Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 8 (18.2.1933)
- Date
- 1933-02-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Schuld an dieser Entwicklung tragen seiner Ansicht nach diejenigen Parteien, die auf ihre nationale — in Wirklichkeit nationalistische — Einstellung besonderen Wert legen und mit ihrer antisemitischen Gesinnung die Juden, die politisch national auf ihrem Boden stehen, von Mitarbeit und Mitgliedschaft aus ihren Reihen ausschließen. Hätte Bischof Gföllner diese Gedankengänge näher geprüft, so hätte er sicherlich in seinen Ausführungen vieles vermieden, was nicht nur bei Juden berechtigten Anstoß erregen muß. Aber auch Herr K u n s c h a k, der sich zum Verteidiger des Bischofs und Ankläger gegen das Judentum aufschwingt, weil dieses einmütig die Pauschalverdächtigungen des Bischofs zurückwies, hätte sich sagen müssen, daß die Abwehr gegen solche Pauschalverdächtigungen deshalb „solidarisch" erfolgt, weil die „jüdischen" Fehler menschliche Fehler schlechthin sind, für die, wenn sie von Nichtjuden begangen werden, das Einzelindividuum, wenn sie aber bei Juden angetroffen werden, gleich die Gesamtheit verantwortlich gemacht wird. Dagegen werden wir uns immer zur Wehr setzen, auch wenn es Herrn Kunschak nicht paßt. Parteirat der „Union Sä Erste Tagung am Die Hoffnung der Gegner der „Union", daß der Ausgang der Kultuswahlen eine Schwächung für diese Vereinigung bedeuten würde, die seit fast fünf Jahrzehnten die Führung im österreichischen Judentum innehat, ist eine trügerische. Das beweist die Tatsache, daß Führer und Anhänger dieser Vereinigung trotz des Ergebnisses der Wahlen den Mut nicht sinken ließen, im Gegenteil, daraus die Konsequenzen zogen und mit frischen Kräften an einen Ausbau der Organisation schritten. In emsigen Beratungen wurden seit dem 4. Dezember alle Möglichkeiten ventiliert, die Gewähr für eine straffere Organisation der auf dem Programm der „Union" stehenden österreichischen Juden bieten könnten. Es ist das Verdienst des rührigen Zentralvorstandsmitgliedes der „Union", des Herrn Univ>Dozenten Dr. Hugo Stern, daß, seiner Anregung entsprechend, den verschiedenen Instanzen dieser Vereinigung eine würdige Krönung in Form des Parteirates gegeben wurde, der zur intensiven Förderung des organisatorischen Auf- und Ausbaues der „Union" wesentlich beitragen soll. Der Gedanke des eifrigen Initiators fand lebhaftesten Widerhall in weiten Kreisen und so bemühten sich seit Wochen der Zentralvorstand der „Union" und von diesem eingesetzte Komitees um eine entsprechende Vorbereitung der am 18, d. M. im Restaurant Tonello stattgehabten ersten Tagung der neuen Institution. Ihre Bemühungen waren von Erfolg gekrönt, die stark besuchte Versammlung bewies den ehrlichen Willen der Vertrauensleute der „Union" in allen Wiener Bezrken, ihrer Partei nicht nur wie bisher Treue zu halten, sondern auch alles daran zu setzen, damit die „Union" einen neuen siegreichen Aufschwung nehme. Mit herzlichen Worten der Begrüßung an die Erschienenen eröffnete Präsident Dr. Jakob O r nstein die Tagung, auf deren große Bedeutung für die weiteren Aktionen der „Union" er kurz hinwies. Sodann ergriff Univ.-Doz. Dr. Hugo Stern, der Initiator des Parteirates, selbst das Wort, um in einer fulminanten Rede, die wir ihres besonderen Wertes wegen an leitender Stelle der heutigen Nummer bringen, auszuführen, welche Erwägungen zur Gründung des Parteirates geführt haben und was der Zweck und Gehalt dieser Institution sein soll. Mit wahrer Begeisterung hielt er seine Ansprache und diese Begeisterung zündete in den Herzen aller Hörer, die dem Redner stürmische Ovationen bereiteten. Das programmatische Referat des Vizepräsidenten der „Union" Herrn Dr. Josef T i c h o schloß sich geistig vollkommen den prinzipiellen Ausführungen seines Vorredners an und fand ebenfalls lebhafteste Zustimmung in der Versammlung, die auf diese Weise auch ihr Einverständnis mit der Haltung des nun in Opposition stehenden Klubs der unionistischen Kultusvorsteher kundgab. Dr. Ticho führte ungefähr aus: Wie beim Einzelwesen jede Erschütterung den Gedanken ah Maßnahmen nahelegt, durch die diesen Erschütterungen begegnet werden kann, so ist es auch bei jedem größeren Organismus. Der in den letzten fünf Jahren wesentlich verschärft auftretende Antisemitismus hat zwar dem Judentum nicht die beabsichtigte Erschütterung bereiten können, aber jeden, der seelisch denkt, muß Sorge und Kummer ob des Zukunftsschicksals seiner Gemeinschaft erfüllen. Und da ist der Gedanke naheliegend, ob es nicht besser wäre, den inneren Streit beiseite zu stellen und gemeinschaftlich aufzutreten. Ist es möglich, die Gegensätze unter den jüdischen Parteien zu beseitigen, und schadet es nicht dem Judentum, wenn dese Gegensätze beseitigt werden? Unter lauter Zustimmung der Versammlung stellte Dr. Ticho fest, daß das, was uns von den Jüdischnationalen ff 18. Februar 1933. trennt, eben jenes nationalistische Prinzip ist, das unsere Feinde so groß gemacht hat, und daß es uns unendlich schadet, wenn bei uns Menschen dieses Prinzip verfechten, das unsere Feinde gegen uns anwenden. Und so wie wir die Forderung aufstellen, daß auch bei unseren Feinden der Nationalismus entthront werde, so muß er auch bei uns verschwinden. Wir müssen daran festhalten, als religiöse Gemeinschaft gewertet zu werden, und es ist verfehlt, nationale Argumente für uns in Anspruch zu nehmen, die unsere Feinde gegen uns ins Treffen führen. Der Redner legte an Hand geschichtlicher Beispiele überzeugend dar, daß der Nationalismus erst in jenem Moment auftritt, da die Religion an die Peripherie rückt. Wir aber verlangen, daß die Religion wieder Mittelpunkt werde, und deshalb stellt die „Union" die Zusammenfassung all jener dar, die im Judentum eine Religionsgemeinschaft erblicken, durch deren religiöses Band alle Schicksalsgenossen verbunden sind. Der zweite einigende Gesichtspunkt ist der Gedanke der Verbundenheit mit dem Boden, auf dem wir stehen. Wir sind, sagte der Redner unter stürmischer Zustimmung der Versammlung, hier zu Hause und wollen es bleiben. Wir lassen uns von niemandem da als Fremde behandeln und dürfen vor allem nicht in dieser Beziehung die Argumente aus dem dunklen Waffenlager unserer Feinde holen. So konzentriert "sich das Programm der „Union" auf die beiden Ideen von der " ■ ,» ,.:V ~tl a.-,^. . Verbundenheit mit Religion und Vaterland. Ist nun, fragte Dr. Ticho, wenn man solchen hehren Prinzipien huldigt, ein politisches Zusammengehen mit Juden möglich, die diese Grundsätze nicht anerkennen, Grundsätze, die wir von unseren Ahnen übernommen haben und unseren Kindern überliefern wollen? Wer denkt, wird die Unmöglichkeit einer solchen Paarung erkennen und wird sich von seinem Standpunkt auch dadurch nicht abbringen lassen, weil jetzt der politische Himmel verfinstert ist Unsere Gleichberechtigung ist auch noch nicht so alten Datums, daß sie schon ganz irr, Herzen des Volkes verankert sein kann, wir hoffen, daß diese Verfinsterung nur Episode bleiben wird, und dürfen uns deshalb nicht von unserem Standpunkt abbringen lassen, bewußte Juden zu Spezialhaus für Lackmöbel Küchen, Vorzimmer, Kinderzimmer und Wohnzimmer FERDINAND KOMM WIEN II., TA BOR ST RASSE 22 TELEPHON R 40-7-14 Samstag geschlossen sein, verbunden mit Religion und Boden. (Langanhaltender Beifall.) Der Ohmann des Organisations-Komitees. Herr Eduard Widrich, erstattete sodann einen instruktiven organisatorischen Bericht, der verschiedene Vorschläge über den Ausbau der Organisation enthielt. Herr Eduard Widrich führte u. a. aus: Die Vorarbeiten für die Kultuswahl, der Tag der Wahl und ihr für uns sicherlich nicht erfreulicher Ausgang waren für uns ungemein lehrreich. Wir haben gesehen, daß von den 50.000 Kultuswählern ungefähr 25.000 nicht gewählt haben, während von den restlichen 25.000 ungefähr 10.000 für uns und 15.000 für die verschiedenen jüdischnationalen Parteien ihre Stimme abgegeben haben. Es ist uns vollkommen klar, daß die Jüdischnationalen mit den 15.000 Stimmen 100 Prozent ihrer Anhänger ausgeschöpft haben und es ihnen nicht möglich gewesen wäre, von den 25.000 NichtWählern auch nur 500 Mann mehr zur Urne zu bringen. Ich bin aber vollkommen überzeugt, daß sich unter diesen 25.000 NichtWählern sicher eine sehr große Zahl, ja Tausende befinden, die zu uns gehören. Alle diese lehnen, wie wir, den Nationalismus ab und stellen sich wie wir auf den Boden der Religon und Zugehörigkeit zu unserem österreichischen Vaterlande. Unser Hauptaugenmerk und unser ganzes Bestreben muß daher darauf gerichtet sein, alle diese, die wir bei der Wahl nicht in Bewegung setzen konnten, aus ihrer Gleichgültigkeit herauszureißen, sie als unsere Mitglieder zu werben und dadurch in unsere Reihen zu stellen. Hand in Hand damit wird es uns dadurch auch möglich sein, durch regelmäßige kleinere und größere Mitgliedsbeiträge: unsere Partei finanziell zu stärken. Ich richte daher an jeden, der uns treu zur Seite steht, die dringende Bitte, sein Bestes zum Aufbau und zur Stärkung unserer Partei beizutragen. Die Anregungen des Obmannes des Organisationskomitees lösten eine intensive Debatte aus, an der sich die Vertrauensleute der Bezirkskommissionen stark beteiligten. Auch manches andere Problem wurde in der Wechselrede eingehend besprochen, so die Frage der Gewinnung der Jugend, zu der auch Vertreter der Jugend-Union das Wort nahmen. Die Situation im Kultusvorstand wurde von einigen Mitgliedern des Klubs beleuchtet. So war die Tagung in jeder Hinsicht gewinnbringend und für die weitere Arbeit sicherlich von größter Bedeutung. Den Christlichsozialen ins Stammbuch. Das Zentrum fUr die Gleichberechtigung der Juden. Reichskanzler a. D. Marx, Ehrenvorsitzender der deutschen Zentrumspartei, empfing am 10. Februar eine jüdische. AboflSnung. Die Erschienenen legten dar, daß angesichts der klaren und unzweideutigen Stellungnahme1 dler Zentrumspartei und ihrer Führer zu den Gedanken der Verfassung und lies Rechts an sich über die Haltung des Zentrums in der Oeffentiichkeit Mißverständnisse nicht entstehen könnten. Sie baten aber Herrn Reichskanzler a. D. Marx, angesichts dlar politischen Entwicklung der letzten Tage sich hinsichtlich der Stellung des Zentrums zu den das deutsche Judentum berührenden Fragen äußern zu wollen. Herr Reichskanzler a. D. Marx erklärte zunächst, daß die Zentrumspartei sich ihren von der Gründung der Partei an bis jetzt festgehaltenen Grundsätzen gemäß unzweideutig zu den großen Ideen des Rechts und der Ordnung im staatlichen Leben bekenne. Das Prinzip der Gleichberechtigung aller vor Idlem Gesetz sei für das Zentrum unantastbar. Aus dieser• grundsätzlichen Einstellung heraus sei für das Zentrum sielbstversländlichf daß es auch für die Gleichberechtigung der Juden eintrete. Insbesondere gelte dies hinsichtlich des Rechts der freien Religionsausübung. Die Zentrumspartei stehe auf dem Standpunkt, idaß jede anerkannte Religionsgemeinschaft selbst zu bestimmen habe, welche religiösen Gesetze und Bräuche für sie gelten. Dem Staate kann nicht das Recht zuerkannt wefldten, die Betätigung der religiösen Gesellschaften öffentlichen Rechts auf irgend einem Gebiet zu hemmen. Demzufolge sprach sich Herr Reichskanzler a. D. Marx auch gegen ein etwaiges Schächtverbot aus. Wenn das jüdische Religionsgesetz djas Schächten vorschreibe, so habe der Staat diese Vorschriften zu respektieren. Das Zentrum habe auch, wie die Verhandlungen in den Parlamenten beweisen, sich konstaint gegen jedes Schächtverbot erklärt und den Erlaß solcher Gesetze zu hindern versucht. Grundsätzlich verlange das Zentrum die Gleichstellung aller Bürger vor dem Gesetz und in der verwaltungsmäßigen Behandlung. Es würde demnach Benachteiligung von Juden nach dieser Richtung nicht billigen.