen Kontakt herstellt, der es dem Juden nach Verbüßung seiner Strafe ermöglicht, wieder ins bürgerliche Leben zurückzukehren. Von ungeheurer Bedeutung ist, daß dank dieser seelischen Vorbereitung und oft auch materiellen Mithilfe die Anzahl der rückfälligen jüdischen Sträflinge äußerst gering ist Und dies kann nicht hoch genug eingeschätzt werdeni in einer Zeit, in der die Juden wieder in leiblicher und materieller Bedrängnis leben und in ihrer großen Masse verzweifelt nach einer Existenz ausschauen... Aber eben diese fürchterliche Not ist es, die der Kultusgemeinde und Rabbiner Dr. Kupfer die Grenzen ihrer Hilfe eng umschreiben und sie hindern, großzügig und voller Tatkraft überall dort einzugreifen, wo es nötig ist Trotz der dürftigen Mittel aber wird viel geleistet, was dem jüdischen Ansehen förderlich ist. Die Gefangemenfürsorge der Kultusgemeinde kämpft hart mit der Not der Zeit, aber ein Jude vergißt den anderen nicht! So kommt es, daß der Jude in seiner Zelle wieder den Kopf hebt und nachdenkt und merkt daß man seiner nicht vergaß. Und nun erwartet er den Pessach nicht mehr gedrückt, sondern ermutigt. Er weiß, daß draußen seine Brüder hart kämpfen, ihm zu helfen, und er sieht wieder den gedeckten Tisch, die Mazzoth... Jedoch am Pessachabend hört er und mit ihm seine jüdischen Mitgefangenen': „Knechte waren wir einst dem Pharao in Aegypten" und er fühlt sich eins mit alten Juden der Welt, die diese Worte an diesem Abend sagen und auf die Mazzot blicken, das jüdische Brot der Jahrtausende. Emil Raber.

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