Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 10 (10.3.1933)
- Date
- 1933-03-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064350-3064360--19210-3084323- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Dg WAHRHEIT Seite 3 —'--am-a-TMi TILL ER f, WIEN VII., MarlahllffrslraBe 22, Tel. B 33-3-14 Herren- und Damenkleider fertig und nach HaB, von der billigsten bis snr feinsten Atufohrurijj fler're'riiijpdeartikel u. Her* ensrtsche Lieferantin der isräelitüchen Knltnsgemeinde der Freiheit gedeihenden Kultur! Und darum vor allem: Nieder mit den Juden! „Gedenke, was Amalek dir angetan auf dem Wege, da du aus Aegypten zogest!" Wohlgemerkt! Es heißt nicht auf dem Wege, da du zogest in das Land Israel, sondern da du zogest . „aus Aegypten". Der Zug des Hebräervolkes nach Kanaan bildete für Amalek nicht das Aergernis, sondern sein Auszug aus Aegypten, sein eigenmächtig vollbrachtes Befreiungswerk. Das empörte Amalek. Dagegen mußte er den Kampf aufnehmen; denn er, Amalek, war der Beschützer der Gewalttätigkeit und der Anwalt der Menschenknechtung. Deswegen wird der Kampf gegen Amalek in der Thora eingeschärft mit den Worten: „Krieg für Gott gegen Amalek!" ' * * * Ein Enkel Amaleks war Haman. In seiner tiefsten Seele hatte Haman gar keine Ursache, die Juden zu hassen; sie haben weder ihm noch seinem Weibe Seresch oder einem seiner zehn Söhne irgend ein Leids getan. Allein er hatte eine angeborene und ererbte Abneigung gegen — zu viel Freiheit. Das Edikt des Königs, daß jedermann, wie in der Megilla zu lesen ist, „Herr in seinem Hause sei", das machte ihn zum (zorer ha-Jehudim) Todfeinde der Juden. Daß die Polizei nicht ohneweiters in die Häuser eindringen und Hausdurchsuchungen vornehmen dürfe, das schien ihm gegen die staatliche Autorität zu streiten. Insbesondere aber, daß jedermann das Recht haben sollte, „die Sprache seines Volkes zu reden", seiner von den Vätern her treu bewahrten Art zu leben, das schien ihm eine Gefahr für den Bestand des Staates. Das Reieh hatte „127 Provinzen", und wenn jedes Kronland seine eigene Sprache und Ueberlieferung behielte, wie sollte dabei die Einheit des Staates bestehen? Auf eine Aenderung dieses liberalen Systems zielte sein Streben. Um das Vaterland vor dieser Gefahr zu retten, mußte vor allem eine strenge Autorität hergestellt werden. Die Untertanen haben sich vor den Großen des Reiches, vor den Inhabern angestammten Herrentums zu beugen. Man muß das Volk an Zucht und Ordnung gewöhnen, damit es gehorchen lernt. In der Tat (w'chol awde hamelech), die Hofschranzen hatten sich bald gefügt, die Hochgeborenen lagen vor dem Verkörperer der Staatsgewalt im Staube. Nur der Jude Mordechai wollte seine Menschenwürde nicht verleugnen. Er kniet nur vor Gott und nicht vor einem Menschen. So drängte sich Haman die Ueberzeugung auf, daß die Juden eine Gefahr für die autoritäre Ordnung bilden; sie wollen immer aufrecht gehen und sich nicht beugen. Sind aber einmal die Juden beseitigt, dann wird es viel leichter sein, die Völker zu disziplinieren, die alte Zucht und Ordnung wieder zu befestigen. Haman und Amalek sind die Vorkämpfer des Prinzips der Knechtschaft, der Untertänigkeit, das in dem Mitmenschen nicht den gleichberechtigten Bruder erkennt, sondern ein minderwertiges Geschöpf sieht, das zum Gehorchen und zum Dienen da ist. Der Kampf gegen Amalek und Haman ist darum ein Kampf nicht gegen Personen, sondern gegen eine völkerverderbende Weltanschauung und Politik, ein Kampf um Freiheit und Menschenwürde. Und den Sieg in diesem Kampfe verheißt uns das Wort: „(mochau emche) Vertilgen werde ich das Andenken Amaleks unter dem Himmel". » « Von Mordechai heißt es in unserer Megilla: .,Ein jüdischer Mann wohnte in der Residenzstadt Schuschan, sein Name war Mordechai". Das klingt so, als wäre Mordechai der einzige Jude gewesen, der in der Residenzstadt Schuschan wohnte. Später aber lesen wir: „Geh', versammle alle Jehudim, die sich in Schuschan finden." Somit hatte Schuschan eine größere jüdische Bevölkerung. Auffallend ist noch ein anderer Umstand. Neunzehnmal kommt in der Megilla der Name Schuschan vor. Allein bald — etwa zehnmal — heißt es: die „Residenzstadt Schuschan" bald wiederum einfach „die Stadt Schuschan". Offenbar muß man da unterscheiden zwischen der königlichen Residenz und der Stadt Schuschan u\s solcher! Pie. Residenzstadt war für sich allein abgeschlossen. Dort 'wohnte der König, wohnten seine Minister, Hoibeamte, die Aristokratie, vielleicht auch einige reiche Bürger. In diese geschlossene Residenz durfte offenbar kein Jude hinein. In der „Stadt Schuschan'* wohnte das gewöhnliche Volk, wohnten die Kleinbürger, die Arbeiter, die Proletarier und die Juden. Wenn in der Megilla von Juden die Rede ist, wird niemals die „Residenzstadt Schuschan" erwähnt, sondern nur die „Stadt Schuschan". Als das von Haman erwirkte Edikt zur Ermordung der Juden unterzeichnet wird, lesen wir (3, 15): „Das Gesetz wurde erlassen „in der Residenzstadt Schuschan" und sogleich heißt es: „Und die Stadt Schuschan war verstört, in tiefer Trauer." In der Residenzstadt wohnte somit kein Jude — bis auf einen einzigen, Mordechai. Allerdings war es ein ausgezeichneter Mann, von hoher Bildung, ein hervorragender Sprachenkenner (bilschon), ein bedeutender Diplomat, aus einer Aristokratenfamilie. Allein, alJss das hätte ihm nichts genützt. Die Hauptsache war: man wußte nicht, daß Mordechai Jude war. Wir lesen (3, 4): „Die Diener erzählten es dem Haman, um zu sehen, ob sich die Worte Mordechais bestätigten; denn er sagte ihnen, daß er ein Jude sei." Hieraus geht hervor, daß sie die Mitteilung von seiner Zugehörigkeit zum Judentum mit einer gewissen Skepsis aufgenommen hatten, weil sie in der Residenzstadt die Anwesenheit eines Juden nicht vermuteten. Eine historische Reminiszenz. Als 1878 von der Spitze des Rathausturmes in Budweis der vergoldete Knauf zum Zwecke der Ausbesserung herabgenommen wurde, da fand man in ihm eine Denkschrift, in der angegeben ist, daß dieser Knauf aufgesetzt wurde im Jahre 1774 unter der Regierung der Kaiserin Maria Theresia. Dieses Jahr, heißt es in der Schrift, war in zweifacher Hinsicht ein Jahr des Glückes für die Stadt. Erstens war die Moldau ausgetreten und hatte ringsherum furchtbare Verheerungen angerichtet. Doch diese Stadt blieb un- In- und ausl. Modeneuheiten En gros En detail ™!TÄ? FRANZ NEUMANN, f., Concordlaplatz S versehrt. Zweitens hatte in ganz Böhmen eine Epidemie gewütet, die schreckliche Opfer forderte, — an dieser Stadt zog sie schonend vorüber. Doch, so fährt die Denkschrift fort, wurde in diesem Jahre die Stadt von einem anderen schweren, schmerzlichen Mißgeschick heimgesucht. Denn diese Stadt hatte sich seit Jahrhunderten des Rechtes erfreut, daß innerhalb ihrer Mauern kein Jude über Nacht verbleiben durfte. — In diesem Jahre aber kam plötzlich einer aus diesem Volke mit einem Privilegium, sich hier niederzulassen und einen Hauptverlag für den Verschleiß von Tabak und Stempeln hier zu eröffnen. Unbeschreiblich — so fährt die Urkunde fort — war die Aufregung, der Zorn, die tiefe Trauer der gesamten Bürgerschaft. Der ganze Klerus, die Beamten und die Bewohnerschaft dieser Stadt überreichten eine Beschwerde beim hohen Gubernium zu Prag. Ja eine Deputation aus den Aeltesten der Stadt begab sich nach Wien und rief kniefällig die Gnade und den Schutz der hohen Kaiserin an, unsere Stadt von dieser schweren Landplage zu befreien. Es war alles umsonst. Das einmal erteilte Privilegium war nicht mehr umzustoßen. CNODPIC AVSWAHl BILUOSTf E pplP 0 S.«3 #V V 1EPMCK VWBANOE MODcuTorrr, »cami NUR l,DÄBfnNPIAUKTK-M '.!. ~ . , ' ~ ~ Eine solche Durchbrechung alter Schranken, wie sie sich also hier — und wie oft noch Jahrtausende später wiederholt hat, mußte Haman in seinem angeborenen Hasse gegen die Juden nur bestärken. Und dieser Mordechai wollte sein Judentum nicht verleugnen; bei aller hohen Bildung, bei seinen großen Sprachkenntnissen war er doch am meisten stolz auf seine jüdische Abstammung und er verweigerte dem Reaktionär und Judenfeinde die übermütig geforderte Kniebeugung, mit dem Hinweis auf seine Zugehörigkeit zum Judentum. * a Ein lehrreiches Wort lesen wir im Midrasch. Als der Schlaf dem Könige von den Augen wich und er unruhig im Bette lag, da ließ er die Chronik der Denkwürdigkeiten Persiens bringen. Und da heißt es: „Sie wurden gelesen vor dem König." Der Midrasch fragt: „Warum heißt es nicht, man las dem Könige vor aus dem Buche der Denkwürdigkeiten?" Darauf antwortet der Midrasch: „Als Vorleser beim König wird immer ein Vertrauensmann mit einer schönen Stimme angestellt. Das war in diesem Falle der älteste Sohn Hamans. Als nun dieser aus dem Buche der Denkwürdigkeiten dem Könige vorlas und zu der Stelle kam, die davon berichtet, daß Mordechai dem Könige das Leben gerettet hatte, da übersprang er diese Stelle. Er sollte sie nicht vorlesen. Allein was geschah? Es nützte nichts, daß er die Wahrheit unterdrücken wollte. Die Stelle las sich mit einmal von selbst vor. Aus dem Buche heraus tönten die Worte. Darum heißt es: „Es wurde gelesen." nicht „man las vor." Das ist vorbildlich für das Geschick unsere* jüdischen Volkes. Seine Verdienste um die Kultur und Gesittung, um Wissenschaft und Kunst sucht rran zu unterdrücken, nur Schattenseiten an ihm hervorzukehren. Was seine Söhne geleistet haben, wird geflissentlich verschwiegen. Doch endlich dringt die Wahrheit von selber durch, bahnt si? sich mit Gewalt ihren Weg und ihre Stimme läßt sich laut vernehmen, wenn man sie auch nicht hören will. Ein Ebenbild eines ewigen Naturschauspiels. des Kampfes zwischen Tag und Nacht, zwischen Lenz und Winter zeigt uns die Weltgeschichte in dem Ringen des Geistes mit dem Ungeist der plumpen, rohen Gewalt. Sie ist „das Andenken Amaleks", ein Erbteil seit Jahrtausenden, vor dem wir auf der Hut sein müssen täglich und stündlich, als wohnten wir auf einem Vulkan, der sich unversehens entladen kann. Es ist das immergleiche Thema des Judenhasses; der Text der gleiche, nur die Melodie wechselt. Aber indem wir stets „eingedenk bleiben" dieser Gefahr, sollen wir sie zu bannen suchen (timche eth secher Amolek), nicht mit Gewalt gegen Gewalt, sondern mit den einzig in diesem Kampfe wirksamen Waffen: mit Geist und Geduld, und im Herzen die Zuversicht: „Es muß doch Frühling werden", — gefaßt und gefestigt im Vertrauen auf die Verheißung: „Ich werde tilgen das Andenken Amaleks unter dem Himmel."!»»WP«««™»«—«1 Hitler-Wahlen. Der 5. März hat keine Ueberraschung gebracht. Der Wahlsieg Hitlers war allen von vornherein klar, selbst in dem Ausmaße, in dem er errungen wurde, wurde er erwartet. Denn mit Terror, der den Gegner von jeglicher Propaganda ausschaltet und die große Masse der Schwächlinge einschüchtert, muß jede Wahlschlacht gewonnen werden, dieses Kunststück haben vor Hitler schon andere vollbracht. Hitler kann also jetzt sein Versprechen, auf jeden Fall an der Macht zu bleiben, sozusagen „legal" einlösen, er hat nun die famose „Stimme des Volkes" für sich und es wird ihn kaum beunruhigen, daß dieses deutsche Volk in Wahrheit geknebelt seine Stimme abgab. Der Terror hat in den letzten Tagen vor der Wahl geradezu unbeschreibliche Formen angenommen. Es wimmelte nur so von Verhaftungen. Hausdurchsuchungen und Zeitungsverboten. Charakteristisch für die Situation der deutschen Juden ist es, daß durch ähnliche Maßnahmen erst in diesen letzten Tagen vor der Wahl jüdische Organisationen betroffen wurden. Man ließ eben die Juden so lange in Hangen und Bangen, um ihre Marter und Pein nur noch zu vergrößern, dann aber griff man um so rücksichtsloser ein. Betroffen wurde vor allem die mächtige Abwehrorganisation der deutschen Juden, der „Centraiverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", der den Hakenkreuzlern wegen seines mutigen Auftretens im Kampfe gegen den Antisemitismus schon lang..