Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 11 (17.3.1933)
- Date
- 1933-03-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Jetzt wird es Zeit Die SttkmiM-jnaxxotfä und das Fabrikat ..JHanfce •SdkmidLt JZ. <&." {Mazzoth, Grieß und Farwel) sind außerdem erhältlich in allen besseren Geschäften m Ihren Bedarf zu decken an den berühmten "SfganiM-JftttMxxottk n B Jlathan (ßwodetztzy | Zentrate: Wien, 2. föezirft, £eonolds&asse 43 ■ Telephone: A 461-90, A 41-9-52, A 60-2-63 5 .s Juwelen, Uhren, Gold« tu Silberwaren, insbesondere emp *bz, Sederschttsseln Menoraha, Lauchtar und Beatecke in großer Auswahl, auch Gelegenheitskäufe stets vorrätig Moritz Warkany, II., Taborstraße 14 11,1811 AI) KUE- UND BADEANSTALT WIEN IX., CLUS1USGASSE NR. 12 an der Friedensbr&cke gelegen - A. Original RDSSlSdieS Damplbad mit >^ZTD Buschenbehandlung gegen Rbeuma etc. V Gegen Vorweisung dieses Inserates S 1.30 Gefahr, daß in das als so genial bewährte, von der Gesamtbevölkerung so überaus segensreich empfundene Regierungs- und Verwaltungssystem des rassisch und konfessionell gesiebten Ariertums vielleicht einmal von befähigten Judenköpfeu eine Bresche geschlagen werden könnte! Die Gegner wollen nicht erst abwarten, ob diese Köpfe dem „entarteten" oder idem „edlen" Juden- Aus dem Deutschen Reich kommen fortwährend sehr böse Nachrichten. Es scheint, daß der Wahlsieg Hitlers seine fanatisierten Anhänger ganz in Ekstase gebracht hat und daß sie diesen Triumph auf ihre besondere Art feiern. Das wüste Treiben dieser Leute ist schon so arg geworden, daß Hitler selbst sich entschließen mußte, einen Aufruf an die S. A.- und S. S.-Männer zu erlassen, iu dem er die „Einzelaktionen", die die „Bewegung belasten und herabsetzen", verurteilt und seinen Mannen befiehlt, den „weiteren Vollzug der nationalen Erhebung" der Regierung zu überlassen, die „in ganz Deutschland die vollziehende Gewalt in Händen hat". Es war die höchste Zeit, daß der Reichskanzler in eigener Person sich zu einer solchen Erklärung herbeiließ, der hoffentlich seine Leute Folge leisten werden. Denn was sich in der letzten Woche im Reiche abgespielt hat, ist wirklich unbeschreiblich. Die entsetzlichen Vorgänge sind in den Tageszeitungen ausführlich behandelt worden, wir können uns daher hier auf eine Zusammenfassung der Aktionen beschränken, durch die besonders stark Juden betroffen wurden. Die massenweisen Verhaftungen wurden fortgesetzt und man hört von grausamen Martern, denen die Inhaftierten in den Gefängnissen ausgesetzt sind. Die „kultum angehören würden — ihre Abwehr läßt sich auf keine Unterscheidungen ein, auch nicht auf solche, die ihnen von geweihter Kanzel herab von ihren Glaubensautoritäten ins Gemüt gepflanzt werden. Bloß wir Juden sollen diese: theoretischen Differenzierungen dankbarst anerkennen, auch wenn wir von deren praktischen Auswirkungen nichts merken ... Dr. Hugo Spie gl er. turelle Säuberungsaktion" feiert wahre Orgien und ihre Opfer sind vornehmlich Juden, selbst solche, die den Ruhm Deutschlands auf dem Gebiete von Theater, Kunst und Literatur in alle Welt getragen haben. Eine neue Methode hat sich eingebürgert, nämlich die Aktion gegen jüdische Geschäfte, vor denen sich Hakenkreuzler postieren, die den Kunden unter dem Motto: „Kauft nur bei Deutschen!" den Eintritt verwehren. Derartige Vorfälle, bei denen nicht bedacht wird, daß durch die Stillegung der Geschäfte tausende christliche Angestellte brotlos gemacht werden, haben sich in allen Teilen Deutschlands, insbesondere im rheinischem Industriegebiet, aber auch in Berlin und in anderen größeren Städten des Reiches abgespielt. Man darf neugierig sein, ob die Kundmachung Hitlers auch diese Aktionen beenden wird, zumal dieser auch in einem zweiten Erlaß erklärt, daß hierdurch Schädigungen des wirtschaftlichen Lebens herbeigeführt werden. Ständig treffen auch Nachrichten von Belästigungen jüdisch Aussehender in den Straßen Berlins und anderer deutscher Städte ein. Da die Rassenkunde in dieser Hinsicht doch noch nicht ganz auf der Höhe steht, ist es bereits wiederholt zu „Mißgriffen" gekommen, die bedenkliche diplomatische Konflikte zur Folge hatten. So wird von Belästigungen amerikanischer und französischer Staatsbürger berichtet, deren sich ihre Gesandten mit aller Entschiedenheit annahmen, und ein den deutschen Faschisten besonders unangenehmes Stückchen war die Attacke auf das Auto der Gattin des italienischen Gesandten, deren südländischer Typus die Verwechslung mit einer „reichen Jüdin" leicht erklärt. Hitlers mehrfach erwähnter Aufruf nimmt auch tatsächlich Bezug auf diese Belästigungen, die, wie er sagt, „die Partei, bzw. Deutschland in Konflikt mit dem Ausland bringen". Die Liste dieser Geschehnisse ließe sich noch stark vermehren, insbesondere könnten wir noch manche glücklicherweise ohne besonderen Schaden abgelaufene Anschläge auf jüdische Gotteshäuser und jüdische Geschäfte anführen, wie sie schon zu den „Arbeitsmethoden" der Nazis gehörten, als sie noch nicht an der Macht waren. Ein besonderes Stückchen leisteten sich die Nationalsozialisten von Bochum, die auf der dortigen Synagoge eine Hakenkreuzfahne befestigten, die aber bald wieder entfernt wurde, weil diese Verhöhnung in der Bevölkerung allgemeine Mißbilligung hervorgerufen hat. Daß in Zwickau der Rathenauplatz in Wilhelmplatz umbenannt wurde, sei nur noch als besonders charakteristisch erwähnt. Die deutschen Juden, die heute praktisch aus dem öffentlichen Leben Deutschlands ausgeschaltet sind, machen schwere Zeiten durch und voll Sorge und Anteilnahme sehen ihre Brüder in aller Welt die Dinge im Reiche, zu dessen wahrer Erhebung deutsche Juden unendlich viel beigetragen haben. Gerechtigkeit ist nicht auf das Panier der Hakenkreuzler geschrieben, aber selbst eine nationale Bewegung sollte Verständnis für die Tragik dieser Menschen haben, die Gut und Blut der Ehre und dem Ansehen Deutschlands geopfert haben. Die neue Regierung, in die nun auch Goebbels Ein- Die Lage in Deutschland. Feuilleton Der Dichter Wassermann. Zu seinem 60. Geburtstag. Von Paul W i e g 1 e r. Jakob Wassermann ist in Fürth geboren. Sohn eines kleinen Kaufmannes, der eine Fabrik grüncbette, sein geringes, erborgtes Kapital in diesem Unternehmen verlor und dann sich als Agent plagte, bis er starb, und einer Mutter, die der neunjährige Knabe auf idlem Totenbett sah, einer „Schönheit, von blondem Typus, sehr sanft, sehr schwieigsam". An eine Kindheit voll Armut und Bedrücktheit erinnert Wassermann sich; und häßlich ist diese Stadt, in der er aufwächst. Zirndorf ist nahe, das „Ghetto ohne Mauern", das ihn mit Idler dumpfen Vision jenes Romans und seines Vorspiels erfüllt Aber auch Nürnberg, die Stadt des „Gänsemännchens", der alte Schauplatz, dessen Häuser und Gassen für den Vierzigjährigen aus der Stummheit zu einem großen Sinnbild deutschen Lebens, deutscher Künstlertragik erwachen wenden. Günzenhausen, der Ferienort des Schuljungen, das hügelige Franken, das ihm den Begriff einer heimatlichen Natur gibt und mit Tälern, Dörfern und Schlössern in seiner Prosa oft noch wiederkehrt. Und Ansbach, mit Nürnberg die Kulisse seines Menschenromans „Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens". Nach Würzburg führen ihn diese Jahre der. Not, der Einsamkeit, der verzweifelten Suche, in den Schwarzwald, durch den der brotlose Bürogehilfe' irrt. Es isit der Sommer 1894; unidl in dieser pathologischen Lebensangst entsteht die erste Novelle, die Wassermann veröffentlicht, „Finsternis". Er bleibt dann in München, wohin er schon einmal geflohen ist, nächtigt in einem Mansardenloch und hungert. Bis er Sekretär bei Ernst von Wolzogen wird, der an sein Talent glaubt und für ihn wirbt, und bis er, Mitglied einer unbürgerlichen Boheme, in den Kreis des „Simplicissimus" eintritt. In München schreibt er die „Juden von Zirndorf" und beginnt die „Geschichte der jungen Renate Fuchs", mit d!er sein Name durchdringt. Aber das Echo in den Zeitungen unid) beim Publikum verwirrt ihn, und er fürchtet für sein Werk. Er übiersiedelt nach Wien. Der „Moloch" ist die Porträtierung der Gesellschaftsschicht, in die er hier als Außenseiter gerät. Indes schon ist er entschlossen, seine erzählerische Technik gänzlich umzuformen. Von nun an ringt er, die Meister der Weltliteratur studierend, mit beharrlich glühender Leidenschaft mach allgemeingültigen Gesetzen seiner Kunst Der „Alexanldier in Babylon", ein Traum von ferner Historie wie Flauberts „Salammbo", und die drei Novellen „Die Schwestern" sind 1905 und 1906 die Erzeugnisse dieser Epik, zu der Wassermanns Dichtertum' reift. Im „Caspar Hauser", im Zyklus des „GoltJenen Spiegels", ini „Gänsemännchen" ist überfließend© Schau. Und allenthalben schwingt in ihr ein musikalisches Element mit, die Harmonie der österreichischen Landschaft, in der Wassermann um die Jahrhundertwende sich niederläßt. In dler Steiermark, in Aussee, hat er (dlann ein Haus. Diese Berge werden Szenerie schon für Seiten des „Goldenen Spiegels". Nicht Immer zwar schenken ihre erhabenen Linien die Heiterkeit des Sommers. „So dicht bei der Natur zu wohnen", sagt er in den „Selbstbetrachtungen", „heißt, der ganzen Härte ihrer Launen preisgegeben zu sein; der Wald, der Fels, der See haben viele Gesichter, und nicht immer freundliche; wenn im Herbst die frühen Nebel eintreten, wenn' in den Märznächten das Eis birst mit Lauten wie von einem kranken Riesen, wenn nach vieltägigem Regen die Wasser von den Gipfeln rinnen, wenn die Dezemberstürme das Haus in seinen Grundfesten erzittern lassen, da scheint alle Bindung zwischen mir und Idter Menschenwelt zerrissen." Die gewollte Abgeschiedenheit der Konzentration wird mit Unruhe und Kämpfen erkauft. „Vorarbeit", so bezeichnet Wassermann seine Produktion noch bis zum „Erwin Reiner", bis zum „Gänsemännchen", bis zum „Christian Wahnschaffe". Er ist — und hat es 1920 im „Unbekannten Gast" verraten — der Grübler, der sich niemals genug tut. Kein Produktiver kann mehr fragen, kann sich strenger richten als er. Er hat sich mit der Herkunft seiner Gestalten beschäftigt, mit idlem Umfang seiner Erfindung. „Zunächst", das ist seine ästhetische Selbstbegrenzung, „mußte ich eine unangreifbare Wirklichkeit vor mir haben, eine bereits gegebene Tatsachenwirklichkedt, die als Gerüst dienen konnte, die war dann in der Anschauung zu verwandeln". So wird ihm noch der Hau-Prozeß Keimzelle zu seinem überwältigenden Justtizroman, dem „Fall Maurizius". Er hat erklärt, daß er nicht eigentlich ein Beobachter sei. Aber er zaubert das rohe Stoffliche um mit dem Vermögen, das er nur aius sich hat, mit dem Trieb, zu fabeln. „Da war", so hat er das in seiner Legende vom „Aufruhr um den Junker Ernst", der balladenhaften Novelle aus dem Würzburg des Barock, beschrieben, „leine Kraft in ihm, der er sich nur anzuvertrauen brauchte, ein Hinströmen, und er