Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 9 (3.3.1933)
- Date
- 1933-03-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT i Ganz Wien begeistert \ B. B E e von den berühmten "StfimsikAt-JHtax.x.otfi Jlathan <&rodetzfty Zentrale: Wien. 2. (Bezirk. Xeopotdsgasse US § Telephone: A 461-SO, A 41-9-52, A 60-2-63 g B Die SOtmita-JfMCaxxotfk und das Fabrikat „ntdtfie SffmwlAfJfl. <8." ■ (Mazzoth, Grieß und Farwel) sind außerdem erhdUlidi in allen besseren Geschäften ■ IS Dr. Löwenherz hat kein Glück — in Budapest. In der letzten Nummer unseres Blattes haben wir die uns knapp vor Drucklegung derselben zugegangene Budapester Meldung veröffentlicht, daß der Präsident der Pester israelitischen Religionsgemeinde, Hof rat S. Stern, auf dem letzten Budapester Gemeindeabend dem Vizepräsidenten der Wiener Kultusgemeinde, Dr. J. Löwenherz, der sich im Verlaufe seines Budapester Besuches das Recht angemaßt hatte, Kritik an den dortigen Gemeindeverhältnissen zu üben und Reformvorschläge in dieser Hinsicht vorzubringen, die gebührende Antwort erteilte. Wir sind heute nun in der Lage, den Wortlaut dieser Deklaration, die Hofrat Stern vor der stattlich besuchten Versammlung gab und die die lebhafte Zustimmung derselben fand, zu publizieren. Wir können dem Präsidenten der Budapester Gemeinde tatsächlich nur beipflichten, wenn er meint, daß es ungebührlich ist, sich in die Verhältnisse einer anderen Gemeinde, zu deren Kenntnis ein Aufenthalt von wenigen Tagen kaum genügen kann, einzumischen. Man muß dann gewärtig sein, daß diejenigen, die für diese Verhältnisse verantwortlich sind, sich diese Einmischung entschieden verbieten, wie es eben Hofrat Stern in seiner großes Aufsehen erregenden Deklaration tat, die wie folgt lautete: Der Vizepräsident der Wiener Kultusgemeinde hat in seinen Budapester Vorträgen davon gesprochen, daß das Judentum eigentlich als politische Minderheit auftreten und daß die Kultusgemeinde in eine Volksgemeinde umgewandelt werden sollte. Auch der Tabak-Tempel und unser Gottesdienst bildeten Gegenstand seiner Kritik. Er hat mir verschiedene Ratschläge erteilt, wie ich die Kultusgemeinde führen soll, unter anderem hat er festgestellt, daß zur Führung der Gemeinde jüngere Kräfte notwendig seien usw. Ich respektiere jedermanns Meinung, aber ich verlange auch, daß man meine Grundsätze respektiere. So lange ich mich nicht in die Angelegenheiten anderer Gemeinden einmische, so lange darf und kann auch ein anderer sich in die Arbeiten unserer Gemeinde nicht einmengen. Denn nur das befugte Forum, d. i. die von der Wählerschaft bestellte Vertretung der Gemeinde hat das Recht, an deren Arbeiten Kritik zu üben. Am allerwenigsten kann ich die Kritik von einem Manne anerkennen, der mit unserer Kultusgememde nicht vertraut ist, unsere Verhältnisse nicht kennt, nicht unter uns lebt, hier nicht Wurzel gefaßt halt, soldlern uns nur — nach einem bekannten Worte Stefan Tiszas — als „vornehmer Fremder" besucht. Die hundertjährige Entwicklung unseres ungarischen Judentums und seiner Rechte schreibt uns unsere Stellung zur ungarischen Nation bindend Feuilleton Jüdische Sozialarbeit in den Vereinigten Staaten. Von Dr. Maurice J. K a r p f. Direktor der Akademie (Graduate School) für jüdische Sozialarbeit in New York. Bis 1880 war die Sozialarbeit in den Vereinigten Staaten in weitem Maße Sache der Synagogenbesucher, indem sie meistenteils von den Hilfsvereinen für Synagogen ausgeführt wurde. Mit dem starken Zustrom der osteuropäschen Einwanderung zu Beginn der Achtzigerjahre begannen die jüdischen Gemeinden der Haienplätze (besonders New York, Philadelphia und Baltimore) das außerordentlich große Problem anzufassen, die neuangekommenen Einwanderer zu betreuen. Nach einer kurzen Zeit ängstlicher Furcht vor dem Ungewohnten nahmen sich die älteren und eingesessenen Schichten der jüdischen Bevölkerung, die hauptsächlich aus deutschen Juden bestanden, großzügig der Sache an und schufen einen organisierten Apparat für die Hilfe an die Neueingewanderten. Die jüdische Bevölkerung wuchs mit ungeheurer Schnelligkeit Um 1900 übertraf die Zahl osteuropäischer Juden die ihrer älteren deutsch-jüdischen Brüder. Die Einwanderer fingen an, eigene Hilfsstellen einzurichten, weil sie nicht mit dem zufrieden waren, was für sie getan wurde. Die Deutschjuden waren über diese kritische Haltung und die anscheinende Undankbarkeit der neuen Ankömmlinge verärgert Der Geist des Mißtrauens, des Unbehagens und der Gegensätze entwickelte sich. Die hieraus kommende Verbitterung wurde gesteigert durch wirtschaftliche Rivalität; die deutschen Juden waren gewöhnlich die Arbeitgeber, die osteuropäischen Juden meist die Arbeitnehmer, die in die Arbeitgeberklasse einzudringen suchten. Der wirtschaftliche Wettbewerb vervollständigte den Prozeß der Trennung und Isolierung der zwei herrschenden Richtungen der jüdischen Bevölkerung in den Vereinigten Staaten. Dies war im großen ganzen die Lage am Ende des 19. Jahrhunderts. Jüdische Organisationen der sozialen Hilfsarbeit wuchsen wie die Pilze aus der Erde. Gleichgerichtete Organisationen wohnten fast Tür bei Tür beieinander Diese Umstände führten naturgemäß zu Verwirrung, Erfolglosigkeit und zu gegenseitigem Mißtrauen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts bildete sich der Zusammenschluß der Jüdischen Wohlfahrtspflege" (Federation), ein Organisationsgebilde, das im ganzen Lande Verbreitung fand, jede jüdische Gemeinde konnte sich eines solchen Bundes rühmen. Zweck dieser Organisation war, Gelder für die Wohlfahrtsstellen zentral zu sammeln und zu verteilen. Es wurden in vielen Gemeinden mehr oder weniger erfolgreiche Versuche gemacht um die immer größer werdende Kluft zwischen den beiden Richtungen der jüdischen Gemeinschaft zu überbrücken. Der Ausbruch des Weltkrieges mit dem Unheil, das er über das europäische Judentum brachte, trug viel dazu bei, die beiden Lager zu verbinden. Die Riesensummen, die durch die vereinigte amerikanische Judenschaft für die Erleichterung des Loses der vom Unglück betroffenen Brüder in Europa gesammelt wurden, sind zu bekannt als daß man darauf zurückkommen müßte. Die Weltkatastrophe, das unaussprechliche und unausgesprochene Leid, das sie über das Weltjudentum brachte, wurde der amerikanischen Judenheit zum Segen: sie fand Einigkeit im gemeinsamen Ziel der Rettung der europäischen jüdischen Gemeinden. Die Wiederaufbauperiode in den Vereinigten Staaten und im Ausland, die unmittelbar auf den Waffenstillstand von 1918 folgte, hatte tiefen Einfluß auf die weitere Entwicklung der amerikanisch-jüdischen Sozialarbeit Das Jahrzehnt zwischen 1920 und 1930 ist die wichtigste Periode im jüdisch-sozialen Hilfswerk der Vereinigten Staaten. Die örtlichen, Landes¬ und internationalen Unternehmungen für soziale und Wiederaufbauzwecke der jüdischen Gemeinschaft wurden auf eine noch nicht dagewesene Höhe geführt Die jüdischen Wohlfahrtsbünde, die Ende des 19. Jahrhunderts als Geld sammelnde und verteilende Hilfsstellen in kleinem Umfange in Erscheinung traten, wurden Gemeindeorganisationen mit dem Ziele, die gesamte soziale Hilfstätigkeit ihrer Gemeinde zu erfassen, zu regeln und zu überwachen Die Wohlfahrtsämter für Familienfürsorge entwickelten ihr Werk zu großer Höhe. Die Familien wurden auf der Basis eines Durchschnittseinkommens unterhalten und nach der fortgeschrittenen case-work-Methode zur sozialen Eingliederung der Bedürftigen betreut. Dieser Hilfsdienst wurde von einem beruflich geschulten Personal geleistet. Dasselbe kann von den Kinderfürsorgestellen gesagt werden. Krankenhäuser, Sanatorien, Genesungsheime, Kliniken und Beratungsstellen nahmen einen Aufschwung wie nie zuvor. Erholungsheime, jüdische Jugendbünde und andere Erziehungs- und Erholungsstellen hatten zu dieser Zeit ihre höchste Blüte. Die Erziehungsprogramme wurden die wichtigste und entscheidendste Aufgabe der Federations. Jüdische Landes-Krankenhäuser sammelten bedeutende Summen für ihre Erhaltung und Ausgestaltung. Eine Landesakademie für jüdische Sozialarbeiter die Gratuate School for Jewish social Work, mit zweijähriger Nachschulung nach der Abschlußprüfung, wurde 1925 durch die Allgemeine Landeskonferenz für jüdische Sozialarbeit begründet Eine Vorstellung von der Ausdehnung der lokalen. Landes- und internationalen jüdischen Hilfstätigkeit in vor. Wir sind keine politische Minderheit und wollen keine sein, wir sind vielmehr wie alle anderen Bürger dieses Staates ein unzertrennliches Glied unserer Heimat. Unsere Väter haben nicht deshalb gekämpft, nicht deshalb gelitten und geduldet, bis sie die Gleichberechtigung erkämpft haben, damit wir diese leichtfertig hinwerfen und gefälliger Phrasen und moderner Theorien wegen von unseren Prinzipien abfallen sollen. Unsere Kultusgemeinde wird eine Kultusgemeinde bleiben, zur Förderung der Religion, der Fürsorge und kulturellen Einrichtungen der Judenschaft. Für eine Umwandlung in eine Volksgemeinde besteht hier aber schon gar kein Bedürfnis. Wir haben kein Verlangen, das Wiener Beispiel nachzuahmen, wir denken vielmehr an Berlin, wo die Herrschaft der Zionisten sehr bald zu Ende war und die Majorität der Gemeinde auf den richtigen Weg zurückgekehrt ist. Auf die gegen mich gemünzte kühne Behauptung des Herrn Dr. Löwenherz: „L'etat c'est moi" („Die Kultusgemeinde bin ich"), kann ich nur antworten, daß ich dieser Gemeinde erster Diener und nicht ihr „Herr" bin. Ganz allgemein habe ich die Ueberzeugung, daß all das, was der Wiener Vizepräsident hier kritisierte, unsere Gotteshäuser, unsere - Gottesdienste, unsere kulturellen Einrichtungen, Schulen und Spitäler, mit einem Wort unsere ganze Kultusgemeinde, turmhoch steht über seiner unbegründeten Kritik. Wir schreiten vorwärts auf unseren vorgeschriebenen Wegen und können getrost vor der uns maßgebenden Kritik der ganzen gebildeten ungarischen Judenschaft bestehen. Die Forderung der Stunde an uns ist nur einigender Zusammenhalt und Achtung und Liebe zu unserer Konfession und Gemeinschaft. Die Deklaration des Herrn Präsidenten Hofrat Stern, die für Herrn Dr. Löwenherz wahrlich nicht sehr schmeichelhaft ist, wurde fast bei jedem Satze mit lebhaftem Beifall unterbrochen. Als Hofrat Stern seine Erklärung beendet hatte, standen alle Teilnehmer der überfüllten Gemeindeversammlung wie ein Mann auf und bezeugten durch stürmischen Applaus ihr restloses Einverständnis mit den Ausführungen des Präsidenten, dem sie wirklich besseres Verständnis für die wahren Bedürfnisse des ungarischen Judentums zutrauen können als — Herrn Dr. L ö w e n h e r z. den Vereinigten Staaten kann aus der Tatsache gewonnen werden, daß das Joint Distribution Committee allein von 1917 bis 1930 mehr als 80 Millionen Dollar für Auslandshilfe sammelte und verteilte. Der Zusammenbruch der Wirtschaft hat diesen Fortschritt nicht nur aufgehalten, er bedroht geradezu einige dieser Arbeiten in ihrer Existenz. Mit dem Herannahen der Krise wurden die großen Ausgaben- Budgets der Gemeinden besonders drückend. Das schwindende Einkommen der sozial arbeitenden Stellen 1931 und 1932 wurde zur ernsten drohenden Gefahr angesichts der infolge der Arbeitslosigkeit ungeheuer gesteigerten Anforderungen. Einige jüdische Hilfsstellen tragen eine Last, die 300 bis 400 Prozent schwerer ist als in den Jahren 1929 oder 1930. So schlimm die Zustände wirtschaftlich sind, psychologisch sind sie es noch mehr. Die Bevölkerung ist von Panik ergriffen. Niemand weiß, was der Morgen bringen wird. Die Einkommen sind ungeheuer geschwunden, die Gehälter in großem Maße herabgesetzt worden. Immer wieder hört man, daß sehr wenig reiche Juden in den Vereinigten Staaten übrig geblieben sind. Was soll werden? Es gibt zwei Grundauffassungen. Die eine ist, daß das jüdische Leben und die jüdische Gemeinschaft sich allmählich auflösen und der Umgebung assimilieren. Die zweite Anschauung: Die jüdische Gemeinschaft kann am besten zum Wohl Amerikas beitragen, wenn sie ihre eigenen Kräfte und Fähigkeiten zum äußersten Ausmaß entwickelt. Die Vertretung dieser Anschauung erkennen: 1. Auf Grund besserer ökonomischer Unterlagen muß eine verständnisvollere Verteilung der jüdischen Bevölkerung mit beruflicher und erzieherischer Führung der Jugend vorgenommen werden; 2. daß die Basis der jüdischen Gemeindefinanzen verbreitert werden müsse; 3. daß die Judenheit Amerikas demokratischer in ihrem örtlichen und allgemeinen Wirken werden müsse. Die ungeheure gegenwärtige und zukünftige Entwicklung der öffentlichen Wohlfahrt wird die Last der jüdischen Gemeinschaft erleichtern und sie in den Stand setzen, ihre Energien in der Linie der aufbauenden und ergänzenden Tätigkeit zu konzentrieren, durch die sie am besten zum Wohle des Landes beitragen und zugleich sich selbst am stärksten zum Ausdruck bringen kann. Weitschauende Planung durch die Führer der jüdischen Gemeinschaft muß sorgfältiges Haushalten mit den Kraftquellen sichern, so daß das Ergebnis der besten Entwicklung in der jüdischen Gemeindeorganisation gewahrt werden und die Krisis nicht zerstören kann, was mit so viel Mühe in mehr als 50 Jahre aufgebaut wurde. Das größte Problem, das heute vor dem amerikanischen Judentum steht, ist dasjenige einer Führerschaft (sowohl durch Berufsals auch ehrenamtliche Führer), die sich den Aufgaben, den Verantwortlichkeiten und den Möglichkeiten gewachsen zeigt.