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Die Wahrheit · 1933-03-24 · Heft 12 (24.3.1933) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 12 (24.3.1933)
Date
1933-03-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 40 Groschen Ers&eint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbartingen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 49. Jahrgang Wien, 24. März 1933 Nummer 12 OPTIKER M. SCHACHTER, II., Glodfengasst 25 Genaueste Ausführung von Rezepten Große Auswahl an modernen Fassungen« Samstag geschlossen _____Bei Berufung auf dieses Blatt 5 Prozent Rabatt l Hitler ante portas. Der neue deutsche Reichstag ist mit großem Pomp zusammengetreten. In ihm verfügen die Regierungsparteien über eine Majorität, die sich noch dadurch erhöht, daß der überwiegende Großteil der gewählten kommunistischen Abgeordneten hinter Schloß und Riegel sitzt, den übrigen Mitgliedern der radikalen Linken die Abgeoidnetenlegitimationen nicht zugestellt wurden und daß auch von den gewählten Sozialdemokraten einige noch inhaftiert sind, andere aus Furcht vor Verhaftung sich nicht sehen ließen. So besitzt also Hitler in dem neuen deutschen Parlament die Mehrheit, nach der Eroberung der Regierungsmacht kann er nun auch mit Stolz auf die Erringung der Herrschaft in der deutschen Volksvertretung hinweisen, die er ebenso unumstritten besitzt wie die Macht in allen deutschen Länderparlamenten. Man kann also, wenn man auch nie daran vergessen wird, auf welche Weise Hitler die Macht errungen, nicht bestreiten, daß er sie heute sozusagen legal besitzt, man muß feststellen, daß seine Herrschaft dem — wenn auch nicht ganz freien — Willen der Mehrheit des deutschen Volkes entspricht. Der Diktator Hitler wirft also eigentlich alle Anschauungen über den Haufen, die man gemeiniglich über die Voraussetzung einer Diktatur besitzt. Sein Regime repräsentiert nicht eine Minorität, wie dies z. B. der Fall war, als in Rußland die Kommunisten oder in Italien Mussolini die Macht ergriffen. Hitler darf — immer mit jener Einschränkung, die durch die Knebelung des freien Willens bedingt ist, — von sich behaupten, daß sein Wirken ein legales ist. Was sich aber in Deutschland in den sieben Wochen, seitdem Hitler regiert, abgespielt hat, das als legal zu bezeichnen, wird sich selbst der enragierteste Anhänger des deutschen Reichskanzlers nicht erkühnen. Die Nachrichten über die Brutalitäten, die dort nun tagtäglich vorkommen, wollen kein Ende nehmen, sind manchmal sogar so haarsträubend, daß man fast an der Richtigkeit der Meldungen zweifeln möchte. Man kann es einfach nicht begreifen, daß im klassischen Lande der Dichter und Denker solche Untaten möglich sind, daß selbst Parteiherrschaft sich so rachsüchtig auswirkt. Man kann es nicht glauben, weil eben mit Hinblick auf die Legalität der nun eroberten Macht es unverständlich ist, warum diese legale Macht so illegal mißbraucht werden muß, mißbraucht insbesondere wiederholt gegenüber Unschuldigen, die nicht der Vorwurf treffen kann, daß sie Anteil genommen hätten an dem System, mit dem die neuen Machthaber nun aufräumen wollen. Das trifft namentlich für die Juden zu, die in ihrer überwiegenden Mehrheit als treue Staatsbürger immer radikale Umsturzpläne abgelehnt, ja sogar entschieden bekämpft haben. Unzählige Beweise liegen dafür vor, daß die maßgebenden deutschen jüdischen Organisationen und die prominenten Führer des deutschen Judentums den Kommunismus mit aller Vehemenz verurteilt und befehdet haben. Dennoch wird heute allerorts in Deutschland Judentum mit Kommunismus identifiziert und unter diesem nichtigen Vorwande ein Rachefeldzug gegen das deutsche Judentum betrieben, der geradezu abscheulich ist. Aus allen Stellungen werden Juden hinausgeworfen, die in diesen Positionen den Ruhm und das Ansehen Deutschlands gemehrt haben. Das neueste Kesseltreiben gilt jüdischen Richtern und jüdischen Rechtsanwälten, die teils schon von den Gerichten entfernt wurden, teils nach einem wohlerwogenen Plane entfernt werden sollen. Aus den Krankenhäusern werden verdiente jüdische Aerzte hinausgeworfen. Ein Attentatsversuch gegen Hitler veranlaßt den Münchner Polizeipräsidenten, die Drohung auszusprechen, daß es „zum größten Pogrom kommen würde, was keine Staatsmacht der Welt verhindern könne". Das ist heute die Situation der deutschen Juden, ohnmächtig stehen sie dem Wüten einer Herrschaft gegenüber, die mit Emphase verkündet, daß sie legal wäre, in Wirklichkeit aber sogar durch Amnestien alles fördert, was dieser Legalität Hohn spricht. * * In Oesterreich ist in den letzten Wochen auch sehr viel vom Legalitätsprinzip gesprochen worden. Man macht der Regierung Dollfuß den Vorwurf, daß sie durch systematische Ausschaltung der Volksvertretung einen Verfassungsbruch begangen habe und dadurch, daß sie nicht den normalen Zustand wiederherstelle, bzw. herstellen lasse, diesem Verfassungsbruch auch weiter huldige. Die Regierung wieder steht auf dem Standpunkt, daß das Parlament sich selbst ausgeschaltet habe und daß die Zeiten so abnormal kritisch wären, daß angesichts dieser Ausschaltung des Parlaments die Regierung dazu berufen sei, durch Anwendung außerordentlicher Maßnahmen alles zu tun, um die drohenden Gefahren abzuwehren. In unserer Regierung hat die christlichsoziale Partei die Majorität inne und für diese Partei bedeutet eine dieser drohenden Gefahren, wie jeder- TBO Neueröltnef? i2D Konditorei Pomeranz rillale: iL, nollandstraOe 9> Versuchen Sie einmal meine Erzeugnisse in der neu eröffneten Filiale und Sie werden sich überzeugen, daß alles aus dem feinsten Material und garantiert reiner Buiter hergestellt ist. Auftrage für sämtliche Festlichkeiten werden prompt und billigst ausgeführt. Auch nDB b& TW3 Konditoreiware» erhältlich. S. ZBLX, IL, Franz Hochedlingergosse 2.1^ Atelier für feinste Herrencparderobe. Oebe hlemlt meine Übersiedlung von I. Opernring 15 bekannt und «suche um zahlreichen Zuspruch. mann weiß, der bevorstehende Einbruch des Nationalsozialismus in die österreichischen Gefilde, die bisher Domäne der Christlichsozialen waren. Mit jüdischen Augen gesehen, könnte man also die Abwehraktion der Christlichsoizalen gegen die Invasion der Hakenkreuzler, die sicherlich das größere Uebel sind, eigentlich nur gutheißen. Aber man muß sich doch sagen, daß selbst zur Hintanhaltung einer solchen Gefahr andere Mittel möglich sein müßten als Maßnahmen, die nur in diesem wirtschaftlich so darniederliegenden Lande noch mehr zu einer Aufpeitschung der Leidenschaften führen. Wir haben in der letzten Woche bange Tage erlebt, in denen es wiederholt auf des Messers Schneide stand, ob nicht die Wirkung dieser Maßnahmen eine sehr traurige sein würde. So weit sollte es doch in einem Kulturstaate nicht kommen müssen, hier muß Vernunft die Oberhand gewinnen und der gute Wille obsiegen, dann wird eine Verständigung der streitenden Parteien zum Wohle des armen Landes doch durchführbar sein! Die Juden haben bestimmt keine Veranlassung, sich in diesen Streit der Parteien einzumengen, er hat für uns — abgesehen von dem Feind im Hinterhalt, dem die Abwehr angeblich auch gilt, — keine jüdische, sondern, wie für alle Bürger dieses. Staates, nur eine österreichische Bedeutung. Mit allen anderen Staatsbürgern sind auch wir durch die verschiedenen Maßnahmen der Regierung betroffen, die Einschränkung der Versammlungs¬ und Pressefreiheit zwingt auch uns zur Zurückhaltung, so daß manche Aufklärung, die gerade in diesen Tagen sehr notwendig wäre, unterbleiben muß. Die jüdischen Parteien sind ebenfalls durch das Versammlungsverbot betroffen und das ist schade, schon deshalb, weil vieles, was geschieht, in breitester Oeffentlichkeit behandelt werden sollte. Man müßte unumwunden davon reden können, daß auf der einen Seite die Invasion der Nazis hintangehalten werden soll, auf der anderen Seite aber alle ihre Demonstrationen ungehindert erfolgen, ihre Sudelpresse noch immer die gleiche hetzerische Sprache führt und ihre teilweise blutigen Exzesse auf unseren Hochschulen keine Sühne finden. Da klafft ein Zwiespalt, der bedrohliche Formen annehmen kann, wenn nicht, bevor es zu spät ist, die jetzt so energische Regierung auch in dieser Hinsicht wirkliche Energie bekunden wird. Auch die verschiedenen Notverordnungen auf wirtschaftlichem Gebiete könnten zu man-

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