Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 9 (3.3.1933)
- Date
- 1933-03-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 40 Groschen Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelifischen Kulrusgemeinde Wien Ktlnffflff Redaktion und Administration: Wien IL Heinestraße 13 - TeHphor P «6-2-16 — »'0*t»p*rl>a»*e> ki»nto Wien: A 100.918 49. Jahrgang Wien, 3. März 1933 Nummer 9 TP OPTIKER M. SCHACHTER, II., OlOdfengasst 25 Genaueste Ausführung von Rezepten Große Auswahl an modernen Fassungen« Samstag geschlossen _Bei Berufung ant dieses Blatt 5 P-ozent Rahnttl Hitler- Wahlen. Ein geknechtetes Deutschland schreitet zur Wahlurne. Das, was dem 5. März vorangegangen ist, kann man beim besten Willen kaum als Wahlkampf bezeichnen, eher als Kampf der Machthaber gegen jede Wahlpropaganda der Gegenseite. Man ging darin sogar so weit, selbst die geringfügigste Andeutung gegen das neue System als einen Verstoß gegen die erste Notverordnung auszulegen, die bekanntlich jede Verächtlichmachung oder Beleidigung der herrschenden Regierimg verbietet, und eine Wählerversammhmg, in der eine solchle Andeutung gefallen war, mit Polizeigewalt schließen zu lassen. Diese Willkür bekamen jedoch nicht nur die bösen Kommunisten und Sozialdemokraten zu spüren, sie richtete sich auch gegen das durchaus bürgerlich eingestellte Zentrum, nur weil dieses Hitler nicht den Gefall'en getan hat, sich mit ihm in eine Front zu stellen. Die polizeilichen Versammlungsschließungen boten gewöhnlich das Signal zu wüsten Tumulten, in denen sich SA. und SS. schon vor ihrer Ernennung als eine Art „Hilfspolizei" etablierten, indem sie die Teilnehmer der durch die „reguläre" Polizei geschlossenen Versammlung „hilfreich" niederknüppelten. Jeder Tag brachte neue Berichte über Skandale dieser Art, deren niederträchtigster wohl der Sturm auf jene Versammlung war, in der der bekannte Zentrums-Abgeordnlete und Gewerkschaftsführer Stegerwald sprechen sollte und die mit schweren Verletzungen vieler Besucher dieser Versammlung, ja sogar des populären Politikers selbst endete. So wie das gesprochene Wort unterbunden wurde, so ging es auch dem geschriebenen. Auch hier brachte jeder Tag neue Listen frischer Zeitungsverbote, die wieder nicht nur der Linkspresse, sondern auch den Zentrums- Blättern galten. Die nieuen Herren begnügten sich aber nicht nur mit dem Verbot der Zeitungen, sondern' ihr Zorn richtete sich auch gegen die ihnen ungenehmen Männer der Feder. Diese wurden aller Ehren entthront und wohl nicht in die Verbannung geschickt, weil sie sonst außerhalb des Landes hätten reden können, sondern im Lande selbt in Acht und Bann getan. So sehen wir beim „Volke der Dichter und Denker" eine Knebelung des Geistes, wie sie gewalttätiger nicht einmal der Zarismus hätte ausüben können und ausgeübt hat. Gewalt, das ist überhaupt das Signum des neuen Systems. Es bedient sich der fein national gesäuberten Polizei, der der zuständige Minister den Gebrauch des Schießprügels nur gegen Feinde des Nationalsozialismus empfiehlt, es verwendet eine Hilfspolizei, die sich von dem gewöhnlichen Schutzmann nur dadurch unterscheidet, daß sie das Vorrecht hat, in der gewohnten braunen Montur Dienst machen zu dürfen. Die Opfer dieses Dienstes, der nur dem Feinde, nicht dem Freunde gilt, liegen zu Haufen niedergeknüppelt im Spital und Leichenhaus. So 'arbeitet in zielbewußter Weise das neue System, ohne daß seine Machthaber sich wirklich einig wären über das Ziel, dem sie alle zustreben. Denn die Zerfahrenheit, die schon bei der Einsetzung der neuen Regierung konstatiert werden konnte, sie hat sich seither wesentlich verschärft. Die Gegensätze zwischen National-Faszisums und Monarchie haben krassere Formen angenommen, seitdem man die ersten Segnungen der Hitler-Herrschaft kennenlernte. Die Anhänger der Monarchie merken zu deutlich ctfle Absicht Hitlers, sich unbedingt an der endlich errungenen Macht zu halten, ja sie werden geradezu kopfscheu gemacht durch dile fortwährenden Erklärungen maßgebender Hakenkreuzführer, daß Hitler das Heft nicht aus der Hand geben wird, wie immer die Wahlen ausgehen werden. Solche Worte enthüllen den Osaf nicht nur als Feind der Demokratie, die er ja immer verachtete, sondern auch als Gegner der Bestrebungen jener, die sich wieder im Glänze alten Kaisertums sonnen wollen. Und dier Grund seines eklatanten Konfliktes mit Bayern liegt hauptsächlich in der Abneigung dieses Volkes gegen den neuen Usurpator, den es, soll schon ein Einzelner herrschen, nicht an die Stelle eines Sprosses des angestammten Königshauses gesetzt sehen will. Es muß für Hitler eine schmerzliche Enttäuschung sein, so von jenem deutschen Lande abgelehnt zu werden, aus dem er seinen Siegeszug bis ins Palais in der Beiliner Wilhelmstraße angetreten hat. In dieses Tohuwabohu leuchtet der Brand des deutschen Reichstages als weithin sichtbares Fanale. Vielleicht werden die neuen Machthaber diese auffällige Tat, so wie sie sie zu neuen Gewaltmaßnahmen benützten, auch zum willkommenen Anlaß dafür nehmen, die Reichstagswahlen, deren Ausgang sie ja ohnehin als gleichgültig hinstellen, abzusagen. Für sie ist der Wille des Volkes zwar nicht maßgebend, damit aber doch dieser Wille halbwegs ihren Machtgelüsten entsprechend scheinen soll, deshalb stützen sie sich auf die Knüppel und Bajonette ihrer nationalen Polizei. So werden im neuen Deutschen Reich Wahlen gemacht und man kann Hitlier und den Seinen wirklich nur beipflichten, daß diese ...Volksentscheidung" unmaßgeblich ist. Das deutsche Volk wird, wenn es überhaupt am 5. März zur Wahl gehen wird, seine Stimme kaum seiner wahren Ueberzeugung entso'echend abgeben, sondern gemäß den Wünschen jener, die heute an der Macht sind und d;esen Machtapparat mit aller Hemmungslosigkeit mißbrauchen. Immer wieder drängt sich, wenn wir nun die Blicke nach Deutschland richten, die bange Frage nach dem Schicksal seiner Juden auf. Wohl hat man bisher noch nichts von Ma3nahmen gegen die jüdische Gesamtheit gehört, allein fast alle Schritte, die bis nun auf dem Wege der radikalen Nationalisierung des öffentlichen Lebens unternommen wurden, waren in erster Linie gegen Juden gerichtet. Sie waren die ersten Opfer, als in Theater, Kunst und Rundfunk die nationale „Säuberungsaktion" einsetzte, sie blieben vor allem auf der Strecke, als in der Verwaltung der gleiche Prozeß begonnen wurde. Und daß in Handel und Wirtschaft ihr Einfluß auf ein Mindestmaß zurückgeschraubt wird, dafür sorgt schon der antijüdische Boykott, der im neuen Deutschen Reich Triumphe des Hasses feiert. Unter den Opfern des politischen Bandenkampfes befinden sich selbstverständlich sehr viele Juden, dile an den tollwütigen Fanatismus jener glauben mußten, die die „Nacht der langen Messer" vorbereiten wollen. So sehen wir das deutsche Judentum aufs schwerste in seinen Grundfesten erschüttert, wir sehen es aber auch ohnmächtig dem wüsten Treiben seiner Hasser gegenüberstehen. Wohl besteht im Innern ein fester, durch die Not der Zeit gefügter Zusammenhang, aber nach außen hin vermißt man leicht erklärlicherweise jede einheitliche Aktion. Die deutsch-jüdische Presse führt, weil sie nicht anders kann, eine ruhige Sprache, obzwar wir wissen, daß sie, wären ihr nicht die Hände gebunden, mit lauten Ruflen des Protestes und beleidigten Stolzes Stellung nehmen würde gegen das Unrecht, das heute tausenden deutschen Juden widerfährt. Es ist, dünkt uns, wohl keine Panik-, aber eine Resigpationsstimmung eingezogen bei den Führern dieses ehemals so stolzen deutschen Judentums, eine Stimmung, die nur der Hoffnung lebt, daß das Recht sich doch durchsetzen wird, daß doch wieder einmal die Vernunft obsiegen wird. Diese Stimmung, die anscheinend die Verantwortlichen erfüllt, sie hat natürlich auch Eingang gefunden in allen Schichten des deutschen Judentums. Und so finden wir es verständlich, daß Gerüchte auftauchen, daß die deutschen Juden ihr geliebtes Vaterland verlassen wollen, daß si*: zumindescens an dieser Wahl zum Zeichen des Protestes tidi nicht beteiligen wollen. So unwahr die erste Meldung ist, so unklug wäre ein solch passives Verhalten am Wahltag. Denn kein Anhänger der Regierung wird sich am kommenden Sonntag durch iKe Ueberlegung beeinflussen lassen, daß die Wahl angeblich praktisch überflüssig sei. Genau so wenig aber darf die Gegner d'js gegenwärtigen Systems die vermeintlich.- Zwecklosigk-jit ihrer Stimmabgabe dazu veranlassen, diese Stimmabgabe nicht vorzunehmen. Wenn aus dem politischen Zustand, den der 5. März ergibt, von irgendwelcher Seite Konsequenzen gezogen werden, die weder mit dem Sinn noch mit dem Wortlaut der geltenden Verfassung vereinbar sind, so liegt die Verantwortung bei jenen und weht bei den Wählern, die ihre staatsbürgerliche Pflicht erfüllt haben. Die Wahlentscheidung der deutschen Juden muß deshalb eindeutie sein. Sie müssen ihr staatsbürgerliches Stimmgewicht so in die Waagschale werfen, daß sie ih»-en politischen Lebensraum innerhalb Deutschlands nach Möglichkeit sichern.