Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 11 (17.3.1933)
- Date
- 1933-03-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT | bnn& An edle, die es noch nicht wissen! ■ENIAI die führende Marke, erzeugt Herren*, Knaben* und Kinderkleider mit koscher Leinwand Wien L, Rabensteig Nr. 3 Spezialität« für Lackmöbel Küchen, Vorzimmer, Kinderzimmer und Wohnzimmer FERDINAND KOHN WIEN II., TABORST RASSE 22 TELEPHON R 40-7-14 Samstag geschlossen alle Vorarbeiten für eine systematische Durcharbeitung und Gliederung, aber so viel ergibt sich auch bei flüchtiger Durchsicht, daß die Häuser nicht schmaler und niedriger und schlechter waren, als in den anderen Vierteln und auch nicht übervölkerter. Die alte Stadt hatte nicht die Absicht, die Juden schlechter wohnen zu lassen als die übrige Bevölkerung, nur — sie wurden abgetrennt; und auch diese Abtrennung war oft, was das Leben angeht und wie die Klagen über Ueberschreituiigen der Verordnung zeigen, in Wirklichkeit nicht so streng, wie es nach den Vorschriften erscheint. Ich habe im Qeineindeblatt der jüdischen Gemeinde Berlin einige Photos und Zeichnungen aus dem Wormser Ghetto veröffentlicht. Sie geben nur zufällige Unterlagen zu einem kleinen Ausschnitt des Problems. Sic zeigen, daß es auch in den Ghettohäusern reizvolle Höfe gab und lustige Altanen, mehrgeschossige holzgebaute Säulengänge, von denen aus ein freier Blick über Gärten hinweg ins Freie führte. Gärten im Ghetto, Altanen — gewiß, zwar nur als Bestandteile von Häusern wohlhabender Besitzer, aber doch eben als vorhandene Bestandteile. Es ist wie überall, die Armen wohnen armselig und die Vermögenden können sich einen gewissen Luxus erlauben. Es ist ungewöhnlich interessant, festzustellen, daß es noch heute im Wormser Ghetto eine besonders schöne Treppe gibt, die unter Denkmalschutz steht und reizvolle stuckierte Decken in ehemals unzweifelhaft schönen Räumen. Der sentimentale Besucher des Ghetto vergißt, wie die Stadt ringsherum aussah, vergißt, wie noch heute in den unberührten mittelalterlichen Städten — Rothenburg etwa — die Bevölkerung zu wohnen gezwungen ist, und daß auch dort die Notwendigkeit besteht, sich auf dem verfügbaren Platz einzurichten und auszukommen. Man mag einwenden, daß Worms nicht als Beweis für das Ghetto anzusehen ist. Gewiß nicht, aber es ist ein Beispiel für e i n Ghetto — und über die anderen wissen wir nicht genügend Bescheid. Vielleicht genügt der Hinweis, die Diskussion ins Rollen zu bringen und eine eingehende Untersuchung zu veranlassen. Das Material ist reichlich vorhanden und die Zeit wartet auf die Verarbeitung. Es Ist ein Stoff für Historiker, Kunstgeschichtler, Architekten. In Rumänien und anderswo. Anläßlich idier Beratung über die von der Regierung vorgeschlagene Verschärfung des Gesetzes gegen Aufruhr und Störung der öffentlichen Ordnung (Lex Marzescu) verlas Abgeordneter Michael Landau in der letzten Sitzung der rumänischen Kammer namens der Jüdischen Partei eine Erklärung, in der die Partei sich gegen 'dien Vorschlag der Regierung mit der Begründung ausspricht, es bestehe die Gefahr, daß die neuen Bestimmungen willkürlich gegen bestimmte Bevölkerungskreise, Zeitungen und Institutionen angewandt werden, dagegen tdie antisemitischen Ausschreitungen der Rechtsradikalen nicht treffen würden. Auch die bisherigen Gesetzesbestimmungen zum Schutze der öffentlichen Ordnung und Sicherheit seien nur gegen eine bestimmte Kategorie von Staatsbürgern mit alter Schärfe, gegen andere dagegen überhaupt nicht angewandt worden. Jahrelang habe man geduldet, daß sich antisemitische Unruhestifter über Gesetze und behördliche Anordnungen hinwegsetzen, Ueberfälle, Zerstörungen, Häuserdemolierungen, Räubteneäen, Profanierungen religiöser Institutionen verüben und die heiligen Objekte des Kultus verhöhnen, ohne der in iden bisherigen Bestimmungen der Lex Marzescu vorgesehenen Bestrafung zugeführt zu werden. Alle diese Vandalismen seien unter den nachsichtigen Augen der Behörden erfolgt oder so vorbereitet worden, daß die Behörden immer erst fünf Minuten nach dem Verschwinden der Uebeltäter auf dem Schauplatz erschienen. Die jüdische Bevölkerung hat Jahre hindurch «Sie schmerzliche Erfahrung machen müssen, daß fast kein einziger derjenigen, die solche vandalischen Akte verübt haben, bestraft wurde. Anderseits habe der Staat, der Leben und Sicherheit des Eigentums seiner Bürger, garantiert, es systematisch abgelehnt, die Opfer idier Ausschreitungen zu entschädigen, obwohl er hiezu moralisch verpflichtet wäre. Kein einziger dler zur Aufrechterhahning der Ordnung verpflichteten Beamten sei wegen Energiemangel, Duldung der Exzesse oder Mitschuld an ihnen zur Verantwortung gezogen worden. Konstituierende Sitzung der Zentral-Kommission für soziale Fürsorge der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. Am 8. März 1. J. fand im Sitzungssaal der Kultusgemeinde die konstituierende Sitzung der für die lautende Mandatsperiode des Kultusvorstandes eingesetzten Zentralkommission für soziale Fürsorge statt. Die Zentralkommission, welche sich aus dem Präsidium und der Fürsorgekommission der Kultusgemeinde, den Obmännern der Kommissionen für das Spital und die Versorgungsanstalt, ferner aus zehn ernannten Mitgliedern sowie aus den Obmännern der Bezirksfürsorgekommissionen zusammensetzt, bildet gemäß den Bestimmungen des Organisationsstatutes das oberste Organ für das offene Fürsorgewesen der Kultusgemeinde. Der Präsident der-Kultusgemeinde Dr. Desider Friedmann, der mit den Vizepräsidenten Dr. Josef Löwen herz und Dr. Jakob O r n s t e i n erschienen war, wies nach Begrüßung der Kommission und der zugezogenen Beiräte namens der Gemeinde auf die Bedeutung dieser Institution hin, der auch Frauen als gleichberechtigte Mitglieder angehören. Angesichts der gegenwärtig herrschenden tristen Wirtschaftsverhältnisse fallen der Zentralkommission und ihren Organen ganz besondere Aufgaben zu, indem sie neben der Fortsetzung und Ausgestaltung des bestehenden Fürsorgewerkes auch wichtige Maßnafc*rr . »»zial-ökononi i s c h e r Natur zu beraten und duvolizuführen haben wird. Vor allem sei an die Gründung einer Darlehens (Geniiloth Chesed) - Kassa und an den Ausbau des jüdischen Arbeitsnachweises gedacht. Bei entsprechender Mitwirkung weiter Kreise, die Interesse für diese lebenswichtigen Fragen bekunden, werde es wohl gelingen, Ersprießliches zugunsten der hart betroffenen jüdischen Bevölkerung zu leisten. Hierauf übernahm der Obmann der Zentralkommission, Kultusvorsteher Dr. Isidor K1 a b e r, den Vorsitz und gedachte der in der jüngsten Zeit verstorbenen zwei bedeutenden Männer, Univ.-Prof. Dr. Leopold Moll und Obermedizinalrat Dr. S. Krüger, die auf dem Gebiete der sozialen Fürsorge hervorragend gewirkt haben. Die Anwesenden hatten sich während dieser Trauerkundgebung von ihren Sitzen erhoben. Vizepräsident Dr. Jakob Ornstein schilderte den großen Wert der erst in den letzten Jahren reorganisierten Fürsorgeinstitutionen der Kultusgemeinde und hob die Leistungen der Sonderaktionen, insbesondere der Winterhilfsaktion hervor. Unter Hinweis auf die zahlreichen biblischen Vorschriften sozialen Charakters gab er der Hoffnung Ausdruck, daß unsere Gemeinschaft alle Anstrengungen machen werde, um zumindest die krassesten Erscheinungen jüdischer Not im Sinne unserer Tradition mildern zu können. Nachdem sodann Kultusvorsteher Börserat Ignaz Glück den Vorsitz übernommen hatte, entwarf der Obmann Dr. J. K1 a b e r ein anschauliches Bild der bisherigen Leistungen der Kultusgemeinde auf allen Gebieten der sozialen Fürsorge, indem er hiebei vor allem die im Jahre 1932 verausgabten Beträge aus dem Kapitel „Fürsorge" zur Illustration heranzog. Die langerstrebte Reform des jüdischen Fürsorgewesens in Wien habe in Verfolg der neuen zur Durchführung gelangten Grundsätze beim Aufbau der einzelnen Einrichtungen auch die Anwendung neuer Methoden ermöglicht. Beteilung der Befürsorgten in erster Linie mit den notwendigen Naturalien (Ausspeisungen, Lebensmittelpakete, Kohle, Bekleidungsgegenstände etc.), Einrichtung der Wänderfürsorge, die ein Zusammenwirken mit anderen jüdischen Gemeinden und Organisationen im Interesse der jüdischen Aus- und Durchwanderer herbeigeführt hat, Ausbau der Ferienaktionen und sonstiger Einrichtungen der Jugendfürsorge, Schaffung einer Schülerfürsorge, Gefährdetenfürsorge, sind u. a. Leistungen, die im Rahmen der Fürsorgezentrale zur Durchführung gelangten. So manche Probleme, wie Rationalisierung der jüdischen Fürsorgevereine und -Institutionen, Erweiterung der Fonds für Fürsorgezwecke und ähnliches harren noch ihrer Lösung. Die Mitglieder der Zentralkommission im Verein mit den Bezirksfürsorgekommissionen seien dazu berufen, an den bevorstehenden, angesichts der immer mehr ansteigenden Verelendung unter den Juden Wiens erhöhten Fürsorgeagenden tatkräftig mitzuwirken. Trotz der Ungunst der Verhältnisse müssen diejenigen, die am sozialen Werk mitbauen wollen, von Optimismus beseelt sein, weil nur dann auch Erfolge erzielt werden können. Reicher Beifall belohnte die instruktiven Ausführungen, die insbesondere für die neugewählten Mitglieder eine erwünschte Einführung in das Wesen und den Aufgabenkreis der jüdischen Wohlfahrtspflege bedeuteten. Es wurde sodann zur Konstituierung der Zentralkommission geschritten, indem vorerst die im Organisationsstatut vorgesehenen drei Sektionen gebildet wurden. Als Obmann der Sektion I. für Organisation, Administration und Kontrolle fungiert kraft der Bestimmungen des Organisationsstatutes der Obmann der Zentralkommission Dr. I. KI aber, desgleichen der Obmannstellvertreter Börserat Ignaz Glück als Obmann der Sektion II. für allgemeine Fürsorge. Gewählt wurden zum Obmann der Sektion III. für Jugendfürsorge Professor Dr. Julius Zappert, zu Obmannstellvertretern der drei Sektionen: Kultusvorsteher Mendel Singer (I.), Kultusvorsteher Dr. Leo Landau (II.) und Frau Sofie Löwenherz (III.). Die Obmänner und die gewählten drei Delegierten: Kommerzialrat Karl K1 e m p e r e r, Dr. Leo Landau und Dr. Josef B o n d i bilden das aus sechs Mitgliedern bestehende Exekutivkomitee, welches die laufenden Agenden zu erledigen hat. Außer den Letzterwähnten werden auch die Obmannstellvertreter dem Exekutivkomitee mit beratender Stimme beigezogen werden. Zwecks ehester Beratung wichtiger Organisationsfragen wurden folgende Studienkommissionen eingesetzt: Für Geldbeschaffung, Krankenfürsorge, Kredithilfe (Gemiloth Chesed-Kassa), Arbeitsnachweis und Studentenfürsorge. Nach Behandlung einiger Anregungen und Anfragen wurde die Sitzung vom Vorsitzenden Dr. I. Klab e r mit einem Appell zur intensiven Mitarbeit und mit einem Dank an die Beamtenschaft der Fürsorgezentrale für ihre atfföpfernde Tätigkeit geschlossen. . Die Konstituierung der einzelnen Bezirksfürsorge k o m m i s s i o n e n wird in allernächster Zeit erfolgen. Gut Pur im! Wer Gelegenheit hatte, den vielen Veranstaltungen, die anläßlich des Purimfestes in allen Bezirken Wiens geboten wurden, beizuwohnen, müßte die wahrlich so berechtigte Klage über unsere schlechten Zeiten eigentlich für unberechtigt halten. Alle Feste, die aus diesem schönen Anlasse begangen wurden, wiesen guten Besuch auf und die Stimmung war die denkbar beste. Wesentlich beigetragen hiezu hat wohl der gute Zweck, dem sämtliche dieser Veranstaltungen dienten und der durch den schönen Erfolg derselben sehr gefördert wurde. Es ist uns natürlich unmöglich, die vielen Feiern eingehend zu besprechen, obwohl jede einzelne von ihnen hinsichtlich Programm und Arrangement eine ausführliche Würdigung verdienen würde. Nur ein Streifzug sei hier geboten, der aber zur Feststellung genügen wird, daß allerorts edle Menschen am Werke waren, um durch hingebungsvolle Arbeit die Not ihrer armen Glaubensbrüder zu lindern. Von den Veranstaltungen am Samstag abends seien besonders die Feiern des Floridsdorfer und des Währinger Frauenvereines erwähnt. In beiden Bezirken werden die Präsidentinnen (Frau Babette Rosenmann, XXL, und Frau Med.-Rat Gisela Winter, XVIII.) von tatkräftigen Frauen in ihrem ersprießlichen Wirken unterstützt. So dürfen denn auch die beiden Veranstaltungen als durchaus gelungen bezeichnet werden. Während die Floridsdorfer Feier jenen echt lokalen Kolorit hatte, den der Kenner desselben wirklich liebt, war die Währinger Veranstaltung mehr auf Humor eingestellt, der in einer wirklich guten Akademie zu seinem Rechte kam. Ganz entzückend waren übrigens in Floridsdorf, wo Herr Ludwig K e 11 n e r das Programm launig konferierte, die Tanzdarbietungen der Floridsdorfer jüdischen Kleinen, darunter namentlich des Fräulein Kettner. Geradezu großartig war die Veranstaltung, die der Döblinger Frauenverein am Sonntag nachmittags im Zögernitz seinen zahlreichen An-