Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 8 (18.2.1933)
- Date
- 1933-02-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3064350-3064358--19194-3084305- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DIE WAHRHEIT Seite 8 Die Zentrumspartei mißbillige auch bei selbstverständlicher Wahrung idter Gewissensfreiheit etwaige gesetzliche Bestimmungen, die den Austritt aus den Kirchen und Religionsgemeinden in ungebührlicher Weise erleichtern. Es sei bereit, an allen Aktionen mitzuwirken, die das Recht der Kirchen und Gemeinden nach dieser Richtung hin zu sichern geeignet ist. Mit allem Nachlilruck wandte sich Reichskanzler a. D. M a r x gegen eine etwaige Möglichkeit, daß die deutschen Juden als solche durch die gegenwärtige Regierung inihren verfassungsmäßigen Rechten und Freiheiten in irgend einer Form beschränkt werden könnten. In ernster Stunde. Relchsvertretuns der Deutschen Juden. Mit Rücksicht auf die durch die politische Entwicklung der letzten Zeit geschaffene Lage trat die Reichsvertretung der jüdischen Landesverbände Deutschlands am 12. Februar in Berlin unter dem Vorsitz des Präsidenten des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, Kammergerichtsrat Wolff, zu einer außerordentlichen Sitzung zusammen. Die Reichsvertretung ist bekanntlich durch Beschluß vom 31. Jänner 1932 begründet worden mit der besonderen Aufgabe, die allgemeinen jüdischen Interessen bei den öffentlichen Stellen im Reiche wahrzunehmen. Sie setzt sich aus 13 Vertretern der Landesverbände und den führenden Herren des deutschen Rabbinerverbandes zusammen. In eingehenden Ausführungen wurde von den preußischen, bayerischen, badischen, sächsischen, hessischen, mecklenburgischen und hanseatischen Mitgliedern des Gremiums die politische, wirtschaftliche und kulturelle Situation im Reiche und in den einzelnen Ländern eingehend besprochen. Es wurden auch alle Schritte erwogen, die zweckmäßigerweise jetzt oder in nächster Zukunft nötig werden könnten. Um etwaige Maßnahmen zu jeder Zeit und ohne irgendwelche Verzögerung ergreifen zu können, auch die dauernde Fühlungnahme zwischen den offiziellen Organisationen des deutschen Judentums zu gewährleisten, wurde ein aus fünf Herren bestehendes Präsidium der Reichsvertretung gewählt, das ermächtigt ist, alle ihm erforderlich scheinenden Schritte dauernd als Vertretung des gesamten deutschen Judentums einzuleiten und durchzuführen. Das fünfgliedrige Präsidium setzt sich aus drei preußischen und zwei süddeutschen Mitgliedern zusammen. Sein Sitz ist Berlin. Am . Schluß der Verhandlung wurde von allen Seiten die Notwendigkeit betont, daß alle jüdische Arbeit im Geiste der Gemeinsamkeit geleistet werde, um in der jetzigen ernsten Zeit bei den deutschen Juden in Stadt und Land das Gefühl der Zusammengehörigkeit und des Zusammenstehens zu stärken. Ein führender amerikanischer Jude über die Jüdische Situation in Deutschland. Rabbi Abba Hillel Silver von der Liberal Synagogue in Cleveland, ein führender amerikanischer Jude, weilte in Berlin gerade in den Tagen, als die Regierung des Reichskanzlers Hitler die Macht übernahm. Er kam mit prominenten jüdischen und nichtjüdischen Persönlichkeiten in Berührung und berichtete in der amerikanischen Presse über seine Eindrücke in Deutschland. In einem Gespräch mit dem JTA-Vertreter sprach Rabbi Silver seine Meinung dahin aus. daß auch die neue deutsche Regierung mit der Meinung im Auslande wird rechnen wollen und die Rechte und die Betätigungsfreiheit der jüdischen Bürger, die treue Söhne Deutschlands sind, nicht beschränken wird; ebensowenig wird sie den Nutzen einer Depossedierung der ausländischen Juden einsehen, wo doch Millionen Deutsche in fast allen Ländern der Welt als gern gesehene und geachtete Gäste leben. Ueber die Position des deutschen Judentums führte Rabbi Silver aus: Es ist ein tragisches Erlebnis, zu beobachten, wie dieses deutsche Judentum, teils aus Mißverständnis, teils aus bösem Willen, verdächtigt, verleumdet und aus der Mitarbeit am Staate allmählich hinausgedrängt wird. Ich beobachtete ein tiefes Gedrücktsein unter den deutschen Juden, aber keine Mutlosigkeit, keine Verzweiflung. Auch haben sie keineswegs den Glauben verloren an den künftigen Aufschwung des deutschen Volkes und das Wiederaufblühen des Deutschen Reiches. Bewundernswert ist die straffe Organisation der deutschen Judenheit. Die jüdischen Gemeinden in Deutschland, insbesondere die Jüdische Gemeinde Berlin, können den Juden in vielen Ländern der Welt, besonders in Amerika, als Muster einer jüdischen Gemeindeorganisation gelten. Hier ist das religiöse, kulturelle und soziale Leben in einen festgefügten und schönen Rahmen gefaßt Menschen verschiedenster religiöser, nationaler und kultureller Anschauungen sind in der gleichen Gemeinde vereinigt und arbeiten fruchtbar mit- und nebeneinander, während es m anderen europäischen Ländern und auch in Amerika lediglich Synagogengemeinden gibt, jede religiöse Richtung isoliert für sich lebt und das Zedaka-Leben für gewöhnlich als Organismus für sich besteht In Amerika ist man jetzt daran, Pläne für die Organisierung der Einheitsgemeinde auszuarbeiten, es ist zu wünschen — und die Entwicklung geht ja auch nach dieser Richtung — daß man sich die deutsch-jüdische Gemeinde in vielfacher Beziehung zum Muster nimmt Rabbi Abba Hillel Silver fand überall ein intensives jüdisches Leben vor. Eine Veranstaltung der „Jüdisch-liberalen Zeitung" im Cafe Leon, der er beiwohnte und in der etwa zehn prominente jüdische Schriftsteller vor 600 Zuhörern sprachen, machte auf ihn einen tiefen Eindruck, ebenso die Feier der Eröffnung des Museums der Jüdischen Gemeinde. Die straffe Gemeindeorganisation der deutschen Juden, schloß Rabbi Silver, sowie ihr vertieftes religiös-kulturelles und soziales Leben wird diesem wertvollen Teil der Weltjudenheit helfen, über diese schwere Zeit hinwegzukommen und sich unangetastet in eine bessere Z ukunft hinüberzuretten. pfofräTI^ Mit dem Hinscheiden des Herrn Hofrat Univ.- Prof. Dr. Leopold Moll, des Vorstandes der Reichsanstalt für Mutter- und Säuglingsfürsorge, der im 56. Lebensjahre plötzlich einem Herzschlage erlegen ist, hat auch das österreichische Judentum einen sehr schweren Verlust erlitten. Professor Moll war einer der bekanntesten Kinderärzte Europas. Die Reichsanstalt für Mutter- und Säuglingsfürsorge, ganz im Sinne Molls erbaut, ist ein Musterinstitut, das in seiner Art einzig dasteht. Was Moll hier geschaffen hat, wie er hier gewirkt hat, wie er hier unermüdlich an der Ausbildung von Fürsorgerinnen, Säuglingsschwestern und Aerzten gearbeitet hat: das wird als „Schule Moll" noch Dezennien segenbringend sein. Moll hat aus der Reichsanstalt eine Klinik geschaffen, die zahllose Aerzte aus dem Auslande nach Wien zog. Moll war ein glänzender Lehrer, ein ausgezeichneter Organisator. Er schuf im Kriege die „Kriegspatenschaft", der er auch jetzt — sie hat ihren Namen in „Volkspatenschaft" geändert — vorstand. In vorbildlicher Weise leitete er die zahlreichen Mutterberatungsstellen der Volkspatenschaft Durch die so populär gewordene „Moll-Aktion" wurde bisher mehr als 25.000 Kindern ein Erholungsaufenthalt gewährt. Es ist kein Zweifel, daß Moll an dem enormen Rückgang der Säuglings- und Kleinkindersterblichkeit in Oesterreich ein wesentliches Verdienst zukommt. Für die Kinder der Arbeitslosen hat Moll eine eigene Hilfsaktion, die „Kinder- Schillings-Aktion", ins Leben gerufen. Moll war der Typus des'sozialen Arztes; er wurde, wie selten einer, von den Müttern, von den Kindern, von seinen berühmten „Moll-Schwestern", von allen, die ihn kannten, verehrt und angebetet. Molls „Merkbuch für Mütter" ist in mehr als 100.000 Exemplaren in der ganzen Welt verbreitet. Neben dieser enormen sozialen Tätigkeit entwickelte Moll auch eine reiche wissenschaftliche Produktion. Seine wissenschaftlichen Abhandlungen gehen in die Hunderte. Prof. Moll stand jetzt auf der Höhe seines wissenschaftlichen Ruhmes. Da hat ihn, einen Stolz der Wiener medizinischen Fakultät, einen Retter zahlloser Kinder, einen seelenvollen Freund der armen und bedrängten Mütter, jählings der Tod gefällt. Die Trauer um den Verlust dieser edlen Persönlichkeit wird eine allgemeine sein, insbesondere wird das österreichische Judentum, dem er ein treuer Sohn gewesen, um ihn als um einen seiner Besten klagen. Veröffentlichungen der „Union Aus der Bewegung. Die verschiedenen Bezirksorganisationen der „Union" haben ihre durch die Wahlkampagne unterbrochene Tätigkeit wieder aufgenommen und seit einiger Zeit finden in allen Wiener Bezirksteilen wieder regelmäßig gut besuchte Versammlungen der „Union" statt. So sprach kürzlich in einer Versammlung der Bezirkskommission VI/VII Dr. Maximilian S t i g 1 i t z über die gegenwärtige Situation. Besonders starken Zuspruch fand eine in der Vorwoche abgehaltene Versammlung der Bezirksorganisation II, in der der Mandatar dieses Bezirkes, Herr Dr. Leonhard Mai er, äußerst interessante Mitteilungen über die Verhältnisse im Kultusvorstand machte. Sein aufschlußreiches Referat bot Einblick in die Neugestaltung der Dinge, aber auch einen Ausblick auf die Auswirkung dieser Geschehnisse, der durchaus hoffnungsvoll sein kann, wenn alle Mitglieder und Freunde Same lar meine Nichte, 20 Jahre (blond, hübsch) Natur-, Musik- und Sportlieb., engl, und französische Konversation, vornehme jüdische Gesinnung, Anschluß an ebensolche Freundin oder Familie oder Klub zwecks gemeinsamer gesellschaftlicher Veranstaltungen und Ausflüge. Genaue Zuschriften erbeten unter „S e e 1 e n a d e 1" an die Admin. d. BI. der „Union" sich ihrer Pflicht zur Mitarbeit bewußt sind. An der dem mit großem Beifall aufgenommenen Referate folgenden Debatte beteiligten sich u. a. Präsident Dr. J. O r n s t e i n, Dr. M. S t i glitz, Med.-Rat Dr. I. Reininger und Reg.-Rat Dr. M. Lenk. — Auch die Jugend-Union hat ihre so beliebten kulturellen Abende wieder aufgenommen, die nun jeden Donnerstag, Uhr abends, Im Klubsaal des Cafe Excelslor, I., Rotenturmstraße 24, stattfinden. An den beiden letzten Abenden sprachen Dr. Ernst Feldsberg über „Entartetes Judentum" und Oskar Hirschfeld über seinen „Besuch beim Budapester Judentum". Beide Referate fanden starkes Interesse und lösten lebhafte Debatten aus. Aus alter Weit Die Berliner Jüdische Gemeinde für die Neunkirchner Opfer. Der Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde hat an den Magistrat von Neunkirchen (Saar) ein herzlich gehaltenes Beileidschreiben gerichtet. Außerdem hat die Gemeinde für die Hinterbliebenen der Katastrophe und) zum Wiederaufbau der zerstörten Gebäude einen Betrag von 1000 Mark dem Magistrat von Neunkirchen überwiesen. Katastrophale Not unter den Warschauer jüdischen Studierenden. Eine Illustration für die Verarmung der jüdischen Bevölkerung Polens ist die Tatsache, daß sogar die Mehrheit derjenigen jüdischen Studierenden, denen es gelungen ist, in die Universität aufgenommen zu werden, nicht in der Lage ist die Hochschulgebühren zu zahlen und deshalb zu den Examina nicht zugelassen wird. Die jüdischen akademischen Verbände intervenierten zugunsten dieser Zurückgewiesenen bei den Rektoraten und dem Volksbildungsministerium, bisher aber ohne jeden Erfolg. Hunderte jüdische Studierende in Warschau hungern buchstäblich und oft kommt es vor. daß jüdische junge Leute während der Vorlesungen und Uebungen vor Erschöpfung durch Hunger zusammenbrechen. Die Studenten-Darlehenskasse ist nicht mehr in der Lage, die an sie gestellten Ansprüche zu erfüllen. CJLUSIU^BAB KHK- UND BABEA5JSTA1/T WIEN IX., CLUSIUSGASSE NR. 12 an der Friedensbrücke gelegen --- .A, Original DOSSlSdieS BompllMMl mit Buschenbehandlung gegen Rneuma etc. Gegen Vorweisung dieses Inserates S 1.30 Ein Fasttag für die religiöse Judenheit in Rußland. 200 palästinensische Rabbiner, die unter dem Vorsitz von Oberrabbiner Kook eine zweitägige Beratung in Jerusalem abgehalten haben, faßten ..inen Beschluß, den 27. März, auf den in diesem Jähre „Jörn Kippur Katan" fällt, als Fasttag der religiösen Judenheit in der ganzen Welt zu proklamieren, zum Protest gegen die Torturen, denen die religiöse Judenheit Rußlands durch die Sowjetbehörden ausgesetzt ist An dem genannten Tage sollen in allen Synagogen Gottesdienste abgehalten werden. Dem Völkerbund und prominenten Persönlichkeiten in der ganzen Welt soll eine Petition überreicht werden, in der an sie appelliert wird, ihren Einfluß dahin geltend zu machen, daß die Sowjetregierung mit der Unterdrückung des religiösen Judentums aufhört und die der Auswanderung von Juden aus Rußland entgegenstehenden Hindernisse beseitigt Auf der Konierenz gaben verschiedene Redner erschütternde Berichte über die Lage der Juden in Rußland, sie erzählten, daß in den russischen Städten Juden auf der Straße vor Hunger umfallen und sterben. Brüssel. Anläßlich der Einweihung des Neubaues des Botanischen Instituts der Brüsseler Universität, das den Namen des jüdischen Gelehrten Leon Erera trägt, fand in der Universität eine Feier statt, bei der mehrere gelehrte Redner das Werk des verstorbenen großen jüdischen Botanikers Leon Erera würdigten, der vor 30 Jahren das Botanische Institut an der Universität eingerichtet hat. Im Namen der Familie dankte der Sohn des Gefeierten, Alfred Erera, ebenfalls Professor an der Brüsseler Universität Junge perfekte Stenotypistin, jüdische Halbwaise, selbständig und Hink, mit allen Büroarbeiten, besonders Klage- und Mahnwesen vertraut, wegen Beamtenabbau gekündigt, sucht Stelle. Unter „Erstklassige Referenzen" an die Redaktion.