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Die Wahrheit · 1933-03-10 · Heft 10 (10.3.1933) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 10 (10.3.1933)
Date
1933-03-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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ein Dorn im Auge ist. Unter der absurden Verdächtigung, daß es sich hier um eine „kommunistische Hilfsorganisation" handle, die „hochverräterische Beziehungen zum Auslande" unterhalte, wurde natürlich mit Heranziehung der fabelhaften „Hilfspolizei" (sprich: S. A.-Leute) eine Hausdurchsuchung vorgenommen, die stundenlang dauerte, ohne auch nur irgendwie belastendes Material zutage zu fördern. Der „Völkische Beobachter", der sich überhaupt merkwürdig informiert über die Vorgänge bei dieser Hausdurchsuchung zeigt, wie wenn ein Vertreter dieses nunmehrigen Regierungsblattes bei der amtlichen Maßnahme persönlich anwesend gewesen wäre, kann seinen „entrüsteten" Lesern nur ein bereits vor mehreren Jahren erschienenes Bild als „wichtigen Fund" bei der Durchsuchung reproduzieren, das sich in karitaturistischer Weise gegen die Hakenkreuzbewegung wendet. In welchem Hause sind solche und ähnliche Bilder nicht heute, da die bildliche Persiflage zum Um und Auf des politischen Kampfes gehört, nicht ebenfalls vorhanden? Wenn jeder Besitzer eines solchen Bildes ein „Hochverräter" ist, dann hätte Herr Hitler viel zu tun, um diesen „Hochverrat" auszutreiben. Das Ergebnis der sicherlich mit größter Strenge durchgeführten Untersuchung war also recht mager und auch die insbesondere von der Hakenkreuzpresse mit Eifer verbreiteten Nachrichten über Verhaftungen bei dieser Gelegenheit bewahrheiteten sich nicht. Es mußten lediglich zwei Beamte des Vereines nach der Untersuchung auf dem Polizeikommissariat weitere Auskünfte erteilen und konnten nach Abgabe ihrer Erklärungen ungehindert nach Hause gehen. Seither aber haben die Nazis auf den Centraiverein ein sehr wachsames Auge geworfen, ja in Thüringen ist er sogar unter der gleichen Scheinmotivierung, die auch Anlaß zur Hausdurchsuchung bot, verboten worden. Auch im Lokal des Kartells jüdischer Verbindungen wurde kürzlich eine Hausdurchsuchung vorgenommen, die keinerlei Anhaltspunkte irgend einer politischen Tätigkeit des Kartells ergab. So sehen wir, daß nunmehr auch'das Judentum, das bisher in seiner Gesamtheit wenigstens von dem Groll der neuen Herrschenden verschont blieb, schärfer angepackt wird. Es bleibt zu hoffen, daß es sich hier nur um vorübergehende Maßnahmen, geboren aus der Stimmung dieser Gewalttage, handelt Reichsminister G o e r i n g sagte tatsächlich vor kurzem zu dem ihn ausfragenden Sonderkorrespondenten der Stockholmer „Svenska Dagbladet": „Wenn sich die Juden loyal verhalten und ihren Geschäften nachgehen, hat niemand etwas zu befürchten. Aber wir wollen sie nicht in der Leitung des Reiches haben und werden sie dort nicht tolerieren." Ein Dementi dieser Aeußerung des Reichsministers Goering ist nicht erfolgt. Und so gewinnen Mitteilungen, daß auch von anderer hoher amtlicher nationalsozialistischer Stelle beruhigende Erklärungen nach dieser Richtung hin abgegeben worden sind, an Wahrscheinlichkeit. Diese Meldungen werden sogar dahin erweitert, daß im Zusammenhang mit der Durchsuchung des Büros des Centraivereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens Minister Goering die Leitung des Zentralvereines zu sich gebeten habe und daß bei dieser Gelegenheit die Mißbilligung des Vorganges selbst und im Anschluß daran beruhigende Erklärungen erfolgt seien. Es ist auch bezeichnend, daß der „Völkische Beobachter" sich über im Ausland kursierende Gerüchte betreffend Pogromdrohung in Deutschland empört geäußert und erklärt hat, es sei für derartige Behauptungen „auch nicht der Schatten eines Beweises vorhanden". Schließlich muß eben jeder vernünftige Mensch loyalen Erklärungen Glauben schenken, wie sie z. B. der Centraiverein abgab, der nach der Hausdurchsuchung in seinen Büroräumen folgendes enunzierte: Der Central-Verein ist die Vereinigung der deutschen Juden, deren Aufgabe die Bekämpfung des Antisemitismus ist Diesen Kampf führt der Central-Verein im vollen Lichte der Oeffentlichkeit und ausschließlich auf legalem Wege. Die Druckschriften des Centrai-Vereines sind in vielen tausend Exemplaren der deutschen Oeffentlichkeit immer zuganglich gewesen. Aus der grundsätzlichen Einstellung des Centrai-Vereins, die ihm die unbeirrte Pflege der deutsch-vaterländischen Gesinnung und die kraftvolle Verteidigung der jüdischen Religion gegen jegliche Angriffe zur Pflicht macht, ergibt sich die Unmöglichkeit jeder Verbindung mit kommunistischen Zielen. Wir weisen jede Behauptung eines wie immer gearteten Zusammenhanges mit jeder Staats- und religionsieindlichen Bewegung voll Entrüstung zurück. * * :£ Der Sieg Hitlers hat, wie nicht anders zu erwarten, die österreichischen Nationalsozialisten ganz rebellisch gemacht. Sie kündigen den Einmarsch von 150 reichsdeutschen Agitatoren an, gegen welche unliebsame Invasion die Regierung sich zur Wehr setzen will. In ihrer Siegesversammlung am Montag, die ausgerechnet im II. Bezirk stattfand, überboten sich die einzelnen Redner an blutrünstigen Phrasen, die hauptsächlich gegen die Juden gerichtet waren und ihren Widerhall in den obligaten „Juda verrecke"-Rufen beim Abzüge der Helden durch die Leopoldstadt fanden. Die Herren müssen, um ihren eigenen antisemitischen Kram besorgt, so stark dessen Gediegenheit preisen, weil immer mehr die christlichsoziale Konkurrenz Anstrengungen macht, sie auf diesem Gebiete zu überflügeln. Herr Kunschak hat sich da neuerlich zum Worte gemeldet und den „Antisemitismus der Tat" der Christlichsozialen rühmend gelobt, dem doch die Hakenkreuzler wenigstens einen „Antisemitismus des Maules" entgegensetzen müssen. Es gibt aber auch einen Antisemitismus des Gesanges und dem ist — hoffentlich unabsichtlich — die Wiener Ravag am Sonntag abends bei der Berliner Uebertragung der Wahlresultate verfallen. Die Zwischenzeit während der Verkündung dieser Siegesmeldungen benützte der Berliner Rundfunk zur Wiedergabe rauschender völkischer Hymnen, die den auch sonst sehr scharf machenden „Kampfruf am Montag" zu folgender ironisch-f rohlockender Feststellung veranlaßten: „Da möchte man doch aus der Ganseihaut fahren, die ein ehrlicher Hebräer bei solchen Klängen bekommt. Bleibt nur noch, daß der Sprecher sich an die mosaische Hörerschaft wendet mit der sanften Warnung: Vergessen Sie nicht, die Gashähne aufzudrehen!" Die Ravag wird kaum Lust haben, in diesen Kampfruf einzustimmen, der in Wahrheit ein M o r d r u f ist, würdig den Berliner Gewaltmethoden, denen in den letzten Tagen auch Juden zum Opfer gefallen sind. Die Versprechung Hitlers, daß es zu keiner „Bartholomäusnacht" kommen werde, wurde zwar gehalten, gleichzeitig aber meldet der tpezialhaus für Lackmöbel Küchen, Vorzimmer, Kinderzimmer und Wohnzimmer FERDINAND KOHN WIEN II., TA BORSTRASSE 22 TELEPHON R 40-7-14 Samstag geschlossen nüchterne Zeitungsbericht zwei besonders krasse Fälle, die, weil sie symptomatisch für das Geschehen im neuen Deutschland sind, hier ohne Kommentar wiedergegeben seien: Berlin. An der Ecke der Schiller- und Grolmanstraße in Berlin-Charlottenburg wurde der 26jährige Günther Falkenstein, ein Jude, Sohn des Zahnarztes Louis Falkenstein aus Charlottenburg, von einem vorbeikommenden Chauffeur, in einer Blutlache liegend, bewußtlos aufgefunden. Man brachte ihn sofort ins Westend-Krankenhaus, wo die Aerzte nur noch den Tod feststellen konnten. Ein Messerstich hatte ihm die Halsschlagader durchschnitten. Die Mordkommission der Politischen Polizei nahm die Ermittlungen auf. Unter dem Verdacht der Beteiligung an der Bluttat sind zwei Charlottenburger Arbeiter, Hans Bauman und Adolf Preuß, festgenommen worden. Wie dem JTA-Vertreter aus dem Elternhause des Ermordeten versichert wird, hat sich-dieser niemals politisch betätigt. Politische Motive können also für den Mord nicht in Betracht kommen, vielleicht aber antisemitische Motive; darüber werde erst die Untersuchung Klarheit schaffen können. Beuthen. Der 53jährige Altwarenhändler Joseph Steiner wurde hier hinter der Eingangstür seiner Wohnung mit einem Kopfschuß tot aufgefunden. Die Täter sind unbekannt entkommen. Nach einer verläßlichen Darstellung soll in der Nacht ein Trupp von Leuten in S.-A.-Uniform in Steiners Haus eingedrungen sein. Steiner habe nachts um 1 Uhr seine Tür auf wiederholtes Läuten und Pochen geöffnet; er sei von einem Mann durch einen Kopfschuß getötet worden. Die Täter hätten dann sofort das Haus verlassen. Ueber die Motive der Tat herrscht völliges Dunkel, daSteinerwederpolitischnoch sonst hervorgetreten war. Die Judengesetzgebung der Kaiserin Maria Theresia und das Toleranzpatent Kaiser Josef IL Festrede des Präsidenten Dr. Jakob Ornstein. Schlußwort. Kaiser Josef hat in dem letzten, dem 25. Punkte des Toleranzpatentes selbst hervorgehoben: „daß durch die in dem Patente angeordneten „Begünstigungen" die jüdische Nation in Absicht auf ihre Nahrungswege und den Genuß der bürgerlichen und häuslichen. Bequemlichkeiten anderen fremden R ''"äonsverwandten beinahe gleichgesetzt wird"; allein m«. - Mangel der vollständigen Oleichstellung zeigt sich noch mehr in den Schranken der Duldung. Insbesondere diese letzten Bestimmungen legen die Frage nahe, warum ein Mann wie Kaiser Josef die Schranken, die seine Mutter so eng gezogen, zu einem großen Teile fortbestehen ließ. Kaiser Josef hat, wie bereits an anderer Stelle ausgeführt wurde, als Kind seiner Zeit, als Kind seiner Mutter gehandelt und als ein Regent, der mit denselben Staatsmännern arbeitete, welche auch die Ratgeber seiner Vorgängerin in der Regierung waren, aber trotzdem hat Kaiser Josef, seiner Zeit weit vorauseilend, in dem Patent auch die „Begünstigungen" aufgenommen, durch deren Anordnung er seinen jüdischen Untertanen bedeutsame, für die Entwicklung des österreichischen Judentums segensreich wirksame Rechte gewährte und so müssen wir dankbar anerkennen, er hat Großes geschaffen und dürfen wohl annehmen, daß der von den Schranken der Duldung handelnde Teil wohl nicht ganz der eigenen Auffassung des Kaisers, die in den Begünstigungen so voll zur Geltung gelangt, entspricht. Es hat zu jener Zeit in Berlin ein großer Jude gelebt und ein großer König, ein König, der von sich sagte, daß in seinem Staate jeder nach seiner Fasson selig werden könne. Dieser große Jude war Moses Mendelsohn, dessen Name weit hinaus über die Grenzen Deutschlands unsterblich geworden ist, vor dessen Geistesgröße sich der deutsche Philosoph Immanuel Kant beugte. Vor dem großen Preußenkönig Friedrich mußten seine französischen Freunde durch Jahre bitten und betteln, bis er sich endlich entschloß, dem Juden die Schutzjudenschaft zu verleihen, aber den Eintritt in die Akademie der Wissenschaften hat er ihm hartnäckig verwehrt. Jedoch die Geschichte hat diesen großen Juden in die Akademie der Unsterblichen aufgenommen. Kann man sich nun wundem, wenn Kaiser Josef sich nicht ganz vom den Traditionen seiner Zeit losmachen konnte? Kaiser Josef war in seiner Geistesgröße und in seinem Edelsinn ein •ungestümer Reformator, aber er glaubte wohl auch, der seit Jahrhunderten feindlichen Einstellung der christlichen Bevölkerung gegenüber der Judenschaft Rechnung tragen zu müssen. Treffend kennzeichnet ein unbekannt gebiebener Regierungsbeamter im Jahre 1807 das Patent, im strengsten Verstände genommen, als Schonung des philosophischen Kaisers für die Vorurteile seines Volkes (Pfibram D, I. P/XVII). Diese Kennzeichnung trifft voll und ganz auf den von den Schranken der Duldung handelnden Teil zu. Im letzten Punkt seines Toleranzpatentes richtet Kaiser Josef weiters an die Judenschaft das Wort, „daß er sich ihrer Pflicht unld Dankbarkeit versehe". Die Juden haben diesem Appell gerne und willig Folge geleistet. Und wenn uns heute unser Weg vor dem Standbilde dieses unsterblichen Regenten auf dem Josefsplatze in der alten Wiener Hofburg vorüberführt, so ist es uns. als wollten wir ihm mit unserem Blick danken für das Große, das er unseren Altvorderen erwiesen hat und als würde seine Hand, die er zum Segen über seine Völker ausstreckt, auch unseren Vorfahren, diesen verachteten, geknechteten und bedrängten Menschen, diesen Parias der menschlichen Gesellschaft den Segen spenden. Und es durchzuckt uns, als sollten wir unser Haupt entblößen und unser Knie beugen, in tiefer Dankbarkeit für das unvergängliche Werk, durch welches er sich in jedem jüdischen Herzen ein Standbild aere perenius geschaffen hat. Wir haben aber auch durch treue Erfüllung unserer vaterländischen Pflicht, für das Gedeihen und die Wohlfahrt des einst so .großen und nun so klein gewordenen Oesterreich rastlos und unermüdlich zu schaffen und zu wirken, unsere. Dankesschuld abgetragen. Wir können mit Stolz sagen, es gibt kein Gebiet des menschlichen Schaffens, auf dem wir uns für unser gemeinsames Vaterland nicht gerne und willig in Anerkennung der gleichen Verpflichtung und auch über diese hinausgehend, in die Reihen unserer andersgläubigen Mitbürger gestellt haben. Der Sitzungssaal der Wiener Kul'tusgemeinde ist geschmückt durch die Bilder jener Männer, die zu Ende des 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mitgewirkt haben, aus dem damals armen agrarischen Oesterreich einen Staat des industriellen Aufschwunges zu machen. Und auch seither standen wir in Handel

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