Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 11 (17.3.1933)
- Date
- 1933-03-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 40 Groseben Jüdisch Die Wahrheit Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien 11., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 49. Jahrgang Wien, 17. März 1933 Nummer 1! OPTIKER M. SCHÄCHTER, II., GUNlKIlgasse 25 Genaueste Ausführung von Rezepten » Große Auswahl an modernen Fassungen»Samstag geschlossen Bei Berufung auf dieses Blatt 5 Prozent Rabatt t Juwelier Österreicher hat seine Verkaufsräume Kein System in der Entartung SS Während die jüdische Presse Wiens über alles Gegensätzliche in der politischen Anschauung hinweg einig war in dler Abwehr der im Linzer Hirtenbrief ausgesprochenen Verleumdung gen des Judentums, hat es das Organ der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, die Berliner „Jüdische Rundschau", für gut befunden, den österreichischen Juden in idfiesem, ihnen aufgedrängten Kampfe in den Rücken zu fallen. Das BMt gibt zwar zu, daß die Einwände, die jüdischerseits gegen die Ausführungen des Bischofs Gföllner erhoben wurden, berechtigt sind, fährt aber zur großen Genugtuung der Wiener „Reichspost" fort: „Auf der anderen Seite aber muß auch zugegeben werden, daß, jüdisch gesehen, der Grundgedanke dieses Hirtienbrief es einen fruchtbaren Kern enthält. Denn in dler Tat kann ein Judentum, das von seinem Mutterboden und Volkstum losgelöst ist und das man in eine seelische und kulturelle Haltlosigkeit hineinzwingt, zu einem Faktor kultureller Negation werden. Dies ist aber nicht eine Folge Sites Judentums, sondern eine Frage der Zersetzung des Judentums durch die Assimilation." Das zionistische Blatt will also allen Ernstes glauben mächen, daß der katholische Kirchenfürst, dem diö mittelalterliche Entrechtung! der Juden und ihre Einsperrung in Ghettis als das Idteal erscbedorO, zu dem er sich offen bekennt, nur einen Kampf gegen die — Assimilation vorhat. Vergessen sind die Widerstände, die dem Neuaufbau eines jüdischen Palästina gerade von der kaitholischen Kirche entgegengesetzt werden, vergessen die Rolle des katholischen Patriarchen von Jerusalem Barlessina, den Lessing in seinem „Nathan"- Drama vorausgeahnt zu haben schein*! Während man sich bisher einigermaßen über die Heftigkeit des ganz unmotivierten Ausfalles gegen die „entarteten, gottentfremdeten Juden" verwunderte, findet die „Jüdische Rundschau" den Schlüssel zu dem Problem, das der Linzer Bischof in seinem Hirtenbrief angeführt hat, in der Erfahrung, „daß idter jüdische, sein Judentum hervorkehrende Jude im allgemeinen schlechter gestellt wird als der das Judentum verleugnende." Selbstverständlich! Was könnte den Grimm eines Würdenträgers der katholischen Kirche wirklich mehr erregen, als die Erkenntnis, daß der Tauf judle höher gestellt wird, als der seinem Glauben getreue? Kann es etwas Ueberzeugenderes geben als die Auffassung, daß ein österreichischer Bischof hierin 991 Wandel zu schaffen als Herzensbedürfnis empfindet? Man soll es einem zionistischen Organ nicht verargen, daß es auf seinem Propagandafeldzug für den jüdischen Nationalismus Bundesgenossen zu akQunieren sucht, wo immer es solche finden zu können hofft. Aber der Bischof Gföllner erscheint zu dieser Rolle weder subjektiv noch objektiv geeignet. Wenn ies ihm mit der vielzitierten Unterscheidung zwischen „entarteten" Juden uncJ nicht entarteten auch ernst sein sollte, dann hat er als dlas Kriterium der Entartung doch ganz bestimmt nicht ausgerechnet die Stellung des einzelnen Juden zum Zionismus in Betracht gezogen. Wfei wenig aufrichtig in sachlicher Beziehung der Beifall war, den die „Reichspost" dten Ausführungen der „Jüdischen Rundschau" gezollt hat, erhellt aus der entgegengesetzten Haltung eines anderen christlichsozialen Organs, des „Neuigkeits-Weltblaittes", das der bischöflichen Kritik an dem „entarteten" Judentum ausdrücklich beipflichtet und dlabei die Ansicht verficht, daß sich diese Kritik gegen das — Ostjudentum, das sich ins Europäertum nicht einfügen wolle, nicht aber gegen das bodenständige Judentum richte! Wer soll sich da auskennen? Wenn schon die katholischen Kreise nicht zu einer einheitlichen Auffassung dessen, was der Linzer Bischof eigentlich will, gelangen können, wie sollen wir Juden, in der kirchlichen Terminologie weniger bewandert, zur richtigen Erkenntnis kommen, wen von uns eigentlich die Verdammnis (dler „Entartung" und „Gottentfremdung" treffen soll? Auch das Verhalten jener Politiker, die man wohl als die weltiichen Exekutivorgane des Willens der Kirche betrachten darf, liefert uns keine entsprechende Aufklärung in diesem Punkte. Der Hirtenbrief wendet sich ausdrücklich gegen die „gottentfremdeten" Juden. Man müßte demnach glauben, daß die frommen Juden, die mit Schläfenlocken und Kaftan schon äußerlich ein nicht zu übersehendes Bekenntnis ihrer Gotites- und Glaubenstreue ablegen, die ganz besondere Hochachtung der klerikalen Katholiken genießen. Warum dann nur wohl die christlichsozialen Blätter, die, wenn sie einen Juden verächtlich machen wollen, ihn mit Schläfenlocken und Kaftan abbilden, auch wenn er sich dieser Tracht m Wahrheit niemals bedient? Man muß uns dSes schon zugute halten, wenn es uns gegen die vom Linzer Bischof geübte Unterscheidung zwischen Schafen und Böcken mißtrauisch macht. Am allerwenigsten Grund aber hat Herr Kunschak zur Entrüstung darüber, daß wir Juden den Hirtenbrief in Bausch und Wien I.» Graben 7, eröffnet. Im Lokale WipplingorstraSo 29 werden bis auf weiteres zurückgesetzte Warer» zu RSumtingspreisen abverkauft. S. ZEIX, IL, Franz Hochedlingergasse 21;: Atelier für feinste Herreng arderobe. Gebe hiemit meine Ubersiedlung von I„ Opernring 15 bekannt und ersuche um zahlreichen Zuspruch. Bogen ablehnen und die darin gezogenen Grenzlinien zwischen Gut und) Böse mißachten. Wann und wo hat denn Herr Kunschak selbst die feinen Differenzierungen des Bischofs Gföllner in der Praxis anerkannt? Etwa beim Abbau der Judenstämmlinge in der Creditanstalt? Diesem Abbau ist auch ein jüdischer Direktor zum Opfer gefallen, der seine Kirtdter im katholischen Glauben und in christlichen' Klosterschulen erziehen läßt. Ein solcher Mann repräsentiert nach unserer Auffassung gewiß einen entarteten jüdischen Typus. Aber stimmen seine Eminenz und Herr Kunschak mit unserem Urteil überein? Wir bezweifeln das — trotzdem wurde der jüdische Vater christlicher Kinder abgebaut. Wen trifft also der Vorwurf, d(aß kein Unterschied zwischen Jud und Jud gemacht wird, eher: uns oder die Gegenseite? Auch sonst vermissen wir im Feindeslager jede Differenzierung. Da haben jüngst die christlichsozialen Blätter einen neuen Beweis des „zersetzenden" jüdischen Geistes aufgedeckt: diö Verjudung der Wiener Mittelschulen. Man denke: An allen Wiener Mittelschulen zusammen studieren 20.109 Katholiken nnd 6363 Juden! Ein Drittel der Gesamtzahl der Wiener Gymnasiasten ist jüdisch! Der Herr Bischof Gföllner kann triumphieren: Bedarf es noch eines schlagenderen Argumentes, um die Verwerflichkeit der Juden zu dokumentieren? Niemandem fällt es ein, den sieghaften Willen der Judlen zu loben, sich durchs Studium ins Eu rapäer tum einzugliedern, was doch nach Ansicht des „Neuigkeits-Weltblaittes" der Linzer Hirtenbrief erstrebt. Niemand denkt daran, daß das Monopol der klerikalen Cevauer und der Arier im allgemeinen auf alte Staatsanstellungen die praktischen Ziele des jüdischen Studiums von Haus aus illusorisch macht, so daß wirklich nur geistiges Streben die Juden zur höheren Schulbildung zieht. Den Gralshütern des Antisemitismus bietet der Andrang der Juden zu den Stätten des Wissens und der Bildung nur einen willkommenen Anlaß zur Anlage einer neuen Judensfiatistik. Einmal erscheint eine Statistik jüdischer Namen, deren Träger sich gegen das . famose Valutengesetz vergangen haben sollen: dann wieder erscheint eine Statistik jüdischer Namen, deren Träger die Wege zu höherem Geistesleben überfluten. Differenziert jemand zwischen diesen beiden Stotistiken? Die Antisemiten bestimmt nicht. Sie verfolgen mit beiden Tabellen nur einen und denselben Zweck: Ihren Gläubigen die Größe der „Judengefahr" anschaulich zu machen, das heißt die Größe der